Ein „analytical mindset“ und „critical thinking skills“ sind der beste Schutz vor dem Glauben an Verschwörungstheorien. Das haben verschiedene Studien in den letzten Jahren gezeigt, zum Beispiel hier oder hier.
Allerdings stellen Forschende zunehmend die Frage, ob die Skeptiker:innen in solchen Studiendesigns nicht vielleicht einfach blind alles ablehnen, was irgendwie nach Verschwörungstheorie aussieht – oder ob sie wirklich über die kognitive Raffinesse (cognitive sophistication) verfügen, um unplausible Verschwörungstheorien von plausiblen oder auch echten, nachgewiesenen Verschwörungen zu unterscheiden.
Zum Beispiel:
US agencies intentionally created the AIDS epidemic and administered it to Black and gay men in the 1970s. [unverified]
The US Public Health Service conducted unethical research and lied about treating black men with syphilis for more than 40 years. [verified]
Oder:
A powerful and secretive group, known as New World Order, is planning to eventually rule the world through an autonomous world government, which would replace sovereign government. [unverified]
A criminal conspiracy by the Church of Scientology during the 1970s aimed to purge unfavorable records by infiltration and theft from government agencies, foreign embassies, etc. [verified]
Das sind vier Items einer neuen Studie des australischen Psychologen Samuel Robson, die den Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und dem Umgang mit Verschwörungserzählungen untersuchte.

Ergebnis: Die reflexartige Ablehnung von allem, was nach Verschwörung klingt, ist nicht notwendigerweise ein Zeichen von hoher Intelligenz oder logischem Denken. Gute Unterscheider (Good Discriminators) zwischen verifizierten historischen Fakten und unbewiesenen Mythen zeichneten sich durch ein höheres Maß an analytischem und wissenschaftlichem Denken sowie kognitiver Reflexionsfähigkeit aus.
Das klingt nicht sonderlich überraschend, ist aber tatsächlich in der jüngeren Vergangenheit mehrfach aufwändig getestet und bestätigt worden, etwa hier und hier und hier.
Aber wer glaubt an Verschwörungstheorien? Neben den bekannten Faktoren spielen offenbar auch als belastend empfundene Lebenssituationen wie schwere Erkrankungen, Geldprobleme, Gewalterfahrungen etc. eine Rolle. Das zeigt eine neue Studie aus England:

Die drei Untersuchungen mit mehr als 1.200 Teilnehmenden erbrachten allerdings keinen unmittelbaren Zusammenhang:
Einfluss habe die eigene Bewertung […] Die Ergebnisse wiesen darauf hin, dass es darauf ankommt, wie gemachte Erfahrungen bei einem Menschen die Art und Weise prägen, wie er die Welt wahrnimmt. Die Welt auf Basis der eigenen Erlebnisse als ungerecht zu empfinden, könne mit stärkerem Verschwörungsdenken einhergehen, berichten die Forschenden.
Um das Thema Verschwörungstheorien geht es neben der Fachtagung „Sehnsucht nach einfachen Antworten“ vom 16. bis 18. November im Bildungszentrum Kloster Banz auch beim Europaseminar vom KKV Bildungswerk Bayern und der Arbeitsgemeinschaft Demokratischer Kreise:
Rechtsruck in Europa – Ursachen, Folgen, Lehren
findet statt vom 30. Oktober bis 1. November in Bad Staffelstein. Zum Programm und zur Anmeldung geht es hier.
Auch der SkepTisch Augsburg lässt das Jahr mit Verschwörungstheorien ausklingen:

Und neue Forschung zum Thema ist auch schon am Start.
Zum Weiterlesen:
- „DFG-Forschungsgruppe untersucht Verschwörungstheorien aus neuer Perspektive“ Universität Jena (18. September 2026)
- Gilbert, Max „Deshalb halten sich 9/11-Verschwörungstheorien“ BR24 (11. September 2026)
- Wager, Leon „Kontrollverlust und Telegram: Wie dieser Mix anfällig für Verschwörungstheorien macht“ swr (10. September 2026)
- Cezanne, Stephan „Forscher Butter: Verschwörungstheorien sind Gefahr für Demokratie“ epd (9. September 2026)
- Döring, Barbara „Für wen Verschwörungstheorien attraktiv sind“ pharmazeutische-zeitung (7. September 2026)
- „Wer die Welt als ungerecht sieht, glaubt eher Verschwörungen“ apotheken-umschau (4. September 2026)
- „Warum manche Menschen anfälliger für Verschwörungstheorien sind“ web.de (4. September 2026)
- „How to Change the Minds of Conspiracy Theory Believers“ Psychology Today (2. September 2026)
- Daulton, Colette „Why Are Conspiracy Theories So Persistent?“ UC Davis (17. August 2026)
- Jolley, Daniel et al. „The world is an unjust place: The impact of lifetime adversity on belief in conspiracy theories“ British Journal of Psychology (4. August 2026)
- Harder, Bernd „Jetzt anmelden: Sehnsucht nach einfachen Antworten – Fachtagung im Kloster Banz“ skeptix (1. August 2026)
- Rueetschli, Michael „Warum kluge Menschen an Verschwörungstheorien glauben: Die unterschätzte Macht der kognitiven Kontrolle“ Michaels Gedanken (23. Mai 2026)
- Bernard, Elena „Wie soziale Resonanz Verschwörungstheorien fördert“ wissenschaft.de (30. Juli 2025)
- Harder, Bernd „Verschwörungstheorien: Lustige Memes fördern die Verbreitung, kritisches Denken schützt davor“ skeptix (14. Februar 2025)
- Bernard, Elena „Künstliche Intelligenz gegen Verschwörungstheorien?“ wissenschaft.de (12. September 2024)
- Zwar, Larissa „Der Reiz von Verschwörungstheorien“ Akademie der Wissenschaften in Hamburg (1. November 2023)
- „Psychologie der Verschwörungstheorien“
Titelfoto: Unsplash/Vitaly Gariev



Schreibe einen Kommentar