Wie Klimawandel-Leugner auf menschenverachtende Weise Todesfälle kleinreden, wie man wissenschaftlich korrekt Tote zählt und warum das gar nicht so einfach ist.
von Florian Aigner
Wenn ein Space Shuttle explodiert, mitsamt der siebenköpfigen Besatzung, dann hat die Explosion sieben Menschen getötet. Das ist ziemlich klar und unstrittig. Aber was ist, wenn eine Hitzewelle Leute umbringt? Wie viele Todesopfer fordert sie dann? Lässt sich das überhaupt ausrechnen?
Klar ist: Wenn es sehr heiß ist, dann sterben mehr Leute als sonst. Das lässt sich an den Sterbestatistiken ganz eindeutig ablesen. In extremen Hitzephasen steigt die Zahl der Todesfälle immer wieder um 10 bis 30 Prozent, bei der großen Hitzewelle in Frankreich im Jahr 2003 starben sogar 55 bis 60 Prozent mehr Menschen als gewöhnlich. Aber kann man diese Zahlen nun als Hitzetote verbuchen? Wird der Klimawandel, der uns immer häufiger Hitzewellen beschert, also immer mehr Tote fordern? [1] [2] [3]
Wir kennen die Gegenargumente: „Nein, kann man nicht, das waren großteils Leute, die ohnehin schon schwer krank waren“, sagen Kritiker solcher Modellrechnungen. „Die wären auch ohne Hitzewelle bald gestorben.“
Das ist logisch betrachtet ein kurioses Argument. „Bitte, das war kein Mord, das Opfer war krank und hätte wohl ohnehin nur noch wenige Wochen gelebt“ würde man vor Gericht auch nicht als Argument durchgehen lassen. Trotzdem kann man aber natürlich der Ansicht sein, dass nicht die Zahl der Todesopfer interessant ist, sondern eher die verlorene Lebenszeit. Und für die verlorene Lebenszeit macht es nun mal einen großen Unterschied, ob junge, gesunde Leute sterben, oder dieselbe Anzahl von Personen mit minimaler Restlebenserwartung auf der Intensivstation.
Wenn man wissenschaftlich ehrlich ist, muss man sagen: Man kann die Anzahl der Todesopfer einer Hitzewelle nicht ausrechnen. Die Zahl lässt sich nicht ermitteln, sie ist streng genommen nicht einmal klar definierbar.
Das heißt aber nicht, wie manche Klimawandelschwurbler meinen, dass man darüber nicht reden soll, dass es überhaupt keine Hitzetoten gibt, oder dass die veröffentlichten Hitzetod-Statistiken bloß unwissenschaftliche Propaganda sind. Sehen wir uns das an.
An der Hitzewelle oder mit der Hitzewelle gestorben?
Die allereinfachste Herangehensweise wäre: Wenn es sehr heiß ist, dann nimmt man die Zahl der verstorbenen Menschen und zieht davon die Zahl der Toten ab, die normalerweise in diesem Zeitraum sterben. Die Differenz ist die Zahl der Hitzewellenopfer.

Das klingt ganz einfach, aber hier stoßen wir gleich auf das erste Problem: Welche Zeiträume sehen wir uns an? Nehmen wir die Todeszahlen pro Tag? Pro Woche? Pro Jahr? All das kann man machen. Es ist überhaupt nicht klar, welcher Zugang der beste sein soll. Aber all diese Rechnungen werden zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Angenommen, während einer kurzen Hitzewelle sterben vermehrt Menschen mit schweren Vorerkrankungen. Sie sterben typischerweise nicht an Hitzschlag, den man eindeutig mit dem Wetter in Verbindung bringen könnte, sondern sie sterben an Ursachen, an denen man auch ohne Hitze sterben kann – etwa an Herz-Kreislauf-Problemen, an Schlaganfällen, an Nierenversagen. Der Körper ist bereits am Limit, und die Hitze gibt ihm dann den Rest. Es ist gut möglich, dass viele dieser Menschen auch ohne Hitzewelle gestorben wären, vielleicht halt ein paar Tage später. [4]
Sollen wir diese Leute nun als Hitzetote zählen oder nicht? Wenn wir die Todeszahlen Tag für Tag analysieren, dann werden wir an den heißen Tagen einen deutlichen Anstieg der Todesfälle sehen. Wenn wir die Daten monats- oder jahresweise betrachten, ist dieser Effekt möglicherweise verschwunden. Also welche Rechenmethode ist nun die Richtige? Was ist jetzt die eigentliche, korrekte Zahl der Hitzeopfer? Das lässt sich nicht beantworten. Man könnte sagen: Das ist Geschmackssache.
Man kann unterschiedlicher Meinung darüber sein, ob man zwischen „verursachten“ und „bloß vorverlegten“ Todesfällen unterscheiden kann und soll. Aber wenn es viele „bloß vorverlegte“ Todesfälle gibt, dann müsste es nach einem anfänglichen Anstieg der Todesfälle eine Phase geben, in der weniger Leute sterben als gewöhnlich. Wenn bei maximaler Hitze Schwerkranke „verfrüht“ gestorben sind, dann müssen nach der Hitzewelle für einige Zeit weniger Schwerkranke da sein, sodass auch weniger gestorben wird.

Man spricht in diesem Fall von „Mortality Displacement“ oder „Harvesting Effect“ – also „Ernteeffekt“, so als würden die Menschen während der Hitzewelle von einem grimmigen Sensenmann abgeerntet, der danach dann eine Weile weniger Ernte einbringt, bis wieder ausreichend Schwerkranke „nachgewachsen“ sind. [5] [6]
Angenommen, in einer Stadt sterben normalerweise ungefähr 1000 Menschen pro Woche. Nun kommt eine Hitzewelle, die eine Woche dauert. Danach ist das Wetter wieder normal.
erwartete Zahl von Toten tatsächlich gezählte Tote
Woche 1 1000 1400
Woche 2 1000 800
Woche 3 1000 900
Woche 4 1000 1000
------------------------------------------------------------------
gesamt 4000 4100
Hier haben wir während der Hitzewelle 400 Tote mehr als erwartet, also eine Übersterblichkeit von 40 Prozent. In Woche zwei und drei sehen wir den Mortality-Displacement-Effekt: Weniger Leute als sonst sterben. In Woche vier ist in unserem Beispiel die Zahl wieder zum normalen Niveau zurückgekehrt. Insgesamt sind hier 4100 Menschen gestorben, um 100 mehr als man ohne Hitzewelle erwartet hatte. Das legt die These nahe: Unter den 400 zusätzlich in Woche 1 verstorbenen Menschen waren 300, die auch ohne Hitzewelle gestorben wären. 100 der Hitzetoten hätten vermutlich ohne Hitzewelle noch länger gelebt.
Die Wirklichkeit ist komplizierter
Genau solche Untersuchungen werden durchgeführt, etwa von Michela Baccini, Statistikprofessorin an der Universität von Florenz, die mit mehreren Kolleginnen und Kollegen Todesfälle in 14 europäischen Städten in den 1990erjahren analysierte. Dabei fand man tatsächlich diesen Mortality-Displacement-Effekt: Während der Hitzewelle viele Tote, danach weniger als gewöhnlich, und nach einer gewissen Zeit normalisiert sich die Zahl wieder. Baccini und ihr Team kommen zu dem Schluss: Nicht alle Hitzetoten, aber doch immerhin ein großer Teil von ihnen wird in den Wochen nach der Hitzewelle durch geringere Sterblichkeit wieder kompensiert. [5] [6]
Aber natürlich ist die Angelegenheit in Wirklichkeit nicht so einfach, klar und sauber wie in unserem Beispiel oben. Wie lange soll der Durchrechnungszeitraum sein, in dem man eine verringerte Sterblichkeit mit dem Mortality-Displacement-Effekt erklären kann? Das kann man nicht eindeutig festlegen. Die tatsächlichen Sterbezahlen fluktuieren wild hin und her, sind durch puren Zufall mal höher, mal niedriger. Wann genau die Zahlen nach einer Hitzewelle wieder auf das Normalniveau zurückkehren, lässt sich nicht sagen.
Die Ergebnisse sind von Stadt zu Stadt unterschiedlich, von Altersgruppe zu Altersgruppe und von Jahr zu Jahr. Was ist, wenn gleichzeitig ein ansteckendes Virus wütet? Dann steigen die Sterbezahlen vielleicht kurz dramatisch an, und die Statistik wird verfälscht. Was ist, wenn sich die Zahlen im Lauf von Jahren verschieben? Vielleicht ziehen junge Leute weg und die Bevölkerung in dieser Stadt wird im Durchschnitt immer älter? Dann steigt auch die Sterbewahrscheinlichkeit. Oder durch neue Ernährungstrends und ein Werbeverbot für Zigaretten leben die Leute dort plötzlich gesünder? Dann sinkt die Sterbewahrscheinlichkeit, und die Daten vom letzten Jahr sind mit den Daten vergangener Jahrzehnte nicht unbedingt vergleichbar.
Man kann manche dieser Effekte im statistischen Modell berücksichtigen, aber niemals alle. Mit einer gewissen Unsicherheit muss man leben.
Einen anderen Ansatz verfolgten zum Beispiel Ben Armstrong et al. in einem Paper aus dem Jahr 2017. Sie entwickelten eine Art „Hitze-Kennzahl“: Je weiter und je häufiger die Temperaturen in einem Jahr oberhalb einer „Optimaltemperatur“ liegen, umso höher wird die Hitze-Kennzahl dieses Jahres. Nun kann man untersuchen: Sterben in Jahren mit hoher Hitze-Kennzahl auch mehr Leute? Man ließ das Jahr nicht im Januar beginnen, sondern im Mai – also dann, wenn Hitzewellen realistischerweise beginnen, sodass man danach einen möglichst langen Kompensations-Zeitraum betrachten kann. [7]
Die Ergebnisse zeigen: Ja, in Hitzejahren, von Mai bis Mai gerechnet, wird häufiger gestorben. Auch wenn man einen Durchrechnungszeitraum von einem ganzen Jahr betrachtet, werden die Hitze-Todesfälle nicht vollständig kompensiert. Ein interessantes Ergebnis – aber auch hier ist die Sache nicht so einfach: Von Land zu Land ergaben sich große Unterschiede. Und es ist eine ganz andere Analysemethode als die von Michela Baccini. Beide Methoden untersuchen dasselbe Phänomen, beide liefern vernünftige Ergebnisse, aber das Ergebnis der einen Methode lässt sich nicht in das Ergebnis der anderen Methode umrechnen. Und niemand kann sagen, welche Methode besser ist. [7]

Gesundheitswissenschaft ist keine Physik
In der Physik ist es viel einfacher, Fragen klar zu definieren und zuverlässige Antworten zu bekommen. Das liegt nicht daran, dass sich Physik mit ganz besonders einfachen Dingen beschäftigt. Mit einzelnen Atomen. Mit der Bahn eines Planeten um die Sonne. Die menschliche Gesundheit oder gar die Sterbestatistik der gesamten Bevölkerung ist eine viel komplexere Angelegenheit.
Daher können Gesundheitswissenschaften oder Epidemiologie klarerweise keine hochpräzisen Ergebnisse liefern, die bis zur sechsten Nachkommastelle korrekt sind, wie in der Quantenphysik. Es ist völlig logisch, dass bei Gesundheitsfragen unterschiedliche Forschungsteams zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
Wer jetzt aber lästert, dass diese Forschung dann keine „richtige Wissenschaft“ ist, weil die Ergebnisse nicht immer quantitativ reproduzierbar sind, wer jetzt einfach unterstellt, diese Leute würden Zahlen zurechtbiegen, der hat den Kern dieser Wissenschaft nicht verstanden: Man kann auf leicht unterschiedliche Fragen leicht unterschiedliche Antworten bekommen, und trotzdem können sich diese Antworten zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen.
Die Frage, wie viele Leute bei einer Hitzewelle sterben, hat nicht eine klare Antwort, sondern viele Antworten, die wissenschaftlich gleichzeitig richtig sein können. Es ist ein bisschen, als würde man fragen: „Wie viel Schokolade soll man pro Woche essen?“ Das kann man so nicht sagen. Welche Parameter untersucht man hier? Geht es um Blutzucker, um Nierenwerte, um Zahngesundheit? Oder um psychische Gesundheit, die sich möglicherweise durch Schokokonsum verbessert? Und wie gewichtet man diese Faktoren relativ zueinander?

Entscheidend ist: Wenn man über komplexe Studien spricht, sollte man ganz ehrlich und offen sagen, was hier eigentlich untersucht wurde. Wenn man in knalligen Zeitungsüberschriften verkündet, wie viele Leute durch die ungewöhnliche Hitzewelle letzte Woche gestorben sind, macht das eigentlich nur Sinn, wenn man genau erklärt, was man damit meint und was das bedeutet.
Krawallmedien und die Klimalüge
Was stattdessen aber leider passiert, ist etwas ganz anderes: Manipulative Krawallmedien tun so, als wären Todesopfer durch übermäßige Hitze bloß eine Lüge. Das österreichische Online-Magazin AUF1 verkündete 2026 unter dem Schlagwort „Klima-Hysterie“: „Die Mainstream-Medien erfinden wieder Hitzetote!“ [14]
Das Argument von AUF1: In den allermeisten Fällen sind Vorerkrankungen für den Hitzetod verantwortlich. Ja, herzliche Gratulation! Das ist korrekt! Aber trotzdem waren die Leute vor der Hitzewelle lebendig und nach der Hitzewelle waren sie tot. Und die allermeisten von ihnen hätten die Hitzewelle wohl recht gerne überlebt.
Es ist ein bisschen wie „Stürme auf hoher See sind ungefährlich, denn Ertrinkende haben sehr oft nasse Kleidung an. Solange Sie darauf achten, dass Ihre Kleidung trocken bleibt, können Sie gar nicht ertrinken!“ Ja, natürlich trifft das mit dem Ertrinken meistens die Nassen, und das mit dem Hitzetod meistens die Vorerkrankten. Das ist die logische zeitliche Reihenfolge. Aber im ganz konkreten Krisenfall kann man sich eben nicht aussuchen, ob man nass oder vorerkrankt sein möchte. Das passiert einem. Und sterben möchte man dann trotzdem nicht.

Vorerkranktsein ist kein Risikoverhalten, das man bewusst in Kauf genommen hat, wie ungesichertes Fassadenklettern oder Amateur-Tigerzucht. Es ist ein Umstand, der fast alle von uns irgendwann trifft. So zu tun, als würde ein Todesfall nicht zählen, wenn es vorerkrankte Personen trifft, ist unlogisch, widersinnig und menschenverachtend. Es ist die Logik der Eugenik: Man definiert eine bestimmte Sorte von Leben als unwert. Wer vorerkrankt stirbt, ist zwar tot, aber aus irgendwelchen Gründen angeblich kein „echter“ Todesfall, der in der Statistik aufscheinen soll. Genau dieselbe Menschenverachtung kennen wir aus der Corona-Pandemie.
Wie ist nun die Beweislage?
Nein, Hitzetote sind vielleicht nicht eindeutig zu beziffern, aber sie sind sehr real. Die wissenschaftliche Beweislage dafür ist unstrittig. Wir können die Beweislage dafür, dass Menschen an übermäßiger Hitze sterben, mit der Beweislage für andere Todesursachen vergleichen. Das ist deshalb interessant, weil wir uns nicht unbedingt über jene Dinge die größten Sorgen machen, die wissenschaftlich betrachtet für uns am bedrohlichsten sind. Wir fürchten uns eher vor Haiattacken als vor Feinstaub. Wir fürchten uns eher vor Flugzeugabstürzen als vor Grippeviren. [15]
Bei Hitzetoten wird das Argument von zwei wichtigen Säulen getragen: Erstens kennen wir Mechanismen, über die sich übermäßige Hitze schädlich auf die Gesundheit auswirken kann. So führt Hitze zum Beispiel zu erweiterten Blutgefäßen, das erhöht die Herzfrequenz, und das kann das Herz überlasten. [4]
Zweitens haben wir Zahlen, aus denen sich statistisch ableiten lässt, dass tatsächlich bei großer Hitze mehr Leute sterben. Das heißt: In diesem Fall ist die Sache klar. Jawohl: Hitze tötet. Es ist wie bei einem Mordfall, bei dem überall Fingerabdrücke und DNA-Proben zu finden sind, und der Mörder außerdem netterweise auch noch eine Visitenkarte verloren hat. Diese simple, übersichtliche Situation haben wir bei Weitem nicht bei allen wichtigen Todesursachen. [8]
Radioaktivität
Bei niedrigen Dosen radioaktiver Strahlung zum Beispiel ist die Sache komplizierter. Dass Menschen an akuter Strahlenkrankheit sterben können, etwa nach einer Kernwaffenexplosion, ist klar. Wie gefährlich allerdings die Strahlung ist, die bei einem Reaktorunfall in einem Kernkraftwerk frei wird, ist schwer zu sagen. [9] [16]
In diesem Fall haben wir die erste Säule: Wir kennen den Mechanismus, über den die Radioaktivität den Körper schädigen kann: Es kann zu DNA-Schäden kommen, die dann später Krebs auslösen. Epidemiologisch festzustellen, wie viele Menschen zum Beispiel an der Reaktorkatastrophe von Chernobyl gestorben sind, ist viel schwieriger als bei den Hitzetoten. Einige Fälle sind klar – etwa Arbeiter, die direkt im Kraftwerk verstrahlt wurden. Auch ein Anstieg von Schilddrüsenkrebs bei Kindern steht außer Zweifel. [9]
Aber eine statistische Häufung von Todesfällen in der Gesamtbevölkerung ließ sich nicht feststellen. Das ist auch klar: Während bei Hitzewellen die Todesfälle oft recht rasch auftreten, werden Krebsfälle oft erst Jahre oder Jahrzehnte später entdeckt. Die Hitzetoten sind statistisch als kurzfristiger Extremwert sichtbar, die Chernobyl-Toten verschwinden im statistischen Rauschen, weil ihre Zahl sehr gering ist, verglichen mit der Zahl der Menschen, die aus anderen Gründen sterben. Man kann die Zahl der Chernobyl-Toten also nur sehr grob schätzen, über Modellrechnungen. Trotzdem wäre es falsch zu behaupten, dass an Chernobyl niemand gestorben ist. [9]
Feinstaub, Passivrauchen, Grippe
Wieder anders ist es bei Feinstaubbelastung: Wir verstehen, durch welche Effekte Feinstaub Menschen töten kann. Wir haben auch klare statistische Evidenz, dass Feinstaub Menschen tötet, aber wie viele Menschen das sind, ist sehr schwer auszurechnen. Feinstaubbelastung ist stark ortsabhängig, schon innerhalb einer einzigen Stadt kann die Belastung völlig unterschiedlich sein. Auch zeitlich ist Feinstaubbelastung sehr variabel, durch Umweltschutzmaßnahmen kann die Luft in ein paar Jahren deutlich besser werden. Gleichzeitig kann es aber auch Jahre dauern, bis die gesundheitlichen Auswirkungen spürbar werden – eine extrem schwierige Situation für jemanden, der wissenschaftlich exakt die Zahl der Feinstaubtoten angeben will. Zu leugnen sind sie trotzdem nicht. [10] [11]
Auch Passivrauchen ist eine kompliziertere Angelegenheit als man meinen könnte: Dass aktives Rauchen tödlich sein kann, ist klar – das ist das Musterbeispiel für ausgezeichnete epidemiologische Beweislage, an der nicht zu rütteln ist. Auch für Schäden durch Passivrauchen gibt es statistische Evidenz, aber sie ist viel schwächer. Dass Menschen durch Passivrauchen sterben, erscheint also mehr als plausibel – aber wie viele es sind, lässt sich ehrlicherweise kaum abschätzen. [12]
Sehr gut vergleichbar mit Hitzewellen sind Grippewellen: Auch sie töten oft innerhalb kurzer Zeit (innerhalb weniger Wochen) bemerkenswert viele Menschen. Auch bei Grippewellen sind hauptsächlich Personen mit Vorerkrankungen betroffen. In beiden Fällen führt das dazu, dass sich die meisten Leute sicher fühlen und das Problem unterschätzen – zumindest bis sie dann selbst aus irgendwelchen Gründen zur Risikogruppe gehören. [13]
Wer Hitzetote leugnet, hat eine gefährliche Agenda
Dass Hitzewellen zu Todesfällen führen, ist sehr gut belegt – mit einem Evidenzgrad, der sogar höher ist als bei anderen Todesursachen, an denen auch niemand zweifelt. Wir haben nicht nur klare physiologische Mechanismen und erhöhte Sterbezahlen, wir haben auch eine klare zeitliche Beziehung zwischen Hitze und Todesfällen, wir haben eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung (mehr Hitze tötet mehr), der Effekt ist reproduzierbar – zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Städten und Ländern. [4] [8]
Wer also versucht, Hitzetodesfälle vom Tisch zu wischen, als „Panikmache“, als „erfunden“ oder als „bloßer Tod von Vorerkrankten“, beweist dadurch zwei Dinge: Erstens ein menschenverachtendes Weltbild, das bestimmte Todesfälle für irrelevant erklärt. Und zweitens eine klare politische Agenda: Der Klimawandel soll verharmlost werden. Die Glaubwürdigkeit warnender Stimmen soll gezielt zerstört werden. In einer Welt, die vorne und hinten in Flammen steht, soll signalisiert werden: „Alles in bester Ordnung! Kein Änderungsbedarf! Sollen die anderen nur sterben! Ich bin schließlich nicht vorerkrankt!“

Zuerst erschienen unter https://florianaigner.substack.com/p/hitzetote-die-nicht-zahlen. Dort findet ihr auch, wie ihr Florians Aufklärungsarbeit unterstützen könnt.
Literatur und Quellen
Die Ziffern im Text sind direkt mit den jeweiligen Quellen verlinkt.
[1] Fouillet, A.; Rey, G.; Laurent, F.; et al. (2006). Excess mortality related to the August 2003 heat wave in France. International Archives of Occupational and Environmental Health, 80(1), 16–24. doi:10.1007/s00420-006-0089-4
[2] Seneviratne, S. I.; Zhang, X.; Adnan, M.; et al. (2021). Weather and Climate Extreme Events in a Changing Climate. In: Climate Change 2021: The Physical Science Basis, IPCC AR6 WG I, Chapter 11, Cambridge University Press. doi:10.1017/9781009157896.013
[3] Vicedo-Cabrera, A. M.; Scovronick, N.; Sera, F.; et al. (2021). The burden of heat-related mortality attributable to recent human-induced climate change. Nature Climate Change, 11, 492–500. doi:10.1038/s41558-021-01058-x
[4] Crandall, C. G.; González-Alonso, J. (2010). Cardiovascular function in the heat-stressed human. Acta Physiologica, 199(4), 407–423. doi:10.1111/j.1748-1716.2010.02119.x
[5] Baccini, M.; Biggeri, A.; Accetta, G.; et al. (2008). Heat Effects on Mortality in 15 European Cities. Epidemiology, 19(5), 711–719. doi:10.1097/EDE.0b013e318176bfcd
[6] Baccini, M.; Kosatsky, T.; Biggeri, A. (2013). Impact of Summer Heat on Urban Population Mortality in Europe during the 1990s: An Evaluation of Years of Life Lost Adjusted for Harvesting. PLOS ONE, 8(7), e69638. doi:10.1371/journal.pone.0069638
[7] Armstrong, B.; Bell, M. L.; Coelho, M. de S. Z. S.; et al. (2017). Longer-Term Impact of High and Low Temperature on Mortality: An International Study to Clarify Length of Mortality Displacement. Environmental Health Perspectives, 125(10), 107009. doi:10.1289/EHP1756
[8] Gasparrini, A.; Guo, Y.; Hashizume, M.; et al. (2015). Mortality risk attributable to high and low ambient temperature: a multicountry observational study. The Lancet, 386(9991), 369–375. doi:10.1016/S0140-6736(14)62114-0
[9] UNSCEAR (2011). Health effects due to radiation from the Chernobyl accident. Sources and Effects of Ionizing Radiation. UNSCEAR 2008 Report, Volume II, Annex D, United Nations, New York.
[10] Brook, R. D.; Rajagopalan, S.; Pope, C. A. III; et al. (2010). Particulate Matter Air Pollution and Cardiovascular Disease: An Update to the Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation, 121(21), 2331–2378. doi:10.1161/CIR.0b013e3181dbece1
[11] Pope, C. A. III; Ezzati, M.; Dockery, D. W. (2009). Fine-Particulate Air Pollution and Life Expectancy in the United States. New England Journal of Medicine, 360(4), 376–386. doi:10.1056/NEJMsa0805646
[12] Flor, L. S.; Anderson, J. A.; Ahmad, N.; et al. (2024). Health effects associated with exposure to secondhand smoke: a Burden of Proof study. Nature Medicine, 30(1), 149–167. doi:10.1038/s41591-023-02743-4
[13] Iuliano, A. D.; Roguski, K. M.; Chang, H. H.; et al. (2018). Estimates of global seasonal influenza-associated respiratory mortality: a modelling study. The Lancet, 391(10127), 1285–1300. doi:10.1016/S0140-6736(17)33293-2
[14] AUF1 (2026). Hitze-Hysterie in der System-Presse: Die Mainstream-Medien erfinden wieder Hitzetote. Primärquelle zum im Text zitierten Medienbeitrag, 23. Juni 2026.
[15] Slovic, P. (1987). Perception of Risk. Science, 236(4799), 280–285. doi:10.1126/science.3563507
[16] Grant, E. J.; Brenner, A.; Sugiyama, H.; et al. (2017). Solid Cancer Incidence among the Life Span Study of Atomic Bomb Survivors: 1958–2009. Radiation Research, 187(5), 513–537. doi:10.1667/RR14492.1
Zum Weiterlesen:
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