„Satanistisch-rituelle“ Gewalt ist jetzt endlich bewiesen – da sind sich die Deutsche Gesellschaft für Trauma & Dissoziation (DGTD), Liz Wieskerstrauch, Michaela Huber und selbstdefinierte Betroffene (etwa hier oder hier) einig.
Sie alle berufen sich auf diesen Spiegel-Artikel vom 1. Dezember:

Die kurze Meldung basiert auf einer Pressemitteilung der Polizei von New South Wales, die vier Männer wegen Besitz und Verbreitung von Kindesmissbrauchsdarstellungen festgenommen hat, darunter ein 26 Jahre alter „Selbstjustizjournalist“ namens Landon Ashton Versace Germanotta-Mills:
Was genau es mit diesem „international satanic child sex abuse material ring“ auf sich hat beziehungsweise was auf den Dateien zu sehen ist, wird nicht näher beschrieben. Laut 9News sagte Superintendent Jayne Doherty, Commander of the New South Wales sex crimes squad:
They used symbols and rituals [linked to Satanism and the occult] around it in the discussions about abusing children. It had a ritualistic overview.
Weitere Informationen zu dem Fall gibt es zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Eine Einordnung als „satanistisch-rituell“ ist derzeit nicht möglich. Ein erster Gerichtstermin ist für Ende Januar anberaumt.
Michaela Huber weist in ihrem Posting vom 2. Dezember zusätzlich darauf hin, dass „in Hamburg im Sommer endlich der Kopf eines sadistisch-satanischen Online-Missbrauchrings festgenommen wurde“. Damit ist offenkundig „764“ gemeint. Sogar in einer Erstinformationsquelle wie Wikipedia kann man nachlesen, dass
… das 764-Netzwerk in Medienberichten häufig als satanistisch, nationalsozialistisch oder rechtsextrem beschrieben [wird], was jedoch nur in Teilen zutreffend ist, da sich Mitglieder von 764 häufig nur die entsprechende Symbolik zu eigen machen und als primär sadistisch motiviert beschrieben werden.
Darauf hatten wir schon im Juni hingewiesen:
Seitdem ist mehr als ein halbes Jahr vergangen. Der Prozess gegen den 21-jährigen „Kopf“, der sich „White Tiger“ nannte, beginnt am 9. Januar. Schauen wir uns den aktuellen Stand an:
Spiegel-Redakteur Roman Höfner, der nach eigenem Bekunden „unzählige Chatnachrichten aus der Szene“ analysiert, „Mitglieder identifiziert“ und „Gerichtsakten gelesen“ hat, streift in seinem Hintergrundartikel
vom 29. Dezember den Begriff „Satanismus“ genau ein Mal:

In einem Shortcut dazu spricht Höfner von einem „nihilistischen Hintergrund, zumindest in den meisten Fällen“ (ab Minute 3:10):

Ich würde das Netzwerk als einen Schmelztiegel für Online-Radikalisierung bezeichnen […]
Die Täter wollen nicht Teil unserer Gesellschaft sein. Sie wollen sie entweder zerstören oder sie wollen einfach nur irgendeine Art von Cloud oder Berühmtheit in der Szene erlangen, dadurch, dass sie möglichst abscheulich und möglichst empathielos sind. Man könnte also fast sagen, es ist in vielen Fällen Gewalt nur um der Gewalt willen.
Es gibt in diesem Netzwerk aber auch Leute, die sicher pädophile Tendenzen haben, die sadistische, eventuell sogar soziopathische oder psychopathische Tendenzen haben. Und es gibt auch Leute, die rechtsradikale Ideologien verfolgen.
Moderatorin: Also es geht nicht darum, Kinder und Jugendliche wirklich zu treffen, sondern sie anzustiften, zu Taten, sich selbst zu verletzen.
„The COM“ – das gesamte Netzwerk, aus dem „764“ hervorging – besteht nach Höfners Einschätzung aus Gruppen, „die sich eher mit Cybercrime beschäftigen, mit Hacking oder anderen Formen der Kriminalität“, und aus Rechtsextremisten. Der Großteil der Mitglieder mache aber „im Prinzip nichts anderes, als Kinder zu quälen vor der Kamera und im schlimmsten Fall in den Tod zu treiben“.
In der Spiegel-Titelgeschichte (49/2025 vom 28. November)
wird der Hauptangeklagte „White Tiger“ als „Rassist, Nazi, pädophil und stolz darauf“ (Selbstaussagen von Shahriar J.) bezeichnet – „Satanismus“ kommt auf den drei Doppelseiten nicht vor.
In England wurde im Januar 2025 das „764“-Mitglied Cameron Finnigan (19) zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Genau wie bei dem aktuellen Fall in Australien ist in einer Pressemitteilung der Polizei die Rede von einer „Satanic extremist group“. Gemeint ist damit „764“ – was aber eben nicht stimmt.
Als „Beweise“ führt der Artikel einen Wandbehang in Finnigans Zimmer mit einem Baphomet (die BBC zeigt ein Foto davon) sowie eine „verunstaltete“ Bibel, „Pentagramme und Hakenkreuze“ an. Das Gerichtsurteil hält eine
… fascination with Satanic symbols such as pentagrams, texts and symbols written in blood and red paint on floors and doors
fest.
Der BBC-Podcast Assume Nothing spricht denn auch nüchtern von der künstlichen Erschaffung eines jugendlichen (Pseudo-) Satanisten:

In Folge 4 kommt Finnigans Mutter zu Wort (ab Minute 15:55), die nichts von satanistischen Aktivitäten ihres Sohnes zu berichten weiß.
In Texas steht derzeit das 19-jährige „764“-Mitglied Alexis Aldair Chavez vor Gericht. Für die Justizbehörden ist „764“ eine Nihilistic Violent Extremist group, die nicht dem Satanismus, sondern dem Akzelerationismus nahestehe.
Darüber hinaus kramt die Youtuberin DIS-obey noch den 15 Jahre alten Fall des selbsternannten „Propheten“ und Kirchenführers Warren Jeffs heraus:

Sie sieht darin sexuellen Missbrauch „durch Ideologie, Glauben und so weiter“ – was nicht haltbar ist, wie wir hier ausführlich erklärt haben.
Sätze wie „Sie solle den Geist Gottes spüren“ fallen in die gleiche Kategorie wie etwa „Gott will das so“ oder „Sie sollen vergeben und vergessen“ und gehören zu den klassischen Tatbegehungsstrategien von Missbrauchstäter:innen, wozu auch zum Beispiel „esoterische Rituale unter dem Deckmantel der Spiritualität“ gehören können oder „the pretence of devils and witchcraft“:

Dabei handelt es sich aber genauso wenig um „rituellen“ Missbrauch („mit einer Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung von Gewalt“) wie bei dem, was Liz Wieskerstrauch neuerdings als „Beweis“ anführt – nämlich sexualisierte Gewalt durch katholische Priester, die ihrem Opfer erklärten, man müsse bei ihm den Teufel austreiben. Noch einmal:
Manipulationsstrategien sind keine „rituelle Gewalt“
Wieso ist das wichtig?
Wir stimmen unserem Kommentator „Sebastian“ vollumfänglich zu, wenn er schreibt:
Ich fühle mich schlecht dabei, solche Verbrechen relativieren zu müssen, weil vereinzelte Personen und Organisationen sich diese Pressemitteilung [der Polizei von New South Wales] zunutze machen.
Aber perfide ist eben auch, dass „Personen und Organisationen“ schwerste Verbrechen für ihr unsinniges „Rituelle Gewalt“-Narrativ instrumentalisieren. Warum unsinnig? Das hat die Psychologin Bette Bottoms bereits in den 1990ern dargelegt:

It has proven socially dangerous to combine such different phenomena as
abuse by a compulsive, demented individual and ideologically motivated abuse inflicted by religious or satanic cult members.Der Begriff „rituell“ sei zu breit geworden, um als nützliche wissenschaftliche Kategorie zu dienen. Wer daher über Gewalt, die von einem satanistischen Kult verübt wird, sprechen möchte, solle den Begriff satanic cult abuse verwenden, wem es um besonders brutale und bizarre Formen des Missbrauchs gehe, solle das direkt sagen.
Das Gleiche gelte für Fälle von wiederholtem Missbrauch in Sekten. Alle diese verschiedenen Missbrauchsarten müssten begrifflich voneinander getrennt werden.
Solange das nicht geschieht, setzt sich die Szene dem Verdacht aus, mit dem „mysteriös, unglaublich, unbegreifbar“ klingenden Begriff „rituelle Gewalt“ lediglich Aufmerksamkeit generieren zu wollen – und sonst nichts.
Das kommt so langsam auch in den Medien an. Die Neue Osnabrücker Zeitung schreibt:
Dass religiöse Rituale und Strukturen für Missbrauch genutzt werden, kann niemand mehr leugnen.
Wir wüssten nicht, wer das je geleugnet hat – aber gut. Weiter:
Im Fokus stehen dabei mehr denn je Gruppen wie die früher in Osnabrück aktive Christusgemeinschaft: eine Bewegung innerhalb der katholischen Kirche, die sich um charismatische Führungspersonen scharte – und bald im Verdacht stand, ins Sektierertum abzugleiten.
2026 wird eine Studie der Universität Münster am Beispiel dieser Gemeinschaft zu erklären versuchen, was geistlicher Missbrauch bedeutet.
„Rituelle Gewalt“ im Sinne von Satanismus, „Mind Control“ oder Menschenopfer spielt dabei keine Rolle. Schon eher Manipulation, toxische Spiritualität, problematische Beichtpraktiken – und wie schnell die Grenze zu sexualisierter Machtausübung verschwimmt.
Genau darum geht es.
Und nicht darum, um jeden Preis einen Mythos aufrechtzuerhalten, mit dem man zum Beispiel Filme finanzieren oder Spenden einsammeln kann.
Zum Weiterlesen:
- Höfner, Roman „Dem Bösen auf der Spur“ spiegel (29. Dezember 2025)
- Steffen, Raphael „Die Debatte um rituelle Gewalt im Bistum Osnabrück – und was sich daraus lernen lässt“ noz (25. Dezember 2025)
- Grissom, Jake „Leader of Nihilist Online Cult 764 Admits fo Forcing Kids to Burn Themselves, Kill Animals“ Tampa Free Press (20. Dezember 2025)
- „764 Extremist Group Leader Pleads Guilty to RICO, Child Exploitation Charges“ justice.gov (19. Dezember 2025)
- „Man accused of child sextortion crimes in Texas expected to plead guilty in federal court“ ksat (18. Dezember 2025)
- Hoppenstedt, Max „Das ist das wahre Ausmaß der Kinderquäler-Szene um White Tiger“ spiegel (27. November 2025)
- Hoppenstadt, Max/Höfner, Roman „Mit 13 suchte er im Netz nach Freunden – sie trieben ihn in den Tod“ spiegel (27. November 2025)
- „Assume Nothing: Creation of a Teenage Satanist podcast to investigate the teens entangled in a global satanic network“ BBC (23. Oktober 2025)
- „Teenager who wished to carry out a terror week jailed for six years“ counterterrorism.police.uk (17. Januar 2025)
- Crawford, Angus/Smith, Tony „Abuse terror warning as Satanist teenager jailed“ BBC (16. Januar 2025)
- Harder, Bernd „Rituelle Gewalt-Mind Control: Die vielen blinden Flecke des Dokumentarfilms Blinder Fleck“ skeptix (13. Juni 2025)
- Harder, Bernd „Mysteriös, unbegreifbar: Warum verzichtet die Satanic-Panic-Szene nicht auf den Begriff der Rituellen Gewalt?“ skeptix (12. Oktober 2025)
Titelfoto: Unsplash/Anastasija Puskas


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