„Verschwörungsleugner“ – was soll das denn sein? Und was hat Jeffrey Epstein damit zu tun?

(Lesedauer ca. 7 Minuten)

Es hat nur fünf Jahre gedauert, bis die ein wenig wunderlich gewordene Berliner Zeitung den Aufsatz „On The Psychology Of The Conspiracy Denier“ von Tim Foyle in dem britischen „Alternativmedium“ Off-Guardian entdeckt hat. Andere, wie etwa Radio München, waren da viel schneller. Auch eine deutsche Übersetzung findet sich seit langem im Netz.

Foyle beziehungsweise sein Epigone Johannes Schirrmeister gehen davon aus, dass „die größere Gefahr für eine scheinbar aufgeklärte Gesellschaft“ mitnichten Verschwörungstheorien sind – sondern „Verschwörungsleugner“. Darunter verstehen die beiden Autoren

… oft hochgebildete, rational denkende Menschen, die eine regelrechte Abwehr gegen den Gedanken entwickeln, mächtige Akteure könnten sich zur gezielten Täuschung abstimmen.

Oder anders gesagt: das „reflexhafte Leugnen von Machtmissbrauch“, das „Bedürfnis nach ungestörtem Vertrauen“ und der Wunsch, „dass irgendwo Mama und Papa schon für Ordnung sorgen werden“ – all das kennzeichne das Denken von „Verschwörungsleugnern“.

Bezeichnenderweise finden wir weder bei Foyle noch bei Schirrmeister auch nur ein einziges konkretes Beispiel für einen „Verschwörungsleugner“. Wir nehmen mal an: Weil so etwas gar nicht existiert. Kein Mensch auf dieser Welt „leugnet“ ernsthaft, dass es reale Verschwörungen, Komplotte, Intrigen, geheime Absprachen etc. gibt – mutmaßlich nicht mal ein Kindergartenkind.

Und so dient dieses prätentiöse Geschwafel wohl nur dem Zweck, Verschwörungsdenken salonfähig zu machen, wie Skeptix-Mitglied Georg Kammerer in diesem Shortvideo erklärt:

https://www.instagram.com/p/DUVPjEFigtJ/

Das kennen wir schon zur Genüge, etwa von Lisa Fitz, die den Unterschied zwischen kritischem Hinterfragen und Verschwörungstheorien auch nie so richtig verstanden zu haben scheint. Dabei ist gerade diese Differenzierung Bestandteil der meisten Aufklärungsmateralien zum Thema und sollte auch in jedem Vortrag zur Sprache kommen:

https://kurzlinks.de/001u

(Mehr oder weniger) hilfreiche Handreichungen gibt es zum Beispiel hier:

https://www.idd.uni-hannover.de/fileadmin/idd/Projekte/REACT/Handbuecher/Handbook-REACT-IO2_DE.pdf
https://www.th-koeln.de/mam/downloads/deutsch/hochschule/aktuell/termine/f01/e0_modulubersicht-modul-5.pdf
https://www.an-allem-schuld.de/verschwoerung/quiz-kritik
https://beratungskompass-verschwoerungsdenken.de/fileadmin/z35_project/Uploads/Vbst/Documents/Wissensspeicher/COMPACT_Guide_German.pdf
https://skepticalscience.com/docs/ConspiracyTheoryHandbook_German.pdf
https://skepticalscience.com/docs/ConspiracyTheoryHandbook_German.pdf

Weitere Literatur:

Der Philosoph Jan Skudlarek unterscheidet in seinem Buch „Wahrheit und Verschwörung. Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist“ zwischen toxischem und gesundem Zweifel:

Der toxische Zweifel sei

  • antifaktisch
  • abstrakt
  • streng im Freund-Feind-Denken verankert
  • phantastisch
  • hyperintentionalistisch (alles ist ein großer Plan und wurde von langer Hand geplant)
  • zirkulär (kommt schon zu Beginn zum Schluss beziehungsweise zur Konklusion: „Wir werden doch so oder so getäuscht, egal was ich sage!“)

Gesunder Zweifel dagegen sei

  • anlassbezogen und konkret
  • offen gegenüber neuen Gedanken und Sprechern
  • habe eine profaktische Grundhaltung (statt einer antifaktischen)
  • wisse um die Begrenztheit des eigenen Verstandes
  • respektiere Wahrheitssuche als Dialogforum

Und deshalb braucht sich auch niemand bei Xavier Naidoo zu „entschuldigen“, wie einige Youtuber fordern, weil er als Verschwörungstheoretiker „abgestempelt“ worden sei. Denn er hatte eben nicht „recht“:

https://www.youtube.com/watch?v=tFnsl6YDBK8

Über das Ausmaß der Enthüllungen, bis ins norwegische und britische Königshaus, bis zu Stephen Hawking und Bill Gates, darf man durchaus erstaunt sein. Auch „wie eifrig und erbärmlich“ sich Politiker, Wirtschaftsbosse, Royals und andere Mächtige „einem verurteilten Sexualstraftäter an den Hals geworfen haben“, ist verstörend. Allerdings: „Sowohl [der Psychologe Roland] Imhoff als auch Michael Butter betonen, dass es zwischen dem Epstein-Netzwerk und klassischen Verschwörungsszenarien wie Pizzagate oder QAnon durchaus noch enorme Unterschiede gibt“, schreibt web.de:

Bei Epstein geht es um den Missbrauch minderjähriger Frauen1, bei den Verschwörungstheorien um Kleinstkinder, die in Kerkern gehalten und zur Gewinnung von sogenanntem Adrenochrom angezapft werden“, sagt Imhoff. „Also bizarre Überzeichnungen.“

Ein weiterer Schönheitsfehler der QAnon-Verschwörungstheorie:

Donald Trump, dem man doch die Rolle des Messias zugedacht hatte, war zeitweise offenbar eng mit dem Vergewaltiger verbunden. Kaum ein Name taucht in den Ermittlungsakten, die jetzt stoßweise veröffentlicht werden, häufiger auf.

Und der Bekanntenkreis des Herrn Epstein bestand keineswegs nur aus Linken, vielmehr gehörten ihm viele heutige Trump-Unterstützer an, darunter Steve Bannon, Peter Thiel oder Elon Musk.

Es mag zutreffen, dass „Verschwörungstheorien nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern auf realen gesellschaftlichen Missständen gründen“, wie Butter erklärt. Aber Elitenkritik läuft im Kontext von Verschwörungstheorien in aller Regel „ins Leere: Sie ist viel zu pauschal und sie geht von unrealistischen Voraussetzungen aus“.

Speziell zum Thema „Satanistische Eliten“ schreibt das Portal Wissenschaftswelle:

Die Stärke des satanistischen Mythos liegt darin, dass er diese realen Skandale aufgreift und sie totalisiert.

Er nimmt eine wahre Beobachtung (Macht wird oft missbraucht) und bläht sie zu einer metaphysischen Weltdeutung auf. Das macht ihn so verführerisch: Ein Körnchen Wahrheit dient als Köder für ein ganzes Universum aus Fiktion.

Die Herausforderung für uns als Gesellschaft besteht darin, die Fähigkeit zur Differenzierung nicht zu verlieren. Wir müssen in der Lage sein, die Machenschaften eines Jeffrey Epstein oder die Intransparenz von Finanzmärkten hart zu kritisieren und juristisch zu verfolgen, ohne dabei in die Falle paranoider Weltentwürfe zu tappen.

Der Mythos der satanistischen Eliten ist letztlich eine Flucht vor der mühsamen Arbeit der realen Kritik. Es ist einfacher, das „absolute Böse“ zu bekämpfen, als sich mit den komplexen, oft langweiligen und frustrierenden Strukturen von Gesetzgebung, Lobbyismus und institutionellem Versagen auseinanderzusetzen.

Die Welt ist nicht von Dämonen besessen; sie ist lediglich von Menschen gemacht – mit all ihrer Fehlbarkeit, ihrer Gier und ihrer Komplexität. Das ist weniger spektakulär als ein okkulter Krimi, aber es ist die einzige Basis, auf der wir eine gemeinsame Zukunft bauen können.

Zum Weiterlesen:

  1. Die Bezeichnung „minderjährige Frauen“ ist missverständlich, laut den vorliegenden Unterlagen waren Epsteins minderjährige Opfer zwischen 11 und 18 Jahre alt (juristisch Kinder/Jugendliche). Es handelt sich mithin um einen schweren Missbrauchs- und nicht etwa um einen „Sex“-Skandal.

Kommentare

8 Kommentare zu „„Verschwörungsleugner“ – was soll das denn sein? Und was hat Jeffrey Epstein damit zu tun?“

  1. Bernd Harder

    Statt Gewissheit bringen die immensen Datenberge oft nur neue Gerüchte und neue Spekulationen hervor. Auf Plattformen wie Reddit oder Elon Musks Netzwerk X grassieren Mutmaßungen. Der Dreck wird dort zur Flutwelle.

    Was dagegen helfen könnte? Echte Aufklärung. Das ernsthafte Bemühen, den Fall Epstein zu durchleuchten, seine Mitwisser und Mittäter zu entlarven. Wenn unabhängige Ermittler deutlich herausarbeiten könnten, wer tatsächlich in das System des Sexualstraftäters involviert war, wer von ihm profitierte, wer von ihm erpresst wurde, dann könnte sich zeigen, was den Fall trotz seiner Monstrosität dennoch von Verschwörungsmythen wie dem QAnon-Kult oder den Ideen eines Maximilian Eder unterscheidet.

    https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/qanon-und-pizzagate-wie-der-epstein-skandal-verschwoerungstheoretikern-in-die-haende-spielt-110836562.html

  2. Bluesmaker

    Zwar nicht direkt zu Verschwörungserzählungen, aber in diesem Kontext dennoch ein Lesenswerter Artikel von Boris Rosenkranz bei Übermedien:

    https://uebermedien.de/113789/epstein-taucht-in-epstein-files-auf/

  3. Carsten Ramsel

    Berliner Zeitung: Xavier Naidoo zu Rehabilitierungsdebatte: „Bei mir muss sich niemand entschuldigen“

    https://www.berliner-zeitung.de/panorama/xavier-naidoo-zu-rehabilitierungsdebatte-bei-mir-muss-sich-niemand-entschuldigen-li.10019231

  4. Amadeu Antonio Stiftung | 16. Februar 2026

    Mythenbildung statt Transparenz: Die Debatte um die Epstein-Files

    https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/mythenbildung-statt-transparenz-die-debatte-um-die-epstein-files-159573/

  5. Bernd Harder

    @Carsten Ramsel:

    Dem letzten Satz stimme ich zu, dass das in der „Berliner Zeitung“ steht, ist durchaus bemerkenswert.

  6. Bernd Harder

    Wo verläuft die Grenze zwischen berechtigter Kritik und verschwörungsideologischem Denken?

    Das ist so schwierig nun auch wieder nicht.

    https://www.musikexpress.de/xavier-naidoo-faktencheck-epstein-3161711/

  7. Bluesmaker

    Man weiß schon nicht mehr, wo man diesen Mist posten soll. Auch bei Naidoo wäre die Meldung passend, dass eine AfD-Politikerin im Kontext der Epstein-Files „versehentlich“ Nazi-Mist von einer Blut trinkenden jüdischen Weltverschwörung verbreitet:

    https://www.juedische-allgemeine.de/politik/afd-lokalpolitikerin-verteidigt-aus-versehen-hitler/

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