Das Thema „Dissoziative Identitätsstörung“ geht derzeit wieder verstärkt durch die Medien, etwa beim Youtube-Kanal no stigma oder im WDR.
In ihrer neuen Studie „Das Narrativ Rituelle Gewalt – Verschwörungsmythen und toxische Beziehungen in Psychotherapie und Beratung“ weisen Fegert et al. darauf hin, dass
… eine öffentliche Darstellung einerseits zur Entstigmatisierung und Aufklärung über eine häufig missverstandene psychische Erkrankung beitragen kann. Laut einer aktuellen Studie sind etwa 50 Prozent der YouTube-Videos zu diesem Thema als hilfreich im Sinne evidenzbasierter Aufklärung einzustufen, während dies nur auf etwa 5 Prozent der TikTok-Videos zutrifft (Muñoz et al., 2024).
Andererseits wirft diese Entwicklung auch kritische Fragen auf und stellt eine Gefahr der Desinformation und des sogenannten Looping Effekts (Hacking, 1995) dar. Der „Looping Effekt“ beschreibt, dass Klassifikationen – etwa psychiatrische Diagnosen – das Selbstverständnis der klassifizierten Menschen beeinflussen, was wiederum die Klassifikation selbst verändert.
Im Fall von TikTok bedeutet das: Die Diagnosekategorie „DIS“ wird durch Onlinevideos und Communities nicht nur abgebildet, sondern auch neu definiert. Jugendliche übernehmen die dort sichtbaren Narrative – etwa die Konzepte von „Systemen“, „Switches“, „verdrängten Erinnerungen“ oder „Alters“ – und passen ihre eigenen Selbstbeschreibungen und Symptome daran an.
Auf diese Weise entstehen Rückkopplungsschleifen, in denen sich Symptome und Kategorien gegenseitig hervorbringen und verstärken.
Der forensische Psychiater Frank Urbaniok äußert in einem Welt-Interview erhebliche Zweifel daran, dass „dieses Störungsbild in dieser Form“ überhaupt existiert:
Vor ein paar Jahren dachte ich noch, es gäbe vielleicht einige, seltene Fälle, aber ich hatte noch keinen gesehen und viele meiner erfahrenen Kollegen auch nicht. Gleichzeitig war der Hype darum riesig. Das hat mich skeptisch gemacht.
Jetzt, einige Jahre später, hatte ich etliche „DIS-Patienten“ – die Diagnose war aber nie korrekt gestellt. Das waren vor allem Borderliner.
Ich bin mittlerweile davon überzeugt: Dieses Störungsbild existiert in dieser Form nicht.
Und zwar konkret in jener Form, wie sie von den Verfechtern des Rituelle Gewalt-Mind Control-Verschwörungsnarrativs behauptet wird:
Bei der DIS spezifisch soll es verschiedene, strukturell voneinander abgespaltene Persönlichkeitsanteile geben, die ein Eigenleben führen und oft nichts voneinander wissen.
Es soll „Alltagspersönlichkeiten“ geben und andere, die im Hintergrund stehen. Bestimmte Trigger sollen einen Schalter umlegen und zu einem Persönlichkeitsswitch führen […] Es kursieren die absurdesten Vorstellungen darüber: Mit gezielten Mechanismen könne man Persönlichkeitsteile von Menschen abspalten, sodass eine DIS entstehe. So könne man sie und sogar ihre Gedanken kontrollieren.
Das wird „Mind Control“ genannt und ist Unsinn.
Urbaniok räumt ein, dass es „seriöse Kollegen“ gebe, die davon ausgingen, dass es sehr seltene Fälle von DIS gibt. Das erkläre aber keine Kliniken voll mit vermeintlichen Patient:innen und Social-Media-Accounts mit Tausenden Followern, „die auch alle eine DIS haben wollen. Das ist eine Inszenierung, ein überdiagnostizierter Hype, mit dem viel Missbrauch getrieben wird“.
Zur Studienlage sagt der deutsch-schweizerische Psychiater:
Diese Studien bestehen nicht aus Verfahren, in denen man objektiv eine DIS feststellen kann, sondern aus Therapeuten, die von ihren angeblich diagnostizierten Patienten berichten. Das ist kein Beleg; deswegen sollte man mit dieser Art Studie vorsichtig sein […]
Andere Studien weisen Hirnveränderungen bei DIS-Patienten nach – die gibt es aber bei vielen komplex traumatisierten Menschen. Das lässt sich in diesen Verfahren nicht voneinander unterscheiden.
Tatsächlich mahnen auch Fegert et al. zu einem sorgsamen Umgang mit der Diagnose DIS:

Das Webportal Debunking Satanic Panic weist auf „mehrere methodische Einschränkungen“ der wissenschaftlichen DIS-Forschung hin:
Dazu gehören die wiederholte Auswertung derselben Patientengruppen, die Konzentration neu untersuchter Fälle auf wenige Forschungsgruppen, teilweise fehlende unabhängige Diagnosebestätigungen und die häufige Rekrutierung von Personen aus bestehenden Behandlungskontexten […]
Eine kritische Überprüfung dieser Grundlagen wäre kein Angriff auf Menschen mit einer DIS-Diagnose – sie könnte gerade in ihrem Interesse liegen.
Das sieht die einschlägige Szene natürlich anders. Im Epilog seines Podcasts Rituelle Gewalt und Mind Control: Trauma, Erinnerung und therapeutische Macht berichtet der Psychotherapeut Florian Friedrich (Salzburg) von „Hass im Netz und Diffamierungen vonseiten der Rituellen-Gewalt-Bubble“:
Nichtsdestotrotz:
Wahrer Opferschutz ist evidenzbasiert. Wer Ermittler auf die Jagd nach imaginierten Kulten schickt, sabotiert die Aufklärung realer pädokrimineller Strukturen.
Umso bedeutender ist der aktuelle Meilenstein: Das Aktionsbündnis Psychotherapie hat öffentlich Fehler eingeräumt, sich unmissverständlich von der unhaltbaren Mind-Control-Hypothese distanziert und klargestellt, dass die Perspektive von Opfern suggestiver Fehltherapien (False Memories) gleichberechtigt in den fachlichen Diskurs gehört.
Das besagte Fehlereingeständnis ist hier bei uns im Skeptix-Blog nachzulesen. Wie überzeugend es ist, bewerten unsere Kommentator:innen eher zurückhaltend.
Zum Weiterlesen:
- Sostmann, Uma „Multiple Persönlichkeiten: Aktivisten haben die Deutungshoheit übernommen“ welt (1. November 2026)
- „Wie unabhängig ist die DIS-Forschung?“ SP Debunking (25. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „Neue Studie: Rituelle Gewalt-Mind Control als fatales zirkuläres Deutungsgefüge“ skeptix (25. Oktober 2026)
- Video „Wenn Erinnerungen zu Gewissheiten werden – Rituelle Gewalt, Mind Control und die Macht der Suggestion“ SitP Wien (22. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „RG-MC-Verschwörungstheorie: Dissoziative Identitätsstörung und Bullshitkommentare“ skeptix (4. Oktober 2026)
- „Der aufgestörte Blick“ SP Debunking (22. Juli 2026)
- Boysen, Guy „Dissociative Identity Disorder: A Review of Research From 2011 to 2021“ The Journal of Nervous and Mental Disease (1. März 2024)
- Kropac, Kerstin „Neue YouTube-Reihe no stigma für mehr Akzeptanz psychischer Erkrankungen“ Apotheken Umschau (1. November 2024)
Titelfoto: Unsplash/Rapha Wilde



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