Erich von Däniken: Der „glückliche Fantast“ ist tot

(Lesedauer ca. 5 Minuten)

Eine Zeitlang, ganz am Anfang, war die Sache mit den Astronautengöttern noch ganz lustig. Warum sollte sie es nicht auch geben – in einer Zeit, einer Welt der Science-Fiction?

Später artete die Sache in das Phänomen der Verhöhnung aller Wissenschaft und unbekümmerter Volksverdummung aus.

Das schrieb der Wissenschaftsautor Emil-Heinz Schmitz 1978 in seinem Däniken-Verriss

Beweisnot. Glanz und Elend der Astronautengötter, das Ende einer Legende

Nun ja, Wissenschaft interessierte mich damals, im Alter von zwölf Jahren, erheblich weniger als Parawissenschaften und Science-Fiction. Und statt Emil-Heinz Schmitz oder Ernst von Khuon („Waren die Götter Astronauten? Wissenschaftler diskutieren die Thesen Erich von Dänikens“) verschlang ich lieber die Rubrik „Direkt von Däniken“ im Perry Rhodan Magazin, wo der Meister persönlich seine Kritiker mit allerlei Invektiven bedachte: „schwachsinnig“, „Spinnereien“, „Dummheit“ etc.:

https://www.perrypedia.de/wiki/Perry_Rhodan-Magazin

Ganz lustig war das in der Tat. Auch der Sozialpsychologe Prof. Hans Anger bescheinigte 1969 im Spiegel den Däniken-Schmökern einen „unbestritten hohen Unterhaltungswert“. Umgekehrte, auf den Kopf gestellte Science-Fiction nannte Anger das. Der Schweizer Hotelier und Autor projiziere zukünftige technologische Entwicklungen einfach nach rückwärts, in die Vergangenheit, zudem ließen seine Theorien „der Phantasie des technologischen Laien viel mehr Spielraum, als es die manchmal bis ins letzte Detail ausgefeilte Science-Fiction-Literatur tut“.

Den „eigentlichen Trick“ Dänikens umschrieb Anger so:

Ein Buch über den Besuch zukünftiger irdischer Astronauten auf fremden Sternen hat nicht annähernd den Sensationswert wie die Behauptung, in grauer Vorzeit sei die Erde von außerirdischen Raumfahrern besucht worden.

Die Erkenntnis, dass Dänikens Spekulationen „technologisch und wissenschaftlich nur sehr dürftig ausgearbeitet sind“ (Anger), gehört wohl zur Sozialisation einer ganzen Generation von Skeptiker:innen. Sie reifte allmählich, nachdem der „Dänikenitis“

https://www.youtube.com/watch?v=bSjPqFz7Yvg

… zum Beispiel Aufklärungsformate wie Querschnitt mit Hoimar von Ditfurth entgegengesetzt wurden:

https://www.youtube.com/watch?v=nU_ppUqrhGI

1995 traf ich Erich von Däniken dann persönlich bei der Frankfurter Buchmesse. In dem Gespräch bestätigte sich das, was Hans Höfling fünf Jahre davor in „Ufos, Urwelt, Ungeheuer“ geschrieben hatte:

Wo immer Däniken die Bibel aufschlägt – für ihn wird alles zur Reportage über die Astronautengötter.

So habe Moses mit Hilfe der Bundeslade, die er nach Anweisung der Götter bauen musste und die in Wirklichkeit eine Wechselsprechanlage gewesen sei, in ständiger Verbindung mit einem göttlichen Raumschiff gestanden

Die Vernichtung der sündigen Städte Sodom und Gomorrha erklärt er für das Werk einer „göttlichen“ Atombombe und das Buch Hesekiel für den Bericht von Landungen fremder Astronauten.

Warum die Fachwelt das anders sehe? Weil diese „Schlaumeier“ gehemmt seien durch „Sturheit und Voreingenommenheit“, weswegen es „Fantasten“ wie ihn brauche:

Es sind die Fantasten, die die Welt verändern, nicht die Erbsenzähler. Ein Ägyptologe kann mir die Schuhgröße des Pharaos sagen, die weiß ich natürlich nicht. Aber über meinen Fachbereich weiß ich mehr, und da können andere von mir lernen.

Glaubt der Mann das wirklich selbst? Oder ist von Däniken einfach nur ein Scharlatan, der vor mehr als einem halben Jahrhundert eine unzerstörbare Marktlücke aufgetan hat? Das wurde in der Skeptikerbewegung immer wieder kontrovers diskutiert. Vor kurzem erst fragte ich dazu den BR-Redakteur Christian Schiffer, der Däniken vor drei Jahren interviewte. Schiffer ist „absolut überzeugt“ davon, dass Däniken stets meinte, was er sagte – wenn auch wohl nur unter Aufbietung massiver Realitätsverweigerung:

Es gibt ja so Fälle von Verschwörungsunternehmern, wo man kaum dahinter schaut, inwieweit das Geschäft oder echte Denkart ist. Bei Erich von Däniken ist aus meiner Sicht eindeutig, dass er jeden Anflug von kognitiver Dissonanz vermeidet und alles ausblendet, was nicht zu seiner festen Anschauung passt.

Auch Sebastian Bartoschek veröffentliche 2012 ein ausführliches Gespräch mit Däniken:

https://bartocast.de/90-jahre-erich-von-daeniken-ein-gespraech-von-2012-ueber-goetter-sterne-und-skepsis/

Der Filmemacher Dave Leins hat Däniken diesen „unterhaltsamen Dokumentarfilm“ gewidmet:

https://www.3sat.de/wissen/wissen-in-3sat/auf-der-spur-von-ausserirdischen-100.html

Vor elf Jahren sagte Däniken in einem Spiegel-Interview, dass er die Rückkehr der Außerirdischen gerne noch erleben würde:

Ich bin voll dabei, bis ich in die Grube steige.

Das war er. Am Samstag ist der glückliche Fantast 90-jährig in einem Krankenhaus in Interlaken gestorben.

Zum Weiterlesen:

Kommentare

2 Antworten zu „Erich von Däniken: Der „glückliche Fantast“ ist tot“

  1. Ralf Neugebauer

    Ich will nicht verhehlen, dass ich seinerzeit Däniken total spannend und durchaus zunächst überzeugend gefunden habe.

    Aber irgendwie war er auch mein Einstieg in die Skeptiker-Szene. Also zwiespältig.

    Aber im Schwurbel-Kontext war er unterhaltsam und m.E. auch weniger gefährlich, als manch ein anderer. Möge er in Frieden ruhen. Ich fand seine Bücher recht unterhaltsam.

  2. Bernd Harder

    @Ralf Neugebauer:

    und m.E. auch weniger gefährlich

    Kommt drauf an. In den letzten Jahren war er, relativ unbemerkt, recht hart verschwörungsideologisch unterwegs:

    https://x.com/vonDaeniken/status/1915054606159397342

    https://x.com/vonDaeniken/status/1904170396787593299

    https://x.com/vonDaeniken/status/1883556151499145399

    https://x.com/vonDaeniken/status/1868694930614530088

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