Chemtrails und der Raclette-Onkel: Verschwörungstheorien bleiben ein Dauerthema

(Lesedauer ca. 6 Minuten)

In den USA glauben mittlerweile 20 Prozent der Bevölkerung, dass die Regierung Chemikalien in der Atmosphäre versprüht, um der Erderwärmung entgegenzuwirken. Immer mehr Bundesstaaten beschließen Gesetze dagegen – was in etwa einem Verbot von Einhörnern und dem Bigfoot gleichkommt, wie der Klimaforscher Andrew Dessler vom Texas Center for Extreme Weather erklärt.

In Deutschland ist es immer wieder die AfD-Bundestagsabgeordnete Nicole Höchst, die sich mit Anträgen und Beschlussempfehlungen zur angeblichen „Sicherheitsbedrohung durch Geoengineering“ hervortut. News listet „Chemtrails 2.0“ denn auch unter den fünf viralsten Verschwörungstheorien 2025 auf.

Auch der bayerische Liedermacher Hans Söllner glaubte daran. Am 11. Dezember schrieb die Süddeutsche Zeitung:

Vor einigen Monaten hat er auf Instagram ein Posting gemacht, das Kondensstreifen im Himmel in Zusammenhang mit absichtlich versprühten Chemikalien bringt – die so absurde wie beliebte Verschwörungsidee von den Chemtrails.

Glaubt er das tatsächlich? Söllner sagt, man habe ja lesen können, dass es da einen Piloten gab von der Lufthansa, der sich geweigert habe, irgendwelche Schleusen zu öffnen, um Gift abzulassen, und deswegen gekündigt worden sei.

Wo er das gelesen hat? Weiß er nicht mehr.

Immerhin:

Zwei Stunden nach dem Gespräch über Chemtrails schreibt Söllner eine lange Nachricht per Whatsapp:

„Ich habe jetzt noch mal nachgeschaut wegen dem Piloten, und ja, ich bin überrascht, dass das Internet wie ein Märchenbuch funktioniert und ich immer noch darauf reinfalle. Ich recherchiere eben nicht, das ist mein Problem (…). Scheiße.“ Fünf Smileys.

Der Artikel über den gekündigten Piloten findet sich immer noch im Netz: beim Satireportal Der Postillon.

Aufmerksamkeit erfuhr das Thema Verschwörungstheorien im vergangenen Jahr auch durch das neue Buch von Michael Butter:

Die Alarmierten – Was Verschwörungstheorien anrichten

https://www.youtube.com/watch?v=qWttQ7fTDFw

Interviews mit dem Tübinger Kulturwissenschaftler gab es bei verschiedenen Podcasts, zum Beispiel:

https://open.spotify.com/episode/3XsvZiwMEBUZbDAA3oRQ5N

Das längste (und empfehlenswerte) Gespräch mit Butter führte Jan Skudlarek. Im Nicht noch ein Politik-Podcast geht es auch um kontroverse Fragen, wie etwa den Begriff „Verschwörungstheorien“, ob der Glaube an eine flache Erde gefährlich ist oder nicht, ob Verschwörungstheorien nicht auch ein Motor der Demokratisierung sein können und ob die vielen staatlich geförderten Projekte gegen den Verschwörungsglauben wirklich zielführend sind.

In „Die Alarmierten“ zieht Butter das Fazit:

In Deutschland seien Verschwörungstheorien im Unterschied zu den USA nicht ursächlich verantwortlich für die Krise der Demokratie.

Vielmehr seien sie ein Symptom der Krise unserer demokratischen Gesellschaft. Ernst nehmen müsse man sie aber allemal.

Die größte Gefahr, die in Deutschland derzeit von Verschwörungstheorien ausgeht, sind laut Butter Umsturzpläne von Reichsbürgergruppen. Das wirksamste Mittel gegen Verschwörungstheorien seien Investitionen in Bildung und Infrastruktur, die Bewahrung des Sozialstaats, die Gewährleistung von Aufstiegschancen und der Kampf gegen ökonomische Ungleichheit. „All das mag richtig sein“, kommentiert die FAZ, „es lässt sich jedoch als reichlich unkonkreter Lösungsvorschlag auf nahezu jeden Missstand münzen“.

Warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben, erklärt Butter mit einem „Gefühl eines Kontrollverlusts im Privaten oder Beruflichen“:

Verschwörungstheorien stiften Sinn und bieten die Illusion von Orientierung.

Wenn man unter dem Eindruck eines realen oder möglichen Kontrollverlusts leidet oder das Gefühl hat, dass Sicherheiten wegbrechen, bieten Verschwörungstheorien scheinbar Erklärungen und Halt.

Das Gefühl des Kontrollverlusts kann sich auf das eigene Leben beziehen, aber auch auf die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt, oder das Land, mit dem man sich identifiziert.

Weitere Gespräche zum Thema Verschwörungstheorien gab es in den letzten Tagen mit

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0747563225003176

Natürlich ging es dabei auch um den Umgang mit Verschwörungsgläubigen, wie jedes Jahr an Weihnachten – was rechtspopulistische Medien wie NIUS zu launigen Abhandlungen über den „rechten Onkel am Raclette-Tisch“ provozierte, etwa hier oder hier. Wenig überraschend zeigt eine neue KI-Studie von der Uni Bern, dass am besten „das freundliche Interesse“ funktioniert:

Wenn sich die Gesprächspartner in ihrer Sichtweise verstanden fühlten, wurden sie auch selbst offener.

Sie ließen sich eher auf neue Informationen ein, selbst wenn diese ihrer ursprünglichen Meinung widersprachen, bewerteten Gegenargumente als glaubwürdiger und zeigten am Ende sogar eine höhere Bereitschaft, ihr Verhalten zu ändern (etwa beim Impfen oder Wählen).

Wenn dagegen die Chatbots versuchten, die Meinung ihres Gegenübers allein durch faktenbasierte Argumente zu verändern, erwies sich das als weitgehend fruchtlos.

Das entspricht weitgehend dem, was auch Forscher an der MIT Sloan School of Management in Massachusetts 2024 herausfanden.

Ein neues Buch zum Thema

Verschwörungstheorien als Herausforderung in der Pädagogik und Politischen Bildung

erscheint im Februar.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Freepik/Mateus Andre

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