Der Engländer Vic Tandy, ein Computer-Ingenieur der Universität von Coventry, saß eines Abends allein im Labor und arbeitete am Schreibtisch, als ihn ein unheimliches Gefühl überkam. Irgendjemand schien ihn zu beobachten,
berichtete der Stern 2003:
Tandy lief es kalt über den Rücken. Und er war gewarnt worden: Es gehe nicht mit rechten Dingen zu in diesem Gebäude, hatten ihm Arbeiter erzählt.
Tatsächlich sah er plötzlich aus dem Augenwinkel eine graue Nebelgestalt vorbeihuschen. Doch als er sich beunruhigt umschaute, war niemand da. Am nächsten Morgen begann der Spuk aufs Neue. Wieder die Gänsehaut, wieder die schemenhafte Erscheinung am Rand seines Gesichtsfeldes.
Und wieder verschwand die sofort, als er den Kopf in ihre Richtung drehte. Dann bemerkte Tandy noch etwas Seltsames: Die Klingenspitze eines Floretts, das der passionierte Fechter mitgebracht hatte, um es aufzuarbeiten, schwang unablässig und scheinbar ohne Grund.
Dem technisch versierten Mann kam ein Verdacht. Er nahm Messungen vor und fand schließlich, was er vermutet hatte: Ein Lüftungsventilator erzeugte eine stehende akustische Welle mit einer für Menschen nicht mehr hörbaren niedrigen Frequenz von etwa 19 Schwingungen pro Sekunde.
Sind Geister also nur „tiefe Töne“, wie die Presse damals titelte?
Auch das Buch „A History of Ghosts, Spirits and the Supernatural“ greift diese Episode auf:

Studies have proven that certain environmental conditions can provoke ghostly sensations. In one case, the low-frequency vibration produced by a fan caused shivers and visual apparitions. When the fan was turned off, the „haunting“ stopped. The 20 Hertz vibration is now know as the „fear frequency“.
Aber stimmt das auch?
Kanadische Forschende haben es nachgeprüft:
36 Teilnehmer wurden einzeln in einen Raum gebeten. Dort lief Musik – mal beruhigend, mal beunruhigend. Bei der Hälfte spielten versteckte Subwoofer zusätzlich Infraschall bei 18 Hz ab.
Danach sollten die Teilnehmer berichten, wie sie sich fühlten, wie sie die Musik wahrgenommen hatten und ob sie glaubten, Infraschall gehört zu haben. Außerdem gaben sie Speichelproben ab, vor und nach dem Experiment.

Das Ergebnis war eindeutig: Wer Infraschall ausgesetzt war, hatte danach messbar höhere Cortisolwerte im Speichel. Diese Teilnehmer fühlten sich reizbarer, weniger interessiert und empfanden die Musik als trauriger.
Ob der Infraschall an- oder ausgeschaltet war, konnten sie dabei nicht zuverlässig sagen. Ihr Körper wusste es trotzdem.
Die Welt gibt die Erkenntnisse korrekt wieder:
„Stellen Sie sich vor, Sie besuchen ein Gebäude, in dem es spuken soll“, sagt [der Psychologie-Professor] Rodney Schmaltz von der MacEwan University in Edmonton. „Ihre Stimmung verändert sich, Sie fühlen sich aufgewühlt, aber Sie können nichts Ungewöhnliches sehen oder hören.“
Was viele dann dem Übernatürlichen zuschreiben würden, könnte in Wirklichkeit eine schlichte physikalische Ursache haben: Infraschall. Schallwellen unterhalb von 20 Hertz, zu tief für menschliche Ohren – aber offenbar nicht zu tief für den menschlichen Körper.
Es ist also von „Stimmungen“ die Rede, von emotionalen Zuständen wie Reizbarkeit, Unruhe und Traurigkeit – nicht von Geistersichtungen. Im Grunde genau das, was Menschen beschreiben, wenn sie nach paranormalen Erlebnissen gefragt werden:
Feeling a presence or unknown energy

Aus nicht ganz ersichtlichen Gründen kritisiert das grenzwissenschaftliche Portal The Daily Grail dennoch die Medienberichterstattung über die kanadische Studie als inkorrekt und sensationalistisch. Warum, wird bei näherer Betrachtung der drei inkriminierten Artikel nicht klar – außer dass das Wort „Ghost“ mal in der Überschrift vorkommt.
- Die Webseite Ars Technica zitiert Rodney Schmaltz mit dem Kommentar:
„Es ist nicht so, dass Infraschall Spuk verursacht. Ich möchte das ganz klar betonen. Wir sagen definitiv nicht, dass wir Spuk gelöst haben.
Aber in einigen dieser älteren Gebäude könnten Rohre oder Lüftungsschächte Infraschall produzieren, und wenn jemand bereits die Erwartung hat, dass etwas Unheimliches passiert, könnte der Infraschall das Gruselgefühl ein bisschen verstärken.
Infraschall erklärt also nicht alles, aber es könnte sicherlich ein Teil der Erklärung für einige dieser seltsamen Erfahrungen sein.“
Die Redaktion ergänzt:
Wenn Sie das nächste Mal in ein angeblich „heimgesuchtes“ Haus gehen und eine geisterhafte Präsenz spüren, denken Sie daran, dass diese Empfindungen auf vibrierende Rohre, Klimaanlagen und Wärmepumpen, den Straßenverkehr oder Windkraftanlagen zurückzuführen sein könnten, anstatt auf etwas Paranormales.
- Auch Gizmodo gibt Schmaltz‘ Fazit ohne Übertreibungen wieder:
„Es ist wichtig zu sagen, dass Infraschall die Menschen nicht glauben lässt, dass sie einen Geist gesehen haben. Infraschall kann allenfalls ein unerklärliches Unbehagen hervorrufen, das manche Menschen dann einem Geist oder Spuk zuschreiben […]
Nichts von unseren Studienergebnissen ersetzt andere Erklärungen für Spuk-Berichte. Erwartungshaltung und Fehlwahrnehmungen spielen dabei eine Schlüsselrolle, Infraschall könnte eine weitere Zutat sein.
Für Menschen, die bereits geneigt sind, ein seltsames Gefühl als Beweis für eine geisterhafte Präsenz zu nehmen, könnte das ausreichen, um ein mehrdeutiges Erlebnis in die Nähe von „paranormal“ zu rücken.
- Der Guardian ergänzt:
Für die richtige Person in der richtigen Situation – zum Beispiel ein Okkultgläubiger in einem düsteren alten Herrenhaus – kann das ungewöhnliche Gefühl den Verdacht auf paranormale Aktivitäten schüren.
„Infraschall kann ein bisschen körperliches Unbehagen erzeugen, was dann als Heimsuchung gedeutet werden kann“, sagt Prof. Rodney Schmaltz, Psychologe an der MacEwan University in Kanada.
„Jemand, der nicht an Geister glaubt, würde beim gleichen Gefühl wahrscheinlich nur an ein stickiges, ungemütliches altes Gemäuer denken.“
Zusammengefasst: Die neue Studie aus Kanada konnte eher aversive statt anxiogene Effekte belegen. Die Infraschall-Beeinflussung verschob im Großen und Ganzen die Stimmung der Versuchspersonen und ihre Stressreaktion in eine negative Richtung, erklärt Schmaltz.
Tatsächlich konnten auch die Mythbusters in einem Halloween-Experiment die angeblich stark wahrnehmbare und furchtauslösende „Haunted Frequency“ oder „Fear Frequency“ um die 19 Hertz herum nicht eindeutig nachweisen:
Die Reaktionen der Proband:innen waren inkonsistent und nicht auf die eine Hütte (von vier) mit dem unhörbaren Brummton begrenzt. Auch dem englischen Psychologen und Skeptiker Chris French gelang es nicht, in einem experimentellen „Spukhaus“ nennenswerte Effekte mit Infraschall zu erzielen, die über „leicht anomale Empfindungen“ hinausgingen.
Dafür weist ein Experiment des englischen Psychologen und Skeptikers Richard Wiseman von 2003 in die gleiche Richtung wie die neue kanadische Studie. Zusammen mit der Sounddesignerin Sarah Angliss mischte Wiseman bei zwei Klassikkonzerten in London Infraschall unter die Musik. Etwa ein Viertel der 750 Gäste berichtete anschließend von einem „seltsamen Gefühl“ oder von plötzlichen Erinnerungen an belastende Lebensereignisse.
Aber was ist mit Vic Tandys nächtlichem Erlebnis, über das er ausführlich in dem Aufsatz „A Ghost in the Machine“ sinnierte? Tandy ging davon aus, dass Infraschall auch visuelle Erscheinungen hervorrufen könne, indem die Augäpfel in unmerkliche Schwingungen versetzt würden. Sowohl Rodney Schmaltz als auch Chris French halten das für wenig plausibel. Das Experiment von Schmaltz et al. ergab „nichts in der Art von dem, was Tandy erlebte“. French spricht von Anekdoten ohne Beweiskraft.
Was also steckt hinter „Geistern“ und „Gespenstern“?
Neben
- innerseelischen Projektionen und hypnopompen/hypnagogen Halluzinationen
- Fehldeutungen natürlicher Ursachen
- Schwindel und Betrug
sind „Geister“ wohl nicht viel mehr als die unbewusste Reaktion von Menschen auf Umweltfaktoren, wie etwa besagter Infraschall, Cold Spots, magnetische Schwankungen oder Lichtveränderungen – gepaart mit der Macht der Suggestion, erklärt Richard Wiseman:
It’s more psychological than paranormal.
Wer solche Gefühle mal live erleben möchte, dem sei die „Spuknacht“ empfohlen.
Zum Weiterlesen:
- Peterlini, Nathanael „98 Prozent sind erklärbar: Vienna Ghosthunters suchen seit 25 Jahren nach Geistern in Wien“ meinbezirk (9. Mai 2026)
- Müller, Andreas „Keine Erklärung für Spuk: Studie untersuchte Auswirkung von Infraschall“ grenzwissenschaft-aktuell (6. Mai 2026)
- „Haunted Houses and Ghosts Are Probably Not Caused by Infrasound Actually“ Daily Grail (5. Mai 2026)
- Polczynski, Louis „Paranormale Erlebnisse? Es gibt eine neue Theorie, die so nüchtern wie unheimlich ist“ welt (27. April 2026)
- Scatterty, Kale et al. „Infrasound exposure is linked to aversive responding, negative appraisal, and elevated salivary cortisol in humans“ Frontiers in Behavioral Neuroscience (27. April 2026)
- Sample, Ian „Spooky feelings in old houses may be caused by boiler sounds, study suggests“ The Guardian (27. April 2026)
- Quellette, Jennifer „Study: Infrasound likely a key factor in alleged hauntings“ Ars Technica (27. April 2026)
- Wiseman, Richard „The science of ghost hunting“ richardwiseman (12. Dezember 2024)
- Cara, Ed „Haunted by Ghosts? New Study Provides a Surprising Explanation“ Gizmodo (27. April 2026)
- Felton, James „The Infrasonic 17 Hz Tone Experiment Induced Revulsion And Fear In Participants“ IFLScience (6. Dezember 2024)
- Wiseman, Richard „Ghosts and Hauntings“ richardwiseman
- Nicholson, Tom „The mystery of the ghost frequency, the most terrifying sound known to man“ The Telegraph (30. August 2023)
- McAndrew, Frank „What Makes a House Feel Haunted?“ Psychology Today (2. November 2015)
- McAndrew, Frank „Evolutionary psychology explains why haunted houses creep us out“ The Conversation (29. Oktober 2015)
- McAndrew, Frank „A psychologist explains why haunted houses terrify us“ Fast Company (23. Oktober 2019)
- „Wie aus einem Haus ein Geisterhaus wird“ Deutschlandfunk Nova (19. Juli 2018)
- Kolitz, Daniel „Why Do People See Ghosts?“ gizmodo (30. Oktober 2017)
- Becker, Claudia „Der Mann, der gern in Spukhäusern übernachtet“ welt (10. Juni 2015)
- Pappas, Stephanie „What’s Really Behind Paranormal Experiences“ Live Science (5. Juli 2011)
- Wiseman, Richard et al. „An investigation into alleged hauntings“ British Journal of Psychology (24. Dezember 2010, auch als PDF)
- French, Christopher et al. „The Haunt project: an attempt to build a haunted room by manipulating complex electromagnetic fields and infrasound“ Cortex (Mai 2009)
- „The Haunt Project“ bei Daily Grail
- Ochmann, Frank „Nicht von dieser Welt“ stern (22. Oktober 2003)
- Siedel, Ulrike „Im Spukhaus dröhnt der Infraschall“ Welt (23. September 2003)
- Radford, Tim „Silent sounds hit emotional chords“ The Guardian (8. September 2003)
- „Soundless music shown to produce weird sensations“ ABC (8. September 2003)
- Liddle, Rachel „Scientist to create haunted house“ The Guardian (24. Juli 2003)
- Angliss, Sarah „Infrasonic – haunted music?“ (31. Mai 2003)
- „Infrasonic – Summary of Results“ (31. Mai 2003)
- Wiseman, Richard et al. „Perceptual-personality characteristics associated with naturalistic haunt experiences“ European Journal of Parapsychology (2002)
- Wilson, Tracy „How Ghosts Work“ howstuffworks
- Williams, Bryan et al. „Magnetic Fields and Haunting Phenomena: A Basic Primer for Paranormal Enthusiasts“ Public Parapsychology
- Bedard, Alfred/Georges, Thomas „Atmospheric Infrasound“ Discover (1. März 2000)
- Tandy, Vic „Something in the Cellar“ Journal of the Society for Psychical Research (Januar 2000, auch als PDF)
- Tandy, Vic „A Ghost in the Machine“ Journal of the Society for Psychical Research (April 1998, auch als PDF)
Titelfoto: Unsplah/Ján Jakub Naništa


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