Plötzlich wird die ehrfürchtige Stille durch eine Kinderstimme aus ihrem Mund jäh durchbrochen. Diese ruft freudig aus: „Ich heiße Frieda, weil ich immer frieh da bin und Frieden bringe!“
Da ist er endlich, der Schutzgeist der Anna Rothe. Seltsamerweise redet er mit einem starken sächsischen Akzent und scheint überdies etwas infantil zu sein.
Kaum zu glauben, aber mit so einem kindischen Unsinn konnte man im geistergläubigen Berlin um 1900 reüssieren. Anna Rothe war „ein berühmtes Medium, wenn nicht sogar das berühmteste“, schreibt die Journalistin Bettina Müller in der aktuellen Ausgabe von Zeit Verbrechen (38/26). Neben sächselnden Kinderstimmen bringt die Dame aus Altenburg auch Blumen und ganze Bouquets wie auch Apfelsinen und Zitronen scheinbar aus dem Nichts hervor – dieser Vorgang sei sehr kompliziert und bestehe aus „Materialisation“ und „Dematerialisation“.
Natürlich handelt es sich um Taschenspielertricks, was schließlich bei einer „Enttarnungssitzung“ am 1. März 1902 von einem Kommissar der Berliner Kriminalpolizei aufgedeckt wird. Anna Rothe landet wegen Betrugs im Knast und stirbt 1904 mit nur 54 Jahren. Der populäre humoristische Sänger Otto Reutter widmet ihr eine Strophe in seinem Couplet „Der Traumdeuter“:

Die ganze kuriose Geschichte von Anna Rothe in der boomenden Berliner Spiritistenszene der vorletzten Jahrhundertwende erzählt Müller auf zwei Doppelseiten in Zeit Verbrechen, in der Berliner Zeitung (Open Source) und in der taz.

Außerdem gibt es den Podcast „Das Blumenmedium Anna Rothe“ von Franziska Singer (zirka 45 Minuten). Übrigens sagte die Ehefrau des Schriftstellers Karl May (der angeblich nur ein „reineweg wissenschaftliches Interesse am Spiritismus“ hatte) als Zeugin gegen das entlarvte Medium Anna Rothe aus.
Zum Weiterlesen:
- Müller, Bettina „Bouquets aus dem Jenseits – Wie die Geisterbeschwörerin Anna Rothe die Berliner narrte“ Zeit Verbrechen (April/Mai 2026)
- Müller, Bettina „Wie eine Frau einst halb Berlin in Trance versetzte“ Berliner Zeitung (12. April 2022)
- Müller, Bettina „Spiritismus in Berlin um 1900: Aber die Geister sächselten immer“ taz (1. Februar 2021)
Titelfoto: Unsplash/Hulki Okan Tabak


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