Es hat nur fünf Jahre gedauert, bis die ein wenig wunderlich gewordene Berliner Zeitung den Aufsatz „On The Psychology Of The Conspiracy Denier“ von Tim Foyle in dem britischen „Alternativmedium“ Off-Guardian entdeckt hat. Andere, wie etwa Radio München, waren da viel schneller. Auch eine deutsche Übersetzung findet sich seit langem im Netz.
Foyle beziehungsweise sein Epigone Johannes Schirrmeister gehen davon aus, dass „die größere Gefahr für eine scheinbar aufgeklärte Gesellschaft“ mitnichten Verschwörungstheorien sind – sondern „Verschwörungsleugner“. Darunter verstehen die beiden Autoren
… oft hochgebildete, rational denkende Menschen, die eine regelrechte Abwehr gegen den Gedanken entwickeln, mächtige Akteure könnten sich zur gezielten Täuschung abstimmen.
Oder anders gesagt: das „reflexhafte Leugnen von Machtmissbrauch“, das „Bedürfnis nach ungestörtem Vertrauen“ und der Wunsch, „dass irgendwo Mama und Papa schon für Ordnung sorgen werden“ – all das kennzeichne das Denken von „Verschwörungsleugnern“.
Bezeichnenderweise finden wir weder bei Foyle noch bei Schirrmeister auch nur ein einziges konkretes Beispiel für einen „Verschwörungsleugner“. Wir nehmen mal an: Weil so etwas gar nicht existiert. Kein Mensch auf dieser Welt „leugnet“ ernsthaft, dass es reale Verschwörungen, Komplotte, Intrigen, geheime Absprachen etc. gibt – mutmaßlich nicht mal ein Kindergartenkind.
Und so dient dieses prätentiöse Geschwafel wohl nur dem Zweck, Verschwörungsdenken salonfähig zu machen, wie Skeptix-Mitglied Georg Kammerer in diesem Shortvideo erklärt:

Das kennen wir schon zur Genüge, etwa von Lisa Fitz, die den Unterschied zwischen kritischem Hinterfragen und Verschwörungstheorien auch nie so richtig verstanden zu haben scheint. Dabei ist gerade diese Differenzierung Bestandteil der meisten Aufklärungsmateralien zum Thema und sollte auch in jedem Vortrag zur Sprache kommen:

(Mehr oder weniger) hilfreiche Handreichungen gibt es zum Beispiel hier:






Weitere Literatur:
- Kritik oder Verschwörungserzählung?
- Querdenker versus Verschwörungstheoretiker: Grundlagen und die wichtigsten Unterschiede
- Echte Verschwörungen: Manipulieren uns Konzerne?
- Eliten und Elitenkritik im Kontext von Verschwörungstheorien
- Über toxische Zweifel und toxisches Misstrauen
- Unterschiede beim „Aufwachen“ zwischen Verschwörungstheorie, Ideologiekritik und Kritik
- Ernsthafte Machtanalyse versus Verschwörungstheorie
- Wo Verschwörungs-Theoretiker (fast) recht haben: 5 Thesen
Der Philosoph Jan Skudlarek unterscheidet in seinem Buch „Wahrheit und Verschwörung. Wie wir erkennen, was echt und wirklich ist“ zwischen toxischem und gesundem Zweifel:
Der toxische Zweifel sei
- antifaktisch
- abstrakt
- streng im Freund-Feind-Denken verankert
- phantastisch
- hyperintentionalistisch (alles ist ein großer Plan und wurde von langer Hand geplant)
- zirkulär (kommt schon zu Beginn zum Schluss beziehungsweise zur Konklusion: „Wir werden doch so oder so getäuscht, egal was ich sage!“)
Gesunder Zweifel dagegen sei
- anlassbezogen und konkret
- offen gegenüber neuen Gedanken und Sprechern
- habe eine profaktische Grundhaltung (statt einer antifaktischen)
- wisse um die Begrenztheit des eigenen Verstandes
- respektiere Wahrheitssuche als Dialogforum
Und deshalb braucht sich auch niemand bei Xavier Naidoo zu „entschuldigen“, wie einige Youtuber fordern, weil er als Verschwörungstheoretiker „abgestempelt“ worden sei. Denn er hatte eben nicht „recht“:

Über das Ausmaß der Enthüllungen, bis ins norwegische und britische Königshaus, bis zu Stephen Hawking und Bill Gates, darf man durchaus erstaunt sein. Auch „wie eifrig und erbärmlich“ sich Politiker, Wirtschaftsbosse, Royals und andere Mächtige „einem verurteilten Sexualstraftäter an den Hals geworfen haben“, ist verstörend. Allerdings: „Sowohl [der Psychologe Roland] Imhoff als auch Michael Butter betonen, dass es zwischen dem Epstein-Netzwerk und klassischen Verschwörungsszenarien wie Pizzagate oder QAnon durchaus noch enorme Unterschiede gibt“, schreibt web.de:
Bei Epstein geht es um den Missbrauch minderjähriger Frauen1, bei den Verschwörungstheorien um Kleinstkinder, die in Kerkern gehalten und zur Gewinnung von sogenanntem Adrenochrom angezapft werden“, sagt Imhoff. „Also bizarre Überzeichnungen.“
Ein weiterer Schönheitsfehler der QAnon-Verschwörungstheorie:
Donald Trump, dem man doch die Rolle des Messias zugedacht hatte, war zeitweise offenbar eng mit dem Vergewaltiger verbunden. Kaum ein Name taucht in den Ermittlungsakten, die jetzt stoßweise veröffentlicht werden, häufiger auf.
Und der Bekanntenkreis des Herrn Epstein bestand keineswegs nur aus Linken, vielmehr gehörten ihm viele heutige Trump-Unterstützer an, darunter Steve Bannon, Peter Thiel oder Elon Musk.
Es mag zutreffen, dass „Verschwörungstheorien nicht im luftleeren Raum entstehen, sondern auf realen gesellschaftlichen Missständen gründen“, wie Butter erklärt. Aber Elitenkritik läuft im Kontext von Verschwörungstheorien in aller Regel „ins Leere: Sie ist viel zu pauschal und sie geht von unrealistischen Voraussetzungen aus“.
Speziell zum Thema „Satanistische Eliten“ schreibt das Portal Wissenschaftswelle:
Die Stärke des satanistischen Mythos liegt darin, dass er diese realen Skandale aufgreift und sie totalisiert.
Er nimmt eine wahre Beobachtung (Macht wird oft missbraucht) und bläht sie zu einer metaphysischen Weltdeutung auf. Das macht ihn so verführerisch: Ein Körnchen Wahrheit dient als Köder für ein ganzes Universum aus Fiktion.
Die Herausforderung für uns als Gesellschaft besteht darin, die Fähigkeit zur Differenzierung nicht zu verlieren. Wir müssen in der Lage sein, die Machenschaften eines Jeffrey Epstein oder die Intransparenz von Finanzmärkten hart zu kritisieren und juristisch zu verfolgen, ohne dabei in die Falle paranoider Weltentwürfe zu tappen.
Der Mythos der satanistischen Eliten ist letztlich eine Flucht vor der mühsamen Arbeit der realen Kritik. Es ist einfacher, das „absolute Böse“ zu bekämpfen, als sich mit den komplexen, oft langweiligen und frustrierenden Strukturen von Gesetzgebung, Lobbyismus und institutionellem Versagen auseinanderzusetzen.
Die Welt ist nicht von Dämonen besessen; sie ist lediglich von Menschen gemacht – mit all ihrer Fehlbarkeit, ihrer Gier und ihrer Komplexität. Das ist weniger spektakulär als ein okkulter Krimi, aber es ist die einzige Basis, auf der wir eine gemeinsame Zukunft bauen können.
Zum Weiterlesen:
- Harder, Bernd „Ist der Fall Epstein ein Beweis für rituelle Gewalt?“ skeptix (4. Februar 2026)
- Erdmann, Elena „Die Genies und der Sexualstraftäter“ zeit (9. Februar 2026)
- Eichel, Florian „Die wirre Veröffentlichung der Epstein-Files könnte kalkuliert sein“ zeit (8. Februar 2026)
- Hegemann, Lisa „Epstein-Files: Kaum zu glauben“ zeit (7. Februar 2026)
- „Epstein-Skandal bringt Eliten zu Fall – fast nur in Europa“ zdf (7. Februar 2026)
- Küper, Martin „Merz muss Epstein-Akten zur Chefsache machen“ t-online (7. Februar 2026)
- Stein, Hannes „Mr. Epstein und die Guten, Wahren und Schönen“ welt (7. Februar 2026)
- Götz, Vivian „Spurensuche im Aktenchaos“ Süddeutsche (6. Februar 2026)
- Walser, Charlotte „Was in dem neuen Datensatz steht: ein Überblick“ Süddeutsche (6. Februar 2026)
- „Versagen im Epstein-Fall: Ein Fiasko für die Demokratie“ web.de (6. Februar 2026)
- Video „Die Lügen zu den Epstein-Akten“ Tobias Huch (5. Februar 2026)
- Heyer, Julia Amalia „Der Epstein-Club – Innenansichten einer globalen Elite“ spiegel (5. Februar 2026)
- „Warum sich Verschwörungstheorien so hartnäckig halten“ Deutschlandfunk (5. Februar 2026)
- Potter, Nicholas „Holger Friedrichs Berliner Zeitung: Der Systemsprenger“ taz (12. Juli 2025)
- Niggemeier, Stefan „Holger Friedrichs eigentümlicher Kampf gegen den Spiegel“ Übermedien (26. November 2024)
- Kuzmany, Stefan „Berliner Zeitung: Die Alternativmedienmacher“ spiegel (28. September 2024)
- Harder, Bernd „Von jenseits des Grabes: Trump und die Epstein-Verschwörung“ skeptix (21. Juli 2025)
- „Satanistische Eliten“ bei Wissenschaftswelle
- Die Bezeichnung „minderjährige Frauen“ ist missverständlich, laut den vorliegenden Unterlagen waren Epsteins minderjährige Opfer zwischen 11 und 18 Jahre alt (juristisch Kinder/Jugendliche). Es handelt sich mithin um einen schweren Missbrauchs- und nicht etwa um einen „Sex“-Skandal.


Schreibe einen Kommentar