Erich von Däniken: Der „glückliche Fantast“ ist tot

(Lesedauer ca. 7 Minuten)

Eine Zeitlang, ganz am Anfang, war die Sache mit den Astronautengöttern noch ganz lustig. Warum sollte sie es nicht auch geben – in einer Zeit, einer Welt der Science-Fiction?

Später artete die Sache in das Phänomen der Verhöhnung aller Wissenschaft und unbekümmerter Volksverdummung aus.

Das schrieb der Wissenschaftsautor Emil-Heinz Schmitz 1978 in seinem Däniken-Verriss

Beweisnot. Glanz und Elend der Astronautengötter, das Ende einer Legende

Nun ja, Wissenschaft interessierte mich damals, im Alter von zwölf Jahren, erheblich weniger als Parawissenschaften und Science-Fiction. Und statt Emil-Heinz Schmitz oder Ernst von Khuon („Waren die Götter Astronauten? Wissenschaftler diskutieren die Thesen Erich von Dänikens“) oder Gerhard Gadow („Erinnerungen an die Wirklichkeit“) verschlang ich lieber die Rubrik „Direkt von Däniken“ im Perry Rhodan Magazin, wo der Meister persönlich seine Kritiker mit allerlei Invektiven bedachte: „schwachsinnig“, „Spinnereien“, „Dummheit“ etc.:

https://www.perrypedia.de/wiki/Perry_Rhodan-Magazin

Ganz lustig war das in der Tat. Auch der Sozialpsychologe Prof. Hans Anger bescheinigte 1969 im Spiegel den Däniken-Schmökern einen „unbestritten hohen Unterhaltungswert“. Umgekehrte, auf den Kopf gestellte Science-Fiction nannte Anger das. Der Schweizer Hotelier und Autor projiziere zukünftige technologische Entwicklungen einfach nach rückwärts, in die Vergangenheit, zudem ließen seine Theorien „der Phantasie des technologischen Laien viel mehr Spielraum, als es die manchmal bis ins letzte Detail ausgefeilte Science-Fiction-Literatur tut“.

Den „eigentlichen Trick“ Dänikens umschrieb Anger so:

Ein Buch über den Besuch zukünftiger irdischer Astronauten auf fremden Sternen hat nicht annähernd den Sensationswert wie die Behauptung, in grauer Vorzeit sei die Erde von außerirdischen Raumfahrern besucht worden.

Die Erkenntnis, dass Dänikens Spekulationen „technologisch und wissenschaftlich nur sehr dürftig ausgearbeitet sind“ (Anger), gehört wohl zur Sozialisation einer ganzen Generation von Skeptiker:innen. Sie reifte allmählich, nachdem der „Dänikenitis“

https://www.youtube.com/watch?v=bSjPqFz7Yvg

… zum Beispiel Aufklärungsformate wie Querschnitt mit Hoimar von Ditfurth entgegengesetzt wurden:

https://www.youtube.com/watch?v=nU_ppUqrhGI

Die Zeit beschreibt Dänikens Methode so:

Bekanntlich lieben wir einfache Erklärungen für Phänomene, die uns nicht auf den ersten Blick einleuchten – umso mehr, wenn sie, wie antike Aliens, deutlich unterhaltsamer sind als komplizierte Theorien, etwa über historische Bauprozesse.

Und wenn sie dann auch die menschliche Sehnsucht nach theologischer Sinnstiftung erfüllen: noch besser! Dazu kommt das menschliche Talent zur Mustererkennung. Mit einer konkreten Theorie im Kopf lassen sich durch selektives Ignorieren und gezieltes Hervorheben von Befunden überzeugend wirkende Beweisketten konstruieren.

Das gilt insbesondere dort, wo die Datenlage herausfordernd ist: in der Archäologie so wie in der Medizin mit ihren statistisch anspruchsvoll zu deutenden Daten.

1995 traf ich Erich von Däniken dann persönlich bei der Frankfurter Buchmesse. In dem Gespräch bestätigte sich das, was Hans Höfling fünf Jahre davor in „Ufos, Urwelt, Ungeheuer“ geschrieben hatte:

Wo immer Däniken die Bibel aufschlägt – für ihn wird alles zur Reportage über die Astronautengötter.

So habe Moses mit Hilfe der Bundeslade, die er nach Anweisung der Götter bauen musste und die in Wirklichkeit eine Wechselsprechanlage gewesen sei, in ständiger Verbindung mit einem göttlichen Raumschiff gestanden

Die Vernichtung der sündigen Städte Sodom und Gomorrha erklärt er für das Werk einer „göttlichen“ Atombombe und das Buch Hesekiel für den Bericht von Landungen fremder Astronauten.

Warum die Fachwelt das anders sehe? Weil diese „Schlaumeier“ gehemmt seien durch „Sturheit und Voreingenommenheit“, weswegen es „Fantasten“ wie ihn brauche:

Es sind die Fantasten, die die Welt verändern, nicht die Erbsenzähler. Ein Ägyptologe kann mir die Schuhgröße des Pharaos sagen, die weiß ich natürlich nicht. Aber über meinen Fachbereich weiß ich mehr, und da können andere von mir lernen.

Glaubt der Mann das wirklich selbst? Oder ist von Däniken einfach nur ein Scharlatan, der vor mehr als einem halben Jahrhundert eine unzerstörbare Marktlücke aufgetan hat? Das wurde in der Skeptikerbewegung immer wieder kontrovers diskutiert. Vor kurzem erst fragte ich dazu den BR-Redakteur Christian Schiffer, der Däniken vor drei Jahren interviewte. Schiffer ist „absolut überzeugt“ davon, dass Däniken stets meinte, was er sagte – wenn auch wohl nur unter Aufbietung massiver Realitätsverweigerung:

Es gibt ja so Fälle von Verschwörungsunternehmern, wo man kaum dahinter schaut, inwieweit das Geschäft oder echte Denkart ist. Bei Erich von Däniken ist aus meiner Sicht eindeutig, dass er jeden Anflug von kognitiver Dissonanz vermeidet und alles ausblendet, was nicht zu seiner festen Anschauung passt.

Auch Sebastian Bartoschek veröffentliche 2012 ein ausführliches Gespräch mit Däniken:

https://bartocast.de/90-jahre-erich-von-daeniken-ein-gespraech-von-2012-ueber-goetter-sterne-und-skepsis/

Der Filmemacher Dave Leins hat Däniken diesen „unterhaltsamen Dokumentarfilm“ gewidmet:

https://www.3sat.de/wissen/wissen-in-3sat/auf-der-spur-von-ausserirdischen-100.html

Allerdings muss man rückblickend auch fragen, „ob es ein Fehler war, ihn einfach wegzulächeln“:

Hat Erich von Däniken über Jahrzehnte einen Möglichkeitsraum offen gehalten für all die hetzerischen Verschwörungstheorien der Gegenwart?

Der Journalist Daniel Ryser gab 2021 zu bedenken, dass Erich von Däniken sich schon lange an einem Kipppunkt und in einem Umfeld bewegt habe, „wo der Spaß aufgehört hatte“:

Ich frage mich, ob er sich heute, mit 85, angesichts einer aus den Fugen geratenen Welt, wo nichts mehr wahr und alles möglich zu sein scheint, die Frage stellt, ob er mit seinen Büchern einen Geist aus der Flasche gelassen hat.

Und ob es ihm selbst überhaupt auffällt, wie nahe er an den hetzerischen Erzählungen dieser Zeit entlangsurft, wenn er zwar den Begriff „Lügenpresse“ verwirft, im nächsten Satz aber von der „Verschweigerpresse“ spricht.

Und was er dazu sagt, dass seine Bücher im Kopp Verlag erscheinen, wo der Sturz der Demokratie von rechts das geistige Kernprogramm ist.

Ryser fragte ihn. Die Antwort:

Man hat mich mit offenen Armen empfangen […] Die Abrechnung ist sauber und stimmt. Das ist für mich entscheidend.

Vor elf Jahren sagte Däniken in einem Spiegel-Interview, dass er die Rückkehr der Außerirdischen gerne noch erleben würde:

Ich bin voll dabei, bis ich in die Grube steige.

Das war er. Am Samstag ist der glückliche Fantast 90-jährig in einem Krankenhaus in Interlaken gestorben.

Zum Weiterlesen:

Kommentare

4 Kommentare zu „Erich von Däniken: Der „glückliche Fantast“ ist tot“

  1. Ralf Neugebauer

    Ich will nicht verhehlen, dass ich seinerzeit Däniken total spannend und durchaus zunächst überzeugend gefunden habe.

    Aber irgendwie war er auch mein Einstieg in die Skeptiker-Szene. Also zwiespältig.

    Aber im Schwurbel-Kontext war er unterhaltsam und m.E. auch weniger gefährlich, als manch ein anderer. Möge er in Frieden ruhen. Ich fand seine Bücher recht unterhaltsam.

  2. Bernd Harder

    @Ralf Neugebauer:

    und m.E. auch weniger gefährlich

    Kommt drauf an. In den letzten Jahren war er, relativ unbemerkt, recht hart verschwörungsideologisch unterwegs:

    https://x.com/vonDaeniken/status/1915054606159397342

    https://x.com/vonDaeniken/status/1904170396787593299

    https://x.com/vonDaeniken/status/1883556151499145399

    https://x.com/vonDaeniken/status/1868694930614530088

  3. Bernd Harder

    Erich von Däniken: Präastronautik, Quellen & die größten Mythen

    https://www.youtube.com/watch?v=-VJwiWoKd_g

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