Sterbende Patienten berichten laut Hospizfachkräften immer wieder, verstorbene Angehörige zu sehen und mit ihnen zu sprechen. Solche Erlebnisse können bereits Wochen vor dem Tod beginnen und häufen sich teilweise in den letzten Tagen.
Über das sogenannte Deathbed phenomena berichten derzeit verschiedene Medien in Deutschland (zum Beispiel Merkur und Ad Hoc News), nachdem VICE das Thema am 1. Oktober aufgegriffen hatte.
„Niemand weiß mit Sicherheit, was eine sterbende Person tatsächlich sieht, wenn sie sagt, dass ihre Mutter im Zimmer steht“, endet der Artikel, der sich auf den US-Palliativmediziner Christopher Kerr und die Hospizkrankenschwester Julie McFadden beruft:
McFaddens Rat an Familien ist einfach: Streite nicht. Wenn Oma sagt, dass ihre Mutter am Fenster sitzt, dann deshalb, weil es für sie echt ist.
Das ist durchaus vernünftig. Für das Buch „An der Schwelle des Todes: Unheimliche Erlebnisse in Krankenhäusern und Pflegeheimen“ von Lucia Moiné habe ich vor fünf Jahren genau dazu ein Kapitel beigesteuert, zusammen mit Peter Brugger:

Meine Mutter starb am 4. Juli 2008. Zwölf Tage vor ihrem Tod wurde ich Zeuge eines Sterbebettphänomens. Es ereignete sich im Krankenzimmer meiner Mutter, während ich mit ihr allein war. Erklären konnte ich mir dieses Erlebnis damals nicht – wie vieles andere während ihrer letzten Lebensphase.
Warum hörte sie plötzlich auf zu essen? Natürlich machten wir uns große Sorgen. Sogar über eine Magensonde zur enteralen Ernährung sprachen meine Schwester und ich mit dem Arzt. Bitte bloß etwas unternehmen! Ich bin froh, dass wir nicht darauf bestanden haben. Heute weiß ich: Du stirbst nicht, weil du nichts mehr isst. Du isst nichts mehr, weil du stirbst.
Wieso blühte meine Mutter kurz vor ihrem Tod noch einmal auf, zur Überraschung aller? Verlangte nach ihrem Lieblingsgetränk und machte den Eindruck, als würde sie gleich aufstehen, sich anziehen und mit uns nach Hause fahren. Heute weiß ich: Das ist das letzte Licht am Anfang des Tunnels. Auch dieses Aufflackern geht vorüber.
Warum wollte meine Mutter plötzlich keinen von uns mehr sehen? Drehte sich weg zur Wand, wenn wir da waren. Heute weiß ich: Sie konnte nicht mehr, aber es fehlte ihr die Kraft, es zu sagen.
Wie konnte meine Mutter den Zeitpunkt ihres Todes anscheinend beeinflussen? Fast so, als wollte sie uns ein Schnippchen schlagen und gerade dann gehen, als niemand bei ihr war. Heute weiß ich: Vielleicht wollte sie allein sein. Vielleicht hat auch nur das Schicksal entschieden.
Und was hatte es mit der Gestalt auf sich, die sie etwa zwei Wochen vor ihrem Sterben im Krankenzimmer sah?
Es ereignete sich am helllichten Tag, meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt noch halbwegs guter Dinge, völlig klar im Kopf und weit entfernt von einem Delir. Ich stand an ihrem Krankenbett, wir unterhielten uns über dies und das, als sie auf einmal lächelte und mit einer Kopfbewegung auf etwas hinter mir deutete. „Da steht ein großer schwarzer Engel“, schilderte sie mir in ganz normalem Tonfall. Unwillkürlich drehte ich mich um, aber da war niemand. Also fragte ich meine Mutter: „Und was macht der?“ Sie lächelte immer noch und sagte ruhig: „Er passt auf uns auf.“
Ich habe diese Begebenheit nie vergessen, auch wenn ich ihr damals keine große Bedeutung zumaß. Wie ich heute weiß, kommt es vor, „dass Sterbende Menschen zu sehen glauben, die sonst niemand sieht“, schreibt der Journalist Roland Schulz in seinem kraftvollen Buch „So sterben wir“, in dem er die Leser anschaulich mit auf die letzte Reise nimmt:
Eine Frau wiegt einen unsichtbaren Säugling; später erklärt ihr Ehemann, ihr Erstgeborener war eine Totgeburt. Ein lange obdachloser Mann sieht abends die Polizei anrücken, ohne fliehen zu können; ein anderer riecht das Parfüm seiner Mutter, die starb, als er ein Kind war.
Eine fast hundertjährige Frau grüßt die leere Ecke ihres Zimmers, wo sie ihre vor Jahrzehnten verstorbene Schwester wahrnimmt.
Es ist also keinesfalls so, dass Skeptiker – und als solcher bezeichne ich mich – außergewöhnliche Erfahrungen rundheraus bestreiten. Ich nicht, und auch der Schweizer Neuropsychologe Professor Peter Brugger nicht. Brugger nennt sich selbst einen „konvertierten Gläubigen“. Von übersinnlichen Erscheinungen war er einst felsenfest überzeugt. „Ich habe sogar mein Biologiestudium begonnen, um diesen Phänomenen nüchtern auf den Grund zu gehen“, berichtet er. „Ich habe mir Experimente ausgedacht, um herauszufinden, wie bei einer Gedankenübertragung die Information von einem Gehirn ins andere gelangt.“ Doch bei seinen Versuchen kam nichts heraus – „weil da eben nichts ist“, wie er heute sagt.
Trotzdem machte er weiter, richtete aber seine Forschung ganz neu aus: „Ich untersuchte plötzlich nicht mehr die Phänomene selbst, sondern den Glauben an sie.“ Zum Thema „Sterbebett-Phänomene“ sagt er:
Ich bin nicht skeptisch gegenüber Erfahrungen in Todesnähe, ob sie nun beim Sturz von der Felswand oder auf dem Sterbelager gemacht werden. Solche Erlebnisse sind eine Tatsache, da geht es nicht um Glaube oder Unglaube.
Wenn es aber darum geht, diese Erlebnisse als Hinweis für ein Leben nach dem Tod darzustellen, bin ich mehr als ein bloßer Skeptiker – hier werden Ebenen verwischt. Auf wissenschaftlicher Ebene ist es genauso unsinnig, sich zu einem Leben nach dem Tod zu äußern, wie etwas über die Existenz Gottes aussagen zu wollen.
Die Frage nach einem Leben nach dem Tod ist wie die Frage nach Gott eine Frage, die auf Glaubensebene diskutiert werden sollte. Ich finde beide Ebenen interessant und denke, dass es im klinischen Alltag wichtig ist, beide vor sich zu haben.
Interessant – auf jeden Fall. Tröstlich? Ich weiß nicht, was der Engel für meine Mutter bedeutete. Ich kann das Erlebnis nur von außen beschreiben. In mir selbst löste ihre Schilderung nichts aus. Ein Beweis für eine Realität, die normalerweise unserer Wahrnehmung entzogen ist? Gewiss nicht. Und das ist genau das Problem, das ich mit den Berichten von Sterbebettphänomenen habe.
Anders als Nahtod-Erlebnisse sind Sterbebettphänomene praktisch immer etisch, beruhen also auf der Außensicht einer betreuenden Person. Und sie enden sehr häufig mit deren Glaubensbekenntnissen wie
- „Das Beweismaterial spricht in hohem Maße für ein Leben nach dem Tod.“
- „Wir können sicher sein, dass wir Menschen den Tod nicht mehr zu fürchten brauchen.“
- „Ich möchte Ihnen die Gewissheit geben, dass der Tod kein Ende ist.“
Manche Chronisten heben besonders den Umstand hervor, dass Sterbebettphänomene nicht auf ein vorhandenes Delirium zurückgeführt werden könnten – als wenn das ein unwiderlegbares Argument für die Echtheit wäre. Auch meine Mutter war weder delirant noch eine religiöse Schwärmerin, als sie den schwarzen Engel erblickte. Wie Professor Peter Brugger erklärt, ist das jedoch mitnichten ein Widerspruch – sondern im Gegenteil sogar die Voraussetzung dafür, dass Sterbebettvisionen als realistisch und sinnvoll erlebt werden können. Denn:
Ein Delir würde wahrscheinlich gerade verhindern, dass das Außergewöhnliche an diesem Zustand beruhigend und verklärt erlebt werden kann. Und religiöser Fundamentalismus trübt das Denken ganz allgemein ein, wie er das ja auch in sterbefernen Momenten tut.
Die Begrenztheit der etischen Betrachtungsweise wird exemplarisch deutlich an einem Interview, das die Pflegefachfrau Margarete Reisinger zu ihrer Masterarbeit „Sterbebettphänomen“ im berufsbegleitenden Masterstudiengang MAS Palliative Care dem Blog der Stiftung Palliaviva gab.
Einige Zitate daraus:
Der Zeitpunkt, wann das Sterbebettphänomen auftritt, variiert stark: Meistens tritt es 24 Stunden vor dem Sterben auf, ich habe es aber oft auch schon früher erlebt. Manchmal eine Woche bis zu einem Monat vorher.
Mich dünkt es, zuweilen tritt das Phänomen früh auf, wenn es noch etwas zu erledigen gibt oder als eine Art Vorbereitung auf das Sterben. Aber das ist meine eigene Interpretation.
Es geht also letztendlich um die Deutung des Erlebten. Und hier macht die Beobachterin keinen Unterschied mehr zwischen dem, was sie empfunden hat bei ihrem Umgang mit Menschen, die verstorben sind, und dem, was sie daraus folgert. Dieser Rückschluss von subjektiver Gefühlsbewegung auf die Realität ist indes nicht mehr als Spekulation.
Reisinger:
Ich habe das Gefühl, dass es nach dem Sterben weitergeht.
Das Gefühl mag sie – verständlicherweise – haben.
Reisinger: Gerade die Bilder des Abholens oder der Reise lassen mich hoffen, dass ich Freunde und Verwandte wieder antreffe.
Die Hoffnung mag sie – verständlicherweise – haben.
Reisinger:
Nein, ehrlich gesagt habe ich die Gewissheit, dass es nach dem Tod ein Leben gibt. Vielleicht habe ich deshalb das Thema gewählt.
Und schon ist aus dem verständlichen Gefühl und der verständlichen Hoffnung eine – illusorische – „Gewissheit“ entstanden.
Zwingend sind solche emotionalen Interpretationen von Sterbebettphänomenen jedoch mitnichten. Auch Prof. Brugger kennt solche Berichte aus erster Hand:
In einem Akutspital ereignen sich über die Jahre viele Todesfälle, und wenn man engen Kontakt zu den einzelnen Patienten pflegt, ist man auch oft ein Begleiter. Tatsächlich sind Begegnungen mit verstorbenen Verwandten fast ein Leitmotiv.
Das ist eigentlich nicht erstaunlich, da die Erwartungshaltung unsere Wahrnehmung schon zeitlebens in viel stärkerem Maße beeinflusst, als man sich das zugesteht. Eine sterbende Person braucht nicht einmal an ein Weiterleben nach dem Tod zu glauben, um dennoch typische Sterbebettphänomene zu erleben.
Der Gedanke an den eigenen Tod lässt auch beim Nicht-Gläubigen Bilder an Verwandte oder Freunde aufkommen, die sich bereits früher verabschiedet haben. Unser Gehirn ist erstaunlich assoziativ. Eine Frage der Wissenschaft ist, warum Assoziationen sich auf dem Sterbebett vornehmlich in Bildern zeigen.
Eines lässt sich daraus jedoch eindeutig schlussfolgern: Es war richtig, die Präsenz des schwarzen Engels im Krankenzimmer meiner Mutter nicht kritisch zu hinterfragen und nicht mit ihr zu erörtern. Brugger hat ähnliche Erfahrungen gemacht:
Begleite ich eine Person auf ihrem Sterbebett, diskutiere ich nicht die – fehlenden! – wissenschaftlichen Grundlagen für ein Weiterleben. Der Inhalt einer Sterbebetterfahrung spendet meist Trost.
Einer der eindrücklichsten Fälle, die ich erlebt habe, kommt mir dazu in den Sinn: Bei einem Mann, der immer dynamisch und sportlich gewesen war, wurde im 40. Lebensjahr ein bösartiger Tumor diagnostiziert. Ausfälle wie Lähmungen oder Sprachstörungen hatte er nicht, er sprach bloß viel mehr als zuvor. Seine Angst vor dem Tod verlor er durch freundliche Gestalten, die ihn am Bett besuchten und baten, doch „zu ihnen hinüberzukommen“.
Es waren ihm unbekannte Personen, aber sie erschienen ihm so echt, „mehr als wirklich“, dass er seine Angst verlor, nicht zuletzt auch, weil er auch merkte, dass er ja widerstehen konnte. Das Bitten blieb freundlich, wurde aber über die Monate hinweg immer inbrünstiger.
Vielleicht hat er ihm schließlich einfach nachgegeben. Jedenfalls verstarb er eines Tages komplikationslos und friedlich.
Menschen, die in Sterbebettphänomenen einen Beweis für das Drüben sehen, argumentieren zuweilen, dass die Berichte „weder durch medizinische noch durch psychologische oder kulturelle Bedingungen erklärt werden“ könnten. Das ist aber der falsche Ansatz. Es geht nicht um ein „oder“ und ein „weder noch“, sondern um multikausale Zusammenhänge, erklärt Brugger:
Viele einzelne Elemente von Sterbeerlebnissen sind noch ungeklärt. Ich glaube aber nicht, dass sie „unerklärlich“ sind. Wir wissen einfach noch zu wenig über sie. Viele Faktoren – organische, „rein psychologische“, aber auch kulturelle – müssen berücksichtigt werden.
Wie Nahtoderlebnisse sind auch Sterbebettphänomene niemals nur neurologisch oder nur kulturell zu erklären. Gehirne leben in Personen und jede Person ist Teil einer Gesellschaft. Eng neurowissenschaftlich argumentierende Forscher lesen kaum sozialpsychologische Arbeiten, welche die Unterschiede in Sterbebetterfahrungen in unterschiedlichen Religionen hervorheben.
Umgekehrt kennen sich viele Sozialpsychologen oder Anthropologen wenig auf klinischem und neurowissenschaftlichem Gebiet aus. Oft wird argumentiert, dass die „Überwirklichkeit“ oder „Hyperrealität“ eines Erlebnisses (auch für den oben zitierten Patienten war sie ausschlaggebend) ein Hinweis sei für eine „Welt jenseits der unseren“.
Man weiß aber, dass das Gefühl, wonach Erlebtes „wirklicher ist als alles je zuvor Erlebte ein Indikator ist für temporallappenepileptische Aktivität. Solche „Hyperrealität“ wird in allen Kulturen beschrieben, ob sie nun von christlicher Kirchenmusik begleitet ist oder von buddhistischen Zimbelklängen.
Aber was ist mit scheinbar objektiven Beweisen für etwas Übersinnliches? Mit eigenartigen Erlebnissen in Krankenhäusern oder Pflegeheimen, bei denen sich das Unerklärliche in technischen Artefakten manifestiert, wie zum Beispiel dem Läuten der Notglocke in leeren Patientenzimmern? Moderne Mythen?
Ja – meint Brugger. Aber so modern seien sie nun auch wieder nicht:
Seit jeher machen sich Mythen dort breit, wo gesichertes Wissen fehlt. Wissenschaft ist manchmal kalt und unromantisch, aber um zu beurteilen, ob das Läuten der Notfallklingel mehr als ein bedeutungsvoller Zufall war, müsste man einige nüchterne Tatsachen kennen:
Hörten alle Anwesenden die Klingel? Wie oft hörte jemand die Klingel zu Zeiten, in denen niemand starb? Welches ist der Zeitraum, in dem das technisch nicht erklärbare Klingeln noch mit dem Ableben einer Person assoziiert werden darf?
Und vieles mehr.
In dieselbe Kategorie fallen die prognostischen Fähigkeiten von Tieren, die den Tod nahestehender Menschen vorauszusehen scheinen. Weltbekannt wurde die Therapiekatze Oscar, die im Steere House Nursing and Rehabilitation Center in Providence, Rhode Island, lebt. Der Kater wuchs in der Abteilung für Demenz des Pflege- und Rehabilitationszentrums auf. Dort werden Patienten mit Alzheimer, Parkinson und anderen Krankheiten behandelt.
Nach einiger Zeit fiel den Pflegern auf, dass Oscar in dem Heim seine eigenen Runden machte, ganz wie die Ärzte und Krankenschwestern. Er roch an Patienten, beobachtete sie und setzte sich neben Menschen, deren Tod innerhalb weniger Stunden bevorstand. Etwa 50 Fälle soll der Kater vorausgesagt haben. Experten verschiedener Fachrichtungen gaben unterschiedliche Erklärungen für das Phänomen ab. Etwa dass die Katze sensibel auf den Geruch des Todes reagiere, der von bestimmten Chemikalien erzeugt wird. Oder dass sie auf die Bewegungsarmut der sterbenden Personen reagiere. Oder dass Katzen einfach ein Gespür dafür hätten, wenn es ihren Besitzern schlecht geht.
Aber vielleicht sind die entscheidenden Fragen ganz andere. Zum Beispiel: Wie solide ist eigentlich die Basis für die Behauptung, die Katze könne den Tod vorausahnen? Hat die Katze ungehinderten Zugang zu allen Patienten? Wie oft besucht sie jeden Patienten und wer kontrolliert dies? Wie lange muss der Besuch dauern, um als Zeichen des bevorstehenden Todes gewertet zu werden? Folgt das Tier vielleicht nur dem Pflegepersonal, das einigen Patienten mehr Zeit widmet als den anderen? Bieten sich die Zimmer der Betroffenen aus anderen Gründen als Katzen-Besuchsort an? Schätzen Ärzte den Zustand der Patienten genauso ein wie der Kater?
Ähnlich mag es sich mit außergewöhnlichen Empfindungen verhalten, die als Todesomen gedeutet werden. Wie in dieser Geschichte, die in dem Wochenmagazin Stern zu lesen stand:
Frank ist ein guter Junge und überrascht seine Mutter ab und zu mit einem Geschenk. Über eine hübsche Kristallschale freut sie sich besonders. Deshalb bekommt die Schale einen Ehrenplatz auf der Anrichte.
Einige Zeit später erkrankt Franks Schwester an Windpocken und der Bruder wird vorsichtshalber zu den Großeltern geschickt, die rund siebzig Kilometer entfernt leben. Eines Morgens dann sitzt Franks Mutter mit einer Nachbarin beim Frühstücksplausch. Plötzlich zerspringt die Kristallschale, die Frank ihr geschenkt hat, in zwei Teile. „Mein Gott, Frank ist tot!“, schreit die Mutter auf. Sie lässt sich nicht beruhigen und bleibt weiter bei ihrer hellseherischen Behauptung.
Zu Recht, wie sich bald herausstellt: Ein Nachbarsjunge der Großeltern hatte Frank die Waffe seines Vaters gezeigt – ohne zu wissen, dass sie geladen war. Genau in dem Augenblick, in dem die Kristallschale zersprang, berichtet später seine Schwester, wurde Frank tödlich getroffen.
Wenn der Analytiker in uns mal Pause hat, weil das Immunsystem der Seele gerade heruntergefahren ist, spüren wir die emotionale Kraft solcher Geschichten. Aber was ist wirklich dran? Schauen wir uns ganz nüchtern die Geschichte von Frank und der zerbrochenen Kristallschale an. Keine Kamera war dabei, die das Unerklärliche dokumentierte. Keine Uhr hat gemessen, wann genau die Schale zersprang und wann der Sohn starb. Alles, was bleibt, ist die Erinnerung daran.
Es genügt schon, die oft völlig entgegengesetzten Zeugenaussagen nach einem Autounfall anzusehen, um unserem Gedächtnis nicht mehr fraglos zu trauen. Psychologen wissen, wie sehr unser Gehirn nach einer Erklärung sucht, wenn die wahrgenommenen Fakten keine tragende hergeben. Und je mehr wir emotional betroffen sind, desto drängender wird es für uns auch, die Puzzlestücke der subjektiven Erinnerungen zu einem harmonischen Bild zusammenzufügen, das unseren tiefsten Wünschen entspricht. Skeptiker:innen bezweifeln durchaus nicht die Aufrichtigkeit des Erzählenden – sondern die Genauigkeit der Erinnerung.
Oder:
Eine Mutter träumt eines Nachts, dass ihr 18-jähriger Sohn mit seinem Motorrad verunglückt ist. Eine Stunde später klingelt die Polizei an der Tür und bestätigt die schreckliche Ahnung. Aber könnte es nicht auch so gewesen sein: Die Mutter wusste, das ihr Sohn gerade erst den Führerschein gemacht hatte und ein unsicherer Fahrer war. Immer, wenn der Junge mit dem Motorrad unterwegs war, dachte sie voller Unruhe an einen möglichen Unfall. Nie war etwas passiert – bis auf diese besagte Nacht. Plötzlich trafen die schon lange gehegten Befürchtungen mit einem realen Ereignis zusammen. Und das Ganze wurde im Nachhinein zu einem scheinbar übersinnlichen Erlebnis.

Und warum blieb die Uhr stehen, als Opa starb? Der Physiker Richard Feynman erlebte dieses Phänomen beim Tod seiner ersten Frau. Er sah, dass ihr Wecker auf dem Tisch neben ihrem Krankenhausbett genau zu der Minute stehenblieb, in der seine Frau laut Sterbeurkunde gestorben war. Diese seltsame Übereinstimmung ließ dem berühmten Naturwissenschaftler keine Ruhe. Er begann nachzuforschen. Und im Nachhinein stellte Feynman fest, dass der Arzt die Todeszeit, die in der Sterbeurkunde angegeben war, von genau jenem Wecker am Krankenbett abgelesen hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die Uhr aber schon lange stehengeblieben, mindestens eine halbe Stunde zuvor.
Sind solche Erklärungen verkopft und irgendwie unbefriedigend? Mag sein. Machen diese Erklärungen Betroffene und deren Erlebnisse lächerlich? Nein. Es geht nicht darum, die Beweiskraft von Augenzeugen und Erlebtem in Zweifel zu ziehen, sondern die Beweiskraft kritisch zu bewerten. Und das ist nicht ganz leicht, angesichts des riesigen Täuschungspotenzials von uns Menschen, das den meisten gar nicht bewusst ist. Wichtiger ist denn auch die Frage, wie Angehörige, Ärzte oder Pflegekräfte mit Sterbebettphänomenen umgehen sollten. Professor Brugger rät:
Was ganz genau vor sich geht, kann bisher niemand mit letzter Sicherheit aufzeigen. Es gibt aber keinen Grund, zu denken, dass hier „Übersinnliches“ oder „Paranormales“ im Spiel wäre.
Sowohl für die Psyche wie auch für das organische Substrat, das unauflöslich mit psychischem Erleben verbunden ist, ist Todesnähe außergewöhnlich. Angehörige oder Pflegepersonal tun wohl am besten daran, bekräftigend und staunend den Berichten einer sterbenden Person zu lauschen.
Psychologisches Wegerklären hat in solchen Momenten ebenso wenig Platz wie medizinische Halbweisheiten.
Oder, wie Roland Schulz in seinem „furchtbaren und grandiosen“ Buch mahnt: „Keiner kein wissen, was im Tod ist. Im Sterben stoßen der Verstand, das Denken, die Vernunft an ihre Grenzen. Da gibt es keine Gewissheiten mehr. Sicher ist jedoch: Sterben ist genau das Gegenteil von Kontrolle.“
Zum Weiterlesen:
- „Hospizärzte: Sterbende Patienten sehen und sprechen mit verstorbenen Angehörigen“ merkur (4. Oktober 2026)
- McArdle, Deirdre „Deathbed dreams: What end-of-life visions can teach us about life“ Irish Examiner (2. Oktober 2026)
- Fike, Ashley „The Strange Visions People Experience Before They Die, According to Hospice Physicians“ vice (1. Oktober 2026)
- Podcast „What End-of-Life Dreams Can Teach Us About Living, with Hospice Doctor Christopher Kerr“ The Oprah Podcast (28. Juli 2026)
- „Neue Studie zeigt: Sterbende erleben ähnliche Träume kurz vor dem Tod“ Frankfurter Rundschau (27. April 2026)
- Rabitti, Elisa et al. „End-of-life dreams and visions in palliative care: Perspectives, interpretations and practices from Italian professionals“ Death Studies (28. März 2026)
- Harder, Bernd „Rätselhaft? Nahtoderlebnisse und Reinkarnation im Deep Science-Podcast“ skeptix (26. Dezember 2025)
- Harder, Bernd „Laurel und Hardy und der viele übersinnliche Nonsens im neuen Roman The Secret of Secrets von Dan Brown“ skeptix (14. September 2025)
- Großdidier, Selina „Erscheinungen vor dem Tod – Körper und Seele am Lebensende“ focus (20. Juli 2022)
- Anne Françoise Weber „Visionen sterbender Menschen: Tröstende Begegnungen im Traum“ Deutschlandfunk Kultur (29. März 2020)
- Adrien, Christophe „Deathbed Visions: A Profound Source of Meaning and Comfort for the Dying“ Hospice Blog (25. Mai 2017)
- „Kater ahnt Tod von Heimpatienten voraus“ spiegel (26. Juli 2007)
- „Deathbed phenomena“ bei Wikipedia
- „Sterbebettvisionen“ bei Wikipedia
- Harder, Bernd „Warum die Uhr stehenblieb, als Opa starb“ Knaur (2010)
Titelfoto: Unsplash/Alexander Grey



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