Was ist ein Zombie? Ein Monster? Eine Figur aus Filmen? Oder etwas anderes? Was haben die Zombies mit Haiti zu tun?
Diesen Fragen geht die Ausstellung
Zombies – die Ursprünge
im Linden-Museum Stuttgart nach (bis Mai 2027). Der SWR schreibt in seiner Rezension „Anders als gedacht“:
Es ist eine beeindruckende Ausstellung, in der es viel Überraschendes, auch Spektakuläres wie zum Beispiel die seltene Nachbildung eines realen Vodou-Tempels zu entdecken gibt.
Nachhaltig aber ist vor allem die Erkenntnis, dass die Vodou-Religion auf Haiti in direkter Verbindung mit einer brutalen Kolonialisierung der Insel steht.

Hunderttausende Menschen aus West- und Zentralafrika wurden als Arbeitssklaven in die Karibik verschleppt. So entwickelte sich die Vodou-Religion aus einer Mischung indigener, afrikanischer und katholischer Glaubensvorstellungen.
Die Direktorin des Stuttgarter Linden-Museums Inés de Castro sagt, die traumatische Erfahrung der Kolonialisierung spiegele sich letztlich auch in der Zombie-Figur wider.
Abseits der bekannten Splatter-Werke greifen auch einige Filme dieses Motiv auf, etwa „Survival of the Dead“ von 2010. In diesem sechsten Romero-Streifen bewegt sich der Knecht von Sheamus Muldoon (Richard Fitzpatrick) an einer Kette innerhalb des Viehgatters. Der Angestellte protestiert nicht, ist überaus produktiv und kostet auch keinen Lohn. Denn der gute Mann ist tot – einer von zahlreichen Zombies auf der kleinen Insel Plum, die erfolgreich domestiziert werden konnten.
Auch in „The White Zombie“ (1932) tritt jene Figur aus der haitianischen Volkskultur als willenloser Zombiesklave auf, den ein reicher Plantagenbesitzer (Bela Lugosi) bis zum Umfallen für sich schuften lässt: „They work faithfully and they’re not worried about long hours“, erläutert er knapp sein Businessmodell. „The Plague of the Zombies“ („Nächte des Grauens“, 1966) wiederum zeigt, wie im viktorianischen England ein Adliger den Voodoo-Zauber als kolonialistische Beute mit nach Cornwall bringt und sein Bergwerk mit somnambulen untoten Arbeitern betreibt.
Keineswegs verwunderlich also, dass die Geschichten von Zombies gerade in der Karibik entstanden. Die Urahnen des Großteils der heutigen Bevölkerung wurden als Sklaven nach Amerika gebracht. Sklaven und mentale Sklaven („Zombies“) werden misshandelt, geschunden und als billige Arbeitskräfte missbraucht. Filmhistoriker sehen im Zombie-Motiv denn auch die Urangst des Menschen vor der totalen Unterwerfung unter einen fremden Willen.
Aber funktioniert das wirklich? Was hat es „in echt“ mit dem Zombie-Mythos auf sich? Betrachten wir das Thema mal skeptisch.
1983 flog der Ethnobotaniker Wade Davis vom Botanischen Museum der Harvard-Universität nach Haiti, um den Voodoo-Kult und der Praktiken des Bokor zu studieren. Seine Bücher „The Serpent and the Rainbow” und „Passage of Darkness” trugen ihm einen Hollywood-Vertrag über die Filmrechte und sogar den Doktorhut ein. In dem Streifen „Die Schlange im Regenbogen“, der schließlich von Gruselmeister Wes Craven („Scream“) effektvoll in Szene gesetzt wurde, geht es um einen Wissenschaftler, der sich im Auftrag eines Pharmakonzerns nach Haiti begibt, um ein „Zombiepulver“ zu erwerben, das man als Betäubungsmittel verwenden will.

Auch in der Realität wollte Ideengeber Wade Davis die Fachwelt davon überzeugen, dass die mysteriöse „Zombifizierung“ hauptsächlich durch das Kugelfischgift Tetrodotoxin verursacht wird. Es soll durch die Haut in den Körper dringen und die Lebensfunktionen derart drosseln, dass der Schein-Tote im Sarg eine gewisse Zeit zu überstehen vermag. In der Nacht nach der Beerdigung bricht der Bokor nach dieser Theorie den Sarg auf und wiederbelebt sein Opfer, möglicherweise mit Extrakten aus dem Stechapfel.
So geschehen etwa bei Clairvius Narcisse, dem berühmtesten Zombie Haitis?
Im Jahr 1980 kauft Angelina Narcisse auf dem Markplatz von l’Estère, ihrem Heimatdorf, ein. Plötzlich hört sie eine Stimme hinter sich, die ihr den Spitznamen ihres längst verstorbenen Bruders Clairvius ins Ohr flüstert. Da sein Neckname nur den engsten Familienmitgliedern bekannt gewesen ist, erschrickt Angelia bis ins Mark. Als sie sich umdreht, fällt sie in Ohnmacht: Vor ihr steht, schwankend, unsicher und benommen, ihr Bruder Clairvius.
Familie und ehemalige Freunde erkennen den Verstorbenen eindeutig wieder, alle Zweifel sind schnell aus dem Weg geräumt. Die Angehörigen haben nur eine Frage: Wo war Clairvius die letzten 18 Jahre?
Clairvius starb am 2. Mai 1962 in der Kleinstadt Deschapelles, wo er im Albert-Schweitzer-Krankenhaus einem rätselhaften Fieber erlag. Man erklärte ihn für tot und ließ ihn einsargen. Bald nach der unvermittelten Begegnung mit seiner Schwester auf dem Markt von l’Estère entsinnt Clairvius sich vage der damaligen Ereignisse im Hospital. Er habe Atemnot bekommen und sei in einen tranceähnlichen Zustand gefallen. Obwohl er die Personen in seinem Krankenzimmer reden hörte und mitbekam, wie der Arzt seinen Tod feststellte, konnte er sich nicht bewegen oder etwas sagen.
Auch an das Geräusch des Sargdeckels, der sich über ihm schloss, erinnert sich Clairvius. Während er dachte, nun tatsächlich sterben zu müssen, durchbohrte einer der Nägel, die man in die Totenkiste schlug, seine Wange. Er hörte seine Schwester weinen. Danach verlor er jedes Zeitgefühl, bis er ein Licht wahrnahm, das ihm ins Gesicht schien. Er spürte, wie man ihn aus dem Sarg zerrte, dann wurde er von einigen Männern fortgeschleift.
Er habe eine weitere Droge erhalten, die bewirkte, dass er seinen Körper wieder halbwegs bewegen konnte, doch unfähig war, einen klaren Gedanken zu fassen. Zwei Jahre lang sei Clairvius als willenloser Sklave des Hexenmeisters auf einer Zuckerrohrplantage im Norden des Landes gehalten worden.
Doch eines Tages erwachte einer seiner Zombie-Gefährten aus seinem Dämmerzustand, stürzte sich auf den Bokor und tötete ihn. Danach erhielten sich nicht länger die Substanzen, die ihnen die Sinne vernebelten, sodass allen Sklaven die Flucht gelang. In den nächsten Jahren wanderte Clairvius ziellos auf der Insel umher, bis er nach l’Estère zurückkehrte und schließlich seine Schwester Angelina traf.
Der Ethnobotaniker Wade Davis befasste sich intensiv mit der seltsamen Geschichte von Clairvius Narcisse und erklärte selbstgewiss: „Ein Zombie hat den Spiegel des Unglaubens zerschlagen.“ Es gelang Davis, einem Bokor bei der Herstellung des „Zombiepulvers“ über die Schulter zu blicken:
Ich war nicht auf der Suche nach einer tödlichen Droge, sondern nach einer, die dafür sorgt, dass jemand wie tot wirkt. Ich kannte aber keine solche Droge. Nachdem ich gesehen hatte, wie das Gift gemischt wird, beschaffte ich alle dazu notwendigen Pflanzen und Tiere und nahm sie mit nach Harvard.
Zu Davis Beute gehörte eine Anzahl giftiger und gefährlicher Zutaten. Darüber hinaus luchste er dem Bokor acht Proben von dessen „Zombiepulver“ ab. Im Harvard-Labor stellte sich heraus, dass es sich um eine Mixtur aus menschlichen Leichenteilen sowie den Giften der Aga-Kröte und des Kugelfischs handelt. Doch erst, als ihn seine Nachforschungen zum Institut für Ichthyotoxikologie führten, erkannte Davis die Bedeutung der einen entscheidenden Ingredienz: dem Kugelfisch.
Je mehr der Ethnobotaniker über Tetrodotoxin erfuhr, das stärkste natürlich vorkommende Nervengift, desto sicherer war er:
Ohne jeden Zweifel hatten die haitianischen Voodoo-Anhänger in ihrer Umgebung ein natürliches Produkt entdeckt, das sie zusätzlich rituell manipulierten, und das, zur richtigen Zeit und in der richtigen Dosis eingenommen, einen Menschen in einen todesähnlichen Zustand versetzen würde.
Ist das Rätsel der haitianischen Zombies damit gelöst? Keine Monster, die den Lebenden nachstellen, sondern Opfer magisch-chemischer Umtriebe? Keine im Verwesen begriffenen Menschenfresser, sondern willenlose Zwangsarbeiter?
Nicht zwingend. Denn der Fall des Clairvius Narcisse wurde nie eindeutig geklärt (mache Kritiker vermuten dahinter eine kulturell verstärkte Lügengeschichte, das Cotard-Syndrom oder sogar einen Identitätsbetrug) – und die Wirkung des Giftpulvers ist sehr umstritten.
Während Davis behauptete, die Substanz würde starke Paralysen hervorrufen, kamen Wissenschaftler auf der ganzen Welt zu anderslautenden Ergebnissen. Toxikologen halten die gefundenen Konzentrationen in den Proben des berüchtigten Original-„Zombiepulvers“ für viel zu gering, um eine physiologische Wirkung hervorzurufen. Ein Mann mit 60 Kilogramm Körpergewicht zum Beispiel müsste wohl mehrere Kilo des Drogencocktails zu sich nehmen, um sich in einen Zombie zu verwandeln. Außerdem sei der Geschmack fürchterlich, so dass ein unbemerktes Aufnehmen des Gifts als sehr unwahrscheinlich gilt.
Davis unternahm mit dem „Zombiepulver“ Versuche an Ratten und Rhesusaffen und berichtete von einer Lähmung der Tiere, ohne dass dabei Kreislauf und zentrales Nervensystem gefährdet wurden. Aber die Experimente fanden nicht unter ausreichend kontrollierten Bedingungen statt, und bei einer unabhängig durchgeführten Wiederholung der Tierversuche konnte keine Wirkung beobachtet werden.
Diesen zweiten Test verschwieg Davis in seiner 1986 erschienenen Dissertation übrigens – nicht aber den ersten angeblich erfolgreichen. „Es ist möglich, dass der häufige Umgang mit dem Pulver bei Davis eine gewisse Vergesslichkeit induziert hat“, spötteln heute noch Fachkollegen über den Untoten-Forscher: „Zombies sollen sich ja ganz schlecht erinnern können.“
In einem launigen „Beitrag zur Biochemie seltsamer Lebewesen“ merkte etwa Hubert Alfred Rehm (alias Siegfried Bär) im Laborjournal zu Wade Davis an:
Er schrieb zwei Bücher über seine Erlebnisse und Forschungen auf Haiti, die beide internationale Bestseller wurden. Eines diente sogar als Vorlage für einen Horror-Film, der von ähnlicher Qualität sein soll wie Davis Zombie-Pulver. Davis ist mittlerweile Research associate of the Institute of Economic Botany of the New York Botanical Garden und immer noch gut im Geschäft.
Der angebliche Zombie Clairvius Narcisse wurde in Haiti zum Fernsehstar. Also liebe Doktoranden, nicht verzweifeln, wenn bei der Doktorarbeit nichts herauskommt. Mit etwas Phantasie kann man auch mit mieser Forschung berühmt und reich werden.
Der Autor dieses Artikels, ein Molekularbiologe, stellte darüber hinaus klar, dass er „nicht an haitianische Zombies [glaubt] und noch weniger daran, dass sie mit Hilfe von Tetrodotoxin hergestellt werden. Was auf den ersten Blick einleuchtend klingt, muss noch lange nicht wahr sein. Gibt es also keine Zombies? Nun, die Abwesenheit von Beweisen ist kein Beweis für Abwesenheit. Vielleicht gibt es doch welche.“
Denn was ist mit Clairvius Narcisse? Oder mit anderen behaupteten Fällen haitianischer Zombies? Wenn nicht das Nervengift des vor Haiti beheimateten Kugelfischs sie zu wandelnden Toten gemacht hat – was dann?
Als größeres Problem für eine gezielte Untersuchung des Zombie-Phänomens stellte sich bislang das Fehlen geeigneter Studienobjekte heraus. „Richtige“ Zombies, also Personen, bei denen nachgewiesen werden kann, dass sie ursächlich durch ein Voodoo-Ritual in ihren Zombie-ähnlichen Zustand überführt wurden, sind der Forschung nicht bekannt. Sie leben bisher nur in Erzählungen und Legenden. Dass ein Bokor Zombies tatsächlich auf versteckten Feldern als Arbeitssklaven hält, erscheint angesichts der hohen Bevölkerungsdichte Haitis wenig plausibel. Man entdeckt Zombies niemals während ihrer Gefangenschaft, sondern immer erst bei ihrer Rückkehr.
Dem Anthropologie-Professor Roland Littlewood (London) und dem Mediziner Prof. Chavannes Douyon (Port-au-Prince) gelang es, drei angebliche Untote zu untersuchen und ihre Lebensgeschichte zu recherchieren:
Wir haben drei Zombies, deren Fälle 1996 und 1997 im Süden Haitis gemeldet worden waren, zu Hause befragt und uns ihre Geschichten von Angehörigen in der Kreolsprache erzählen lassen.
Da sich ein Computertomograph aus dominikanischem Privatbesitz vorübergehend in Port-au-Prince befand, ergab sich die Gelegenheit, dort von zwei der drei Patienten Computertomogramme zu erstellen. Um Fehlidentifikationen durch die Hinterbliebenen auszuschließen, wurden in zwei Fällen DNA-Proben analysiert.
Von einheimischen Bokors, die Erfahrung mit der Erschaffung von Zombies haben, wurden Kommentare zu den Fällen eingeholt.
Was kam dabei heraus? Wir dürfen ausführlich aus dem Lancet-Artikel „Clinical findings in three cases of zombification“ der beiden Zombiejäger zitieren – und somit einen exklusiven Einblick in das Sterben und Leben „echter“ wandelnder Toter auf Haiti gewähren.

Der erste Fall betraf eine junge Frau namens „F.I.“, die ungefähr 30 Jahre alt war, als sie nach einer kurzen Fiebererkrankung starb. Noch am selben Tag bestattete ihre Familie sie in der Familiengruft neben dem Haus.
Drei Jahre später wurde F.I. von einem Freund wiedererkannt, als sie in der Nähe des Dorfes herumirrte. Ihre Mutter bestätigte ihre Identität anhand eines Males im Gesicht, ebenso ihre siebenjährige Tochter, ihre Geschwister, weitere Dorfbewohner, ihr Ehemann und der örtliche Priester. Sie sprach nicht und konnte sich nicht eigenständig ernähren.
Ihre Eltern beschuldigten den Ehemann, sie aus Eifersucht in einen Zombie verwandelt zu haben, denn die junge Frau hatte eine Affäre gehabt. Als man auf gerichtliche Anordnung hin ihr Grab öffnete, fand man dieses mit Steinen angefüllt. Mutter und Vater zögerten, sie zu Hause aufzunehmen, und so wurde sie in eine psychiatrische Anstalt in Port-au-Prince eingewiesen.
Bei der Untersuchung durch Roland Littlewood und Chavannes Douyon wirkte F.I. viel jünger und dünner als auf den alten Familienfotos. Sie hielt den Kopf gesenkt und hatte einen extrem langsamen und steifen Gang, bei dem sie die Arme kaum bewegte. Ihr Muskeltonus war reduziert, aber sie zeigte keine vollständige Muskelerschlaffung.
Die junge Frau war seltsam antriebslos, konnte keine Bedürfnisse äußern, reagierte nicht auf das Geschehen um sie herum und antwortete nicht auf Fragen, aber gelegentlich murmelte sie einige unverständliche, stereotyp wiederholte Worte. Zum Essen benötigte sie Hilfe. Das Elektroenzephalogramm und die Untersuchung ihres zentralen Nervensystems lieferten keine auffälligen Befunde. Sie kooperierte nicht mit ihren psychologischen Gutachtern und sprach nicht auf soziale Rehabilitationsmaßnahmen an. Neuroleptika zeigten keine Wirkung. Bei einem Ausflug auf einen Markt erkannten die Passanten sie sofort als Zombie.
Die Diagnose der beiden Wissenschaftler lautete indes nicht auf „Zombifizierung“ durch Verabreichung diverser giftiger Substanzen. Sondern auf katatonische Schizophrenie, eine vor Ort nicht selten anzutreffende Form der endogenen Psychose.

Im nächsten Fall ging es um „W.D.“, den 26 Jahre alten Sohn eines Angehörigen der Tontons Macoutes, der paramilitärischen Geheimpolizei unter der Duvalier-Diktatur. Dieser Vater war zugleich der wichtigste Informant von Roland Littlewood und Chavannes Douyon. Außerdem sprachen der Anthropologe und der Mediziner ausführlich mit der Mutter und weiteren Dorfbewohnern.
Das Ganze begann äußerst mysteriös: Als W.D. 18 war, hatte er plötzlich Fieber bekommen, „seine Augen wurden gelb“, er „roch schlecht, nach Tod“, und „sein Leib schwoll an“. Sein Vater glaubte, es sei schwarze Magie im Spiel, und bat seinen älteren Bruder, einen Bokor hinzuzuziehen. Aber drei Tage später starb W.D. Er wurde auf dem Familiengrundstück in einer Gruft neben dem Haus einer Cousine bestattet. Anders als sonst üblich, wurde in der folgenden Nacht keine Wache an der Gruft gehalten.
Als W.D. 19 Monate später bei einem Hahnenkampf in der Nähe des Dorfes auftauchte, erkannte er seinen Vater wieder und beschuldigte seinen Onkel, ihn in einen Zombie verwandelt zu haben. Äußerungen, die seine Familie bei seiner Bestattung gemacht hatte, gab er zutreffend wieder. Die anderen Dorfbewohner, der örtliche katholische Priester und der Dorfpolizist sahen ihn als Zombie an. Er blieb im Hause seines Vaters, wo man ihn mit den Beinen an einen Holzklotz kettete, weil er sonst ziellos durch die Gegend lief.
Auf eine Anzeige seines Vaters hin wurde der Onkel festgenommen und von einem Provinzgerichtshof wegen Erschaffung eines Zombies zu lebenslanger Haft verurteilt. Er gestand, aus Neid auf seinen Bruder gehandelt zu haben, der des Lesens und Schreibens kundig war und den gesamten Landbesitz der Familie auf seinen Namen hatte eintragen lassen.
Die Geschichte, die W.D.s Vater erzählte, wurde von den Dorfleuten, vom örtlichen Sargmacher sowie dem Richter und dem Priester bestätigt, die an dem Gerichtsverfahren beteiligt waren; außerdem konnten die beiden Forscher W.D.s Sterbeurkunde und die Akten des Prozesses gegen seinen Onkel einsehen.

Während der politischen Unruhen des Jahres 1991 floh der Onkel aus dem Gefängnis. Roland Littlewood und Chavannes Douyon nahmen seine Spur auf. Als sie ihn ausfindig machten, war er bereit, sich befragen zu lassen, wenn für seine Sicherheit garantiert werde. Er bestritt den Vorwurf der Hexerei oder der Vergiftung und sagte, das Ganze sei ein Trick seines Bruders gewesen, um ihn endgültig zu enteignen, und das Geständnis sei unter Polizeifolter zustande gekommen. Auch die Cousine leugnete jede Beteiligung an der Verwandlung W.D.s in einen Zombie und verweigerte den beiden Wissenschaftlern Erlaubnis, die Grabstätte auf ihrem Grundstück zu öffnen.
W. D. war von schmächtiger Statur, sah jünger aus als 26 und war viel dünner als auf dem alten Foto, das seine Eltern Littlewood/Douyon zeigten. Er zog ständig Grimassen, verbrachte die meiste Zeit in einer charakteristischen Haltung sitzend oder liegend (Beine nach links, Arme nach rechts) und sprach selten aus eigenem Antrieb. Wenn, dann brachte er nur einzelne Wörter heraus, die formal und inhaltlich normal wirkten.
Aus seiner Zeit in der Gruft und der anschließenden Gefangenschaft wusste er nichts zu berichten, aber er bestätigte, „malad“ (krank) und ein Zombie zu sein. Wenn man ihn dazu aufforderte, konnte er aufrecht stehen und – wenn auch langsam – gehen. Seine Augen erforschten seine Umgebung zielgerichtet, aber er vermied direkten Blickkontakt. Seine Handgelenke trugen ringsum Narben, die auf Abschürfungen durch Ketten oder Drahtschlingen zurückzuführen sein dürften. Seine Mutter identifizierte ihn unter anderem an einem überstreckten Ringfinger, der auf einen Unfall in seiner Kindheit zurückging.
Über seinem Brustbein fanden die zwei Forscher ein vernarbtes, rundes Loch von fünf Millimeter Durchmesser, das von Zeit zu Zeit Eiter absonderte. Sein Vater sagte, er habe es schon bei seiner Rückkehr bemerkt und glaube, an dieser Stelle sei W.D. das Gift verabreicht worden, mit dem er während seiner 19-monatigen Gefangenschaft ruhig gestellt worden sei. Die Untersuchung seines Körperzustands und seines zentralen Nervensystems erbrachte außer einem leichten Muskelschwund keine auffälligen Befunde.
Seine Eltern berichteten, dass er manchmal Wutanfälle bekam, wenn man ihn provozierte, und dann wild und ungerichtet um sich schlug und trat. Etwa einmal pro Woche bekomme er im Schlaf Anfälle, bei denen er schreie und seine Gliedmaßen sich verkrampften. Littlewood/Douyon fanden keine Hinweise auf Denkstörungen, Halluzinationen oder katatone Schizophrenie.
Der Anthropologe und der Mediziner diagnostizierten schließlich einen organischen Hirnschaden und Epilepsie, möglicherweise ausgelöst durch eine zeitweilige Sauerstoffunterversorgung. W.D.s Krampfanfälle konnten durch die Gabe eines Antiepileptikums auf etwa einmal pro Monat reduziert werden.
Bei der dritten Untersuchung kamen die beiden Wissenschaftler zu dem Schluss, dass es sich bei dem „Zombie“ um eine Verwechselung gehandelt hat. Die 31-jährige Frau namens „M.M.“ war offenbar von zuhause weggelaufen und schließlich auf einen Mann gestoßen, der in ihr seine verstorbene und zum Zombie verwandelte Schwester wiederzuerkennen glaubte.
Das Fazit der Zombie-Forscher:
Die Fehlidentifikation herumirrender, geistig verwirrter Fremder dürfte die meisten Fälle abdecken. In Haiti ist es keine Seltenheit, dass Schizophrene, Hirngeschädigte oder geistig Zurückgebliebene in der Gegend umherirren, und da es diesen Menschen oft an Willenskraft und Erinnerungsvermögen mangelt, werden sie oft als typische Zombies angesehen. […]
Die große Bereitschaft der Haitianer, Menschen wie M.M. als Zombies anzuerkennen, und der im Allgemeinen rücksichtsvolle Umgang mit ihnen können als eine Art institutionalisierte Fürsorge verstanden werden, die man notleidenden Geisteskranken angedeihen lässt.
Wer einen Zombie wiedererkennt und in die Familie aufnimmt, wird mit gesteigertem sozialen Ansehen und manchmal auch mit materiellen Zuwendungen belohnt.
Auch der Focus vermeldete im Herbst 2011 lapidar:
In Wahrheit sind vermeintliche Zombies wohl oft lediglich geistig verwirrte Menschen, die nicht mehr nach Hause finden.
Keine Untoten also, keine ihrer Seele beraubten willenlosen Schlafwandler, keine Zauberei, sondern ausgeschmückte und falsch wiedergegebene Berichte, versehentlich für tot erklärte Patienten sowie Gemüts- und Alkoholkranke bilden anscheinend den Kern von „wahren“ Zombiegeschichten.
Dass in der neuen ARTE-Doku
Zombies: Faszination der Untoten
die Mär vom „Zombiepulver“ unkritisch wiedergegeben wird, mindert ein wenig das Vergnügen an dem ansonsten sehenswerten Beitrag mit Shamila Lengsfeld, George A. Romero und einem Rückblick auf die legendäre ZDF-Doku „Mama, Papa, Zombie“ von 1984. Außerdem gibt es ein paar Szenen aus „Zombie 2 – Day of the Dead“, der zu Halloween wieder in die deutschen Kinos kommt, und zwar ungeschnitten:

Im Rahmenprogramm der Stuttgarter Ausstellung läuft am 14. November der Dokumentarfilm „Black Zombie“ von Maya Annik Bedward und am 17. November ist mit Erol Josué „eine herausragende Persönlichkeit des haitianischen Vodou“ zu Gast.
Zum Weiterlesen:
- Arning, Silke „Anders als gedacht: Die Zombies spiegeln ursprünglich das Trauma des Kolonialismus“ swr (23. Oktober 2026)
- Podcast „Faszination Zombies – Was macht die Untoten so lebendig?“ SWR Kultur (22. Oktober 2026)
- Podcast „WildMics Special #103 – Zombies“ Hoaxilla (23. August 2022)
- Locker, Theresa „Der Stoff, aus dem die Zombies sind“ Vice (12. Oktober 2016)
- Jiménez, Fanny „Neuroparasiten verwandeln ihre Opfer in Zombies“ welt (18. Dezember 2012)
- Stiglegger, Marcus „Wenn in der Hölle kein Platz mehr ist“ Kulturstiftung des Bundes (Herbst/Winter 2010)
- Podcast „Voodoo, Zombies und Magie“ Hoaxilla (12. Dezember 2010)
- Bär, Siegfried „Beiträge zur Biochemie seltsamer Lebewesen: die Zombies“ Laborjournal (10/2005)
- „Der Puppenmeister“ Die Zeit (22. Mai 2003)
- Littlewood, Roland /Douyon, Chavannes „Clinical findings in three cases of zombification“ The Lancet (11. Oktober 1997)
Titelfoto: Linden-Museum Stuttgart/Dominik Drasdow



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