Der österreichische Psychotherapeut Florian Friedrich hat seine Videoreihe zum Thema „Rituelle Gewalt – Mind Control“ fortgesetzt.
Nach
- Die Modelle von Huber & Petkova im Faktencheck
- Wenn eine Hypothese zur Gewissheit wird
- Was ist wissenschaftlich belegt?
- Wenn Erinnerungen zu Geschichten werden
(wir berichteten)
sind im Weiteren erschienen:
- Traumatherapie im Faktencheck: Rituelle Gewalt & Verschwörungsmythen
- False Memory und Therapie-Verantwortung
- Dissoziation, DIS & Selbstwirksamkeit
- Das Machtgefälle in der Traumatherapie
- Michaela Huber und die Grenzen der Autorität
- Reale Gewalt vs. Verschwörungsmythos
- Der Mind-Control-Mythos
Apropos Dissoziative Identitätsstörung:
Natürlich sind die Kürzungen bei der Psychotherapie beklagenswert und die Forderungen des Aktionsbündnis Psychotherapie e.V. zu unterstützen. Nichtsdestotrotz kam bei Instagram die Frage auf, ob es sinnvoll ist, bei den Testimonials „Und hinter den Zahlen: Menschen“ mit
einer der wohl umstrittensten Diagnosen in den Klassifikationssystemen für psychische Störungen (Psychotherapeutenjournal)
zu starten, nämlich der DIS:

Zumal die Ablehnung einer adäquaten Therapie offenbar nicht rein aus Kostengründen erfolgte. Darauf wiesen verschiedene Kommentator:innen hin, unter anderem die Betreiberin des Instagram-Accounts hilfe_nach_rgmc. Doch kritische Anmerkungen wurden weitgehend gelöscht, was das Aktionsbündnis so begründete:
Wir teilen hier keine Fallberichte zur fachlichen Diskussion oder Supervision, sondern die echten Erlebnisse von Menschen, die den Mut haben, sich sichtbar zu machen. Das verdient Respekt, kein Infragestellen.
Wer das Erlebte in Frage stellt oder kleinredet, reproduziert genau das, was viele Betroffene ohnehin schon zu oft erleben: nicht geglaubt zu werden. Das lassen wir hier nicht zu.
Das kann man so sehen – muss man aber nicht.
Die Betreiberin von hilfe_nach_rgmc teilte uns dazu ihre Auffassung mit:
Das Aktionsbündnis Psychotherapie möchte ein „Safe Space“ für Betroffene sein und ihnen „eine Stimme geben“. Das ist für mich erstmal total nachvollziehbar.
Jedoch wirft der eher selektiv wirkende Umgang innerhalb der Kommentarspalte bei mir die Frage auf, wen genau das Aktionsbündnis überhaupt zu den Betroffenen zählt. Zusammen mit anderen User*innen wurde ich nach einer Bitte, „substanzlose Bullshitkommentare“ zu löschen, vom Social-Media-Team des Vereins wortwörtlich „ausgeblendet“.
In einer langjährigen kassenfinanzierten psychotherapeutischen „Psychotherapie“, in welcher der Psychotherapeut Annahmen des Rituelle Gewalt-Mind Control-Verschwörungsnarrativs einfließen ließ, wurde mir ebenfalls eine Dissoziative Identitätsstörung diagnostiziert – wie auch dem Betroffenen M.
Kritische und sachliche Anmerkungen sowie negative Erfahrungen (wie Fehlbehandlungen oder -diagnosen) von Betroffenen sind also explizit nicht erwünscht. Wie passt dieser selektive Umgang des Aktionsbündnisses mit dem Versprechen zusammen, Betroffenen eine Stimme zu geben?
Insbesondere bei einer Diagnose, bei der nicht nur die Diagnose selbst, sondern auch bestimmte Behandlungsansätze und -methoden wissenschaftlich umstrittenen sind?
Eine andere Kommentatorin, deren Einlassung bei dem Instagram-Beitrag des Aktionsbündnisses ebenfalls verschwunden ist, schrieb uns:
Als ehemalige Patientin einer psychiatrischen Traumastation habe ich selbst erlebt, wie schleichend suggestive Prozesse wirken können.
Wenn man schwer belastet auf so einer Station ankommt, ist der Wunsch nach Hilfe, Erklärung und einer tragfähigen Beziehung zu Therapeutinnen sehr groß. Außerdem ist man extrem vulnerabel. Man geht schließlich mit einem enormen Vertrauensvorschuss gegenüber den Therapeutinnen dort hin.
Mir wurde die Diagnose einer DIS subtil nahegelegt. Die Erzählung vom rituellem Missbrauch war auf dieser Station präsent, und ich wurde ermutigt, in meiner Vergangenheit nach passenden Erinnerungen zu suchen. Sicher nur mit den besten Absichten, aber ich hätte sehr leicht auf verschiedenen, mehr oder weniger suggestiven „Angeboten“ ausrutschen können.
Es gab zudem eine spürbare, wenn auch inoffizielle Gruppendynamik. Vielleicht so etwas wie ein Ranking der Betroffenheit. Niemand hat sich nach dem spektakulärstem Trauma in der Reihe aufgestellt, trotzdem war das so spürbar. Das Angebot, meine Probleme über die Erzählung des rituellen Missbrauchs zu erklären und Anerkennung zu finden, war sehr verführerisch. Ich habe an mir selbst beobachtet, wie ich anfing zu überlegen, ob da nicht doch etwas in meiner Vergangenheit war.
Dieses eigene Erleben hat mir gezeigt, wie leicht man in einer empfindlichen, therapeutischen Situation durch gut gemeinte, aber suggestive Impulse geformt werden kann. Ich zweifle keineswegs an der Existenz organisierter sexueller Gewalt. Aber unter anderem nicht nur diese Erfahrung hat mich gelehrt, das Narrativ des rituellen Missbrauchs und das vorschnelle Stellen von DIS-Diagnosen sehr kritisch zu hinterfragen.
Ich hatte das Glück, mich in dieser Situation distanzieren zu können. Was aber auch bedeutet hat, dass ich an den Therapeut*innen gezweifelt habe, deren Hilfe ich eigentlich gebraucht hätte. Andere Patientinnen sind in Abhängigkeiten geraten aus denen sie sich jetzt, nach vielen Jahren, noch immer noch lösen konnten.
Wenn der Anspruch ist, den Erlebnissen von Betroffenen zu glauben, dann konterkariert nicht euren eigenen Anspruch, indem ihr zum Beispiel mir unterstellt, meine Erfahrungen wären nicht valide.
Vertiefen wir noch kurz die besagte Aufforderung des Kommentators space.jonicorn:
Könnt ihr substanzlose Bullshitkommentare von Leuten, die finden, dass schwerst traumatisierte Menschen nicht existieren, sondern die Leute nur Theater spielen, bitte einfach löschen?
Selber Bullshit, möchte man da einfach nur zurückgeben. Niemand bestreitet, dass es schwerst traumatisierte Menschen gibt. Nichtsdestotrotz weisen die Psycholog:innen Philipp Herzog, Tim Kaiser und Rafaële J. C. Huntjens im Psychotherapeutenjournal darauf hin, dass
… in letzter Zeit massenhaft Jugendliche (sowohl online als auch in klinischen Einrichtungen) mit Symptomen insbesondere der DIS auftreten, die scheinbar durch das Betrachten von krankheitsbezogenen Inhalten, die von Influencer*innen in den sozialen Medien gepostet wurden, erworben wurden.
Niemand unterstellt dem Betroffenen M., dass er zu dieser Gruppe gehört. Aber darf man das nicht wenigstens mal erwähnen, zumal der Artikel von Herzog/Kaiser/Huntjens in einer Publikation für die Mitglieder der Psychotherapeutenkammern in Deutschland erschienen ist?
Zudem behaupten die Kritiker:innen des RG-MC-Narrativs mitnichten, dass es die Dissoziative Identitätsstörung nicht gibt. „Umstritten“ sind einzelne Punkte, wie zum Beispiel die Häufigkeit der Diagnose, die gezielte Herbeiführung einer DIS durch Rituelle Gewalt, die Steuerung der einzelnen Persönlichkeitsanteile durch „Mind Control“, das angebliche Eigenleben von strukturell abgespaltenen Persönlichkeiten etc.:
Aus der Diagnose DIS lässt sich weder auf Rituelle Gewalt noch auf Mind Control, Programmierung, geheime Täterorganisationen oder bestimmte verborgene Erinnerungen schließen.
Aktuelle Infos dazu gibt es in den Fachbeiträgen
- Die wichtigsten Fakten zur dissoziativen Identitätsstörung (Gehirn & Geist)
- Von hartnäckigen Fiktionen und unbequemen Wahrheiten über die Dissoziative Identitätsstörung (Psychotherapeutenjournal)
- Dissoziative Identitätsstörung und partielle Dissoziative Identitätsstörung (Deutsches Ärzteblatt)
Natürlich hat das Aktionsbündnis das Recht, zu sagen:
Wie möchten Betroffenen hier eine Stimme geben und keine Diskussion darüber, ob eine psychische Erkrankung existiert, bei der Diagnosen abgesprochen werden
Aber vielleicht kann die Diskussion mal an anderer Stelle geführt werden.
Zum Weiterlesen:
- Harder, Bernd „Das Problem mit ritueller Gewalt und Mind Control“ skeptix (16. September 2026)
- „RG und MC – Podcast“ dissoziationen.de (1. Oktober 2026)
- „Satanic-Panic-Lexikon“ bei dissoziationen.de
Titelfoto: Unsplash/Céline Cao



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