Bruch mit dem Dogma: Rücken die Zeugen Jehovas jetzt vom Transfusionsverbot ab?

(Lesedauer ca. 5 Minuten)

Das Kapitel

Medizinische Fachberufe im Konflikt mit Kulten und ihren Grundsätzen

im Tagungsband 2025 der „Initiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus“ zeigt eindrücklich, was das Bluttransfusionsverbot der Zeugen Jehovas im Ernstfall anrichtet.

Auch die Aussteigerin Anna Dilaj befasst sich in ihrem Youtube-Kanal mit einem Propaganda-Video der religiösen Sondergemeinschaft zum Thema Bluttransfusion:

Und jetzt plötzlich die sensationelle Kehrtwende?

Beim Lagebericht Nr. 2/2026 von jw.org verkündete Gerrit Lösch (der Mann ist übrigens wirklich echt und kein KI-Avatar):

Die Bibel sagt nichts darüber, wie bei medizinischen Behandlungen mit Eigenblut umgegangen werden sollte. Unser Standpunkt zur Verwendung von Eigenblut wurde im Wachturm vom 15. Oktober 2000 folgendermaßen erklärt:

Ein Christ muss selbst entscheiden, wie sein eigenes Blut im Verlauf eines chirurgischen Eingriffs, eines medizinischen Untersuchungsverfahrens oder einer laufenden Therapie verwendet werden soll.

Deshalb können viele Christen einfache Verfahren, wie Blutabnahmen, mit ihrem Gewissen vereinbaren. Aber auch kompliziertere Verfahren, bei denen ihr eigenes Blut verwendet wird. Dazu gehören der Einsatz einer Herz-Lungen-Maschine oder Verfahren wie Hämodialyse und Blutrückgewinnung. Und es werden ständig neue Behandlungsmethoden entwickelt.

Vor diesem Hintergrund hat die Leitende Körperschaft nach vielen Gebeten und gründlichem Bibelstudium entschieden, unseren Standpunkt zur Verwendung von Eigenblut in medizinischen Angelegenheiten anzupassen. Das Ergebnis ist Folgendes: Bei medizinischen Behandlungen und chirurgischen Eingriffen muss ein Christ selbst entscheiden, wie sein eigenes Blut verwendet werden soll.

Er kann selbst entscheiden, ob er zustimmt, dass sein Blut entnommen, gelagert und ihm wieder zugeführt wird.

Was heißt das? Manche Brüder und Schwestern könnten sich entscheiden, ihr Blut lagern zu lassen, damit es ihnen später wieder zugeführt wird. Andere würden das vielleicht nicht machen. Es ist die persönliche Entscheidung jedes einzelnen Christen, wie sein eigenes Blut im Rahmen einer medizinischen Behandlung oder eines chirurgischen Eingriffs verwendet wird.

https://www.jw.org/de/nachrichten/region/welt/Aktueller-Lagebericht-der-Leitenden-K%C3%B6rperschaft-Nr-2-2026/

Zur Wiederholung:

Christen unterstehen nicht dem mosaischen Gesetz [hier und hier]. Aber wir halten uns an das Gebot aus der Apostelgeschichte, uns von Blut zu enthalten. Allerdings sagt die Bibel nichts über die Verwendung von Eigenblut im Rahmen einer medizinischen Behandlung.

Also:

Wie auch bei anderen Entscheidung zum Thema Gesundheit muss jeder Christ selbst entscheiden, wie sein eigenes Blut im Rahmen einer medizinischen Behandlung oder eines chirurgischen Eingriffs verwendet wird.

Nüchtern betrachtet heißt das lediglich, dass jetzt Eigenbluttransfusionen und -therapien erlaubt sind. Keine große Sache, sollte man meinen – aber Zeugen-Jehovas-Aussteiger wie Tobias Ain, Silas Koke oder Bruderinfo-Aktuell sprechen von einem

… entscheidenden Bruch, der das gesamte Dogma zum Einsturz bringen kann. Dadurch gerät die einst als unumstößlich geltende Lehre, Blut bei medizinischen Behandlungen abzulehnen, erheblich ins Wanken.

In einem Video (ab Minute 19:30) wirft Koke die rhetorische Frage auf, „wieso jetzt Eigenblut erlaubt ist, aber Fremdblut nicht?“

Und:

Ich frage mich wirklich: Was war der Anlass? Gab’s da jemanden in der Leitenden Körperschaft oder im Umfeld der Leitenden Körperschaft, der vielleicht so eine Operation braucht mit Eigenblut?

Wahrscheinlicher ist, dass die Entscheidung im Zusammenhang mit zahlreichen Gerichtsverfahren steht.

Der kritische Arbeitskreis Bruderinfo geht noch wesentlich weiter:

Mit dem Eingeständnis von Gerrit Lösch, dass die Bibel keine klare Aussage zum Thema Bluttransfusionen macht, wurde die bisherige Argumentation der Wachtturm-Gesellschaft obsolet und zugleich der Weg für juristische Schritte gegen die Organisation geebnet.

In diesem Zusammenhang haben betroffene Jehovas Zeugen und ehemalige Mitglieder weltweit Anwälte eingeschaltet und bereiten Klagen gegen die Watch-Tower-Society vor.

Ehemänner, die ihre Frauen verloren haben, Eltern, die ihre Kinder begraben mussten, sowie Kinder, die ohne ihre Mutter aufwuchsen. Sie alle wurden zu Opfern einer Doktrin, der sie folgten, einer Regel, die das leitende Gremium nun aufgegeben hat.

Auf diese Klagewelle darf man sicherlich gespannt sein. An der derzeitigen Problematik ändert der neue „Lagebericht“ allerdings wenig, kommentiert die BBC, da medizinische Notfälle davon praktisch nicht erfasst werden.

Auch die Schweizer Fachstelle infoSekta ist skeptisch:

Das neue Verständnis der Zeugen Jehovas zu Bluttransfusionen – eine kritische Einordnung

https://www.infosekta.ch/media/pdf/2026_JZ_Regelung_Bluttransfusion__infoSektaV2.pdf

Nichtsdestotrotz:

Die jüngsten Veränderungen – insbesondere die Öffnung gegenüber der Verwendung des eigenen, zwischengespeicherten Blutes – markieren einen tiefgreifenden Bruch mit früheren Lehren der Zeugen Jehovas […]

Die Art und Weise, wie diese Änderung kommuniziert wird – nämlich über Prinzipien statt klarer Aussagen –, erschwert es vielen Mitgliedern, die Tragweite zu erkennen Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine substanzielle Lehrveränderung.

Bruderinfo-Aktuell berichtet von gewaltigen Schulungsanstrengungen der ZJ, um die Ältesten auf die „Verwirrung“ der Mitglieder vorzubereiten. Der Aussteiger Tobias Ain glaubt, dass es nur eine Frage der Zeit sei, „bis das komplette Blutverbot und Bluttransfusionsverbot kippt“.

Um die Zeugen Jehovas geht es auch in einem aktuellen Interview, das Anna Dilaj mit dem Psychologen Dieter Rohmann führte:

In diesem tiefgründigen Interview spricht Sektenexperte Dieter Rohmann über seinen Weg von der Goa-Szene in die Abhängigkeit der „Kinder Gottes“ und zieht schockierende Parallelen zu den Machtstrukturen der Zeugen Jehovas.

Wir analysieren die Mechanismen von Manipulation, Gehirnwäsche und den umstrittenen KdöR-Status, um Aussteigern wertvolle Impulse für ihre psychologische Heilung und Freiheit zu geben.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Freepik

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