Krasser Wandel bei den Zeugen Jehovas: Bluttransfusionen sind jetzt plötzlich doch erlaubt

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

Im April hatten wir schon darauf hingewiesen, dass die umstrittene Blutdoktrin der Zeugen Jehovas – also die religiös begründete Ablehnung von Vollbluttransfusionen und der vier Hauptbestandteile rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen, Blutplasma und Blutplättchen – womöglich vor dem Aus steht.

Tatsächlich ist es jetzt soweit. Im „Aktuellen Lagebericht der Leitenden Körperschaft“ (6/2026) heißt es:

https://kurzlinks.de/1z2a

Nach weiteren Überlegungen unter Gebet ist die Leitende Körperschaft zu dem Schluss gekommen, dass derselbe Grundsatz [gemeint ist der Bibelvers Galater 6,5: „Jeder wird seine eigene Last tragen.“] auch für die vier Hauptbestandteile von Vollblut gilt, die aus dem Blut einer anderen Person gewonnen werden.

Das heißt, jeder Christ muss bei allen medizinischen und chirurgischen Behandlungen eine persönliche Entscheidung treffen, was die Verwendung dieser vier Hauptbestandteile angeht.

De facto bedeutet das nichts anderes als das Ende des Blutdogmas, da in Deutschland ohnehin kein Vollblut transfundiert wird, sondern nur die Einzelbestandteile, die benötigt werden.

Beobachter vermuten, dass diese Entscheidung im Zusammenhang mit zahlreichen Gerichtsverfahren steht – oder aber einem rapiden Imageverlust bei der Generation Z geschuldet ist.

Die Aussteigerin und Youtuberin Anna Dilaj spricht von der „größten und dramatischsten Sache, die seit gefühlt 100 Jahren geändert wurde bei den Zeugen Jehovas“:

Zugleich erinnert Dilaj an die vielen Todesfälle im Zusammenhang mit der Blutfrage. Davon ist auch im Jahresbericht 2025 der Initiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus die Rede. Dilaj geht davon aus, dass die Wachturmgesellschaft massiv unter Druck steht, zum Beispiel in Japan, wo die Ablehnung von Bluttransfusionen als eine Form von Kindesmisshandlung gilt.

Auch der Youtube-Kanal Der Leuchtturm vermutet, die neue Regelung sei „weniger eine durch Heiligen Geist geleitete Entscheidung als vielmehr das juristische Ausweichmanöver einer Firma, deren Führung sich nicht angreifbar machen möchte“.

Noch ein Hinweis:

Der britische Ex-Zeuge und Autor Lloyd Evans hat die Broschüre

Fürchte dich nicht vor ihm – Warum es in Ordnung ist, „die Wahrheit“ infrage zu stellen

herausgebracht:

https://lloydonline.org/angst

Sie steht hier für 2,50 $ zum Download zur Verfügung. Der Verein JZ Help rezensiert die Publikation als eine „gut recherchierte Schwachstellen-Analyse des Glaubenssystems von Zeugen Jehovas“:

Es werden hier Fakten präsentiert, die die Autorität, moralische Überlegenheit und den Wahrheitsanspruch der Leitenden Körperschaft ad absurdum führen. Auch die Argumentationshilfen für Gespräche mit noch gläubigen Angehörigen finde ich nützlich.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Unsplash/Adrian Sulyok

Kommentare

5 Kommentare zu „Krasser Wandel bei den Zeugen Jehovas: Bluttransfusionen sind jetzt plötzlich doch erlaubt“

  1. Vor ein paar Tagen noch ein böser „Abtrünniger“ der geächtet werden muss. Seit ein paar Tagen jedoch ein angesehenes Mitglied der Versammlung, welches eine persönliche Gewissensentscheidung getroffen hat.

    https://www.facebook.com/groups/3504984216408680/posts/4435364616703964

    Blut und Gewissen Die Veränderung, die Vergangenheit und die Reaktionen der Zeugen Jehovas

    https://antoninocapizzi.com/b/O4p8S

    Ich habe mich als Zeuge Jehovas unter den damaligen Bedingungen taufen lassen. Für mich war die Blutdoktrin keine nebensächliche Einzelregel, sondern ein eindeutiges Gebot Jehovas. Ich glaubte, dass die Annahme bestimmter Blutbestandteile ein schwerer Verstoß gegen Gottes Willen sei und dass die Organisation diese Lehre verbindlich und mit göttlicher Autorität vermittelte. Heute wird dieselbe Frage weitgehend dem persönlichen Gewissen überlassen. Dadurch hat sich für mich nicht nur eine Einzelregel geändert. Die religiöse Grundlage, auf der ich meine Taufe und meine Zugehörigkeit zur Organisation verstanden habe, ist erschüttert. Was mir damals als unveränderliches Gesetz Gottes vermittelt wurde, wird heute als eine Frage bezeichnet, die jeder selbst entscheiden soll. Ich kann daher nicht einfach so tun, als sei nichts geschehen. Die Änderung zwingt mich, die Bedeutung meiner damaligen Taufe persönlich neu zu prüfen.

    https://www.facebook.com/groups/3504984216408680/posts/4435394733367619

    Meine persönliche Hoffnung ist, dass anlässlich der Änderung der potentiell tödlichen Blutdoktrin auch die Zeugen Jehovas zur Besinnung kommen, die für die Irrlehren der Wachtturm Gurus Ihre wehrlosen Kinder auf dem Operationstisch verbluten ließen – und das sind leider nicht wenige. Ein Schaden, den die verblendeten Eltern nie wieder gut machen können!

    https://www.facebook.com/groups/3504984216408680/posts/4435466273360465

  2. Bernd Harder

    Die schweren Folgen der Blutdoktrin für Gebärende – Bericht einer Betroffenen

    https://jz.help/15862-2/

  3. Carsten Ramsel

    In religionskritischen Kreisen munkelt man, ob nicht Mitglieder oder Angehörige der Leitenden Körperschaft von diesem Blutverbot selbst betroffen seien, und es deswegen geändert wurde. Das ist selbstverständlich Spekulation, weil ein Beispiel dafür bislang nicht bekannt ist.

    Gerichtsverfahren diesbezüglich jedenfalls gibt es so lange ich denken kann.

    Der rapide Imageverlust ist eine Fremdzuschreibung durch die Katholische Kirche. Wenn es heute immer noch stimmt, dass manche konservative Katholiken gerne mal zu den Zeugen Jehovas wechseln, ist dieser „Imageverlust“ besser mit den „liberaleren“ Überzeugungen der Katholischen Kirche in Deutschland zu erklären.

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