In dieser Eis-Werbeplastik auf einem Autodach ist sie versteckt – die geheimnisvolle Mikrowellenwaffe, die am Schluss der „Tatort“-Folge „Unter Gärtern“ (2024) mehrere Polizisten niederstreckt:

Alles dreht sich, das Schädelweh ist unerträglich, plötzlich steht der Gartenteich auf dem Kopf – und dann schmilzt das Gehirn,
kommentierte die Süddeutsche Zeitung die Krimi-Folge:
Am vergangenen Sonntag ist zu der beachtlichen Sammlung zunächst unerklärlicher Todesfälle im Münster-„Tatort“ in der ARD eine weitere rätselhafte Todesart hinzugekommen. Das Ermittler-Duo Thiel und Boerne kann die mysteriösen Zwischenfälle natürlich einordnen, bevor die 90 Minuten rum sind.
Der schlaumeiernde Gerichtsmediziner erkennt dabei Parallelen zum sogenannten Havanna-Syndrom.
Unter diesem Phänomen werden medizinisch bisher kaum zu erklärende Beschwerden verstanden, die zuerst 2016 bei Mitarbeitern der US-Botschaft in Havanna auftraten. Die Betroffenen klagten über Kopfschmerzen, Benommenheit und kognitive Einschränkungen.
So soll sich das Havanna-Syndrom im Original anhören:
AP obtains a recording of what some U.S. embassy workers heard in Havana as they were attacked by what investigators initially believed was a sonic weapon.
The recording of a high-pitched noise is one of many taken in Cuba since attacks started. (Oct. 12)
Starke Radio- oder Mikrowellenimpulse, ein gezielter Angriff durch gegnerische Geheimdienste?
Nope – erklärte 2018 die JASON Defense Advisory Group, eine unabhängige Gruppe von Universitätswissenschaftlern, in einem 98-seitigen Bericht. Sondern Grillen, möglicherweise der Spezies Neoconocephalus robustus oder aber Anurogryllus celerinictus, die Karibische Kurzschwanz-Grille.
Zu diesem Ergebnis kamen auch zwei Forscher von den Universitäten Lincoln und Berkeley:

Und die mysteriösen Beschwerden der mehr als zwei Dutzend Angestellten der US-Botschaft in Havanna auf Kuba? Seien wohl auf „psychogenic mass psychology effects“ zurückzuführen. Diese Erklärung übernahmen auch das Skeptic-Magazin, der Skeptical Inquirer und der bekannte skeptische Autor und Soziologe Robert Bartholomew:
Doch dann häuften sich die Berichte:
Inzwischen gibt es mehr als 1.500 Fälle dieses „Havanna-Syndroms“,
berichtet das Online-Magazin Scinexx:
So erkrankten im Jahr 2018 mehrere US-Diplomaten in China, 2021 häuften sich Fälle an der US-Botschaft in Wien. Im gleichen Jahr gab es auch an der US-Botschaft in Berlin mehrere Fälle des Havanna-Syndroms. Im Jahr 2020 entwickelten sogar einige Personen in der Nähe des Weißen Hauses solche Symptome.
Und fast ausschließlich geht es dabei um Angehörige des US-Militärs, des diplomatischen Dienstes und der CIA. Die Veröffentlichungen zum „Havanna-Syndrom“ argumentieren teils für und teils gegen die Strahlen-Hypothese:
- Die Medizinerin Beatrice Golomb von der University of California in San Diego spricht 2018 von gepulsten Radio- oder Mikrowellen als mögliche Ursache der Symptome.
- Die National Academies of Sciences, Engineering, and Medicine (NASEM) schreibt 2020, dass viele der beobachteten Symptome „konsistent mit den Wirkungen“ seien, „die Angriffe mit Mikrowellenstrahlen“ haben können.
- Die Seuchenschutzbehörde CDC veröffentlicht 2021 eine Studienauswertung, kann darin aber „weder die Art der Verletzungen noch die Ursache“ des Havanna-Syndroms bestimmen.
- Eine Geheimdienstbewertung von 2022 kommt zu dem Ergebnis, es sei unwahrscheinlich, dass Russland oder ein anderer ausländischer Gegner hinter den „Anomalous Health Incidents“ (AHI) stecke. Die meisten Fälle seien plausibel durch umweltbedingte Ursachen, Vorerkrankungen, nicht diagnostizierte Krankheiten oder Stress zu erklären. Allerdings blieben etwa zwei Dutzend Fälle ungeklärt.
- Eine Ergänzung zu diesem CIA-Bericht (2022) von einem „panel of experts“ stellt in Abrede, dass für die ungeklärten Fälle allein Stress oder psychosomatische Faktoren verantwortlich sind. „Pulsed microwaves or ultrasound beams“ seien zumindest eine mögliche Erklärung und sollten weiter untersucht werden. Bartholomew bezeichnet diesen Zusatzbericht als „an example of junk science“.

- 2024 analysierte ein Team aus Forschenden um Leighton Chan von den National Institutes of Health (NIH) 86 Patient:innen mit Havanna-Syndrom – Regierungsangestellte und als Kontrollgruppe deren erwachsene Familienangehörige. Bei den meisten Tests konnten die Mediziner:innen keine signifikanten Unterschiede feststellen. Die Probanden mit AHI wiesen im Vergleich zu den Kontrollteilnehmer:innen aber signifikant häufiger Gleichgewichtsprobleme sowie Symptome von Fatigue, posttraumatischer Belastungsstörung und Depression auf.
- Parallel dazu verglich eine Gruppe um Carlo Pierpaoli vom National Institute of Biomedical Imaging and Bioengineering die Hirnscans von 81 Betroffenen des Havanna-Syndroms mit denen einer Kontrollgruppe. Auch hier fanden die Forschenden „keine signifikanten Unterschiede in den bildgebenden Messungen der Gehirnstruktur“ zwischen den beiden Gruppen. In dieser Studie waren jedoch ebenfalls Gleichgewichtsprobleme bei den Teilnehmenden mit AHI am stärksten ausgeprägt. „Diese Fälle von persistierendem postural-perzeptiven Schwindel deuten auf eine Störung der Hirnfunktion hin, die nach Ansicht der NIH-Forscher entweder mit äußeren Verletzungen oder psychischen Belastungen zusammenhängen könnte.“
- In einem begleitenden Editorial zu diesen beiden Studien von 2024 im Fachjournal JAMA weist der Mikrobiologe David Relman von der Stanford University darauf hin, dass die zeitliche Diskrepanz zwischen den Vorfällen und den wissenschaftlichen Bewertungen es schwierig mache, die Befunde zu interpretieren. Immerhin zeigten Studien aus 2018 und 2019 tatsächlich Hirnläsionen bei AHI-Betroffenen [beide Studien sind umstritten]. Relman zufolge bestehe durchaus die Möglichkeit, dass eine äußere Ursache wie gepulste Mikrowellen Verletzungen ausgelöst habe, die dann heilten und keine Anzeichen hinterließen, bevor klinische Tests und Gehirnscans durchgeführt wurden.
- Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie kommentierte die zwei JAMA-Studien mit dem Satz: „Die derzeitige Datenlage ist zu dünn, um sagen zu können, womit wir es beim Havanna-Syndrom wirklich zu tun haben.“ Ob die Symptome durch Mikrowellenstrahlung induziert sein könnten, sei völlig offen.

Ebenso offen wie die Frage, ob so eine Mikrowellenwaffe wie im „Tatort“ technisch überhaupt zu realisieren ist:
- Der Spiegel analysierte 2021, dass es weder für einen Angriff des russischen Geheimdienstes noch für den irgendeiner anderen Macht Belege gibt. „Und längst nicht jeder hält die Mikrowellenwaffentheorie für plausibel.“ Ein Gerät namens „Medusa“ zum Beispiel sei nie über die Prototypenphase hinaus gekommen. Gegenteilige Vermutungen würden derzeit von keinem plausiblen biophysikalischen Argument gestützt.
- In einem Buzzfeed-Artikel von 2022 äußern sich verschiedene Experten kontrovers zu dieser Möglichkeit.
- Das Zeit-Magazin zitiert 2022 einen anonymen „amerikanischen Ingenieur und Plasmaphysiker“, der es durchaus für möglich hält, ein kleines, möglicherweise batteriebetriebenes Gerät, so groß wie ein Laserdrucker, zu entwickeln, das eine Distanz von zehn Metern, etwa durch die Wand in ein Nebenzimmer, überbrücken kann. Ein solches Gerät könne allerdings nur mit staatlichen Mitteln entwickelt worden sein. Vor allem Russland habe viel in die Erforschung von Mikrowellen investiert.
- Die Fernsehsendung Galileo lässt 2024 den amerikanischen Neuroforscher James Giordano von einer „Mikrowellen-Akustik-Kombiwaffe“ reden (in der Zeit beschreibt Giordano einen „Schattenkrieg der Russen“ mit nicht nachweisbarer Ultraschall- und Mikrowellentechnologie).

In dem Beitrag testet der Physiker Giuseppe Malizia von der TU München ein kleines Ultraschallgerät, was bei den Probanden widersprüchliche körperliche Reaktionen hervorruft. Um solche Effekte wie beim „Havanna-Syndrom“ auslösen zu können, noch dazu versteckt aus der Ferne, „müsste der Kasten deutlich größer sein“, erklärt dazu der Galileo-Reporter Raphael Lauer.
Fakt ist, dass angebliche Mikrowellenstrahlen auf die amerikanische Botschaft in Moskau bereits in den 1960er- und 1970er-Jahren Gegenstand eines diplomatischen Konflikts zwischen den USA und der Sowjetunion gewesen waren. Die Sowjets sprachen damals von einem „imaginären Thema“. 2012 kündigte Russland die Entwicklung von „direct-energy weapons, geophysical weapons, wave-energy weapons, genetic weapons, psychotronic weapons, etc.“ an.
Eine gemeinsame Recherche des investigativen US-Nachrichtenmagazins 60 Minutes (CBS), des russischen Portals The Insider und des Spiegel ergab 2024, dass „russische Geheimdienstler offenkundig an akustischen Waffen forschten“. Das Fazit bleibt indes vage: „Ein Angriff mit gerichteten, gepulsten elektromagnetischen Wellen ist eine von mehreren plausiblen Erklärungen.“
Andererseits sprechen die äußeren Umstände wie auch die Breite der geschilderten Symptome gegen akustische Attacken – und diffuse Beschwerden, unklare Ursachen sowie mysteriöse Umstände in exotischer Umgebung eher für den Miniausbruch einer Massenpsychose beziehungsweise Nocebo-Effekte.
Aber was ist damit:
Am 8. März 2026 präsentierte 60 Minutes zwei Opfer des Havanna-Syndroms namens „Chris“ und „Heidi“, denen David Relman „absolute“ Glaubwürdigkeit bescheinigte. Zudem will 60 Minutes (ab Minute 12:18) von einer geheimen Mikrowellenwaffe erfahren haben, die die Symptome der Betroffenen erklären könne. Undercover-Agenten des U.S. Department of Homeland Security hätten dieses tragbare Wundergerät im Jahr 2024 russischen Kriminellen für 15 Millionen Dollar abgekauft.
Allerdings:
Three independent sources from different agencies tell us that undercover homeland security agents purchased a miniaturized microwave weapon from a complex Russian criminal network.
It’s classified. We didn’t see it. But it has been described to us.
Also gesehen hat das Teil niemand – es soll aber in einem Militärlabor getestet worden sein und bei Tierversuchen mit Ratten und Schafen Verletzungen hervorgerufen haben, die mit dem Havanna-Syndrom übereinstimmen. Natürlich werde das Ganze vertuscht, mehr noch:
This is the biggest cover-up I’ve seen in my adult life,
soll eine „high-level CIA source“ ausgesagt haben.
Im Wesentlichen berichtete CNN schon im Januar über diese Räuberpistole:

Im Februar kam die Washington Post mit einer bizarren Geschichte über einen norwegischen „government scientist“ heraus, der „in strict secrecy“ eine Mikrowellenwaffe konstruiert und bei einem Selbstversuch schwere neurologische Schäden erlitten habe, die dem Havanna-Syndrom ähnelten. Das Gerät des Norwegers sei indes „not identical“ mit dem, das in den USA aufgetaucht sein soll.
Erstaunlich, dass ein seriöses deutschsprachiges Medium wie Der Standard diese hanebüchenen Storys fraglos als belegte Tatsachen wiedergibt, die sich tatsächlich nach einem Cover-Up anhören – aber anders, als 60 Minutes das glaubt. Der Neurologe und Koautor von „Havana Syndrome: Mass Psychogenic Illness and the Real Story Behind the Embassy Mystery and Hysteria“, Robert Baloh, äußerte jedenfalls schon 2022 den Verdacht, dass solche Geschichten erfunden werden, um die Opfer einer Mass Psychogenic Illness (deren Symptone und Leiden real sind) nicht als eine Art eingebildete Kranke zu stigmatisieren. Dazu würde auch ein neuer Artikel des unvermeidlichen AHI-Betroffenen Marc Polymeropoulos mit der Überschrift „We Were Right About Havana Syndrome“ passen.

Was ist also der aktuelle Stand zum Havanna-Syndrom?
Robert E. Bartholomew bleibt dabei, dass es letztendlich nicht um Geheimwaffen gehe, sondern um eine „phantom menace“. Der Medizinsoziologe sieht in dem 60 Minutes-Filmbericht wenig mehr als einen „Media Zombie“, ohne jede „credible evidence“ und nur basierend auf „anonymous sources“ und nebulösen Behauptungen. Außerdem weist Bartholomew darauf hin, dass die eifrigen Aufdeckenden bei 60 Minutes, Oriana Zill de Granados und Michael Rey, ein sensationsheischendes Buch mit dem Titel „The Havana Syndrome: Secret Weapons, a Government cover-up, and the Greatest Spy Mystery of Our Time“ am Start haben.
Auch Hoaxilla haben sich angesichts der jüngsten Entwicklungen zum dritten Mal mit dem Havanna-Syndrom beschäftigt. Ihr Fazit:
Die Frage nach dem Havanna-Syndrom bleibt aus unserer Sicht weiter unbeantwortet. Diese neuen Presseberichte sind erstmal noch gar kein Beweis für irgendwas.
Jedenfalls bis „an actual weapon is identified“, wie der Bioingenieur Kenneth Foster im vergangenen Jahr schrieb.
Zum Weiterlesen:
- Hoaxilla #377 „Havanna Syndrom III“ (31. März 2026)
- Bartholomew, Robert E. „Selling Fear and Half-Truths: The Latest 60 Minutes Exposé on Havana Syndrome“ Skeptic (21. März 2026)
- Videopodcast „Havanna-Syndrom: Russlands unheimliche Mikrowellen-Waffe, erklärt“ derStandard (13. März 2026)
- Polymeropoulos, Marc „We Were Right About Havana Syndrome“ War on the Rocks (10. März 2026)
- Croxton, Will „60 Minutes Havana Syndrome report finds U.S. government tested energy weapon“ CBS News (8. März 2026)
- Pelley, Scott/Granados, Oriana /Rey, Michael „U.S. military tested device that may be tied to Havana Syndrome on rats, sheep, confidential sources say“ CBS News (8. März 2026)
- Kröplin, Tim „Havanna-Syndrom: Mikrowellen-Selbstexperiment endet fatal“ watson (18. Februar 2026)
- Bartens, Werner „Geräusch-Attacke oder Massen-Psychose?“ tagesanzeiger (16. Februar 2026)
- Strobel, Warren/Nakashima, Ellen „Researcher skeptical of Havana syndrome tested secret weapon on himself“ Washinton Post (14. Februar 2026)
- Marceau, Alex „A Guide to Havana Syndrome and When to See a Doctor“ healthline (29. Januar 2026)
- „Havanna-Syndrom: Steckten doch Angriffe dahinter?“ scinexx (16. Januar 2026)
- „Mysteriöses Gerät soll Geheimnis um Havanna-Syndrom lüften“ futurezone (14. Januar 2026)
- Lillis, Katie Bo „Pentagon bought device through undercover operation some investigators suspect is linked to Havana Syndrome“ CNN (13. Januar 2026)
- Frickel, Claudia „Havanna-Syndrom: Wie gefährlich sind unsichtbare Waffen?“ joyn.de (6. Dezember 2024)
- Aigner, Florian „Das Havanna-Syndrom: Symptome sind noch kein Beweis“ futurezone (13. April 2024)
- Regenstein, Lewis „Havana Syndrome: The History behind the Mystery“ Foreign Policy Research Institute (1. April 2024)
- Dieckmann, Cornelius et al. „Setzten russische Agenten Mikrowellenwaffen gegen US-Diplomaten ein?“ spiegel (1. April 2024)
- Aufmuth, Anke „Havanna-Syndrom: Hat das Rätselraten ein Ende?“ DocCheck (20. März 2024)
- „Schwankende und vergessliche US-Diplomaten – was steckt hinter dem Havanna-Syndrom?“ focus (18. März 2024)
- Bartens, Werner „Können Mikrowellen tatsächlich Gehirne schmelzen?“ Süddeutsche Zeitung (18. März 2024)
- Aé, Julian „Was steckt hinter den Mikrowellen-Waffen aus dem Münster-Tatort?“ spiegel (18. März 2026)
- Burr, William „The Moscow Signals Declassified Microwave Diplomacy, 1967-1977“ National Security Archive (15. September 2022)
- Podcast „Angriff aus dem Nichts“ Zeit Verbrechen (29. November 2022)
- Vergano, Dan „A Declassified State Department Report Says Microwaves Didn’t Cause Havana Syndrome“ Buzzfeed (30. September 2021)
- Corera, Gordon „Havana syndrome and the mystery of the microwaves“ BBC (9. September 2021)
- Römer, Jörg/Schmundt, Hilmar „Strahlen aus dem Hinterhalt“ spiegel (22. August 2021)
- Bartholomäus, Robert E. „An Open Letter to the Diplomats With Havana Syndrome“ Psychology Today (2. November 2019)
- Herrmann, Sebastian „Zirpen, bis der Arzt kommt“ Süddeutsche Zeitung (7. Januar 2019)
- „Wurden US-Diplomaten verstrahlt?“ scinexx (3. September 2018)
Titelfoto: Tatort: Unter Gärtnern


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