Interessant an dem neuen ARD-Podcast Paranormal ist, dass im Impressum ein zweiköpfiges „Fact Checking“-Team ausgewiesen wird. Nun ja, man fragt sich, inwieweit sich die beiden im Zweifelsfall gegen die Hostin Alli Neumann (die laut Pressemitteilung „eine Faszination für das Paranormale“ hegt) durchsetzen können.
Aber gehen wir der Reihe nach:
Die Hälfte der ersten Folge dreht sich um das Leben und Sterben des Anti-Spiritisten Harry Houdini, der zu Lebzeiten mit seiner Frau Bess ein Codewort vereinbart hatte, das von spiritistischen Medien im Jenseits abzurufen und Bess zu nennen sei, als Beweis für ein Leben nach dem Tod. Allerdings bleibt es bei diesem Cliffhanger – die Auflösung, „ob am Ende die Verbindung gelingt, zwischen den Lebenden und den Toten“, gibt es erst in der nächsten Ausgabe am kommenden Dienstag.

Jahreszeitgemäß kommt dann Halloween zur Sprache, und „schon die Kelten“ hätten „Samhain gefeiert, ein Fest, an dem sich angeblich die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Anderswelt öffnet“.
Immerhin erklärt Neumann, dass unser Wissen darüber lediglich „aus archäologischen Funden und späteren christlichen Aufzeichnungen“ stammt, die Quellenlage also recht dünn ist. Tatsächlich konnten bei unserem letzten WTF-Talk über die Kelten die drei Archäolog:innen Axel Posluschny, Sabine Hornung und Martin Schönfelder nichts zu einem keltischen Totenfest namens „Samhain“ sagen (ab Minute 48).
Das ist nicht verwunderlich, denn:
Auf dem europäischen Kontinent liegen keinerlei Nachrichten über ein entsprechendes Fest bei den antiken Kelten vor […] Bislang wurden in keiner archäologisch erforschten Siedlung und an keinem eisenzeitlichen Bestattungsplatz des vorgeschichtlichen Europas archäologische Reste des Samhain-Festes entdeckt.
Eine direkte Verbindung zwischen keltisch-heidnischen Riten und Halloween ist nirgendwo belegt. Aber gut, legendenhaft kann man es halt einfach mal annehmen, klingt natürlich auch spannender als langweilige archäologische Erkenntnisse.
Selbiges gilt wohl auch für die Parapsychologie, natürlich mal wieder in Gestalt des unvermeidlichen Dr. Dr. Walter von Lucadou, der zum x-ten Mal seine – ebenfalls völlig unbelegte – Theorie vom Spuk als „Embodiment-Störung“ ausbreiten darf. Brav fasst Alli Neumann wie eine gelehrige Einser-Schülerin dieses schwer verständliche Gerede von externalisierten psychosomatischen Reaktionen noch einmal zusammen, und kommentiert das Ganze schließlich mit einem kurzen „Crazy, oder?“
Ja, allerdings – hier hätte man sich dann doch mal eine deutliche Intervention der Faktenchecker von Paranormal gewünscht, zumal Lucadous Verständnis von „Spuk“ mit dem Thema der Sendung (Geister und Spiritismus) nichts zu tun hat. Der Freiburger Parapsychologe ist denn auch ähnlich deplatziert wie die „Ghosthunterin“ Minckee im neuen Hyperbole-Video.
Paranormal soll jetzt jeden Dienstag erscheinen. Als Plauderei über die „Welt des Unerklärlichen“ mit geringem Anspruch kommt das Format ganz nett rüber, beim „Hinterfragen“ und „genauen Hinschauen“ ist noch viel Luft nach oben.
Zum Weiterlesen:
- Harder, Bernd „Geister und Ghosthunter: Was spukt da nun eigentlich?“ skeptix (18. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „Schrecklich kalt: Die gar nicht so verstörenden Erkenntnisse einer nächtlichen Geisterjagd“ skeptix (18. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „Halloween und Rauhnächte – heidnisch, christlich, esoterisch? Ein Studientag in Augsburg“ skeptix (15. Oktober 2026)
- Quarks Dimension Ralph „Warum gruseln wir uns so gerne?“ wdr (30. November 2025)
- Schmeh, Klaus „Tote verraten keine Geheimwörter – oder vielleicht doch?“ Cipherbrain (22. April 2016)
- Podcast „Harry Houdini“ Hoaxilla (27. Mai 2012)
- „Bess Houdini“ bei Wikipedia
- „Halloween – ein keltisches Fest? Die Hintergründe zum 31. Oktober“ Archäologische Staatssammlung
Titelfoto: SWR



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