In der Pfalz werden derzeit keine Hexen verfolgt – Witchfluencer tummeln sich alle im Internet

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Der Landesregierung von Rheinland-Pfalz liegen „keine Erkenntnisse“ zu „strafrechtlich relevanter Hexenverfolgung, vor allem in Migrantenmilieus“ vor. Das geht aus der Antwort des Innenministeriums auf eine Kleine Anfrage der AfD hervor.

Zunächst einmal ist das gar nicht so absurd, wie es klingt. In England gibt es tatsächlich das Phänomen des „Child abuse linked to faith or belief“ (CALFB), und viele Fälle hängen mit dem Glauben an „Kindoki“ zusammen, was soviel wie „Hexerei“ bedeutet.

Allerdings stellt die AfD gerne öfter mal Anfragen zu den „Aktivitäten von neo-paganistischen, satanistischen und okkulten Vereinigungen und Glaubensgemeinschaften wie unter anderem dem Wicca-Kult“, und das nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern auch in Hessen, wo der Fokus explizit auf „Ritueller Gewalt“ lag. Man darf wohl vermuten, dass dahinter kein echtes Erkenntnisinteresse steckt, sondern ein populistisches Verschwörungsnarrativ installiert werden soll.

Die realen Gefahren des aktuellen Hexen-Hypes erklärt der „Witchfluencer“-Autor Fabian Maysenhölder so:

Die eine Grenze verläuft für mich dort, wo überprüfbare Wirkungen behauptet werden.

Wer sagt, ein Kerzenzauber wirke gegen eine schwere Krankheit, macht keine religiöse Aussage mehr, sondern eine medizinische – und die ist falsch. Im schlimmsten Fall führt das zur Therapieverschleppung bis hin zum Tod.

Die zweite Grenze verläuft dort, wo mit Angst und Schuld gearbeitet wird. Wenn eine TikTok-Hexe ihren 69.000 Followern erzählt, ein Liebeszauber „durchbohre das Chakra“ des Mannes und noch die eigenen Kinder müssten das mit ihrem Karma ausbaden, dann ist das für mich eine Form spirituellen Missbrauchs.

Psychologisch schwierig ist zudem der eingebaute Selbstzweifel: Wenn der Zauber nicht wirkt, wird selten das Weltbild hinterfragt, sondern die eigene Person – was mache ich falsch?

Und selbst die vermeintlich harmlosen Rachezauber sind kein gesunder Umgang mit Wut: Ritualisiertes „Abreagieren“ mit Fokus auf die kränkende Person oder Situation verstärkt Aggression eher, als sie abzubauen.

Das führt der evangelische Theologe auch in der neuen Folge des Podcasts CultCancel mit Sophie Jones aus:

https://kurzlinks.de/fuv2

Im August war Maysenhölder beim Laberfeuer zu Gast:

Im 261. WildMics-Special sprachen wir über die neuen Hexen auf TikTok. Wie liegen die Gefahren dieses neuen Hexenkultes? Gibt es vielleicht sogar positive Aspekte, und handelt es sich wirklich um ein neues Phänomen?

„Child abuse linked to faith or belief“ ist übrigens nicht das Gleiche wie „Rituelle Gewalt“. CALF bezeichnet die überwiegend körperliche Misshandlung von Kindern, die aus einem fehlgeleiteten Glauben an spirituelle Bedrohungen wie Hexerei oder Dämonen resultiert, wobei das Kind oft als Sündenbock für ungelöste familiäre Konflikte herhalten muss, während „Rituelle Gewalt“ von der UBSKM als sexuelle Ausbeutung durch organisierte Täternetzwerke mit einer Ideologie als Begründung oder Rechtfertigung definiert wird.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Bernd Harder/Thalia Augsburg

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