„Avvolti“: Das Turiner Grabtuch digital inspizieren – mit ziemlich eindeutigem Ergebnis

(Lesedauer ca. 6 Minuten)

Papst Leo XIV. persönlich hat die Webseite Avvolti (Eingehüllt) als Erster getestet. Das neue Portal will das Turiner Grabtuch weltweit für alle Menschen zugänglich machen. „Gläubige wie Neugierige“ sollen die umstrittenen Ikone online inspizieren können:

Die wichtigsten Details des Grabtuchs, wie Spuren von Gesicht und Dornenkrone, können vergrößert werden. Spuren der Auspeitschung, der Kreuzigung und des Tragens eines schweren Gegenstandes werden als solche erläutert.

Jede Vergrößerung wird von Erklärungen und Verweisen auf die Passagen der Evangelien begleitet, die die Passion Jesu beschreiben. Das Angebot gibt es in italienischer, englischer, französischer und spanischer Sprache.

Schauen wir uns die digitale Reproduktion mal an. Was Skeptiker:innen sofort ins Auge fällt:

  • Das angebliche „Negativ“:

Das Abbild auf dem Turiner Grabtuch soll angeblich ein Negativ sein:

https://www.avvolti.org/esperienza-online

Wieso?

Das äußert sich darin, dass die Grabtuchabbildung im fotografischen Negativ realistischer erscheint als beim Anblick im Original,

heißt es bei Wikipedia.

Ausführlicher:

Im Jahre 1898 wurde das Tuch im Zusammenhang mit den Turiner Feierlichkeiten anläßlich des fünfzigsten Jahrestages der italienischen Verfassung ausgestellt.

Im Rahmen dieser Ausstellung sollte das Tuch auch erstmals fotografiert werden, und zwar vom Juristen Secondo Pia, dem Bürgermeister von Asti. Er war kein Berufsfotograf, hatte jedoch als Amateurfotograf schon einige Preise gewonnen. Obwohl er während der acht Tage dauernden Ausstellung mehrere Versuche machte, gelangen ihm nur die letzten Aufnahmen am 28. Mai 1898.

Was dann geschah ist von historischer Bedeutung für die weitere Geschichte des Turiner Grabtuchs.

Als Secondo Pia die Platte aus dem Entwicklerbad nahm, erblickte er auf der Platte, auf der normalerweise ein „Negativ“ erscheint, ein positives Bild des auf dem Tuch abgebildeten Leichnams, das heißt, er sah das Turiner Christusbild in natürlichen Helligkeitswerten.

Das Bild auf dem Tuch selbst musste also Negativcharakter haben.

Das ist das „Negativ“ von Secondo Pia:

https://www.avvolti.org/esperienza-online

Kleiner Schönheitsfehler: Wie in der Mathematik ergibt auch bei der alten Analogfotografie Minus mal Minus Plus. Wenn also das Abbild auf dem Turiner Grabtuch ein Negativ ist, dann ist das Negativ davon wieder ein Positiv beziehungsweise das Originalbild mit der ursprünglichen Helligkeit. Das gefeierte „Negativ“ von Secondo Pia zeigt den Mann auf dem Tuch mit weißen Haaren und weißem Bart. So hat Jesus Christus als zirka 30 Jahre alter Jude im Nahen Osten gewiss nicht ausgesehen.

  • Das Gesamtbild:
https://www.avvolti.org/esperienza-online

Die Darstellung des leidenden Christus entspricht exakt den künstlerischen Ausdrucksformen des 14. Jahrhunderts – einschließlich der über den Genitalien gefalteten Hände, ein Zugeständnis der Künstler an das Schamempfinden ihrer Epoche. Zudem sind die Arme und Finger unterschiedlich lang, und Verzerrungen und fehlende Stellen, wie sie durch Falten in einem Tuch hätten entstehen müssen, sind nicht zu erkennen.

  • Die Nagelwunden:
https://www.avvolti.org/esperienza-online

Die Zahl der Nagelwunden („two for the hands and only one for the feet“) spiegelt den sogenannten Dreinageltypus in der Kunst wieder, der ab 1200 verbreitet war. Häufig wird vorgebracht, die Nägel in den Handgelenken seien „ein Argument gegen die Fälschungstheorie“:

Denn wie wir alle wissen: Auf nahezu allen Darstellungen des Gekreuzigten in Kirchen und Museen sind es die Handflächen Jesu, die durchbohrt sind.

Der Künstler, der das Bild geschaffen hätte, wäre sicher den Darstellungen seiner Zeitgenossen gefolgt und hätte daher die Nagelwunden in den Handflächen gemalt, so wie es alle anderen Maler machten, denn sie alle mussten den Gekreuzigten aus der Phantasie heraus darstellen.

Schließlich fand die letzte Kreuzigung im römischen Reich im Jahr 337 statt und danach schwand die grausamste und qualvollste Hinrichtungsart der Antike aus dem Gedächtnis der Menschen.

Es verhält sich genau andersrum: Wenn das Turiner Grabtuch wirklich schon lange vor dem 14. Jahrhundert existiert und frühere Maler sich an ihm orientiert hätten – wie kommt es dann, dass sie alle das auffällige und interessante Detail der Handgelenk-Wunden ignoriert haben? Viel wahrscheinlicher ist, dass der Schöpfer des Turiner Grabtuchs entweder von mittelalterlichen Selbstkreuzigungen oder von der wiederauflebenden Kreuzigungspraxis während der Kreuzzüge inspiriert wurde.

Schon eine oberflächliche Betrachung unterstützt also die Annahme, dass es sich beim Turiner Grabtuch um das Werk eines Künstlers aus dem 13. oder 14. Jahrhundert handelt – was auch die Radiokarbondatierung von 1988 erbrachte.

Das Bistum Regensburg mag das nicht so recht akzeptieren, nennt den Radiokarbontest „nicht besonders verlässlich“ und verweist stattdessen auf eine Studie von 2022, die das TG im ersten nachchristlichen Jahrhundert verortet. Das ist schlicht gesagt Unsinn. Die Datierungsmethode der italienischen Forschungsgruppe ist selbsterfunden, wissenschaftlich nicht anerkannt und völlig unzuverlässig.

Und die Mär von einer „Verunreinigung“ der Faserproben von 1988 wird auch in der x-ten Wiederholung nicht richtiger. Um eine derartige Fehldatierung von mehr als 1000 Jahren zu bewirken, hätten Schimmel, Bakterien, Schmutz, Pilzbefall, mineralische Ablagerungen etc. ein Vielfaches von dem Tuch selbst wiegen müssen, erklärt der italienische Kirchenhistoriker Andrea Nicolotti.

Ergänzend stehen erläuternde Texte sowie direkte Verweise auf Evangeliumspassagen zur Verfügung, die das Leiden und den Tod Jesu beschreiben,

heißt es bei der Vorstellung von Avvolti weiter.

Allerdings nur die passenden:

https://www.avvolti.org/esperienza-online

Unerwähnt bleibt, dass im Johannesevangelium (19,40 und 20,7) – anders als bei Markus 15,46 – die Rede ist von „Leinenbinden, wie es beim jüdischen Begräbnis Sitte ist“, und einem „Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte“.

Aber nicht von einem körpergroßen Tuch mit einem Abbild des Gekreuzigten.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Wikimedia

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