„Mehr als reine Physik“: Das neue Buch von Florian Aigner

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

Das neue Buch von Florian Aigner ist da:

Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr – Die faszinierende Physik der Sinne und wie sie unsere Wahrnehmung bestimmt

https://bsky.app/profile/florianaigner.at/post/3mgnajolxgo25

Die Zeit (Nr. 12/2026) hat sogleich ein Interview mit ihm geführt.

Ein Auszug:

Zeit: Ihr neues Buch dreht sich darum, dass die Welt mehr ist als reine Physik.

Aigner: Es gibt die physikalische Welt, die Fakten und Teilchen, die unabhängig von mir existieren. Dann gibt es aber die menschlichen Sinne, Weltmodelle im Kopf und gesellschaftliche Wahrnehmungen.

Und das muss alles miteinander verbunden sein. Wenn wir als Gesellschaft Wahrheiten bauen, dann müssen all diese Ebenen miteinander verknüpft werden.

Zeit: Das Buch trägt den Titel Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr. Werden wir von unseren Sinnen angelogen?

Aigner: Irgendwie schon. Natürlich bilden unsere Sinne nicht eins zu eins die Welt ab. Das ist ein alter Hut, das wissen wir schon aus Platons Höhlengleichnis.

Es gibt aber die klassische naturwissenschaftliche Art, über unsere Wahrnehmung und die Welt nachzudenken. Die geht so: Unsere Sinnesorgane nehmen die reale Welt wahr, liefern Informationen in unser Hirn, und das baut sich daraus ein Bild zusammen. Bei diesen Schritten geht immer etwas verloren, und was in unserem Kopf ankommt, ist nur ein Abklatsch der Wirklichkeit.

Dieser Gedanke ist für einen Physiker völlig natürlich, aber ich halte ihn für nicht zielführend. Das Bild der Wirklichkeit in unserem Kopf ist nämlich kein Abklatsch, sondern ein Teil der Realität – und um nichts weniger wertvoll.

Außerdem war der Physiker beim ORF, bei Hoaxilla

… beim Standard

… bei ÖsterreichWTF?!

https://oesterreich-wtf.letscast.fm/episode/folge-33-mit-florian-aigner

… und bei Skeptix zu Gast:

Rebecca Wismeg-Kammerlander sprach mit Florian über Quantenphysik, Fotografie, die Tücken menschlicher Wahrnehmung und warum es im Kopf spannender sein kann als draußen.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Unsplash/Brendan Church

Kommentare

11 Kommentare zu „„Mehr als reine Physik“: Das neue Buch von Florian Aigner“

  1. Carsten Ramsel

    Mit Verweis auf Platons Höhlengleichnis glaubt Florian Aigner also an eine intelligible, unveränderliche Ideenwelt. Wie dies in die heutige, moderne Wissenschaft zu integrieren ist, bleibt mir ein Rätsel. Ihn, Platon, als Fürsprecher gesellschaftlicher Diskurse für Wahrheit herabzuziehen, zeugt von einem Missverständnis. Gerade in seinen frühen Dialogen wehrt sich Platon gegen alles, was gesellschaftlich verhandelt wird und stellt seine Philosophie dem entgegen.

    Wenn ungefähr 50 Prozent der US-Amerikaner (PEW) die Bibel wörtlich nehmen, könnte dies ebenfalls zu Schwierigkeiten führen, diese Überzeugungen zu integrieren.

    Es kann allerdings gut sein, dass FA hier verkürzt wiedergegeben wird und ich ihn missverstanden habe.

  2. @ Carsten Ramsel:

    „Mit Verweis auf Platons Höhlengleichnis glaubt Florian Aigner also an eine intelligible, unveränderliche Ideenwelt.“

    Schreibt er das im Buch? Im ZEIT-Interview kann ich das nicht finden. Da steht: „Natürlich bilden unsere Sinne nicht eins zu eins die Welt ab. Das ist ein alter Hut, das wissen wir schon aus Platons Höhlengleichnis.“

    Der Satz ist derart trivial, dass ich nicht wüsste, wie man ihn bestreiten könnte.

    Man könnte natürlich diskutieren, ohne das Höhlengleichnis zu bemühen, ob die Logik eine „intelligible, unveränderliche Ideenwelt“ ist? Oder ob man hier immer noch Quine folgen sollte und auch die Logik als ein grundsätzlich empirisches System von Sätzen sehen muss, und was das bedeutet?

    In manchen Richtungen des Marxismus ist beispielsweise vom „Widerspiegelungscharakter“ von Logik und Mathematik die Rede, eine mögliche Lesart von Quine.

  3. Carsten Ramsel

    @Joseph Kuhn

    Bernd Harder zitiert FA oben in dem Zeit-Interview so.

    Vielleicht bin ich etwas zu pingelig. Das Höhlengleichnis verweist jedenfalls auf die platonische Ideenwelt, und nicht auf eine, wie auch immer geartete, persönliche oder sozial konstruierte Wirklichkeit. Allenfalls alltagssprachlich sind solche Überzeugungen dann wahr. Sie werden für wahr gehalten. Sie sind aber nicht in einem philosophischen oder wissenschaftlichen Sinne wahr.

    Deswegen frage ich, wenn es so banal ist, wie Sie sagen, warum erwähnt FA es dann. Wo will er mit mir hin?

    Meint er, es „gibt“ nur dann Atome und Elektronen, wenn wir dafür die Technik und die Begriffe haben? Oder „gibt“ es Atome und Elektronen, und es hängt von unserer Technik und den Begriffen ab, ob wir darüber sprechen können.

    Ich gebe zu, dass ich etwas theologiegeschaedigt bin. Solche Autoritätsargumente (Platon) bildeten in meinem früheren sozialen Umfeld häufig den Startschuss für wilde Spekulationen samt Quantenphysik.

    Es gehört sich wohl, sein Buch zu lesen und dann erst zu urteilen.

  4. @ Carsten Ramsel:

    „Bernd Harder zitiert FA oben in dem Zeit-Interview so.“

    Wo?

    „Das Höhlengleichnis verweist jedenfalls auf die platonische Ideenwelt“

    Ja, in Platons Philosophie. Aber spricht etwas dagegen, das Zitat in der ZEIT etwas metaphorischer zu lesen, mit der physikalischen Welt statt ewigen Ideen als Bezugspunkt? Dass wir einen Tisch nicht unmittelbar in seiner atomaren oder subatomaren Realität wahrnehmen, scheint mir schwer bestreitbar.

    Dass Florian Aigner meint, Atome gäbe es nur, wenn wir dazu die passenden Begriffe haben, also in der Tradition Bruno Latours in dessen radikaler Phase argumentiert, kann ich mir eigentlich nicht vorstellen.

    Aber Ihr letzter Satz gilt da auch für mich: „Es gehört sich wohl, sein Buch zu lesen und dann erst zu urteilen.“

  5. Carsten Ramsel

    @Joseph Kuhn

    Oben in diesem Beitrag zitiert Bernd Harder aus dem Interview der Zeit:

    Zeit: Das Buch trägt den Titel Die Wirklichkeit ist auch nicht wahr. Werden wir von unseren Sinnen angelogen?

    Aigner: Irgendwie schon. Natürlich bilden unsere Sinne nicht eins zu eins die Welt ab. Das ist ein alter Hut, das wissen wir schon aus Platons Höhlengleichnis.

    Aigner bringt das Beispiel aber auch in seinem Buch (S. 15).

    Es spricht etwas dagegen, Platon als Autoritäts- oder Traditionsargument zu verwenden. Da bin ich kleinlich.

  6. […] Skeptix: „Mehr als reine Physik“: Das neue Buch von Florian Aigner […]

  7. Bernd Harder

    Ich persönlich fand das Zeit-Interview auch eher verwirrend, es fiel mir schwer, da überhaupt etwas rauszuziehen.

  8. @ Carsten Ramsel:

    Als Autoritätsargument taugt die Geschichte mit dem Höhlengleichnis natürlich so oder so nicht, da sind wir uns einig.

    Ich würde aber eher hinterfragen, ob z.B. seine Antwort auf die Frage „Werden wir von unseren Sinnen angelogen?“ sonderlich durchdacht war. Wenn uns die Sinne anlügen, kennen sie die Wahrheit und gaukeln uns etwas vor. Das ist Quatsch. Richtig ist, und mehr wollte er vermutlich nicht sagen, die Sinne liefern kein 1:1-Abbild der Welt.

    So lese ich auch seinen Hinweis auf das Höhlengleichnis, nicht als Behauptung, dass er an Platons ewige Ideen als wahre Realität glaubt. Was er im Buch auf S. 15 schreibt, und ob er da „platonisch“ wird, weiß ich nicht, ich habe das Buch nicht.

  9. Michael Fischer

    Mich hat eher die Feststellung „Das Bild der Wirklichkeit in unserem Kopf ist nämlich kein Abklatsch, sondern ein Teil der Realität – und um nichts weniger wertvoll.“ verwirrt.

    Was meint er denn mit Realität?

    Sind das die von ihm vorher angesprochenen „miteinander verknüpften Ebenen“? Oder meint er die „Wahrheiten, die wir als Gesellschaft bauen“? Und was wären zum Beispiel?

  10. Die Wendung vom »Abklatsch der Wirklichkeit« ist in meinen Augen in hohem Grade irreführend. Bereits die optischen Täuschungen zeigen uns, wie falsch sie ist.

    Aufgrund des Engpasses der Wahrnehmung kommt in unserem Gehirn nur ein äußerst geringer Teil der insgesamt vorhandenen Signale an. Dieser Teil durchläuft eine aufmerksamkeitsgeleitete Filterung. Aus dem dürftigen Rest konstruiert unser Gehirn unter Verwendung des Hintergrundwissens das aktuelle Erleben der Welt. Diese interne Realität ist vor Fehldeutungen nicht gefeit. Das erklärt die Denkfallen, auf die wir Skeptiker gewohnheitsmäßig hinweisen: Bestätigungsneigung, Selbstüberschätzung, Complacency u. v. a.

    Von der Welt haben wir nur die interne Realität. Auch die jenseitige, »einmalige und eindeutig bestimmte Welt« (Gerhard Vollmer) ist eine Kopfgeburt. Dann sollen auch noch »diese Ebenen miteinander verknüpft werden«. Für mich ist das eine reine Luftnummer, ohne jeglichen Nährwert.

    Nun kommt mir Simulacron 3 in den Sinn: Wenn Dr. Fred Stiller zum Schluss des Films »Welt am Draht« in der vermeintlichen Realität auftaucht, bleibt der Zuschauer im Ungewissen. Er erfährt nicht, ob es sich nicht doch wieder nur um eine Simulation handelt, eine Simulation auf höherer Stufe.

  11. Einen Punkt muss ich noch etwas deutlicher machen: Wissenschaft kann keine reine Kopfgeburt sein! Die Verständigung auf eine möglichst große gemeinsame Wirklichkeit gelingt uns mittels Naturwissenschaft. Für Karl Raimund Popper ist das eine durch Beobachtungen kontrollierte soziale Veranstaltung (Logik der Forschung).

    Aber auch da sind die Gehirnzellen offenbar überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Die allermeisten haben nur Kontakt untereinander. Die Sinnes- und Motorzellen, also diejenigen mit Kontakt zur Außenwelt, sind demgegenüber sehr, sehr gering an Zahl, wie ich von Maturana und Varela weiß.

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