Natürlich findet sich der „Satansmord von Witten“ auch beim Infoportal Rituelle Gewalt.
„Rituelle“ Gewalt?
In einer aktuellen Folge der ARD CrimeTime spricht die Kriminalpsychologin Lydia Benecke von einer „Pseudoideologie“ des Täters Daniel Ruda und der Täterin Manuela Ruda, die am 6. Juli 2001 einen 33-Jährigen in ihrer Wohnung ermordeten. Bei einer psychiatrischen Begutachtung wurden bei Daniel Ruda eine narzisstische Persönlichkeitsstörung und bei Manuela Ruda eine kombinierte Persönlichkeitsstörung mit narzisstischen und histrionischen Zügen diagnostiziert:
Die Sekteninfo NRW schreibt in diesem Zusammenhang von „kriminellem Pseudo-Satanismus“. In der Tat wissen auch die betreibenden Personen des Infoportals Rituelle Gewalt selbst nicht so recht, ob „diese Tat als ein reiner Satansmord zweier Einzeltäter in die Rubrik Rituelle Gewalt gehört“. Aber das Infoportal Rituelle Gewalt wäre nun mal nicht das berüchtigte Infoportal Rituelle Gewalt, wenn es nicht doch Gründe dafür finden würde – egal wie konstruiert diese auch sein mögen. Im konkreten Fall soll damit „die Brisanz destruktiver Weltanschauungen wie Satanismus deutlich“ gemacht werden.
Aha.
Obwohl die Betreibenden des Online-Portals in den vergangenen Jahren etwas vorsichtiger geworden sind in ihren Formulierungen und in ihrem Anspruch, „Belege“ für „Rituelle Gewalt“ zu liefern, ist die Seite noch immer weit davon entfernt, „sachlich, faktenbasiert und gewissenhaft“ zu arbeiten. Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) kommentierte 2019:
Das „Infoportal Rituelle Gewalt“ behauptet, eine Vielzahl von „Beweisen“ aufführen zu können. Tatsächlich aber finden sich dort beispielsweise Beate Tschäpe und der NSU, ein esoterischer Sektenführer („Lichtoase“, „Ramtha“), dem Vergewaltigungsvorwürfe gemacht wurden, bis hin zur Colonia Dignidad und sogar zu Anneliese Michel.
Mit den zentralen Elementen der Rituelle Gewalt-Mind Control-Verschwörungstheorie (RG-MC) hat all das nicht das Geringste zu tun:

Und dass diese Kerninhalte von RG-MC in der Szene nach wie vor unverändert gültig sind, kann man beispielsweise hier oder hier sehen.
Neuerdings geben die betreibenden Personen des Infoportals Rituelle Gewalt zu erkennen, dass ihnen die Problematik des Begriffs „Rituelle Gewalt“ durchaus bekannt ist, aber aus Gründen der Plakativität und Auffindbarkeit beibehalten wird. Was man auf der Seite findet, ist ein offenbar wahlloses Sammelsurium von Fällen und Urteilen, die irgendwas mit Sekten, Kirchen oder psychisch kranken Einzeltätern zu tun haben, die sich zum Beispiel mit einer Harry-Potter-Hexe identifizierten. Das ganze Portal hat also nicht nur nichts mit „Ritueller Gewalt“ zu tun – sondern verfehlt auch das selbstgesteckte Ziel,
… ein Hellfeld ideologisch oder religiös motivierter oder eingebundener massiver Straftaten (sexualisierte Gewalt oder Gewalt mit Todesfolge)
aufzudecken. In einer persönlichen Mitteilung erklärte Claudia Fischer, die Hauptverantwortliche für das Infoportal Rituelle Gewalt:
Der Begriff Rituelle Gewalt steht für extreme Gewalt in organisierten Strukturen mit ideologischer Ausrichtung (Satanismus ist nur ein kleiner und kleiner werdender Teil dieses Spektrums), und es geht den Fachkreisen nicht mehr darum, den „perfekten Fall“ für eine Definition zu finden, sondern sichtbar zu machen, an welchen Stellen Netzwerke oder eine extreme Gewalt nachweisbar sind.
Wie dies zu verstehen ist, wird schon auf der Startseite des Infoportals Rituelle Gewalt erklärt. In diesem Sinne können wir auch aus Fällen wie der Colonia Dignidad oder dem NSU-Komplex einiges lernen.
Das darf man ernsthaft bezweifeln.
Natürlich gibt es „extreme Gewalt in organisierten Strukturen“ oder Netzwerken – aber wo genau steckt eine authentische „Ideologie“ dahinter? Fegert/Urbaniok schreiben dazu:
Es handelt sich bei der verübten Gewalt nicht um ein Glaubensritual wie bei angeblich satanistischen Handlungen sog. ritueller Gewalt.
Machtmissbrauch als Täterstrategie ist bei allen Arten sexuellen Missbrauchs zu sehen und u. E. ist eine solche ideologische Rahmung als Rationalisierung oder scheinbar ideologische Begründung des Machtmissbrauchs einzuordnen.
Auch wenn die Täterschaft einer tatsächlichen Ideologie folgt, besteht die Primärmotivation nicht in der Ideologie, sondern im Rahmen der Ideologie werden Sexualstraftaten aus den bekannten Motiven von Macht, sexuellen und finanziellen Interessen verübt, wie z. B. in Sektenkontexten der Colonia Dignidad.
Auch die Soziologin Tabea Koepp sieht in Ideologien oder Weltanschauungen allenfalls eine „zentrale Ermöglichkeitsbedingung der sexuellen Ausbeutung innerhalb der Gruppen“ – mehr nicht. Und genau aus diesem Grund sind viele der Fälle beim Infoportal Rituelle Gewalt buchstäblich an den Haaren herbeigezogen, zum Beispiel:
Am 12.6.2019 hat das Landgericht Göttingen einen Mann zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren verurteilt, außerdem zur Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus wegen Totschlags und Störung der Totenruhe.
Er hatte im Dezember 2017 in Katlenburg-Lindau (Kreis Northeim) einen 37jährigen Hausnachbarn nach einem Streit getötet, die Leiche zerteilt und vergraben. Mitbewohner in diesem Haus sagten als Zeugen aus, sie hätten gemeinsam mit dem Angeklagten und dem Ermordeten zu einem okkulten Orden in diesem Haus gehört.
Im Urteil gingen Gericht und Staatsanwaltschaft aber nicht von einer Tötung im Rahmen eines Rituales aus, sondern von einem eskalierten Streit unter Alkoholeinfluss.
Was hat dieser Fall in einem „Infoportal Rituelle Gewalt“ zu suchen?
Im Mai 2014 werden zwei junge Männer aus Rottenburg/Kreis Tübingen, verurteilt, weil sie in Prag einen Taxifahrer getötet haben. Die beiden interessierten sich für Satanismus und Vampirismus und nannten den Wunsch nach Blutrausch als Motiv […]
Im Verlaufe der Gerichtsverhandlung aber, so schrieb Bild.de, habe die Staatsanwaltschaft keine objektiven Anhaltspunkte dafür gesehen, dass die Männer wegen ihrer satanistischen Neigungen töteten.
Was hat dieser Fall in einem „Infoportal Rituelle Gewalt“ zu suchen?
Im Februar 1994 werden drei Mitglieder der Black Metal Band „Absurd“ (zuvor „Luciferian Pagans“) verurteilt, den Schüler Sandro Beyer getötet zu haben.
Selbst einer oberflächlichen Erstinformationsquelle wie Wikipedia ist ein Statement des Richters zu entnehmen:
Es war in gewisser Hinsicht ein Satansmord aufgrund dieses Hintergrundes, aber die Ausführung der Tat hatte nicht das Geringste mit einem Ritual oder mit einer satanistischen Tat zu tun. […]
Es fehlt jeder rituelle Hintergrund, es fehlt die Vorbereitung, es fehlt die Ausstaffierung …
Was hat dieser Fall in einem „Infoportal Rituelle Gewalt“ zu suchen?
Und so weiter, und so fort.
Die neueste der „aktuellen Infos“ auf der Seite bezieht sich auf den Seelenfänger-Podcast des BR zu der evangelikalen Glaubensgemeinschaft Kwasizabantu (wir berichteten). Auch hier geht es um „sexualisierte, psychische und körperliche“ Gewalt in einer Sekte – aber nicht um „rituelle“ Gewalt, wie praktisch in keinem der Fälle beim Infoportal Rituelle Gewalt.
Früher oder später werden die Betreibenden sich entscheiden müssen, ob sie ein Infoportal zu Gewalt in Sekten, Kulten und Kirchen sein wollen – oder ein Desinformationsportal über angebliche „Rituelle“ Gewalt, an deren Nichtexistenz auch die 20 verschiedenen Definitionen auf der Seite nichts ändern.
Zum Weiterlesen:
- Harder, Bernd „Das Problem mit ritueller Gewalt und Mind Control“ skeptix (16. September 2026)
- Harder, Bernd „Rituelle Gewalt heißt jetzt anders – aber was bringt das?“ skeptix (18. August 2026)
- Harder, Bernd „Mysteriös, unbegreifbar: Warum verzichtet die Satanic-Panic-Szene nicht auf den Begriff der Rituellen Gewalt?“ skeptix (12. Oktober 2025)
Titelfoto: Unsplash/Artem Ivanchencko



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