Wenn der Erfolg von Verschwörungserzählungen darauf beruht, dass es sich um gute Geschichten handelt, liegt es nahe, dass man ihnen nicht nur dadurch entgegentreten kann, ihren Wahrheitsgehalt zu widerlegen.
Vielleicht liegt die beste Chance darin, den Menschen andere Geschichten zu bieten, Geschichten, die Identifikation und positive Werte enthalten – und die Orientierung geben, was Fiktion und was Wirklichkeit ist.
Mit dieser These wird Skeptix-Mitglied Holm Gero Hümmler am Donnerstag (27. März) das PAN-Branchentreffen der Phantastik in Leipzig eröffnen:

Die Veranstaltung im Congress Center (im Rahmen der Leipziger Buchmesse) beginnt um 10.30 Uhr. Eine Zusammenfassung von Hümmlers Keynote ist im Börsenblatt erschienen:

Flugzeugabgase enthalten Wasserdampf, der in kalter Luft Tröpfchen bildet. Diese Erklärung für Kondensstreifen am Himmel ist physikalisch korrekt, aber längst nicht so spannend wie die Geschichte von einer Weltregierung, die uns aus der Luft mit giftigen Chemtrails besprühen lässt.
Ähnliches gilt für Epidemien: Wo Menschen auf Tiere treffen, entstehen seit jeher tödliche Krankheiten, aber packende Romane darüber kommen selten ohne verantwortungslose Wissenschaftler und korrupte Politiker aus.
Noch zum Jahresbeginn 2024 schrieb der amerikanische Skeptiker Mick West:
Die Chemtrail-Verschwörungstheorie scheint derzeit nicht sonderlich populär zu sein.
Der Grund dafür ist allerdings beunruhigend:
Die Chemtrail-Theorie scheint vordergründig verschwunden zu sein, aber nur deshalb, weil sie sich längst etabliert hat. Chemtrails sind kein Aufregerthema mehr für aktuelle Debatten, sondern eine weit verbreitete Grundüberzeugung. Verschwörungstheoretiker sehen keinen Anlass mehr, das Thema überhaupt zu diskutieren, weil es eh jeder für wahr hält.
Anscheinend hatte West recht, denn im Sommer 2024 twitterte Robert F. Kennedy Jr. ganz selbstverständlich:
We are going to stop this crime.

Mittlerweile ist der Mann Gesundheitsminister der Vereinigten Staaten, und es darf bezweifelt werden, dass sich die Hoffnung der Wiener Journalistin Nunu Kaller erfüllt:
Er will Chemtrails abschaffen. Ich freu mich ja schon ein bisschen drauf, wenn er draufkommt, dass es da nix abzuschaffen gibt.
Robert F. Kennedy Jr. wird nicht darauf kommen, weil die „Chemtrail“-Verschwörungstheorie „mitten ins Zentrum eines Wirbelsturms von Verwirrungen und Befürchtungen um das sogenannte Geoengineering gegen den Klimawandel gerückt ist“, wie der Guardian schreibt.
Die Initialzündung zur Chemtrail-Verschwörungstheorie gab im deutschsprachigen Raum 2004 ein Artikel in der pseudowissenschaftlichen Zeitschrift Raum & Zeit: „Die Zerstörung des Himmels“. Der Schweizer Autor Gabriel Setter behauptete darin, dass es sich bei den langlebigen Kondensstreifen am Himmel um „Chemtrails“ handele, die gezielt ausgebracht würden und Beimischungen wie Aluminiumpulver, Barium und andere Schwermetalle enthielten.

Diese Chemiestreifen seien ein Mittel des Geoengineering, um die Sonnenstrahlung zu reduzieren und so die Erderwärmung zu bekämpfen. Die schleichende Vergiftung der Bevölkerung werde dabei billigend in Kauf genommen.
Aufgrund tiefer Konsistenzlücken entfernten sich die Chemtrail-Gläubigen in den folgenden Jahren immer weiter von diesem Kern und erfanden neue Pseudo-Erklärungen, wozu die Streifen am Himmel gut sein könnten – von heimlichen Impfungen über Wetterkriegsführung bis hin zur Bevölkerungsreduktion. Meteorologen sehen in den „Chemtrails“ ganz normale Kondensstreifen, deren Ausbreitungsform und Beständigkeit von natürlichen Faktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit etc. abhängt.
Seit einiger Zeit kehrt die Chemtrail-Verschwörungstheorie verstärkt zu ihrem Ursprung zurück und fokussiert wieder auf den Aspekt des Geoengineering. Dabei ist der Forschungsstand in puncto Geoengineering praktisch unverändert:

„Geo-Engineering ist keine Alternative zu Emissionsminderungen“, erklärt das Portal Klimafakten:
Es ist noch kaum erforscht, wäre relativ teuer und hätte erhebliche Nebenwirkungen.
Auch das Umweltbundesamt hat zuletzt im Dezember 2024 ausführlich zu dem Thema Stellung genommen:
Auch wenn immer wieder neue Begriffe gefunden werden, ändern sie nichts an der seit Jahrzehnten bekannten Tatsache: Die Ansätze zur Klima-Modifikation bergen große Risiken für Umwelt und Gesellschaft.
Ähnlich argumentierte im Februar 2024 das Magazin Technology Review vom Massachusetts Institute of Technology (MIT):
We oppose near-term deployment of solar geoengineering.
Allerdings schlossen die beiden Autoren kleinere Probeeinsätze dieser Technologie innerhalb der nächsten fünf Jahre nicht aus. Das brachte die „Chemtrail“-Szene zum Hyperventilieren und zu der Falschbehauptung, Geoengineering sei längst im Gange:

This is happening. This is being tested,
brachten Aktivisten gestern bei einer öffentlichen Anhörung in Phoenix, Arizona, vor:

Mehrere Bundesstaaten, zum Beispiel Florida und Tennessee, haben bereits Gesetze gegen Geoengineering erlassen – und Kennedy feiert mit:

Anstatt sich mit Unsicherheiten abzufinden, greifen sie zu bequemen Geschichten, die ihnen das Gefühl geben, doch die Kontrolle zu haben,
beschreibt Mimikama diese Märchengläubigkeit von Konspirologen. Insofern ist der Titel des PAN-Branchentreffens in Leipzig gut gewählt:
Welten erschaffen, um die Welt zu retten
Dazu schrieb die FAZ schon vor neun Jahren:
Die Verschwörungstheorie ist in den unendlichen Tiefen des Internets zur alles erklärenden Weltformel geworden.
Diesen Wachstumsmarkt haben sich auch schon geschäftstüchtige „Enthüller“ erschlossen, die der phantastischen Literatur zu einem neuen Subgenre verhalfen: dem als Sachbuch verkleideten Schauerroman.
In ihm wird dem fröstelnden Leser erzählt, wie die Welt in Wahrheit sei – einfach schrecklich, schrecklich einfach.
Auch die amerikanische Journalistin und Autorin Annie Jacobsen sieht in Verschwörungstheorien eine Art von Science-Fiction-Geschichten, „die wir uns erzählen, um die Welt um uns herum mit Sinn zu füllen“.
Mal sehen, was das Phantastik-Autoren-Netzwerk dem entgegensetzen kann.
Zudem gibt’s bei der Leipziger Buchmesse eine Signierstunde mit Skeptix-Mitglied Sebastian Bartoschek, und zwar am Samstag (29. März) zu seinem neuen Buch „Folkhorror – Facetten der farbenfrohen Finsternis“.
Infos über die „Chemtrail“-Verschwörungstheorie finden sich zum Beispiel bei
Quellen:
- Hümmler, Holm „Glauben Sie an Chemtrails?“ Börsenblatt (21. März 2025)
- Bart, Sonja „Chemtrails: Die verborgene Wahrheit, die niemand sagen will“ mimikama (7. Dezember 2023)
- West, Mick „What Happened to Chemtrails?“ skeptical-inquirer (January/February 2024)
- Milman, Oliver „Chemtrail conspiracy theories: why RFK Jr is watching the skies“ The Guardian (26. Dezember 2024)
- Keith, David/Smith, Wake „Solar geoengineering could start soon if it starts small“ MIT Technology Review (5. Februar 2024)
- Fischer, Howard „Arizona Senate seeks to ban chemtrails some claim used in geoengineering“ Daily Independent (24. März 2024)
- Spiess, Claudia „Verschwörungsglaube: Warum Menschen lieber Märchen als Realität glauben“ mimikama (20. März 2025)
- Jacobsen, Annie „Conspiratorial Stories Have a Rich Tradition in Story Telling“ New York Times (4. Januar 2015)
- Harder, Bernd „Verschwörungstheorien“ Alibri (2020)
- Harder, Bernd „Düstere Folklore und Menschenopfer: „Folk-Horror“ bei Skeptics in the Pub Köln“ skeptix (13. Januar 2025)
Titelfoto: Unsplash/Joachim Süß
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