„Schrecklich kalt“: Die gar nicht so verstörenden Erkenntnisse einer nächtlichen Geisterjagd

(Lesedauer ca. 9 Minuten)

Einen Abend „voller verstörender Erkenntnisse“ verspricht eine Spiegel-Story zum Thema Ghosthunting – allerdings plätschert der Artikel praktisch ereignislos vor sich hin:

https://kurzlinks.de/by0k

Vier Mitglieder des Geisterjäger-Teams „Hidden Voices“ sowie der Psychologe Gerhard Mayer und der Biologe Michael Nahm vom Freiburger Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) streifen nächtens durch das verfallende Kurhaus Sand an der Schwarzwaldhochstraße bei Bühl, um „Totenstimmen aufzunehmen, unerklärliche Schatten zu filmen und andere Indizien zu sammeln, die auf die Gegenwart von Geistern hinweisen“.

Was indes wirklich passiert, geht kaum darüber hinaus, dass es

… um 21.19 Uhr [dem „Hidden Voices“-Mitglied] Sonja Nowara auf einmal „schrecklich kalt“ ist, was von [Team-Mitglied] Jan Stampfer gleich als mögliche Anomalie notiert wird.

Michael Nahm ordnet die Geisterjägerei denn wohl auch richtig ein:

„Ich glaube“, sagt Nahm, „dass alle Anomalien mit der Psyche der jeweils Anwesenden verknüpft sind.“ Wer „den inneren Zensor“ ausschalte, der mache womöglich Beobachtungen, die andere nicht machten – vorwiegend an Orten wie dem Kurhaus Sand, die voll seien mit alten Dingen und Geschichten. Ob sich das, was man dann zu sehen oder zu hören glaube, auch aufzeichnen lasse, sei eine andere Frage.

Die beste Passage des Spiegel-Grusicals:

Nowara und Stampfer fragen während der PU [Paranormale Untersuchung] den Geist von Frau Wiedemann daher immer wieder in sanftem Tonfall, wie er das denn so finde, wenn Fremde in seinen Sachen wühlten. Aber es kommt keine Antwort.

Stampfer hört allerdings drei Töne von einem der Klaviere und ist zunächst ganz aufgeregt. Später stellt sich heraus, dass Grenzwissenschaftler Nahm in einem anderen Raum herumgeklimpert hat.

Interessant ist allenfalls der Hinweis auf zwei Aufsätze von Gerhard Mayer und der Ghosthunterin und Podcasterin Sonja Nowara (Geistreich – der Geisterjägerpodcast):

Mayer gibt auch den Experten in dem Zeit Wissen-Podcast „Spukt’s hier?“:

https://kurzlinks.de/1v3b

Er erklärt Geistererlebnisse primär mit der „Externalisierung innerer Spannungen“ – allerdings hätte man auch auf wahrnehmungspsychologische und neurobiologische Erkenntnisse wie etwa das Sense of Presence-Phänomen verweisen können. Immerhin stellt Mayer klar, dass man mit irgendwelchen blinkenden Geräten aus dem Baumarkt oder Internet keine „Geister“ detektieren kann, von denen man weder weiß, ob es sie überhaupt gibt und wenn ja, welche Eigenschaften sie haben und wie man diese „messen“ könnte.

https://kurzlinks.de/jaoy

Für das Buch

Reise ins Unbekannte 2: Geister, Spuk und Phänomene im deutschen Sprachraum

von Dr. Lucia Moiné gab ich 2015 dieses Interview, das sich zunächst allgemein um das Thema „Geister“ drehte:

Wie kam bei Dir das Interesse an dieser Thematik auf?

Ich weiß nicht mehr genau, ob meine Eltern nicht zuhause waren oder mich nicht rechtzeitig ins Bett geschickt hatten – aber irgendwann habe ich als Kind „Bis das Blut gefriert“ im Fernsehen gesehen, einen Spukhaus-Film aus den 60er-Jahren, schwarz-weiß und sehr gruselig. Das hat mich nachhaltig beeindruckt.

So mit 13 oder 14 habe ich dann angefangen, „Geisterjäger John Sinclair“ und „Professor Zamorra“ zu lesen. Daneben stöberte ich in der Stadtbücherei nach vermeintlichen Sachbüchern über Geister, Dämonen, Ufos und solche Themen halt. Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich das alles als reine Unterhaltungsliteratur einordnen konnte. Schade eigentlich, denn ich hatte mir wirklich gewünscht, dass es das alles gäbe und dass man sich auch ganz ernsthaft mit diesen Dingen beschäftigen könnte.

Später habe ich das dann doch noch getan – allerdings genau andersrum. 1993 bin ich quasi offiziell „Skeptiker“ in einem Verein geworden, der sich kritisch mit vermeintlich Übersinnlichem beschäftigt. Von da an fand ich interessanter, sich damit zu beschäftigen, warum Menschen an Geister oder Ufos glauben, anstatt den Phänomen selbst hinterher zu jagen.

Hattest Du selbst bereits einmal ein Erlebnis, für das Du – zumindest im ersten Augenblick – keine Erklärung hattest?

Klar, als Kind habe ich viele „Ufos“ gesehen – also irgendwas, was am Nachthimmel herumflog und was ich nicht kannte und deshalb als „Ufo“ ansah. Eigentlich ist das ja auch die Definition eines „Ufo“: ein fliegendes Objekt, das man zum Zeitpunkt der Beobachtung nicht identifizieren kann. Damals waren das für mich außerirdische Besucher.

Heute weiß ich, dass es sich um Satelliten, helle Sterne, Disco-Scheinwerfer und Ähnliches handelte.

Meinen ersten Geist habe ich allerdings erst vor ein paar Monaten gesehen, Jahrzehnte nach meiner jugendlichen Begeisterung dafür. Ich bin morgens aufgewacht und sah eine Gestalt am Bettrand sitzen. Mehr oder weniger ein formloses dunkles Etwas, aber aus irgendeinem Grund musste ich sofort an meine Mutter denken, die 2008 gestorben ist. Es dauerte nur Sekunden, dann verschwand die Erscheinung durch die Wand.

Das war sehr eindrucksvoll. Ich bin dankbar dafür, so etwas mal erlebt zu haben, auch wenn mir völlig klar ist, dass das eine Halbschlaf-Halluzination war.

Gibt es, deiner Meinung nach, überhaupt (Para-)Phänomene, die man nicht oder noch nicht erklären kann?

Mysteriöse Phänomene gibt es jede Menge. Dunkle Materie zum Beispiel. Das ist aber nicht unbedingt vergleichbar mit paranormalen Phänomenen. Die Quantenphysik, die Neurowissenschaften mögen noch so phantastische Entdeckungen machen – keine neue Erkenntnis wird dazu führen, dass Hellsehen oder Telekinese plötzlich funktioniert. Oder dass es Geister gibt.

Der große Unterschied: Wir können Dunkle Materie zumindest postulieren, weil sie über die Gravitation wechselwirkt, auch wenn sie nicht direkt sichtbar ist. Mit Para-Phänomen ist das anders. Die Anhänger solcher Behauptungen können nicht einmal belegen, dass diese Phänomene überhaupt existieren. Es gibt zwar viele Berichte und Geschichten darüber, aber kein wiederholbares Experiment mit wissenschaftlicher Beweiskraft.

Und es stimmt auch nicht, dass Mainstream-Wissenschaftler sich nicht mit solchen Dingen beschäftigen oder alles wegleugnen, was nicht in ihr Weltbild passt, im Gegenteil: Für den Nachweis einer außergewöhnlichen Behauptung aus dem Bereich des Paranormalen wären mehrere Nobelpreise fällig. Es ist also so, dass Para-Phänomene gar nicht belegt sind – deshalb braucht man auch nicht nach Erklärungen dafür zu suchen oder auf bessere Messgeräte zu warten.

Außerdem stehen sie Widerspruch zu bereits heute gesicherten Erkenntnissen und widersprechen zum Teil auch den Naturgesetzen, die von neuen Entdeckungen weitgehend unabhängig sind und die noch jeden Paradigmenwechsel in der Wissenschaft vollkommen unbeschadet überstanden haben.

Das gilt wohl auch für Geister. Nach allem, was wir derzeit wissen, benötigt man zur Speicherung von Information Materie. Ein Geist, der einen bestimmten Ort aufsucht – etwa den Schauplatz, wo er gestorben ist – muss sich an diesen Ort erinnern und ihn wiederfinden können. Er braucht also ein Gedächtnis, müsste informationsspeichernde Materie besitzen. Dann aber unterliegt er den normalen Gesetzen der Physik und könnte nicht durch Wände gehen oder ähnliches.

Was sind, in Deinen Augen, die Ursachen für  Spukphänomene / Geistersichtungen und warum berichten so viele Personen darüber?

Dass die vielen Augenzeugen wirklich etwas Seltsames, Unerklärliches, Beängstigendes erleben, bezweifele ich keinesfalls – aus eigener Erfahrung.

Aber subjektive Erfahrung ist nun mal kein sicheres Wissen. Ich denke, solche Phänomene sind nicht außersinnlicher Natur, sondern sie sind außer-bewusst. Wir Skeptiker halten nicht so sehr die Parapsychologie für das geeignete Werkzeug zu ihrer Erforschung, sondern die Wahrnehmungspsychologie. Wir gehen davon aus, dass nahezu alle scheinbar „paranormalen“ Erlebnisse normalpsychologisch erklärbar sind.

„Skeptische“ Geisterforschung sieht daher so aus wie zum Beispiel die Studien des englischen Psychologen Richard Wiseman. Er ließ Hunderte Versuchspersonen durch die berüchtigten Gewölbe von Edinburgh oder durch die Korridore von Schloss Hampton Court bei London spazieren und stellte fest, dass manche Leute sehr sensibel auf unbewusste Sinneseindrücke wie Temperaturwechsel, Luftzüge oder Lichtveränderungen reagierten und das Gefühl hatten, berührt worden zu sein, also etwa eine kalte Hand im Nacken spürten.

Wir dürfen nie vergessen, dass Wahrnehmungen eine Konstruktion unseres fehleranfälligen Gehirns sind. Wir sind einem riesigen Selbsttäuschungspotenzial unterworfen, das den meisten gar nicht klar ist. Viele wollen davon auch gar nichts wissen, weil sie jeden Zweifel an ihrem Erlebnis als Angriff auf ihre Integrität und Glaubwürdigkeit missverstehen. Darum geht es aber überhaupt nicht.

Wir weisen nur darauf hin, dass unsere Wahrnehmung nicht wie eine Videokamera funktioniert, die eins zu eins die Realität abbildet. Stattdessen suchen sich Gehirn und Nervensystem Informationen aus unserem Umfeld, filtern diese, formen sie um, kombinieren sie mit Gedächtnisinhalten. Und bringen so mitunter etwas hervor, das man als Geist deuten kann – aber nicht muss.

Ich tue das jedenfalls nicht mehr.

Speziell um „Ghosthunting“ ging es dann zwei Jahre später in Band 3. Mehr dazu hier.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Unsplash/Jr Korpa

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