Wie bereits hier gemeldet, empfiehlt die Finanzkommission Gesundheit die Streichung der Homöopathie aus dem Erstattungssystem:

Kritik an diesem Vorschlag kommt überraschenderweise von der Zeit. Die Gesundheitsredakteurin Carla Neuhaus argumentiert unter der Überschrift „Lasst ihnen doch die Kügelchen!“, es brauche „Wettbewerb unter den Kassen“ – und der sei nun einmal nur über freiwillige Zusatzleistungen möglich.
Nun ja.
Unter den „Satzungsleistungen der GKV“ auf der Webseite des BMG wird Homöopathie nicht einmal namentlich erwähnt. Es bleiben also noch genug andere Marketingmaßnahmen für den „Wettbewerb“ übrig.
Zweitens, wirft das INH ein, liege genau da „das eigentliche Problem“ – nämlich im System der Satzungsleistungen und im Kassenwettbewerb:
Solange Krankenkassen mit medizinisch fragwürdigen Zusatzleistungen um Mitglieder werben dürfen, bleibt die Homöopathie nur ein Symptom eines viel größeren strukturellen Fehlers.
Auch die CDU-Gesundheitspolitikerin Simone Borchardt schreibt dazu bei abgeordnetenwatch:
Dass einzelne Krankenkassen homöopathische Leistungen bislang als freiwillige Satzungsleistungen anbieten, ist Ausdruck von Wettbewerbsspielräumen im System. Dieser Wettbewerb darf jedoch nicht dazu führen, dass Beitragsmittel für Leistungen eingesetzt werden, deren Nutzen wissenschaftlich nicht belegt ist.
In einem ohnehin finanziell unter Druck stehenden System muss die Priorität klar auf wirksamer Versorgung liegen.
Die taz meldet Bedenken an, dass der große Bedarf an „sprechender Medizin“ praktisch nur über die „narrativ basierte“ homöopathische Anamnese zu befriedigen sei:
Anders gesagt: Es ist zwar Quatsch, aber man kann quatschen.
Da ist sogar was dran, bedeutet aber wohl eher, die sprechende Medizin weiter zu stärken, als „Quatsch“ zu finanzieren.
Wir wollen Patienten und die Solidargemeinschaft vor zu viel und falscher Medizin schützen,
erklärt der Vorsitzende der Finanzkommission, Ferdinand Gerlach, in einem Gespräch mit dem Ärzteblatt. Seitens der Homöopathie-Fans bleibe es derzeit erstaunlich ruhig:
Die Kommentare, die mich aus der Bevölkerung dazu bisher erreicht haben, waren zu 90 Prozent positiv. Das hat mich überrascht. Ich hätte mehr Kritik an der Empfehlung zur Einschränkung der Mitversicherung von Ehegatten, der Einführung einer Steuer für zuckergesüßte Getränke oder der Streichung der Homöopathie erwartet.
Ich nehme aber an, dass von den Leistungserbringern und Herstellern im Gesundheitswesen noch einiges kommen wird.
Aktuell findet sich lediglich beim DZVhÄ ein lahmes öffentliches Statement, das den üblichen Unsinn von der „nachgewiesenen Kosteneffizienz“ (falsch), der „nachgewiesenen Verbesserung der Versorgungsqualität“ (falsch) und der „nachgewiesenen wissenschaftlichen Evidenz“ (falsch) wiederkäut.
Resignierte Einzelaktivist:innen beklagen im Netz bereits die „Schwäche der Homöopathie-Gemeinschaft“. Vielleicht wird es aber auch einfach nur peinlich, immer und immer wieder gegen die Realität anzukämpfen – gegenwärtig in Gestalt der nüchternen Feststellung im Bericht der Finanzkommission:
Es gibt bisher keine wissenschaftlich belastbare Evidenz, die zeigt, dass der Effekt durch diese Behandlungsmittel über einen Placebo-Effekt hinausgeht.
Und genau deswegen lebt die Homöopathie in Deutschland nicht primär von der (abstrusen) „allgemeinen Idee homöopathischer Medizin, sondern ganz wesentlich von der ärztlichen Verankerung dieser Methode im System“, geben jetzt auch Globuli-Aktivisten offen zu:
Genau diese Verankerung war in den vergangenen Jahren über Verträge mit Krankenkassen, Abrechnungsmodelle und den Verweis auf GKV-nahe Versorgung politisch und organisatorisch zentral.
So gesehen, mag es sein, dass da „noch einiges kommen wird“, wie Gerlach argwöhnt – jedenfalls hat das Bündnis „weil’s hilft“ von Seiten der Verbände „eine fundierte und abgestimmte Initiative“ angekündigt.
Auch das INH bleibt skeptisch:
Wir werden genau hinschauen, ob dieser Schritt tatsächlich umgesetzt wird – und ob er standhält.
Und da wir gerade beim Thema sind: Auch in puncto Heilpraktiker bringt Simone Borchardt plötzlich so seltsame Begriffe wie „evidenzbasiert“ und „Qualitätssicherung“ ins Spiel.
Wir sind gespannt, was Geldmangel bewirken kann.
Zum Weiterlesen:
- Podcast „Hat Homöopathie wirklich erwiesene Wirkung?“ No Bullshit/profil (5. April 2026)
- Endruscheit, Udo „Wenn Studien ohne Erklärung zurückgezogen werden“ wissenschaftskommunikation.de (2. April 2026)
- Beerheide, Rebecca/Lau, Tobias/Schmedt, Michael „Interview mit Prof. Dr. med. Ferdinand Gerlach, stellvertretender Vorsitzender der GKV-Finanzkommission: Die Vorschläge sind eine Notoperation“ Deutsches Ärzteblatt (2. April 2026)
- „Finanzkommission: Homöopathie als Satzungsleistung streichen“ pta-in-love (2. April 2026)
- „Kommission empfiehlt Aus für Partner-Mitversicherung, höhere Zuzahlungen und Zuckersteuer“ spiegel (30. März 2026)
- „GKV-Finanzkommission empfiehlt umfangreiche Einschnitte bei der ärztlichen Vergütung“ Deutsches Ärzteblatt (30. März 2026)
- Neuhaus, Carla „Lasst ihnen doch die Kügelchen“ zeit (31. März 2026)
- Valin, Frederic „Kürzungen für Homöopathie: Ungedeckter Redebedarf“ taz (31. März 2026)
- Ernst, Edzard „If anyone tells you that only misinformed skeptics oppose homeopathy, show them this: a list of independent evaluations by internationally respected organisations“ edzardernst (19. März 2026)
- Harder, Bernd „Parteitag in Hannover: Grüne setzen sich endlich gegen die Homöopathie-Fans durch“ skeptix (29. November 2025)
- Müller, Henrik „Der Wert der Homöopathie“ Laborjournal (14. Oktober 2025)
- Müller, Henrik „Gesundheitspolitik – Der Wert von Homöopathie“ Laborjournal (8. Oktober 2025)
- „Keine Homöopathie mehr in der Musterweiterbildungsordnung“ Bundesärztekammer (26. Mai 2025)
- „Das Gespräch in der Medizin“ INH (12. Juni 2017)
- „Aber die Krankenkassen würden doch keine wirkungslosen Mittel bezahlen“ INH (16. September 2016)
- Boytchev, Hristio „Alternative Medizin: Wir müssen den Menschen als Ganzes betrachten“ spiegel (19. April 2013)
- „Eine Stimme für die sprechende Medizin“ merkur (12. April 2012)
Titelfoto: Pixabay/Detlev Cosler


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