Brennender Stern: Nostradamus dichtet und Kim Kardashian ärgert sich über ihre Wahrsager

(Lesedauer ca. 6 Minuten)

Ein wahres Wort von Kim Kardashian:

Don’t believe anything they say.

Die US-Aktrice ist durch die kalifornische Anwaltsprüfung gerasselt – obwohl mindestens vier Wahrsager:innen ihr einen Erfolg prophezeit hatten:

https://www.tiktok.com/@enews/video/7571973592682958135

I’m just letting you guys know that all of the f- – -ing psychics that we have met with and that we’re obsessed with are all f- – -ing full of s- – –

They all collectively, maybe four of them, have told me I was gonna pass the bar. So they’re all full pathological liars. Don’t believe anything they say.

Aber nicht einmal diese heftige Tirade reicht aus, um manche Vertreter der Glaskugel-Zunft angemessen zu würdigen:

https://www.youtube.com/watch?v=IEKO_i3J1qM

Dieser feine Herr zum Beispiel erklärt uns Thomas Gottschalks Krebserkrankung mit irgendwelchen „astromedizinischen Konstellationsbildern“:

Er hat Mond/Pluto, indem er einen Mond im achten Feld stehen hat, und er hat auch Mond/Saturn, in dem Sinne, dass der Mond ein sehr genaues Quadrat zum Saturn rüber hat, der in 11 steht. Er hat also Mond/Pluto, Mond/Saturn, dieser Mond steht im Zwilling, und die Sache kann deshalb körperlich in Erscheinung treten.

Dass dieses sinnfreie Kauderwelsch wirklich ernst gemeint ist, können wir uns nur schwer vorstellen. Vermutlich geht es eher darum, die „hervorragenden Fernlehrgänge“ zu verhökern beziehungsweise das „mit 799 Euro extrem preiswerte Angebot für ein komplettes AstroMedizin & Astrologie-Studium“.

Das kann man wohl nicht anders nennen als eine simple Variante von Fake-Werbung mit Prominenten. Die beherrscht auch Elizabeth Teissier ganz gut, die in der Welt mal wieder beiläufig erwähnt, dass sie „König Juan Carlos“ berate. Immerhin sagt die „Grand Dame der Astrologie“ für 2026

… eines der besten Jahre seit Langem

voraus.

Das verwundert, denn andere berühmte „Hellseher“, wie Baba Wanga und Nostradamus, „warnen“ angeblich vor 2026.

Zu Baba Wanga haben wir hier bereits alles gesagt.

Und Nostradamus war kein „Seher“, sondern ein orakulärer Poet, der die zeitgenössische Vorzeichen-Literatur ausschlachtete und sie in Beziehung zu Ereignissen seiner Gegenwart im 16. Jahrhundert setzte. Denn nachdem der Vorzeichenglaube in der Antike – vor allem bei den Römern – einen ersten Höhepunkt erlebt hatte, kam es während Nostradamus‘ Lebzeiten zu einer Wiederentdeckung:

Ob Nordlichter, Nebensonnenerscheinungen, Sonnenfinsternisse, Kometen, Kornregen, Blutwunder, Wunderbrunnen, Geistererscheinungen, Auferstehungen, Missgeburten und so weiter:

Sie alle sorgten bei den Menschen der Frühen Neuzeit für Angst und Schrecken, da sie als Zeichen Gottes galten, der die Menschen für ihre Sünden bestrafen und vor größerem Unheil warnen möchte,

schreibt die Volkskundlerin Michaela Hammerl.

Denn das 16. Jahrhundert war gekennzeichnet „von Kriegen, Epidemien, dem Niedergang der alten Ordnung“. Der Großteil der vermeintlich so mysteriösen Symbolik in den Nostradamus-Versen entstammt der Prodigien-Literatur, zum Beispiel den Büchern von Conrad Lycosthenes, die kurz vor (1552) und während (1557) Nostradamus‘ Arbeit an den „Centurien“ herauskamen.

Auch bei dem römischen Schriftsteller Julius Obsequens bediente sich Nostradamus ungeniert, was in der Wikipedia zurückhaltend so umschrieben wird:

Die Prophezeiungen („Centuries“) des Nostradamus wurden von Julius Obsequens beeinflusst.

Tatsächlich hat Nostradamus ganze Vierzeiler (Quatrains) aus dem Liber prodigiorum von Julius Obsequens zusammengesetzt. Zum Beispiel diesen, den die Berliner B.Z. als „dunkle Vorhersage“ für 2026 deutet:

https://www.bz-berlin.de/welt/nostradamus-vorhersage-2026-bienen-blut

Es geht um Vers 41 der zweiten Centurie:

http://nostradamus-prophezeiungen.de/centurien/2d.html

Sowohl der Stern, der sieben Tage lang brennt, als auch der heulende Hund finden sich im Kapitel 68 des Liber prodigiorum von Julius Obsequens:

https://topostext.org/work/742

Hier mit Übersetzung:

http://aillyacum.de/Obsequens.html

Solche Himmelserscheinungen sind auch im „Augsburger Wunderzeichenbuch“ aus dem 16. Jahrhundert abgebildet:

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Augsburger_Wunderzeichenbuch,_Folio_28.jpg

Der „heulende Hund“ kommt auch im Kapitel 63 des Liber prodigiorum von Julius Obsequens vor:

http://aillyacum.de/Obsequens.html

Und ein weiterer brennender/leuchtender Stern in Kapitel 20:

http://aillyacum.de/Obsequens.html

Die „zwei Sonnen“ (manchmal auch drei) sind ein bekanntes Vorzeichen, das sehr wahrscheinlich auf eine Halo-Erscheinung zurückgeht und ebenfalls im „Augsburger Wunderzeichenbuch“ beschrieben wird:

https://kurzlinks.de/cppt

Im Liber prodigiorum von Julius Obsequens taucht dieses Omen im Kapitel 43

http://aillyacum.de/Obsequens.html

und 41 auf:

http://aillyacum.de/Obsequens.html

Kurz gesagt:

Nostradamus hat für 2026 weder „einen Kometen oder Meteoriteneinschlag“ noch sonstwas vorhergesehen, sondern nur bekannte Motive aus den Prodigien-Schriften mit mehrdeutigen Orts- und Zeitangaben zu einer „absonderlichen, befremdlichen und faszinierenden Poesie“ (Elmar R. Gruber) kompiliert.

Nichts davon weist „Parallelen zum aktuellen geopolitischen Kontext“ auf, wie der TV-Sender Euronews meint – auch nicht die angebliche Vernichtung des Tessin in diesem Jahr:

https://de.euronews.com/kultur/2025/12/16/nostradamus-2026

Das bezieht sich auf Vers 26 der zweiten Centurie:

https://kurzlinks.de/egu8

Hier ist der Fluss Tessin (Ticino) gemeint, wo 218 v. Chr. ein blutiges Gefecht zwischen den Römern und Hannibal stattfand.

Über solche und andere Vorher- und Nachhersagen sprechen wir auch am Montagabend (12. Januar, 19.30 Uhr) im WTF-Talk. Das Video gibt’s anschließend bei Youtube.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Freepik/Prostooleh

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