Hilfswerk: Hexenwahn fordert heute mehr Todesopfer als in früheren Jahrhunderten

(Lesedauer ca. 2 Minuten)

Von 1627 …

https://www.youtube.com/watch?v=NgEMrUU7_DE

… bis 2025:

https://www.youtube.com/watch?v=DOq-Jss_yPA

Mit zwei KI-Kurzvideos macht das katholische Hilfswerk „Missio Aachen“ auf die Verfolgung und Stigmatisierung vor allem von Frauen und Mädchen als vermeintliche Hexen aufmerksam. Dem Historiker Werner Tschacher zufolge wurden seit 1960 weltweit mindestens 55.000 Menschen wegen angeblicher Hexerei getötet – mehr als während der Zeit der neuzeitlichen Hexenprozesse in Europa.

Angesichts von Klimakrise, Ressourcenkämpfen, Epidemien und Hunger seien steigende Opferzahlen zu erwarten, „da in unter Druck stehenden Gesellschaften Sündenböcke gesucht und gefunden werden“, sagte Tschacher. Für das laufende Jahr wurden in 46 Ländern der Erde Gewalttaten gegen Menschen dokumentiert, denen Hexerei vorgeworfen wird. Seit 2020 ruft „Missio“ den 10. August zum „Internationalen Tag gegen Hexenwahn“ aus.

https://kurzlinks.de/rj72

Die Fallstudie „Christina“ (Papua-Neuguinea) wird ausführlich in einer 80-seitigen Broschüre geschildert. Eine Publikation „Hexenwahn zwischen damals und heute“ steht ebenfalls zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Zum Weiterlesen:

Kommentare

11 Antworten zu „Hilfswerk: Hexenwahn fordert heute mehr Todesopfer als in früheren Jahrhunderten“

  1. Carsten Ramsel

    Der Vergleich heutiger Hexenverfolgung seit den 1960er Jahren weltweit und der neuzeitlichen Hexenverfolgung in Europa hinkt schon angesichts der Bevölkerungszahlen. Was möchte mir der Historiker damit sagen?

    Zum Thema Hexenverfolgung in der Neuzeit gibt es ein paar erhellende Videos des YouTubers Geschichtsfenster.

  2. Chusa More

    @ Carsten Ramsel

    Ich bin tatsächlich kein Spezialist für Hexenverfolgung, aber wenn man bedenkt, dass der Zeitraum, der der neuzeitlichen Hexenverfolgung zugeschrieben wird, ca. 300 Jahre umfasst und der Zeitraum, der als heutige Hexenverfolgung bezeichnet wird, ca. 65 jahre beträgt, ist ein Vergleich nicht so abwegig.

    Dazu noch ein Zitat aus der oben verlinkten ZDF-Seite (https://www.zdfheute.de/panorama/hexen-verfolgung-tod-zunahme-100.html):

    „Das Hilfswerk beruft sich auf Schätzungen des Kölner Historikers Werner Tschacher. Demnach wurden seit 1960 weltweit mindestens 55.000 Menschen wegen angeblicher Hexerei getötet. Für die Zeit der frühneuzeitlichen Hexenverfolgung zwischen dem 15. und dem 18. Jahrhundert geht Tschacher von rund 50.000 Todesopfern aus.“

    Und jenseits aller „Zahlenbetrachtungen“: Ich finde es sehr unerträglich und erschreckend, dass heutzutage tatsächlich noch Menschen Opfer von Hexenverfolgung werden und finde ein Engagement, um darauf aufmerksam zu machen und das womöglich auch zu verhindern, sehr begrüßenswert.

  3. Bernd Harder

    @Carsten Ramsel:

    des YouTubers Geschichtsfenster.

    War auch in unserer Sendung zu Gast:

    https://www.youtube.com/watch?v=DK-oP6HTyIY

  4. Carsten Ramsel

    @Chusa More

    Verstehe ich Sie richtig, dass Sie meinen, wenn es moralisch opportun ist, man sich die Fakten passend machen kann?

    In der unter Kolonialismusverdacht stehenden kulturwissenschaftlichen Forschung bemühen wir uns seit 2 Generationen, nicht jedes halbwegs ähnliche Phänomen unter denselben Begriff zu fassen und Vergleiche mit Europa zu vermeiden. Solange die Hexenverfolgung in afrikanischen und südamerikanischen Ländern nicht christlichen Ursprungs ist, verbieten sich derartige Vergleiche faktisch.

    Ob nun die Katholische Kirche der passende Advokat ist, auf die unterdrückte Situation von Frauen in außereuropäischen Gesellschaften aufmerksam zu machen, möchte ich dann doch bezweifeln. Zumindest der Verdacht drängt sich auf, dass es den Vertretern der Katholischen Kirche vor Ort nicht unbedingt um die Benachteiligung von Frauen gehen dürfte.

    Selbstverständlich war es damals in Europa und heute moralisch verwerflich einen Sündenbock zu suchen, um von den realen gesellschaftlichen Problemen abzulenken, aber diese Sündenbocktheorie betrachtet der erwähnte Andrej Pfeiffer-Perkuhn für Europa differenziert.

  5. Also ob es hilft oder nicht, zum Verständnis. In der Laienforschung stieß ich wegen der Herkunft meiner Oma aus Memel beispielsweise auf die Kuren. Das war die älteste Stadt in Ostpreußen (was eine christliche Kolonie war), wo noch bis ins 20. Jahrhundert hinein heidnische Bräuche erhalten blieben, wie mit der Kröte als Erdgöttin.

    Auf Genealogy Net ist zu „Redensarten“ zu erfahren: „Mit kurischen Marktfrauen legte sich keine Königsbergerin gerne an, fürchtete sie doch, von ihr verflucht zu werden.“ Sicherlich liegt das im Mittelalter, aber ich frage mich bloß warum es in meiner Stadt im Sauerland einen Hexenteich gibt und man dazu gar nichts erfährt? Laienforschung ist somit mein Hintergrund.

    Doch um zum Punkt zu kommen. Vor 20 Jahren war eines der ersten gelesenen Bücher von Oskar Wächter „Hexenprozesse“ (1882), dessen zu hohe Zählung woanders aber hinterfragt wurde (preußische Kulturkampf?). Auch wenn ich von der Kirche nicht gut reden mag, mag der Hexenwahn eher von der Bevölkerung ausgegangen sein, weshalb die Kirche manchen Mob zumindest abmilderte.

    Während der Sklaverei hingegen wurden von der Inquisition fünf Afrikaner:innen bezichtigt einer Hexensekte anzugehören (72 Jahre vor Salem). Grund war als Vorurteil ggf. die „teuflische“ Hautfarbe, so zu lesen in „African Slaves and the Witchcraft Trials in Cartagena de Indies“. 300 Jahre später war Jazz und Blues „Teufelsmusik“, so zu lesen bei der Washington Post in „Devil’s Music“.

    Wohin führt mich das kurz gesagt?

    Ich denke schon, dass das zumindest eine synchronoptische Geschichtsdarstellung sein kann. Nachdem ich vor über zehn Jahren ein Video aus Kenia einer Verbrennung sah, wollte ich verstehen, warum es zu der Anschuldigung kam? Bei Aljazeera konnte erfahren werden, dass (auch wenn arme und alte Menschen zu Opfern wurden) es um Neid ging, wie auch in anderen Fällen. Wenn der Mob in Europa aufgepeitscht wurde, schätze ich, dass auch hierbei Neid als Motiv eine Rolle spielte. Wenn „die“ Kirche heute auf den Hexenwahn aufmerksam macht, steht das dann nicht in einer Linie damit, dass in Europa der Mob in die Schranken gewissen wurde?

    PS: Neulich habe ich den „Demon Test“ vom Exorzist Bob Larson gemacht. Darin heißt es in der Antwort zu Frage 29: „Menschen mit afrikanischen Vorfahren sind häufig von Hexerei betroffen.“

  6. Carsten Ramsel

    @Edwin

    Ihnen ist es in Geschichte und Gegenwart gelungen ein Beispiel für eine „Hexen“verbrennung zu finden, in dem Neid eine Rolle spielt. Daraus ziehen sie verallgemeinernde Schlüsse. Einem ambitionierten Laienforscher mag das genügen; für einen Wissenschaftler ist es anekdotische Evidenz. Eine systematische Analyse der Gründe für die „Hexen“verbrennungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten können Sie nicht nennen. Auf mein zentrales Argument, dass es sich bei den „Hexen“ um unterschiedliche religiöse Traditionen handelt, sind Sie nicht eingegangen.

    Bedeutende Teile der Katholischen Kirche haben in der Neuzeit dem „Hexen“mob entgegengewirkt; wenn es politisch opportun erschien, haben sie den Mob wüten lassen. Missio Aachen begründet ihr Engagement gegen „Hexen“verfolgungen aber mit der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frau. Die Rechte und Pflichten der Gläubigen und besonders der Laien in der Katholischen Kirche finden Sie im CIC 208-231 festgelegt.

    Zusammenfassend: Sabine Demel, Beteiligungsrechte der Laien und Frauen in der katholischen Kirche (https://www.uni-muenster.de/Ejournals/index.php/jcsw/article/view/1288). Selbstverständlich finden wir in der Katholischen Kirche in Geschichte und Gegenwart auch theologisch und politisch einflussreiche Frauen – anekdotische Evidenz. Der Rest ist Anbiederung (social washing) an aktuellen gesellschaftlichen und politischen Realitäten.

    Und nein, ich setze ausdrücklich nicht die persönlichen und politischen Überzeugungen einzelner Katholikinnen und Katholiken mit den normativen Vorgaben der Katholischen Kirche gleich.

  7. @Carsten Ramsel

    In dem Kommentar versuchte ich mich kurz zu fassen. In Kenia war das auch eine Neidgeschichte, was sich dabei zumindest ähnelt. Ich denke halt, dass wir Menschen uns nicht viel geändert haben und wir quasi noch die selben sind. Das wird so auch gesagt in dem Film: Baltic Tribes. Und auch wenn ich das nicht verallgemeinern will, funktionieren wir doch recht ähnlich, wobei zumindest religiöse Vorstellungen altsteinzeitlicher Jäger sich schon ähnelten trotz unterschiedlicher Umweltbedingungen und ggf. weit verstreuter Menschengruppen.

    Ein Beispiel wäre vielleicht für unterschiedliche religiöse Traditionen von Karl dem Großen ein Gesetzestext: Capitulatio de partibus Saxoniae von 782. Demnach gab es die Todesstrafe für Menschen, die u.a. nach heidnischer Sitte ihre Toten bestatten oder auch Menschen als Hexen verbrannt oder deren Fleisch verzerrt haben. Ist natürlich nicht einfach herauszufinden, ob das so tatsächlich im Glauben der Sachsen vorgekommen war, da dazu wahrscheinlich nichts schriftlich überliefert wurde oder mir die archäologischen Bücher unbekannt sind. In der Zeit gab es erst die Todesstrafe für das Verbrennen von lebendigen und toten Körpern, bis der Gesetzestext abgelöst wurde durch Geldstrafen: Capitulare Saxonicum von 797.

    In einem Buch als Sammelwerk über Mythologien habe ich bislang zu anderen Hexen nichts gelesen. Von daher kenne ich nur die Hexen im Kontext der christlichen Mythologie. Und ja, ich kann da mehr durch die Popkultur beeinflusst sein, weil in dem Videospiel Silent Hill wird ein Kind als Hexe bezeichnet. Aber auch die eigene Erfahrung wird da mitschwingen, zumal ich u.a. wegen Metal aufgrund eines Falles in den Medien vor 24 Jahren ständig „Satan“ genannt wurde, obwohl ich sagte, daran nicht zu glauben. Das Vorurteil war ähnlich hartnäckig, wie mit den Verschwörungsmythen, weil das überall stattfinden konnte.

    Schlussendlich habe ich vor ein paar Jahren Eric Hoffer gelesen, The True Believer von 1951. Und er schreibt davon, dass so gesehen die Projektion mehr mit sich selbst zu tun hat, wenn man, (bzw. eine Massenbewegung) einen „Teufel“ als Feindbild hat. Gerne hätte ich auch schon Ludwig Feuerbach gelesen, zumal die Projektionstheorie mir zusagt, auch wenn er das Wort so nicht gebraucht hat. Und was die Unterdrückung der Frau angeht, so denke ich auch seit gut 25 Jahren, dass das mit dem Glauben an einen männlichen Gott als Vorbild zu tun haben mag, wo einer Frau keine Macht zugewiesen werden will, doch das ist nur meine Meinung dazu.

    Ich hoffe, dass das nun erhellend ist, weil mir ist es klar, dass eine systematische Aufarbeitung nicht nur mit einzelnen Beispielen machbar ist und man noch dazu lernen kann.

  8. Sebastian

    Scheint über die Jahre hinweg ja immer wieder ein Thema zu sein …

    Weltkarte Hexenwahn“ zeigt zwei neue afrikanische Länder
    Missio: Frauen werden in immer mehr Ländern als Hexen verfolgt, 10. August 2022

    https://www.kirche-und-leben.de/artikel/missio-frauen-werden-in-immer-mehr-laendern-als-hexen-verfolgt

  9. Chusa More

    Hier zur Ergänzung noch der Link zu einer ZDF-Sendung aus dem Jahr 2023, die m.E. in Kürze eine recht gute und ziemlich umfassende Darstellung der Problematik gibt, ein interessanter Brückenschlag zur Corona-Pandemie und kurz auch zu VTs und zur Rolle der Kirche sind ebenfalls darin enthalten:

    https://www.zdf.de/play/explainer/funk-collection-funk-12275-118/funk-moderne-hexenjagd-so-werden-weltweit-hexen-gejagt-i-atlas-102

  10. Eine kleine Anmerkung: Als ich gestern im Wartebereich saß, habe ich eine Frau bei einem Gespräch zugehört, die über ihren Glauben sprach. Sie als orthodoxe Griechin (?) meinte, dass Roma auf Kutschen wie Werwölfe aussehen und Hexen seien. Deshalb dachte ich direkt natürlich an das was hier berichtet wird.

    Die nächsten Wochen werde ich sie ggf. auch dazu mal befragen können. Und was mir sonst kurz einfällt, ist, dass die afrikanische Trommelmusik mit dem Teufel verbunden wurde, laut dem Podcast „Devil and the Deep Blue Sea“ von Christianity Today. Das wird kurz erwähnt. Vermutlich die Episode The Witchmobile oder Hell’s Bells. Also das was man nicht kennt, löst Ängste aus, wie ein dunkler Wald und die Geräusche.

    Ähnlich scheint sich das hin und wieder mit der Bildsprache zu verhalten und dem unsichtbaren Bösen, das dann Menschen übergestülpt wird.

  11. Carsten Ramsel

    Es ist rhetorisch geschickt, bestimmte Wesensmerkmale des Menschen in die Vorzeit zu verlegen. Ich werde auch nicht leugnen, dass es schon in Jäger- und Sammlergesellschaften sowohl Neid als auch magische Vorstellungen gegeben hat. Nur wie die Jäger*innen und Sammler*innen mit diesen magischen Vorstellungen umgegangen sind, dafür gibt es keinerlei Belege.

    Funk macht deutlich unter welchen erbärmlichen Umständen heutige „Hexen“ leben müssen. Diese Zustände sind mit Sicherheit zu kritisieren und jede Organisation, die diese Zustände mildert, ist erst einmal zu loben. Eine Verbindung zur europäischen Neuzeit fehlt; es sei denn, wir nehmen Hänsel und Gretel als Beschreibung gesellschaftlicher Realität.

    Und schließlich kann man katholische Berichte mit katholischen Berichten stützen. Dabei übersieht man allerdings, was missio für einen Zweck hat:

    missio ist für die Menschen da, die nicht im Brennpunkt stehen. Menschen, die angesichts von Kriegen und Krisen ins Abseits geraten. Hier schaut missio hin, handelt und hilft. Als internationales katholisches Hilfswerk führt missio den christlichen Auftrag der Kirche aus, [Hervorhebung von mir] gemeinsam mit den Partnerinnen und Partnern vor Ort. Für alle Menschen, die unsere Hilfe dringend brauchen: Egal welcher Religion, Herkunft, Hautfarbe oder welchen Geschlechts. (https://www.missio-hilft.de/ueber-missio)

    Der christliche Auftrag der (katholischen) Kirche ist die Verkündigung des Evangeliums in katholischer Lesart. Das soziale Engagement ist wie in Deutschland nur das (soziale) Vehikel für die Lehre. Und Frauenrechte gehören nicht zur katholischen Kernbotschaft (anekdotische Evidenz: Lippstadt). Es gehört aber sehr wohl zur katholischen Lehre, sich mit den eigenen religiösen Vorstellungen im Mittelpunkt ewiger Wahrheiten zu wähnen, während Menschen anderer religiöser Vorstellungen noch von dieser religiösen „Wahrheit“ überzeugt werden müssen. Das ist das Hauptanliegen von missio, steht ja schon im Namen.

    Ehe Bernd Harder nun die Reißleine zieht, verabschiede ich mich und danke für die interessante Diskussion.

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