Der Psychotherapeut und RG-MC-Kritiker Florian Friedrich (Salzburg) hat ein neues Video veröffentlicht:
Das Gegenteil von Trauma ist Verbundenheit: Die Dekonstruktion Ritueller Gewalt-Mythen
In dieser 13. Folge werden die spekulativen Konzepte ritueller Gewalt und des Mind-Control-Narrativs in der Traumatherapie einer kritischen, wissenschaftlichen und systemischen Analyse unterzogen […]
Anstatt bei einer rein journalistischen Aufzählung von Fakten wie den Berichten des Sekteninfos NRW des SPIEGEL oder der Satire-Sendung ZDF Magazin Royale stehenzubleiben, erfolgt in dieser Episode eine profunde klinische Dekonstruktion vermeintlich übersinnlicher Phänomene.
Scheinbare Wunder im Therapieraum, wie der plötzliche Wechsel der Augenfarbe je nach aktivem Persönlichkeitsanteil oder schwankende, identitätsabhängige Narkosewirkungen, werden durch die faszinierende neurobiologische und somatopsychische Plastizität des menschlichen autonomen Nervensystems unter dem Einfluss tiefer dissoziativer Trancezustände unaufgeregt erklärt.
Dazu gibt es die neuen Blog-Artikel:
- Rituelle Gewalt: Missbrauch in der Traumatherapie
- Rituelle Gewalt: Wenn Traumatherapie zur Ideologie wird
- Rituelle Gewalt: eine soziologische Analyse
- Trauma und Verbundenheit: Der Mythos ritueller Gewalt
Wie Patient:innen in toxische Behandlungsdynamiken und therapeutische Verstrickungen geraten können, die schließlich in eine gemeinsame Suche nach vermeintlich nicht erinnerten Erfahrungen mit „Ritueller Gewalt“ münden, untersuchen der Kinder- und Jugendpsychiater Jörg Fegert, die Psychologin Jelena Gerke, die Psychologin Lea Frühauf und die Kriminologin und Pädagogin Kim Magiera in einer neuen Studie:

Im Vorwort erklärt Jörg Fegert, dass er die „besondere mediale und institutionelle Dynamik“ der öffentlichen Debatte um das Phänomen „Rituelle Gewalt“ zunächst nicht erwartet hatte:
In mehr als 40 Jahren klinischer Erfahrung und verantwortungsvoller Tätigkeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie kann ich die Fälle, die nach der ICD-10 mit der Diagnose „multiple Persönlichkeitsstörung“ diagnostiziert wurden und einige wenige Fälle, wo wir Kinder weit weg von ihrem Herkunftsort wegen der akuten Bedrohung durch eine Gruppe im Sektenmilieu zu ihrem Schutz und zur Behandlung ihrer Traumafolgen stationär aufgenommen hatten, jeweils an einer Hand abzählen.
Allerdings musste der renommierte Experte feststellen:
In vielen Gesprächen, die ich zum Thema „rituelle Gewalt“ geführt habe, ging es aber nicht vorrangig um klinische Erfahrungen und Begriffe, Daten, Methoden oder Behandlungsqualität, sondern es ging unmittelbar um Loyalität und Positionierung.
Besonders eindrücklich war für mich ein erstes Gespräch im Zusammenhang mit der möglichen wissenschaftlichen Begleitung des berta-Telefons. Wir hatten vorgeschlagen, zunächst deskriptiv zu untersuchen, wer dieses Angebot nutzt, welche Anliegen dort vorgebracht werden und wie die Beratung konkret stattfindet.
Die erste Frage, die uns von den dort beratenden Betroffenen und Fachexpert*innen gestellt wurde, lautete, ob wir an rituellen Missbrauch glauben. Für mich war dieser Moment nicht nur aufschlussreich, sondern erforderte sofort eine Positionierung als Forscher.
Forschung kann nicht mit einer solchen Vorbedingung beginnen. Sie kann und sollte Leid ernst nehmen, Berichte anhören, Schutzbedarfe anerkennen; sie kann aber kein Glaubensbekenntnis an den Anfang stellen.
Erklärtermaßen will das Buch die verhärtete Polarisierung überwinden und „zur Versachlichung“ beitragen:
Es soll nicht Lager bestätigen, sondern Unterscheidungsfähigkeit ermöglichen […]
Der Schutz Betroffener ist Bestandteil beider Positionen. Die affirmative Position will Betroffene vor organisierten Tätergruppen, aber auch vor dem Unglauben von Fachkräften und der Öffentlichkeit, vor der Bagatellisierung und erneuter Beschämung schützen.
Die kritische Position will Betroffene vor suggestiven Prozessen, Behandlungsfehlern, biografischer Verfestigung empirisch nicht hinreichend abgesicherter Deutungen und möglichen Falschbeschuldigungen schützen. Diese Schutzperspektiven stehen im Diskurs häufig gegeneinander.
Analytisch lassen sie sich als unterschiedliche Risikoperspektiven verstehen: auf der einen Seite das Risiko von Nichtanerkennung, Bagatellisierung und fehlender Unterstützung, auf der anderen Seite das Risiko suggestiver Prozesse und der Verfestigung empirisch nicht hinreichend abgesicherter Interpretationen.
Auf den mehr als 500 Seiten referieren die Autor:innen zunächst einmal korrekt und ausführlich die Kritik am Rituelle Gewalt-Mind Control-Narrativ (RG-MC) und sprechen dabei auch die völlige Beliebigkeit des Begriffs „Rituelle Gewalt“ an:
Besonders häufig thematisiert wird die Frage, was im Kontext „rituelle Gewalt“ mit dem Attribut „rituell“ konkret bezeichnet wird.
In der affirmativen Literatur reicht das Spektrum der Bedeutungen von explizit religiösen oder satanistischen Praktiken über allgemein ideologische Rahmungen bis hin zu wiederkehrenden Gewaltabläufen ohne spezifischen Symbolgehalt.
Kritische Autor*innen bemängeln, dass diese Bedeutungsvielfalt selten explizit reflektiert oder begrifflich differenziert wird
Da ist weitgehend richtig, daher erscheint kaum nachvollziehbar, warum das Quartett diesen Terminus trotz gravierend „unterschiedlicher Referenzebenen“ verteidigt – unter anderem, weil „Rituelle Gewalt“ für Betroffene eine Selbstbeschreibung sein könne, „mit der bestimmte Gewalterfahrungen sagbar werden. Für die Analyse konkreter Tatgeschehen kann er auf rituelle, sakrale, symbolische oder ideologische Elemente verweisen, die als Täterstrategien eingesetzt werden können“.
Die Entscheidung, vom Narrativ „Rituelle Gewalt“ zu sprechen, erweist sich daher als analytisch sinnvoll.
Das kann man durchaus anders sehen, weil „Täterstrategien“ eigentlich keinen Alternativbegriff benötigen, aber immerhin stimmen die vier Expert:innen mit uns darin überein, dass neuere Gruppierungen wie „764“ mitnichten „auf eine empirische Bestätigung des Narrativs Rituelle Gewalt verweisen, sondern auf ein eigenständiges digitales Gewalt- und Rekrutierungsphänomen“ – und dass die Dissoziative Identitätsstörung mit Vorsicht zu behandeln ist:

Im zweiten Teil des Buches geht es dann um eine „Rekonstruktion der Genese, Stabilisierung und Revision des Narrativs Rituelle Gewalt in Therapie- und Beratungsverläufen“. Die Autor:innen interviewten dafür 17 Personen, darunter zehn direkt Betroffene (ehemaligen Patient:innen einer Psychotherapie beziehungsweise Beratung) sowie Angehörige und Fachleute.
Ein Beispiel:

Fegert et al. arbeiten zum einen heraus, dass das RG-MC-Narrativ „nicht auf die Erklärung einzelner Symptome beschränkt“ ist, sondern ein geschlossenes, zirkuläres Deutungsgefüge konstituiert, welches
… eine umfassende Rahmung bereitstellt, in der biografische Erfahrungen, psychische Beschwerden, Erinnerungslücken, gegenwärtige Ängste, Beziehungsprobleme und alltägliche Irritationen in einen einheitlichen Deutungsrahmen überführt werden können.
Gerade diese Ausweitung zu einem übergreifenden Deutungsrahmen ist für seine Reichweite im Behandlungs- und Beratungskontext von zentraler Bedeutung […]
Insgesamt zeigt sich, dass die Patient: innen häufig bereits vor der Indexbehandlung erheblich belastet, therapeutisch vorerfahren und auf der Suche nach Orientierung und Erklärung für ihr Leiden sind. Diese Voraussetzungen machen das Modell nicht notwendig, wohl aber in spezifischer Weise ansprechend und anschlussfähig.
Zum anderen birgt dieses Konstrukt einen erheblichen Benefit für die Therapeut:innen. Sie
… können als Personen relevant werden, die über dieses besondere Wissen verfügen, die Zusammenhänge erkennen, das Erleben der Patient:innen einordnen sowie Orientierung und einen vertrauensvollen Schutzraum in einer als bedrohlich verstandenen inneren und äußeren Wirklichkeit anbieten.
Damit kann das Modell zur Aufwertung der professionellen Beziehung beitragen und ihre Reichweite über ein reguläres therapeutisches Arbeitsbündnis hinaus erweitern […]
Es fällt auf, dass die Therapeutinnen ihr Handeln häufig nicht als problematisch, sondern im Gegenteil als Ausdruck besonderer Verantwortungsübernahme, Hilfsbereitschaft und Engagement für ihre Patientinnen verstehen […]
Therapeut*innen erscheinen in dieser Logik als Personen mit speziellem Wissen über Dissoziation, „Programmierung“, Täterkontakte und die Dynamik organisierter/“ritueller Gewalt“. Dieses Wissen wird nicht nur als fachliche Kompetenz, sondern zum Teil als etwas verstanden, das andere Fachpersonen gerade nicht anerkennen wollen.
Darin liegt ein Moment der Besonderung: Die eigene Position erscheint als diejenige, die das eigentliche Geschehen erkennt, während andere Fachpersonen, Institutionen oder auch Angehörige von Patient: innen
als naiv, uninformiert oder verharmlosend – im Extremfall auch als loyal dem Täternetzwerk gegenüber – wahrgenommen werden können.In dieser Konstellation gewinnt die therapeutische Rolle zusätzliche Bedeutung. Sie ist nicht nur auf Behandlung im engeren Sinne bezogen, sondern auch auf Schutz, Aufklärung und Deutungshoheit.
Fatal: In dem Interview- und Dokumentenmaterial wird diese Form des Vorgehens der Therapeut:innen wiederholt als ein „Suchen nach noch Schlimmerem“ beschrieben:

Nicht verwunderlich, dass es den Patient:innen im Verlauf der Behandlung nicht besser, sondern deutlich schlechter ging:
Sichtbar werden Verschlechterungen des psychischen Zustands, tiefgreifende Verunsicherung in Bezug auf das eigene Erleben, das Entwickeln fortdauernder Bedrohungsvorstellungen, soziale Isolation und erhebliche Belastungen für Angehörige und andere Bezugspersonen.
Hinzu kommen langfristige Schwierigkeiten nach der Ablösung aus Therapie und Erklärungsmodell, insbesondere bei der Suche nach neuer professioneller Unterstützung.
Die Autor:innen leiten aus ihrer Analyse eine Reihe von Handlungsempfehlungen für die Ausbildung, Fort- und Weiterbildung, Therapie und Beratungspraxis, Politik und Versorgung ab, die im Kern die Anerkennung tatsächlicher Gewalterfahrungen mit einer kritischen Prüfung ungesicherter therapeutischer Interpretationen und Behandlungsfehler verbinden.
- Die Studie
Das Narrativ „Rituelle Gewalt“ – Verschwörungsmythen und toxische Beziehungen in Psychotherapie und Beratung
ist im Psychiatrie Verlag erschienen und kostet 65 Euro. Sie steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung.
Zum Weiterlesen:
- Video „Wenn Erinnerungen zu Gewissheiten werden – Rituelle Gewalt, Mind Control und die Macht der Suggestion“ SitP Wien (22. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „Video: Wenn Rituelle Gewalt zur Ideologie wird – und wie der Ausstieg gelingt“ skeptix (12. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „RG-MC-Verschwörungstheorie: Dissoziative Identitätsstörung und Bullshitkommentare“ skeptix (4. Oktober 2026)
- Harder, Bernd „Rituelle Gewalt heißt jetzt anders – aber was bringt das?“ skeptix (18. August 2026)
- Harder, Bernd „Satanistisch-rituelle Gewalt endlich bewiesen – wirklich?“ skeptix (6. Januar 2026)
- Harder, Bernd „Mysteriös, unbegreifbar: Warum verzichtet die Satanic-Panic-Szene nicht auf den Begriff der Rituellen Gewalt?“ skeptix (12. Oktober 2025)
- Fegert et al. „Die Methode der forensischen Glaubhaftigkeitsbegutachtung im deutschen Sprachraum – Ein interdisziplinäres Plädoyer für eine kritische Bestandsaufnahme zur Anwendung der sogenannten Nullhypothese in unterschiedlichen Verfahrenskontexten“ UBSKM (2024)
- Volbert et al. „Falsche Prämissen und eine vertane Chance – Replik auf die Expertise zur Methode der forensischen Glaubhaftigkeitsbegutachtung“ Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie (2024)
- Volbert et al. „Die aussagepsychologische Begutachtung: eine verengte Perspektive?“ Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie (2019)



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