Eine Zeitlang, ganz am Anfang, war die Sache mit den Astronautengöttern noch ganz lustig. Warum sollte sie es nicht auch geben – in einer Zeit, einer Welt der Science-Fiction?
Später artete die Sache in das Phänomen der Verhöhnung aller Wissenschaft und unbekümmerter Volksverdummung aus.
Das schrieb der Wissenschaftsautor Emil-Heinz Schmitz 1978 in seinem Däniken-Verriss
Beweisnot. Glanz und Elend der Astronautengötter, das Ende einer Legende
Nun ja, Wissenschaft interessierte mich damals, im Alter von zwölf Jahren, erheblich weniger als Parawissenschaften und Science-Fiction. Und statt Emil-Heinz Schmitz oder Ernst von Khuon („Waren die Götter Astronauten? Wissenschaftler diskutieren die Thesen Erich von Dänikens“) oder Gerhard Gadow („Erinnerungen an die Wirklichkeit“) verschlang ich lieber die Rubrik „Direkt von Däniken“ im Perry Rhodan Magazin, wo der Meister persönlich seine Kritiker mit allerlei Invektiven bedachte: „schwachsinnig“, „Spinnereien“, „Dummheit“ etc.:

Ganz lustig war das in der Tat. Auch der Sozialpsychologe Prof. Hans Anger bescheinigte 1969 im Spiegel den Däniken-Schmökern einen „unbestritten hohen Unterhaltungswert“. Umgekehrte, auf den Kopf gestellte Science-Fiction nannte Anger das. Der Schweizer Hotelier und Autor projiziere zukünftige technologische Entwicklungen einfach nach rückwärts, in die Vergangenheit, zudem ließen seine Theorien „der Phantasie des technologischen Laien viel mehr Spielraum, als es die manchmal bis ins letzte Detail ausgefeilte Science-Fiction-Literatur tut“.
Den „eigentlichen Trick“ Dänikens umschrieb Anger so:
Ein Buch über den Besuch zukünftiger irdischer Astronauten auf fremden Sternen hat nicht annähernd den Sensationswert wie die Behauptung, in grauer Vorzeit sei die Erde von außerirdischen Raumfahrern besucht worden.
Die Erkenntnis, dass Dänikens Spekulationen „technologisch und wissenschaftlich nur sehr dürftig ausgearbeitet sind“ (Anger), gehört wohl zur Sozialisation einer ganzen Generation von Skeptiker:innen. Sie reifte allmählich, nachdem der „Dänikenitis“ …

… zum Beispiel Aufklärungsformate wie Querschnitt mit Hoimar von Ditfurth entgegengesetzt wurden:

Die Zeit beschreibt Dänikens Methode so:
Bekanntlich lieben wir einfache Erklärungen für Phänomene, die uns nicht auf den ersten Blick einleuchten – umso mehr, wenn sie, wie antike Aliens, deutlich unterhaltsamer sind als komplizierte Theorien, etwa über historische Bauprozesse.
Und wenn sie dann auch die menschliche Sehnsucht nach theologischer Sinnstiftung erfüllen: noch besser! Dazu kommt das menschliche Talent zur Mustererkennung. Mit einer konkreten Theorie im Kopf lassen sich durch selektives Ignorieren und gezieltes Hervorheben von Befunden überzeugend wirkende Beweisketten konstruieren.
Das gilt insbesondere dort, wo die Datenlage herausfordernd ist: in der Archäologie so wie in der Medizin mit ihren statistisch anspruchsvoll zu deutenden Daten.
1995 traf ich Erich von Däniken dann persönlich bei der Frankfurter Buchmesse. In dem Gespräch bestätigte sich das, was Hans Höfling fünf Jahre davor in „Ufos, Urwelt, Ungeheuer“ geschrieben hatte:
Wo immer Däniken die Bibel aufschlägt – für ihn wird alles zur Reportage über die Astronautengötter.
So habe Moses mit Hilfe der Bundeslade, die er nach Anweisung der Götter bauen musste und die in Wirklichkeit eine Wechselsprechanlage gewesen sei, in ständiger Verbindung mit einem göttlichen Raumschiff gestanden
Die Vernichtung der sündigen Städte Sodom und Gomorrha erklärt er für das Werk einer „göttlichen“ Atombombe und das Buch Hesekiel für den Bericht von Landungen fremder Astronauten.
Warum die Fachwelt das anders sehe? Weil diese „Schlaumeier“ gehemmt seien durch „Sturheit und Voreingenommenheit“, weswegen es „Fantasten“ wie ihn brauche:
Es sind die Fantasten, die die Welt verändern, nicht die Erbsenzähler. Ein Ägyptologe kann mir die Schuhgröße des Pharaos sagen, die weiß ich natürlich nicht. Aber über meinen Fachbereich weiß ich mehr, und da können andere von mir lernen.
Glaubt der Mann das wirklich selbst? Oder ist von Däniken einfach nur ein Scharlatan, der vor mehr als einem halben Jahrhundert eine unzerstörbare Marktlücke aufgetan hat? Das wurde in der Skeptikerbewegung immer wieder kontrovers diskutiert. Vor kurzem erst fragte ich dazu den BR-Redakteur Christian Schiffer, der Däniken vor drei Jahren interviewte. Schiffer ist „absolut überzeugt“ davon, dass Däniken stets meinte, was er sagte – wenn auch wohl nur unter Aufbietung massiver Realitätsverweigerung:
Es gibt ja so Fälle von Verschwörungsunternehmern, wo man kaum dahinter schaut, inwieweit das Geschäft oder echte Denkart ist. Bei Erich von Däniken ist aus meiner Sicht eindeutig, dass er jeden Anflug von kognitiver Dissonanz vermeidet und alles ausblendet, was nicht zu seiner festen Anschauung passt.
Auch Sebastian Bartoschek veröffentliche 2012 ein ausführliches Gespräch mit Däniken:

Der Filmemacher Dave Leins hat Däniken diesen „unterhaltsamen Dokumentarfilm“ gewidmet:

Allerdings muss man rückblickend auch fragen, „ob es ein Fehler war, ihn einfach wegzulächeln“:
Hat Erich von Däniken über Jahrzehnte einen Möglichkeitsraum offen gehalten für all die hetzerischen Verschwörungstheorien der Gegenwart?
Der Journalist Daniel Ryser gab 2021 zu bedenken, dass Erich von Däniken sich schon lange an einem Kipppunkt und in einem Umfeld bewegt habe, „wo der Spaß aufgehört hatte“:
Ich frage mich, ob er sich heute, mit 85, angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt, wo nichts mehr wahr und alles möglich zu sein scheint, die Frage stellt, ob er mit seinen Büchern einen Geist aus der Flasche gelassen hat.
Und ob es ihm selbst überhaupt auffällt, wie nahe er an den hetzerischen Erzählungen dieser Zeit entlangsurft, wenn er zwar den Begriff „Lügenpresse“ verwirft, im nächsten Satz aber von der „Verschweigerpresse“ spricht.
Und was er dazu sagt, dass seine Bücher im Kopp Verlag erscheinen, wo der Sturz der Demokratie von rechts das geistige Kernprogramm ist.
Ryser fragte ihn. Die Antwort:
Man hat mich mit offenen Armen empfangen […] Die Abrechnung ist sauber und stimmt. Das ist für mich entscheidend.
Vor elf Jahren sagte Däniken in einem Spiegel-Interview, dass er die Rückkehr der Außerirdischen gerne noch erleben würde:
Ich bin voll dabei, bis ich in die Grube steige.
Das war er. Am Samstag ist der glückliche Fantast 90-jährig in einem Krankenhaus in Interlaken gestorben.
Zum Weiterlesen:
- Kapeller, Lukas „Aliens im Altertum: Was steckte hinter den Thesen des verstorbenen Erich von Däniken?“ derStandard (14. Januar 2026)
- Anderl, Sybille „Außerirdisch erfolgreich“ zeit (14. Januar 2026)
- Bartoschek, Sebastian/Herr, Robert „Zwischen Unsinn und Neugier: Warum Erich von Däniken wichtig war“ wahnsinnwissen (12. Januar 2026)
- Steinlein, Christina „Die zehn skurrilsten Thesen des Erich von Däniken“ focus (11. Januar 2026)
- „Ufo-Forscher Erich von Däniken ist tot“ spiegel (11. Januar 2026)
- Kapeller, Lukas „Außerirdische im Altertum? Schweizer Autor Erich von Däniken ist gestorben“ derStandard (11. Januar 2026)
- „Schweizer Alien-Forscher Erich von Däniken ist tot“ BR24 (11. Januar 2026)
- „Aliens trauern um Erich von Däniken“ DW (11. Januar 2025)
- Winkler, Willi „Aus Sicht des Alls und der Ewigkeit“ Süddeutsche (11. Januar 2026)
- Podcast „Paläo-SETI und die Frage nach Beweisen: Zwischen Wunschdenken und Wissenschaft“ Nachgefragt (29. August 2025)
- Bartoschek, Sebastian „90 Jahre Erich von Däniken – ein Gespräch von 2012 über Götter, Sterne und Skepsis“ Bartocast (21. April 2025)
- Ryser, Daniel „Der Altmeister“ zeit (21. März 2021)
- Schlesinger, Katja „Erich von Däniken: Die Hämorrhoide am Hintern der Wissenschaft“ Deutschlandfunk (14. April 2015)
- Leick, Philippe „Erich von Däniken wird 80“ ufo-information (14. April 2015)
- Lüpke, Marc „Alien-Forscher Erich von Däniken: Die einen kennen mich, die anderen können mich“ spiegel (12. April 2015)
- Bartoschek, Sebastian „Was der Kopp-Verlag macht, weiß ich nicht“ sebastian-bartoschek.de (10. November 2012)
- Freistetter, Florian „Götterdämmerung“ Astrodicticum simplex (18. Oktober 2008)


Schreibe einen Kommentar