„Age of Disclosure“: Das Zeitalter der Ufo-Enthüllungen lässt weiter auf sich warten

(Lesedauer ca. 11 Minuten)

Alleine zwischen 2019 und 2024 wurden in Europa mehr als 32.000 UFO-Sichtungen gemeldet.

Das ist die nüchterne Bilanz des „EuroUFO Barometer“, ein Projekt des französischen Datenforschers Philippe Ailleris von der European Space Agency (ESA).

Allerdings:

Wie in den Vorjahren handelt es sich bei den Zahlen um gemeldete Beobachtungen, nicht um bestätigte „anomale“ Phänomene.

Der überwiegende Teil der Fälle lässt sich auf Fehlidentifikationen zurückführen – insbesondere Satelliten, Drohnen, Flugzeuge oder astronomische Objekte.

Auch das Centrale Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene (CENAP) verzeichnete im vergangenen Jahr eine „derartige Fülle an Ufo-Sichtungen“, wie es sie „in 50 Jahren nicht gab“, sagt Hansjürgen Köhler in der Zeit:

https://www.zeit.de/wissen/2025-12/ufo-meldestelle-cenap-ausserirdische-hoechststand-sichtungen/komplettansicht

Dass eine biased Ufo-Postille wie The Liberation Times am Tag vor Weihnachten versuchte, CENAP-Chef Köhler massiv zu bekritteln, unterstreicht nur die Grundaussage des Zeit am Wochenende-Artikels:

Das CENAP mit all seinen Daten und Fakten gilt als ufoskeptisch, eine Art schlechtes Gewissen für all die I-want-to-Believer in der Szene[…]

Köhler reklamiert für sich den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, und doch ist er Teil einer für Außenstehende schwer überschaubaren Ufo-Szene, die in weiten Teilen pseudowissenschaftlich ist.

Es erscheinen Bücher und Zeitschriften zum Thema, Blogs werden geführt, YouTube-Kanäle bespielt, Kongresse und Stammtische ausgerichtet. Diverse Vereine und Gesellschaften, DEGUFO, GEP, MUFON, Namen wie DDR-Möbel, befassen sich mit allem Außerirdischen, betreiben Grenzwissenschaften und Exopolitik.

Und wenn in einem Video, Artikel, Blogeintrag noch die Fassade der Wissenschaftlichkeit hochgehalten wird, ist das nächste, in dem von der Verschwörung geraunt wird, nicht weit.

Das ist richtig.

Die aktuelle ZDF-Doku

Fakt oder Verschwörung: Was sind UFOs wirklich?

fokussiert auf das Gimbal– und Tic-Tac-Ufo, die der US-Skeptiker Mick West als a) weit entferntes Flugzeug und b) Parallaxe erklärt:

https://www.youtube.com/watch?v=zUF1ZzMj-Qg

In zwei weiteren Dokumentarfilmen widmet sich das ZDF dem Roswell-Zwischenfall von 1947:

Mythos Roswell und Area 51: Die Legende

https://www.zdf.de/play/dokus/mythos-roswell-und-area-51-100/mythos-roswell-und-area-51-die-legende-100

Fazit:

Das war ein Geheimprojekt, das vertuscht werden sollte, und kein UFO.

Darum (konkret um das Projekt Mogul) geht es dann im zweiten Teil:

Mythos Roswell und Area 51: Die Erklärung

https://www.zdf.de/play/dokus/mythos-roswell-und-area-51-100/mythos-roswell-und-area-51-die-erklaerung-100

Eine umfangreiche Roswell-Dokumentation von Uli Thieme (Gesellschaft zur Erforschung des Ufo-Phänomens/GEP) steht hier zum kostenlosen Download zur Verfügung. Eine aktualisierte und erweitere Kaufversion von 2022 gibt es im GEP-Shop.

Ein kurzes Video zu Roswell (zirka sechs Minuten) hat auch Sebastian Bartoschek produziert:

https://www.youtube.com/watch?v=sjfnIk5xZek

Aber das ist Vergangenheit, „die Hochzeiten des Ufo-Tourismus sind einfach vorbei“, sagte Roswells Ex-Bürgermeister Dennis Kintigh 2016. Und die neue ZDF-Doku „Fakt oder Verschwörung: Was sind UFOs wirklich?“ wechselt genau an der Stelle (bei Minute 28:45) das Thema, an der es eigentlich interessant wird: nämlich bei dem Artikel der New York Times vom 16. Dezember 2017:

https://www.nytimes.com/2017/12/16/us/politics/pentagon-program-ufo-harry-reid.html

Darin enthüllte die „paranormal enthusiastic“-Journalistin Leslie Kean ein geheimes Ufo-Forschungsprogramm (2007-2012) der Regierung namens AATIP (Advanced Aviation Threat Identification Program), das den derzeitigen Ufo-Hype in den USA entfachte. Und das, obwohl sich dahinter kaum mehr verbarg als eine private Phantasterei von einflussreichen Ufo-Fans, zu denen der demokratische Senator Harry Reid (der für das Projekt 22 Millionen Dollar Steuergelder requirierte) und der Geschäftsmann Robert Bigelow von der berüchtigten „Skinwalker Ranch“ gehörten.

Obwohl die New York Post Leslie Kean vorwarf, „97 Prozent der wahren Geschichte ausgelassen“ zu haben, kam es am 26. Juli 2023 zu einer spektakulären Kongress-Anhörung, bei der der sogenannte Whistleblower David Grusch von geborgenen Alien-Raumschiffen und „Körpern nicht-menschlicher Spezies“ fabulierte. Beweise gab’s keine zu sehen, dafür fingen die Kameras den Verschwörungsideologen Georges Knapp sowie den Ufologen Jeremy Corbell ein, die als mutmaßliche Einflüsterer gleich hinter Grusch in der ersten Reihe saßen:

https://www.youtube.com/watch?v=FKtI91TdRjQ

Der Soziologe Andreas Anton vom Freiburger IGPP vertrat in Bild der Wissenschaft (März 2024) die Auffassung, dass umjubelte Whistleblower wie David Grusch sich letztendlich „in einem Umfeld von Personen bewegen, deren gemeinsames Ziel darin besteht, dem Ufo-Thema zu mehr Anerkennung zu verhelfen“:

Diese relativ kleine Netzwerk hat eine große öffentliche Wirkung erzielt. Nach meiner Analyse haben Kontakte zu dieser Ufo-Lobby sowie weitere Gespräche Grusch davon überzeugt, dass es eine große Ufo-Verschwörung gibt.

Ich vermute, dass es sich dabei um eine bunte Mischung handelt: fehlinterpretierte Informationen und bewusste Desinformation, Lügen, Wichtigtuerei, Naivität, monetäre Interessen – und vielleicht auch das berühmte Körnchen Wahrheit.

Auch der Physiker Sean Kirkpatrick sprach im Scientific American von

… einer kleinen Gruppe von miteinander verbundenen Gläubigen und anderen mit möglicherweise weniger ehrlichen Absichten, die einen Wirbelwind von Lügengeschichten, Erfindungen und Nacherzählungen aus zweiter oder dritter Hand

verbreiten würden.

Kirkpatrick war kurzzeitig der Leiter des „All-domain Anomaly Resolution Office“ (AARO), das 2022 vom US-Verteidigungsministerium zur Untersuchung von Ufo-/UAP-Sichtungen ins Leben gerufen wurde. 2024 legte das AARO zwei Berichte vor (Band 1 und Band 2), denen zufolge es keine Belege für außerirdische Wesen, Aktivitäten, Objekte oder Technologien gibt.

Und dennoch ist das Geraune um die Bergung intakter Ufos/UAP unbekannter Herkunft, Reverse-Engineering-Programme und „Biologika“ nicht menschlichen Ursprungs zu der Dokumentation

The Age of Disclosure

geronnen (bei Amazon Prime):

https://www.youtube.com/watch?v=DkU7ZqbADRs

Praktisch „nichts in The Age of Disclosure ist neu“ (The Hollywood Reporter) und außer einer „nebulösen Phraseologie“ hat der Film nicht einmal einen Hauch von „actual evidence“ zu bieten (IndieWire).

This is all very entertaining. Who doesn’t love science fiction?

rezensiert das Skeptic-Magazine den Streifen. Allerdings kommen die „unprovable claims“ und „pure speculation“ (New York Times) handwerklich recht gut gemacht daher – und selbst Leitmedien in Deutschland geben dem Raum.

Die Süddeutsche Zeitung berichtet eher kritisch:

„The Age of Disclosure“ hat keine neuen Bilder, Videos, Dokumente, gar Beweise. Der Film macht Stimmung mit dunkler Musik und Blicken auf Washington in der Dämmerung.

Seine ganze Handlung besteht aber darin, dass Menschen, die involviert sind oder waren, erzählen, was sie wissen. Oder zu wissen behaupten.

Der Spiegel ergeht sich in einem historischen Rückblick bis zum Nürnberger Himmelsspaktakel anno 1561 und endet mit einer aktuellen 1000-Dollar-Wette zwischen dem Skeptic-Herausgeber Michael Shermer und dem Astrophysiker Avi Loeb:

„Bis zum 31. Dezember 2030 werden mindestens zwei der folgenden drei wissenschaftlichen Organisationen – NASA, National Science Foundation und die American Astronomical Society – bestätigen, dass eine Entdeckung außerirdischer Intelligenz gemacht wurde, sei es in Form von UAPs, UFOs oder anderen interstellaren Objekten, die als technologischer Natur außerirdischer Intelligenz eingestuft werden, oder in Form irgendeines außerirdischen biologischen Lebens, das hier auf der Erde gefunden wird.“

Shermer glaubt nicht, dass dies gelingen wird, Loeb dagegen schon.

Die Welt demonstriert hingegen das, wovon in dem oben genannten Zeit-Artikel die Rede ist.

https://kurzlinks.de/cb34

Das Blatt überlässt dem angeblich „wichtigsten deutschen UFO-Forscher“ Robert Fleischer die Bühne, der von „weit mehr als 60 zirkulierenden Theorien darüber“ spricht, „was es mit dem UAP-Phänomen auf sich haben könnte“:

Die Theorien sind dabei sehr unterschiedlich. Einige werden ernsthaft auch an Universitäten erforscht, andere wiederum sind absurd und gehen mittlerweile immer unheilvollere Verbindungen zu anderen populären Verschwörungstheorien ein.

Etwa die Vorstellung, dass sich in unterirdischen Tunnelanlagen Zehntausende Kinder befänden, die brutal gequält und missbraucht würden, um die negative Energie mittels Funkmasten an satanische Aliens zu versenden – eine Variation der geläufigen QAnon-Adrenochrom-Theorie.

Aber das, sagt Fleischer, seien eher extreme, nicht ernst zu nehmende Randerscheinungen.

Aber welche Theorie ist ernst zu nehmen? Und wer bestimmt das? Der Hollywood Reporter merkt zu „The Age of Disclosure“ an:

Nothing is proven, and thus nothing can be refuted.

If somebody insists, without evidence, that there’s an underground bunker somewhere with a thousand alien bodies and 50 alien spacecraft, it’s impossible for anybody to refute.

Je nach Sichtweise könnte man auch den Würzburger Raumfahrt-Techniker Prof. Hakan Kayal als wichtigsten deutschen Ufo-Forscher bezeichnen, der mit weniger als einem Zehntel der „weit mehr als 60 zirkulierenden Theorien“ auskommt, nämlich:

  • Außerirdische Intelligenz (auch etwa in Form von unbemannten KI-Drohnen)
  • Naturphänomene (zum Beispiel Sprites)
  • geheime irdische Technologien (zum Beispiel Hyperschallwaffen) oder deren absichtsvolle Vertuschung
  • Fehlinterpretationen und Artefakte von elektronischen Erfassungsgeräten
  • bewusst lancierte Bedrohungspropaganda

All dies eingedenk, gilt wohl das, was der amerikanische Kolumnist Ross Douthat vor zwei Jahren in der New York Times schrieb:

It’s Time for U.F.O. Whistle-Blowers to Show Their Cards

Wer immer über Beweise verfügt, möge jetzt vortreten – „to be a hero of disclosure and democracy“.

Doch davon ist nichts zu sehen. Was indes herandräut, ist ein weiterer Film:

Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit

von Hollywoods Star-Regisseur Steven Spielberg.

https://www.youtube.com/watch?v=dAHSCSIxCK8

Und wie könnte es anders sein: „Da Hollywood-Erzählungen, dokumentarische Erkenntnisse und politische Spekulationen zusammenlaufen“, sehen Gläubige in dem neuen Ufo-Streifen eine „prädiktive Programmierung“, schreibt der Autor und Blogger Roland M. Horn:

einen konzertierten Versuch der Medien, die Öffentlichkeit subtil auf einen historischen Enthüllungsmoment vorzubereiten.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Unsplash/Marc Thunis

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