Für nichts und wieder nichts: Das stille Ende der Homöopathie-Studie des bayerischen Landtags

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Erinnert sich noch jemand an die Homöopathie-Studie im Auftrag des bayerischen Landtags?

Zur Auffrischung:

2019 genehmigte der bayerische Landtag mit den Stimmen der Fraktionen von CSU und Freien Wählern einen Antrag für eine klinische Studie mit der Frage, ob durch Homöopathie der Einsatz von Antibiotika reduziert werden kann.

Konkret sollte an 240 Probandinnen mit regelmäßigen Harnwegsinfekten getestet werden,

… ob die Frauen seltener Antibiotika verschrieben bekommen, wenn sie homöopathische Zuckerkügelchen erhalten, hochverdünnt basierend auf Ausgangsstoffen wie Petersilie, Blei, Fluss- oder Phosphorsäure, als wenn sie „Placebo“-Globuli nehmen, die nicht nach homöopathischer Tradition hergestellt worden sind.

Schlappe 800.000 Euro standen für diese Narretei zur Verfügung.

Fünf Jahre später, im November 2024, vermeldete die FAZ dann das Aus:

Die Studie hat die Rekrutierung abgebrochen, da die erforderliche Zahl an Probandinnen in einem sinnvollen Zeitraum nicht erreichbar gewesen wäre.

Am Ende wollten lediglich 40 Versuchspersonen mitmachen.

https://clinicaltrials.gov/study/NCT05545514

Den neuesten Stand dieser lächerlichen Affäre gibt heute der Gesundheitsblogger Joseph Kuhn wieder:

Um den Begriff „abgebrochen“ gab es noch ein bisschen Streit, formal wurde die Laufzeit der Studie bis Anfang 2026 verlängert, aber de facto war sie zu Ende. Es konnten nur 40 Patientinnen rekrutiert werden, sie sollten nachbeobachtet werden. Warum auch immer. Das Geld war ja da.

Auf ClinicalTrials.gov wurden die Studieninformationen nicht mehr aktualisiert. Last update 8. November 2024, dann irgendwann: „Status unknown“.

Aber im EU Clinical Trials Register ist bereits vor einiger Zeit still und heimlich der Endbericht eingestellt worden. Leider erfährt man daraus weder, warum nur 40 Patientinnen rekrutiert werden konnten, auch nicht, warum davon nur 22 bis Studienende dabei waren.

Das Ergebnis bei diesen Fallzahlen, pharmakologisch ohnehin nicht anders erwartbar: nichts.

„Ein wahrhaft homöopathisches Ergebnis“, kommentiert Kuhn.

Das heißt allerdings noch lange nicht, dass die Vernunft sich überall in der bayerischen Politik Raum greift. Die Wanderausstellung „Kulturgeschichte der Homöopathie in Bayern“ wird von einem Landtagsabgeordneten der CSU hofiert, und eben jener Herr Seidenath protestiert auch gegen das geplante Aus für die Homöopathie auf Kassenkosten, zusammen mit dem ehemaligen bayerischen Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) und dem Allgäuer CSU-Bundestagsabgeordneten Stephan Stracke.

Auch dazu hat Kuhn bereits einen Kommentar verfasst:

Was von den gutbürgerlichen und gut verdienenden Zuckerfreunden noch niemand erklären konnte: Wenn sie die Homöopathie so sehr schätzen, warum können sie die paar Euro dafür nicht aus eigener Tasche zahlen?

Auch für Brillen und Zahnersatz, beides zweifellos nützlich, zahlt man selbst.

Ob es am Ende doch einfach nur um Klientelpolitik geht, um globuliaffine Wähler:innen und Hersteller vor Ort, um das „C“ im Namen der eigenen Glaubensgemeinschaft?

Ob indes der Starrsinn von einigen Altpolitikern ausreicht, um noch eine entscheidende Wende für ihre geliebten Globuli herbeizuführen, scheint mehr als fraglich. Vor der geplanten Schlussabstimmung über das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz am 10. Juli beklagen sogar beinharte Lobbyisten das „Verschwinden“ der Homöopathie aus der parlamentarischen Debatte und zeichnen ein „ernüchterndes Bild“ der Lage.

Ist ja auch nicht so, dass es bei dieser Debatte nicht um unendlich wichtigere Themen gehen würde.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Pixabay/A_Different_Perspective

Kommentare

10 Kommentare zu „Für nichts und wieder nichts: Das stille Ende der Homöopathie-Studie des bayerischen Landtags“

  1. Carsten Ramsel

    Wäre es nicht die Aufgabe einer Ethikkommission, solche Forschung zu unterbinden?

  2. @ Carsten Ramsel

    Die Ethikkommission der TU München hatte zugestimmt. Leider ist das Ethikvotum meines Wissens nach wie vor nicht öffentlich verfügbar.

  3. Ich habe die Ethikkommission vor geraumer Zeit direkt angefragt, unter Hinweis auf die Voraussetzungen der klinischen Forschung am Menschen nach der Helsinki-Deklaration.

    Es gab sogar ein Telefongespräch, das aber eigentlich nur zum Inhalt hatte, dass man sich zu dieser hoch schwierigen Problematik nicht so gerne äußern wollte.

  4. Bernd Harder

    Homöopathie verliert massiv: Nur noch 10% vertrauen der Alternativmedizin

    https://www.ad-hoc-news.de/wissenschaft/homoeopathie-verliert-massiv-nur-noch-10-percent-vertrauen-der/69678180

    Homöopathie verliert Vertrauen: Evidenz trifft auf Verbraucherskepsis

    https://www.it-boltwise.de/homoeopathie-verliert-vertrauen-evidenz-trifft-auf-verbraucherskepsis.html

  5. Carsten Ramsel

    Danke, Joseph Kuhn und Udo Endruscheit, für die Aufklärung. Die Ethikkommission der MedUni Wien handelt dann vermutlich ähnlich.

    Bernd Harder schrieb, dass für die Studie € 800.000 budgetiert wurden. Bei einem Jahresbruttoeinkommen (E 13, 100%) von € 57.700 bis € 86.000 konnten über 5 Jahre davon einige Wissenschaftliche Mitarbeiter ihre Karriere vorantreiben.

  6. @ Carstel Ramsel:

    Nur am Rande: So kann man Personalkosten nicht kalkulieren. Anzusetzen wären Personalvollkosten, das sind für E13 deutlich über 100.000 Euro. Aber dafür kriegt man keine Ärzte.

    Zum finanziellen Stand der Dinge Ende 2024:

    https://www.bayern.landtag.de/www/ElanTextAblage_WP19/Drucksachen/Schriftliche%20Anfragen/19_0004423.pdf

  7. Carsten Ramsel

    @Joseph Kuhn

    Danke. Das erklärt mir auch, warum ich mein Gehalt verhandeln sollte, als ich mich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Medizinischen Fakultät beworben habe.

  8. @Carsten Ramsel:

    Die Ethikkommission der MedUni Wien ist bei der Frass-Studie regelrecht behumst worden (um mal einen alten, nicht anstößigen Begriff zu verwenden).

    Der Antrag von Frass lautete lediglich dahin, dass bei LungenkrebspatientInnen mittels Fragebögen Zustandsveränderungen und Verläufe erfragt werden sollten. Dass eine große prospektive Homöopathiestudie folgte, hat er lange nicht offengelegt.

    Das korrespondiert wiederum mit seiner Verschleierungstaktik, die er bei der Registrierung bei clinicaltrials.gov betrieben hat, um die Verläufe seinen Ergebnissen anzupassen.

    Von der Ethikkommission der MedUni gab es ein ziemliches Grollen in Richtung Frass, zudem wurde diese von der Forschungsrektorin noch einmal ins Gebet genommen.

    Insofern schon große Unterscheide gegenüber der TU München …

  9. Sieben Jahre später liegt das Ergebnis vor. Es könne „kein signifikanter Unterschied“ zwischen der Behandlung mit einem Homöopathikum und einem echten Placebo festgestellt werden, heißt es im Klinischen Studienreport der Technischen Universität München (TUM), die die Studie im Auftrag des bayerischen Gesundheitsministeriums durchführte. Der Studienreport liegt WELT vor.

    Statt der erhofften 280 Frauen waren es am Ende nur 39, die das Studienprogramm durchliefen. Auch eine massive Rekrutierungskampagne der Universität änderte daran nichts. Die Hochschule schaltete sogar Werbeflächen in der Münchner U-Bahn – ohne Erfolg. Die Datenbasis blieb also kleiner als erhofft. Gleichwohl zogen die Forscher ihre Untersuchung durch und konnten über die für jede Patientin neunmonatige Untersuchungsdauer Zahlen gewinnen. Daraus errechneten sie ein Risikoverhältnis von 1,16 im Vergleich der beiden Gruppen – ein statistischer Messwert, der ähnliche Wirkungen anzeigt und aus dem die Forscher ihre Schlussfolgerung zogen.

    Die Studie stellte das Institut dem Gesundheitsministerium und den Landtagsfraktionen zur Verfügung. CSU, AfD und Freie Wähler akzeptierten das Studienergebnis auf WELT-Anfrage, die Grünen reagierten als einzige Fraktion nicht. „Eine Überlegenheit homöopathischer Arzneimittel gegenüber Placebo konnte nicht belegt werden“, teilte der gesundheitspolitische Sprecher der CSU-Fraktion, Bernhard Seidenath, mit. „Das nehmen wir zur Kenntnis.“

    Das bayerische Gesundheitsministerium sah sich zu einer Antwort auf die Fragen von WELT kurzfristig nicht in der Lage. Allerdings hatte Ministerin Judith Gerlach (CSU) bereits Ende Juni die wesentlichen Resultate in einem Schreiben an Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) zusammengefasst. Das Schreiben liegt WELT ebenfalls vor.

    Auch Gerlach räumt darin ein, dass die Studie „keine Belege erbringen“ konnte, „dass die prophylaktische Gabe eines homöopathischen Arzneimittels der Gabe eines Placebos überlegen war“. Gerlach verwies auch darauf, dass die Resultate „vor dem Hintergrund der bestehenden Limitationen zu betrachten“ seien, und nannte als „Limitation“ die „geringe Fallzahl“.
    In einer bisher nicht veröffentlichten Antwort Gerlachs auf eine parlamentarische Anfrage der SPD-Politikerin Waldmann schlüsselte Gerlach auch die Kosten für die Studie auf. Demnach hat die Technische Universität München dafür aus der Landeskasse in den Jahren 2021 bis 2024 insgesamt 635.000 Euro erhalten. Für die in der Studie verwendeten Globuli seien insgesamt knapp 100.000 Euro ausgegeben worden, von denen wiederum knapp 70.000 Euro „aus Haushaltsmitteln des Freistaats bereitgestellt“ worden seien. Das Geld für die Werbekampagne habe die Universität „aus Eigenmitteln“ bezahlt – was Waldmann so kommentierte: „Auch das sind ja Steuergelder.“

    https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a58bbc1f127abe2ae490109/ersatz-fuer-antibiotika-mehr-als-700-000-euro-steuergeld-fuer-eine-studie-zum-nutzen-der-homoeopathie.html

  10. https://www.welt.de/kultur/plus6a5a14bf61b8a80211aa98c2/homoeopathie-studie-bayern-kaufte-zweieinhalb-tonnen-zucker-pro-patientin.html

    Die wirtschaftliche Bilanz der Studie liest sich interessant. Knapp 100.000 Euro wurden für die verwendeten Globuli ausgegeben. Gemäß dem gängigen Kilopreis für Haushaltszucker sollte man für das Budget circa 100 Tonnen Zucker bekommen, also vier volle Sattelzüge. Aufgeteilt auf die 39 Teilnehmerinnen ergibt das eine Pro-Kopf-Ration von zweieinhalb Tonnen Zucker. Die Probandinnen haben die Kügelchen während der neunmonatigen Testphase wohl nicht geschluckt, sonst wäre eine anderweitige Behandlung nötig.

    Am 10. Juli hat der Bundestag die Homöopathie aus dem Leistungskatalog gestrichen, sieben Tage bevor in Bayern das Studienergebnis mitgeteilt wurde. Die CSU nahm es „zur Kenntnis“. Die AfD-Fraktion teilte mit, aus den Ergebnissen lasse sich „weder ein genereller Wirksamkeitsnachweis noch eine generelle Unwirksamkeit der Homöopathie ableiten“. Man darf von einem erkenntnistheoretischen Globulus sprechen: je dünner der Beleg, desto fester die Überzeugung.

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