Astronaut an der Himmelspforte: Charles Duke – eine Parabel auf das postfaktische Zeitalter

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Er hat die Wahrheit mit seinen eigenen Augen gesehen – und glaubt doch exakt das Gegenteil.

Für den SZ-Korrespondenten Boris Herrmann ist das schwer nachvollziehbar. Sein Gesprächspartner Charles Duke war der zehnte Mensch auf dem Mond (1972), er sammelte dort hundert Kilo Mondgestein auf, das nach seiner Rückkehr auf etwa 4,5 Milliarden Jahre datiert wurde.

Heute ist Charlie Duke davon überzeugt, dass sich die Schöpfung des Himmels und der Erde vor rund 6000 Jahren ereignete. „Das wären so in etwa 4 499 994 000 Jahre nach der mutmaßlichen Entstehung des Steines, den Duke vom Mond mitgebracht hat“, schreibt Herrmann:

Ist das nicht ein unerträglicher Widerspruch? Doch, doch, sagt Charlie Duke: „Man kann entweder das glauben, was die Wissenschaftler sagen. Oder das, was in der Bibel steht.“ Beides gleichzeitig könne ja kaum stimmen.

Jetzt also die entscheidende Frage: Was stimmt denn dann? „Weißt du, ich persönlich kann weder das eine noch das andere beweisen“, sagt Charlie Duke. „Und ich habe mich entschieden, das zu glauben, was Gott sagt.“

https://www.sueddeutsche.de/projekte/artikel/politik/mond-apollo-artemis-usa-kreationisten-e680427/

Auf der Webseite seiner Privatkirche „The Duke Ministry for Christ“ gibt Charlie Duke als seine „Mission“ nicht mehr Apollo 16 an, sondern „Spreading the Gospel of Jesus Christ to the ends of the earth“. Der Journalist Herrmann macht aus seiner Geschichte über den ehemaligen Astronauten und widergeborenen Christen aber kein psychologisches Lehrstück. Es geht in dem Artikel nur am Rande um Kreationismus, nicht um kognitive Verzerrungen oder andere Gründe, warum Menschen seltsame Dinge glauben – sondern um eine Art Gegenwartsanalyse:

Andererseits ließe sich einwenden: So ungewöhnlich ist das gar nicht. Es ist sogar ziemlich genau das, was in den USA gerade im großen Stil passiert.

Jeder kann sehen, dass Renée Nicole Good nicht erschossen wurde, weil sie einen ICE-Agenten überfahren wollte, sondern weil sie rechts abbog. Und trotzdem glauben immer noch Millionen Amerikaner, dass ICE in Minneapolis für Recht und Ordnung sorgt.

Jeder sieht an der Supermarktkasse, dass die Preise steigen, Trumps Anhänger glauben trotzdem, dass sie fallen und fallen. Mitunter sogar um mehrere Hundert Prozent, was ohnehin nur in der Rechenweise der Maga-Bewegung möglich ist.

https://www.dukeministryforchrist.org/about

Wenn Trump eine Kuchengabel in die Kameras halten und sagen würde, das hier ist ein Suppenlöffel, würden ihm seine Leute wohl auch das glauben.

Dukes Lebensgeschichte ist daher vielleicht auch eine Parabel auf das moderne Amerika. Der Astronaut an der Himmelspforte.

Die Washington Post hatte vor vier Jahren groß über Charles Duke berichtet. Der Autor fragte auch einen alten NASA-Kollegen, was er von Dukes Wandlung halte. Joseph P. Allen antwortete mit einem Witz über einen Wissenschaftler und einen Prediger:

Der Prediger sagt: „Gott hat die Schöpfung erst vor 6000 Jahren gemacht.“ Der Wissenschaftler fragt: „Wie kannst du das sagen? Wir haben Mondgesteine, die vier Milliarden Jahre alt sind.“

Und der Prediger sagt: „Nun, ich habe nicht behauptet, dass Gott, als er den Mond machte, neue Felsen benutzte.“

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Freepik/Wirestock

Kommentare

6 Kommentare zu „Astronaut an der Himmelspforte: Charles Duke – eine Parabel auf das postfaktische Zeitalter“

  1. Solche „Charlie-Duke-Fälle“ sind gar nicht so selten. Sebastian Herrmann hat vor über 10 Jahren schon ein nettes Buch „Starrköpfe überzeugen“ geschrieben (https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2013/09/15/starrkopfe-uberzeugen/?all=1).

    Es beginnt mit dem Fall Christine Maggiore, die an AIDS litt, wie auch ihr Kind, beide starben daran. Christine Maggiore hat bis zuletzt die Möglichkeit bestritten, dass ein Virus sie und ihr Kind krank gemacht hat. Bei Corona gab es Ähnliches.

    Das postfaktische Zeitalter ist schon etwas älter.

  2. Lustigerweise steht in der Bibel gar nix von 6000 Jahren. Das haben sich die evangelikalen Fundamentalisten auch erst mal zusammengeschwurbelt.

  3. Wolfgang Niedermair

    Eine Ergänzung zu Harald:

    Der exakte Termin der „Erschaffung der Welt“ ist der 23. Oktober 4004 v. Chr.

    Errechnet hat dieses Datum der anglikanische Bischof James Ussher im 17. Jahrhundert, indem er, wenn ich mich recht erinnere, die Lebensdauer der Protagonisten in der Bibel addiert hat.

    Ist natürlich absolute Schwurbelei, aber damals hat man das noch nicht so genannt, das tut man erst heute.

  4. @Wolfgang Niedermair

    Häh?

    Das würde doch nur funktionieren, wenn die „Protagonisten in der Bibel“ alle nacheinander gelebt hätten…

    Oder vernachlässige ich da etwas? Egal, ist eh Blödsinn.

  5. Carsten Ramsel

    @vincent

    Zumindest in dem, was die Christen das Alte oder 1. Testament nennen, findet sich eine Genealogie aufeinanderfolgender Personen von Adam und Eva bis zur Geburt Jesu teilweise mit Altersangaben.

    Der „Blödsinn“ wird dann im modernen (us-amerikanischen) Evangelikalismus seit den 1970er Jahren wichtig. Spätestens wenn religiöse Überzeugungen politische Handlungen motivieren, hört der Spaß auf.

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