TV-Doku: „Hippe Missionare“ verkünden Herrschaftsanspruch in allen Lebensbereichen

(Lesedauer ca. 5 Minuten)

In ihrer Dissertation

Visionen eines neuen Christentums – Neuere Entwicklungen pfingstlich-charismatischer Netzwerke

warnt die evangelische Theologin Maria Hinsenkamp vor dem Machtanspruch konservativer christlicher Bewegungen und ihren politischen Allianzen. Ziel dieser „Herrschaftstheologie“ sei die Herrschaft Gottes in allen individuellen und gesellschaftlichen Lebensbereichen.

Nach den TV-Beiträgen

befasst sich auch die BR-Doku

Die hippen Missionare – Mit Jesus gegen die Freiheit?

mit diesem Thema.

Es geht darin um die Gruppierungen

Hinsenkamp beschreibt das „Gebetshaus“ in Augsburg-Göggingen um den Theologen Johannes Hartl als „federführend mit Blick auf Entstehung und Durchführung neuer Initiativen“. Die Einrichtung sende Impulse, „die in weiten Teilen der deutschsprachigen KiNC [Kingdom-minded Network Christianity] Aufmerksamkeit, Anklang und Rezeption erfahren“ (Seite 287).

https://kurzlinks.de/7nmf

Hartl, einem Akteur aus dem römisch-katholischen Spektrum, verdankt die neocharismatisch geprägte Gebetshausbewegung im deutschsprachigen Bereich damit nicht nur ihre Bekanntheit, sondern auch die Synthese römisch-katholischer und neocharismatischer Frömmigkeitsformen wurde durch ihn und das Gebetshaus Augsburg maßgeblich vorangetrieben.

Auf diese Weise wurde die Entwicklung, Ausbreitung und Einflussnahme einer römisch-katholischen KiNC im deutschsprachigen Bereich maßgeblich befördert und schließlich konnte Hartl so zum zentralen Knotenpunkt in den ökumenischen KiNC-Prozessen werden.

Seit 2011 wird im Gebetshaus Augsburg rund um die Uhr, an 365 Tagen im Jahr, gebetet:

Damit nimmt das Gebetshaus Augsburg nicht nur innerhalb des Gebetshausbewegung als solcher eine Vorbildfunktion ein und repräsentiert sie in besonderem Maße, sondern prägt zudem die Gebetsbewegung im Allgemeinen,

schreibt Hinsenkamp.

https://www.youtube.com/watch?v=XQzJfdlPL0o

Das „Gebetshaus“ hat heute bei Facebook eine Stellungnahme zu den Vorwürfen des BR veröffentlicht. Auch das evangelikale Pro-Medienmagazin bemängelt, der Beitrag springe „aus theologischer Sicht zu kurz“ – als wenn das die Aufgabe von Journalisten wäre, Hartls „Wahrheitsanspruch“ und seine „eigene und spezielle Auslegung der Bibel“ (so die Off-Sprecherin) zu diskutieren.

https://kurzlinks.de/7nmf

Das Bistum Augsburg bescheinigte 2017 dem „Gebetshaus“, dass dort nichts gelehrt und verkündet werde, was im Gegensatz zur Lehre der katholischen
Kirche steht. In diesem Jahr weihte Augsburgs Bischof Bertram Meier sogar einen Tabernakel im „Gebetshaus“ ein. Für Maria Hinsenkamp dürfte dies eine weitere Bestätigung ihrer These sein, dass die KinNC „bereits auf vielen Ebenen kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens wirkt, und zwar international, aber eben auch im deutschsprachigen Raum“ (Seite 417).

Offenbar genießt Hartl wegen seines Erfolges bei der Rekrutierung Jugendlicher und seiner seriösen Ausbildung ein gewisses Renommee bei der Amtskirche. Kritiker, mit denen Skeptix gesprochen hat, bezeichnen Hartl (der sich selbst zuallererst „Speaker und Autor“ nennt) als eine Art „libertären Christ-Coach“, der sich in einer selbstbezogenen elitären Szene perfekt zu inszenieren verstehe.

Zu Hartls christlichem „Mehr“-Festival im Januar in Augsburg werden mehr als 10.000 Menschen erwartet.

Update vom 20. Dezember

Auch in der katholischen Tagespost hat Johannes Hartl zu der BR-Doku Stellung genommen:

Laut Hartl suggeriere bereits der Titel des Films „Mit Jesus gegen die Freiheit?“ Abwegiges. Seine oder die vom Gebetshaus vermittelten Inhalte hätten nichts mit „Gruppenzwang oder Anpassung zu tun, sondern durchwegs mit Selbstwirksamkeit und Selbstverantwortung“. Denn „Jesus führt in die Freiheit, nicht aus ihr heraus“, so der Theologe.

Nach Skeptix-Recherchen ist diese Aussage zumindest fragwürdig.

Unsere Gesprächspartner:innen schildern die Hartl-Gemeinschaft als einen „kurzen Hype, eine ständige professionelle Inszenierung, nichts Nachhaltiges“, mit „widersprüchlicher Theologie, apokalyptischen Anklängen, emotionalen Abhängigkeiten, Machtmissbrauch und Verschwörungstheorien“.

Einige Ehemalige aus dem Gebetshaus Augsburg seien danach in kleinere Hausgemeinschaften geraten und „heute nur mehr eingeschränkt lebenstüchtig, sie werden die Angst vor Dämonen und dem Bösen nicht los, und jegliche unchristliche Umgebung ist des Satans und daher absolut zu meiden“.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: BR

Kommentare

6 Antworten zu „TV-Doku: „Hippe Missionare“ verkünden Herrschaftsanspruch in allen Lebensbereichen“

  1. Bernd Harder

    Jetzt mit Update.

  2. Carsten Ramsel

    So wichtig und so beliebt solche Dokus und Dissertationen sind, so sehr verstellen sie meiner Meinung den Blick auf Veränderungen innerhalb der beiden Kirchen (EKD, RKK) in Deutschland.

    Können wir nach 1945 konstatieren, dass sich die Kirchen mit der Demokratie arrangiert haben, vollzieht sich seit den 1960er Jahren ein gesellschaftlicher und politischer Wandel, der sich zunächst nur in sinkenden Mitgliederzahlen und einer Abnahmen gesellschaftlichen und politischen Einflusses zeigte. Ingelhart und Norris postulieren in Sacred and Secular, 2011 ein Paradox der Gleichzeitigkeit. Weltweit würden die Gesellschaften immer säkularer, das gilt im Übrigen auch für die Vereinigten Staaten; gleichzeitig würden die Religiösen zunehmend religiöser.

    Für die Kirchen in Deutschland bedeutet dies, dass die wenigen (aktiven) Mitglieder zunehmend einem fundamentalistischen Christentum mit den skizzierten gesellschaftlichen und politischen Ansprüchen zuneigen.

    Testete man bis zum Jahr 2006 den Zusammenhang von Religiosität und ethischen Einstellungen auf der Grundlage von ALLBUS, WVS, etc. So ergab sich nur bei der Abtreibung ein statistischer Zusammenhang. In den Surveys danach zeigen die Tests einen Zusammenhang von Religiosität und ethischen Einstellungen auch bei anderen Items, z. B. Homosexualität. Die letzten Synodalratswahlen 2025 in Württemberg ergaben eine Zweiteilung zwischen weltoffenen, progressiven und pietistisch-fundamentalistischen Bewegungen.

    Das Gleiche ließe sich auch für die Ernennung katholischer Bischöfe zeigen.

    Diese Beispiele sollten zeigen, dass es Hinweise darauf gibt, dass der gesellschaftliche und politische Wandel nicht nur an den „Rändern“ stattfindet sondern in der Mitte der Kirchen selbst. Medial findet dieser Wandel nach meiner Einschätzung allerdings kaum Aufmerksamkeit.

  3. Bernd Harder

    @Carsten Ramsel:

    Vielen Dank für Ihre ausführliche Einschätzung.

    so sehr verstellen sie meiner Meinung den Blick auf Veränderungen innerhalb der beiden Kirchen (EKD, RKK) in Deutschland.

    So, wie ich es verstanden habe, will die Doku aber doch genau darauf hinweisen – dass die Amtskirche zunehmend verdeckte oder auch offene Allianzen mit diesen Rändern eingeht und daher solche Leute wie Hartl gewähren lässt.

  4. Carsten Ramsel

    @Bernd Harder

    Das mag sein. Sollten sich allerdings meine Hinweise verdichten, sind es nicht die Ränder, sondern die Ränder sind dann die (aktiven) Kerngemeinden.

  5. Bernd Harder

    @Carsten Ramsel:

    Ja, gut möglich.

  6. Bernd Harder

    Jetzt auch bei Spiegel-TV:

    Radikale Christen: Hass im Namen des Herrn

    https://www.youtube.com/watch?v=UYzIcElXUos

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