Auf den Aufsatz „Wohlklingende Egozentrik – Was hat die Esoterik zu Krankheit, Verlust und Tod zu sagen?“ haben wir gestern bei „Zum Weiterlesen“ hingewiesen. Dieser Artikel in dem Fachmagazin Leidfaden (Oktober 2018) ist hinter einer Bezahlschranke. Auf Wunsch einiger Leser:innen veröffentlichen wir ihn hier:

Ein Kind verschwindet. Es taucht nicht mehr auf. Nicht nach Tagen, nicht nach Wochen. Es gibt keine Spur. Der Alptraum aller Eltern. Und eine Situation, die „Hellseher“ sich gerne zu Nutze machen. „Ich kann sehen, wo die vermissten Kinder Inga oder Elias sind“, trompetete eine „Vermisstenhellseherin“ in einem offenen Presse-Portal.
Die fünfjährige Inga verschwand am 2. Mai 2015 in einem Wald bei Stendal, Elias im Juli desselben Jahres im Potsdamer Stadtteil Schlaatz. Von Inga fehlt nach wie vor jede Spur. Elias‘ Leiche wurde Ende Oktober 2015 in einer Gartenanlage bei Luckenwalde gefunden. Der Täter war im Zusammenhang mit einer Entführung in Berlin festgenommen worden und hatte dabei auch die Ermordung des Sechsjährigen gestanden.
Die selbsternannte „Seherin“ trug zur Lösung des Falles nicht das Geringste bei. Ebenso wenig wie zahllose andere „Vermisstenhellseher“, die der Polizei Hinweise geben, was angeblich mit verschwundenen Personen passiert sein soll. Der schamlosen Eigenwerbung solcher „übersinnlichen Ermittler“ treten zwei Experten im Fachblatt Die Kriminalpolizei entschieden entgegen:
Die Zahl entsprechender Angebote an die Polizei (steigt) mit zunehmendem massenmedialem Interesse am betreffenden Vermisstenfall stark an […]
Besonders wichtig ist dem Autor in diesem Zusammenhang der Befund, dass – nach Angaben der befragten Polizeidienststellen – die entsprechenden Hellseher in keinem einzigen Falle einen brauchbaren Hinweis gegeben oder auch nur im Entferntesten weitergeholfen hätten.
„Medien“ als aufdringliche Störpersonen
Und nicht nur das. Die perfide Aufdringlichkeit der besagten „Seherin“ (die über sich selbst in der dritten Person schrieb: „Das Schicksal der Kinder und deren Angehörigen lässt sie nicht los und sie möchte gerne helfen. Was wäre denn so schlimm, einfach mal nachzufragen ob die Eltern einem Telefonkontakt zustimmen?“) lässt schon erahnen, wie „Hellseher“ mit ihren falschen Schauungen hoffende, bangende, verzweifelte Angehörige immer wieder emotional schwer belasten.
Die Eltern der seit 1978 in England verschwundenen Genette Tate geben dafür ein aufrüttelndes Zeugnis. All die „Medien“ und „Sensitiven“, die die Familie heimsuchten, entpuppten sich als Störpersonen:
Am Anfang griffen wir nach jedem Strohhalm. Doch die Versprechungen erwiesen sich allesamt als Lügengespinste. Sie weckten nur falsche Hoffnungen.
Manchmal glaubten wir wirklich, wir hätten eine Spur. Doch immer, wenn es konkret wurde, führten die angeblichen Spuren nirgendwo hin, außer in tiefste Verzweiflung […] Die Hellseher, die vor unserer Haustür standen, trampelten rücksichtslos auf unseren Gefühlen herum, die ohnehin schon an der Grenze der Belastbarkeit waren. Innerhalb kürzester Zeit versetzten sie uns seelisch völlig in Aufruhr.
Wir merkten bald, dass die Tätigkeit der vorgeblich übersinnlich Begabten nicht nur unsinnig und lächerlich war – sie war übel und bösartig. Nichts von alledem führte jemals zu irgendetwas, außer zu immer neuen Enttäuschungen und Verwirrungen. Die Hellseher und Wahrsager hatten uns mit ihren Suggestionen zu Sklaven und Abhängigen gemacht.
Betrüger und Narzissten
Die Kriminalpsychologin Lydia Benecke geht mit „Vermisstenhellsehern“ denn auch hart ins Gericht. Menschen, die behaupten, Hellseher zu sein, ließen sich in zwei Typen einteilen: Die Betrüger und die, die wirklich daran glauben. „Die Betrüger wollen Geld und Anerkennung und versuchen mit allen Mitteln in Kontakt mit den Familien zu treten. Das gibt ihnen ein Gefühl der Wichtigkeit und der Macht über andere.“ Denen, die an ihre Fähigkeiten glauben, könne man zumindest nicht unterstellen, schaden zu wollen. Aber: „Auch ihnen geht es darum, im Mittelpunkt zu stehen und einen wichtigen Beitrag zu leisten.“ Beide Typen wiesen oft histrionische (übermäßiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Lob) und narzisstische Persönlichkeitsmerkmale auf.
Halten wir fest: Alle objektiven Fakten, die Erfahrungswerte der Wissenschaft und der Polizei belegen eindeutig: Es gibt nicht einen einzigen Vermisstenfall auf der Welt, der aufgrund einer konkreten Angabe eines „Hellsehers“ gelöst wurde. Was also können „übersinnlich Begabte“ in persönlichen Krisensituationen leisten? Oder machen sie alles noch schlimmer? Der Journalist Holger Kreitling besuchte für die Welt-Reportage „Esoterik selbst getestet“ das „Jenseitsmedium“ Hildegard Matheika und erlebte Folgendes:
Matheika setzt sich in die Mitte. Sie schließt die Augen, atmet tief ein und aus. Nach einer Minute sagt sie „Ja“. Nun habe sie in Volltrance Zugang zum Jenseits, sagt sie, zu den Seelen der Toten.
Jeder solle den Namen des Verstorbenen sagen, welche Beziehung, wann gestorben, welche Frage. Eine Krankenschwester erzählt von ihrer Freundin, die vor sechs Monaten gestorben sei und drei Kinder zurückgelassen habe. Warum? Sie habe nicht länger leiden wollen, sagt Matheika. Aber sie habe Schutzengel für die Kinder gesandt.
Die Antworten sind knapp und offen. Manchmal gibt Matheika Tipps. Zwischen März und September komme es zu einer positiven Entwicklung für die Fragende, lässt eine Seele ausrichten. Eine Enkelin erfährt, dass die Großmutter Wissen über Heilkräuter gehabt und verborgen habe, sie will, dass sie ebenfalls diesen Weg gehe.
Die meisten Frauen hauchen ein ehrfürchtiges „Danke“.
Cold Reading nach Schema F
Danke wofür? Matheikas „Treffer“ wahrsagerischen Erratens lassen sich mit psychologischen Techniken wie Cold Reading sowie dem Barnum-Effekt erklären und benötigen keine zusätzlichen Fähigkeiten, die sich der wissenschaftlichen Erforschung entziehen oder wissenschaftlich unbekannt sind. Von der ratgebenden Person wird eine Feststellung getroffen, welche die ratsuchende Person für sich eher zu bestätigen als zu falsifizieren sucht – zumeist handelt es sich um positive Feststellungen.
Auch die Superstars der Szene arbeiten so. Der Schweizer „Spirit Messenger“ Pascal Voggenhuber, der bei „Medialitätskongressen“ vor mehreren Hundert Besuchern angeblich mit den Toten kommuniziert, ist von Skeptikern beispielhaft entzaubert worden. Ein kurzer Auszug aus der Analyse eines Voggenhuber-Auftritts:
Voggenhuber beginnt: „Ich habe einen jungen Mann hier und er sagt mir, dass seine Mutter heute hier ist, also eine Mutter, die ihren Sohn verloren hat.“
Offenbar melden sich einige, nicht überraschend bei 200 Personen, die alle gekommen sind, um einer Séance beizuwohnen.
Voggenhuber schränkt ein: „Er sagt, er hatte einen Unfall, also nicht irgendwie Selbstmord oder so. Es war ein Unfall. Eine Frau meldet sich, eine andere weiß es nicht, Voggenhuber macht, so scheint es, mit beiden weiter.
Er sagt: „OK. Was ich einfach spüre, und deshalb kam ich auf Unfall: Der Tod ging sehr schnell. Und es gab von außen Verletzungen.“
Seelische und finanzielle Abhängigkeit
Das Fazit des Journalisten Tin Fischer:
Die Skeptiker sind – wie ich – der Meinung, Voggenhuber betreibe Cold Reading, eine Frage/Antwort-Technik, die spirituelle Medien und Magier seit über hundert Jahren einsetzen, um ihnen unbekannte Verstorbene scheinbar präzise zu beschreiben.
Man muss nicht allzu viel recherchieren. Man braucht nur den Wikipedia-Eintrag zum Thema Cold Reading lesen […] und Voggenhubers Séancen haben nichts Übersinnliches mehr. Es ist Cold Reading nach Schema F.
Allerdings räumt auch Fischer ein, dass Voggenhuber „die seelsorgerische Arbeit eigentlich ganz gut“ mache. Wirklich? Solange nicht belegt ist, dass es „Hellsehen“ überhaupt gibt, ist jede Form von „Hellseherei“ per se unseriös – und zwar völlig unabhängig von der persönlichen Integrität des Anbieters. In einer Lebenskrise sind esoterische Praktiken keine taugliche Bewältigungshilfe, sondern stellen selbst ein mitunter erhebliches psychosoziales Problem dar, das von gefühlsmäßiger Überforderung bei inszenierten „Jenseitskontakten“ bis hin zu emotionaler und finanzieller Abhängigkeit reicht.
Trauerarbeit ist schmerzhaft, mühsam und meistens langwierig. Die Konsultation eines „Mediums“ kann da als verlockende Abkürzung erscheinen – ist aber oftmals nur eine seelische Schlaglochstrecke, an deren Verpflegungsstationen dauernd Kassenhäuschen stehen.
Entsolidarisierungs-Hetzschriften
„Vermisstenhellsehen“, „Jenseitskontakte“ – ist das nicht bloß die Schmuddelecke der Esoterik, der zwielichtige Trip ins Übersinnliche? Keineswegs. Esoterik gilt als irgendwie lieb. Doch Einhornstäbe, Quantenschmuck und Engelessenzen sind das gegenweltliche Äquivalent zu den nutzlos-überteuerten Rheumadecken von Kaffeefahrten-Abzockern. Auch wenn die Esoterik heute einem „Supermarkt“, einem „Steinbruch“ oder einem „unüberschaubaren Krautwuchs“ gleicht – ein verbindendes Element lässt sich unschwer feststellen: die rücksichtslose Egozentrik. Bestes Beispiel sind die „Wünsche-Coaches“, die beim Universum lieber einen Autoparkplatz fürs Innenstadt-Shopping in Auftrag geben als den Weltfrieden oder ein Heilmittel gegen Krebs. Zu Recht nennen Kritiker die „Wunschbestellungs“-und „Positiv Denken“-Schwarten à la Rhonda Byrne oder Bärbel Mohr „Entsolidarisierungs-Hetzschriften“.
Der Spiegel-Kolumnistin Sibylle Berg stößt sauer auf, dass Esoteriker „jeden Satz mit ICH beginnen“. Und was haben selbstbezogene Ideologeme wie „Energie“, „Heilen“, „Stille, „Fluss“, „Sanftheit“, „Harmonie“, „Ausgleich“, „Reinheit“ et cetera zu Themen wie Krankheit, Verlust und Tod zu sagen?
Wenig – außer Victim blaming und ein paar wohltönenden Klischees.
Der Griff nach dem Strohhalm
Die Autorin des esoterikkritischen Romans „Vier Frauen und ein Scharlatan“, Eva S. Bernauer (ein Pseudonym), erklärte in einem Interview:
Bis vor einigen Jahren hielt ich Esoteriker für harmlose Spinner. Dann erkrankte ich an Krebs, und plötzlich hagelte es von allen Seiten Ratschläge. Diäten, Vitamine, positives Denken, sogar die Germanische Neue Medizin wurde mir angedient. Und ich nahm erst mal alles ernst, googelte tagelang den obskursten Wundermitteln hinterher.
Dann hatte ich einen lichten Moment und begriff, was los war: Ich griff nach Strohhalmen. An diesen ganzen Unfug hätte ich vor der Krebsdiagnose keinen einzigen Gedanken verschwendet. Und genau das ist das Perfide daran. Diese Angebote erwischen einen im schwächsten Moment und nutzen diese Schwäche schamlos aus.
Vielen Menschen geht es nach esoterischen und alternativ-psychologischen Behandlungen schlechter als zuvor. „Finde dein inneres Selbst, reinige dich, löse die Blockaden und lass die Energie fließen. Sie ist eins, und du bist Teil des Ganzen …“ – Klingt nett, meint aber übersetzt: „Den Krebs hast du dir selbst manifestiert, denk mal drüber nach“ oder „Dein Mann hat dich verlassen, weil er für seinen Seelenplan eine andere Frau braucht.“
So eine Krisenbegleitung braucht niemand.
Zum Weiterlesen:
- Harder, Bernd „Wie esoterische Heils-Versprechen Menschen mit Behinderungen zum Problem machen“ skeptix (6. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „Esoterik-Kram auf Kosten einer Vermissten: Die Scharlatanen-Bubble um Rebecca Reusch“ skeptix (20. Dezember 2025)
- Harder, Bernd „Victim Blaming? Wie Wünschelwichte auf Kritik an ihrem Bullshit reagieren“skeptix (4. Mai 2025)
- Harder, Bernd „Du bist dem Universum egal: Warum Manifestieren Unsinn ist“skeptix (17. Januar 2025)
- Harder, Bernd „Mordaufklärung für 1500 Euro: Wie Vermisstenhellseher falsche Hoffnungen wecken“ skeptix (15. Februar 2025)
- Harder, Bernd „Wohlklingende Egozentrik: Was hat die Esoterik zu Krankheit, Verlust und Tod zu sagen?“ Leidfaden (10/2018)
Titelfoto: Unsplash/Francesco Ungaro



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