Aerri von Aerri’s Bildungskanal und Dr. Joachim Rother von MDVAL amüsieren sich über den Eso-Nonsens der „Fernwahrnehmung“ a.k.a. „Remote Viewing“:
Ausgehend von dem „Medium“ Birgit Fischer schlagen die beiden einen Bogen von der verabscheuungswürdigen Zunft der „Vermisstenhellseher“ zur Psi-Spionage der US-Regierung unter dem Codenamen „Stargate“.
Über dieses Kuriosum hatten wir schon bei der Rezension des neuen Dan-Brown-Romans berichtet. Zur Erinnerung:
Das „Stargate Project“ wurde von 1977 bis 1995 betrieben. Es handelte sich dabei um 15 bis 20 Leute in einer zugigen Baracke im amerikanischen Irgendwo, die versuchten, die Parapsychologie für militärische Zwecke nutzbar zu machen
Die Sowjets unternahmen ähnliche Versuche; die Amerikaner wollten diesen Rüstungswettlauf nicht verlieren. Am Ende wurde das Projekt wegen Verdachts auf groben Unfug eingestellt.
Dem ist wenig hinzuzufügen.
In seinem Buch „The Secret of Secrets“ nennt Dan Brown die beiden „Stargate“-Protagonisten Russell Targ und Harold E. Puthoff „respektable Köpfe“ (Seite 479) – in Wahrheit wurden die beiden als „Laurel and Hardy of psi research“ ausgelacht.
Einen ersten Bericht über „Gedankenübertragung als Kriegswaffe“ in der französischen Zeitschrift Constellation im Jahr 1959 hatte der Journalist und Esoteriker Jacques Bergier frei erfunden, wie auch ein entsprechendes Kapitel in seinem Buch „Le Matin des magiciens“ (S. 621). Bergier beschreibt darin ein geheimes PSI-Programm der Amerikaner, das bei der „Nautilus“-Mission erfolgreich getestet worden sei.

But in 1960, real-world consequences were a result,
schreibt die Investigativjournalistin Annie Jacobsen.
Es begann ein parapsychologisches Wettrüsten zwischen den beiden Supermächten, über das der amerikanische Skeptiker Marcello Truzzi später sagte, es habe sich um „irreführende Propaganda“ gehandelt, „die die Kommunisten dazu verführen sollte, ihre Mittel an solchen Projekten zu verschwenden“.
Ein erhellender Satz zu diesem Treiben findet sich auch in dem Podcast „Gespenster und Geheimagenten“ vom SWR:
Die Amerikaner erforschten damals alle möglichen und unmöglichen Spielarten des Übernatürlichen: Hellsehen, Telekinese, Telepathie, durch Wände laufen.
Und der Grund, warum sie damit angefangen haben, war, dass sie Angst hatten, dass die Russen ein parapsychologisches Forschungsprogramm haben. Und die Russen hatten so ein Forschungsprogramm, weil sie Angst hatten, dass die Amerikaner eins haben.
Die Süddeutsche Zeitung schreibt:
Die CIA stampfte Projekt „Star Gate“ nach Empfehlung der Prüfer ein.
Zu diesen Prüfern gehörte der Psychologieprofessor und Skeptiker Ray Hyman. Seine „Evaluation of a Program on Anomalous Mental Phenomena“ aus dem Jahr 1995 findet sich hier und hier und hier.
Apropos „durch Wände laufen“: Von diesem ganzen paranormalen Zirkus handelt auch die Filmsatire „Männer, die auf Ziegen starren“ (2009):
Der Hollywood-Streifen basiert auf dem Sachbuch „Durch die Wand“ (2004) von Jon Ronson, das so beginnt:
Dies ist eine wahre Geschichte. Wir schreiben den Sommer 1983.
Generalmajor Albert Stubblebine III sitzt hinter seinem Schreibtisch in Arlington, Virginia, und starrt an die Wand, an der seine zahlreichen militärischen Auszeichnungen hängen […]
Er starrt durch seine Auszeichnungen auf die eigentliche Wand. Er spürt, dass da etwas ist, was er tun muss, obwohl ihm der Gedanke daran Angst macht. Er denkt über die Entscheidung nach, die er zu treffen hat. Er kann in seinem Büro bleiben oder er kann ins Büro nebenan gehen. Es ist seine Entscheidung. Und er trifft sie. Er geht ins Büro nebenan […]
Bin ich bereit?, denkt er. Ja, ich bin bereit. Er erhebt sich von seinem Schreibtisch und geht los.
Ich meine, so denkt er, woraus besteht ein Atom zum überwiegenden Teil? Aus Leerraum! Er beschleunigt seinen Schritt. Woraus bestehe ich zum überwiegenden Teil? Aus Atomen! Er rennt nun fast. Woraus besteht diese Wand zum überwiegenden Teil?, denkt er. Aus Atomen! Ich muss nur die Leerräume zusammenfließen lassen. Die Wand ist eine Illusion. Was ist Schicksal? Ist es meine Bestimmung, in diesem Raum zu bleiben?
Pah, sicher nicht! Dann stößt General Stubblebine mit seiner Nase hart gegen die Wand. Verdammt, denkt er. Sein ständiges Versagen, durch diese Wand hindurch zu schreiten, verwirrt General Stubblebine.
Es war nicht das einzige Versagen Stubblebines und des realen „First Earth Battalions“ innerhalb des US-Militärs sowie der „Stargate“-Protagonisten, wie der Enthüllungsjournalist Jon Ronson aufzeigt. Ronson erwähnt in diesem Zusammenhang auch Uri Geller – mit dem israelischen Löffelbieger hatte sich allerdings schon als 20 Jahre davor sein Autorenkollege Ronald M. McRae beschäftigt. Dessen Buch „Mind wars: The true story of government research into the military potential of psychic weapons“ (deutsche Ausgabe: „Parapsychologische Kriegsführung. Esoterik als Waffe“ von 1989) können wir entnehmen, dass US-Präsident Jimmy Carter einen Narren an Geller gefressen hatte:
Carter war davon überzeugt, dass Geller ein Mensch mit übernatürlichen Fähigkeiten sei, und nahm dessen Warnung vor einer sowjetischen Psi-Waffen-Ausrüstung sehr ernst.“
Aber auch schon vor Carters Amtszeit (1977-1981) hatte …
… der CIA ein halbes Dutzend Agenten beauftragt, in den Psi-Labors des Landes nach neuen Erkenntnissen zu suchen, die von militärischer oder spionagetechnischer Bedeutung sein könnten. Der CIA war vor allem an Uri Geller interessiert. Diskret besuchten Agenten seine Aufführungen.
Wenn Geller in der Lage war, Gegenstände zu verbiegen oder kaputte Uhren wieder zum Laufen zu bringen, so konnte er womöglich auch Computer beeinflussen. So spekulierten die Geheimdienstler.“
Schließlich wurde der Gabel- und Balkenbieger bei einem dem Pentagon angeschlossenen Büro für Projekte der Spitzenforschung vorstellig, wo „man nach Aussagen der Beamten durchaus bereit war, Forschungen zu finanzieren“.

Was dann geschah, sei vollständig wiedergegeben:
Geller traf mit den Nachrichtendienstlern der Marine am Schwimmbecken eines dem Pentagon nahe gelegenen Hotels zusammen. Er forderte einen Commander auf, sich gedanklich auf ein Objekt in der Umgebung zu konzentrieren.
Der Commander, skeptisch wie er war, dachte an eine mit Weintrauben gefüllte Schale, die hinter ihm stand, um sich nicht durch einen Blick auf einen vor ihm liegenden Gegenstand zu verraten.
Geller kritzelte etwas auf seinen Notizblock und fragte nach dem Namen des Gegenstandes. Dann reichte er dem Offizier den Block, auf dem Schale mit Weintrauben geschrieben stand. Die verblüfften Nachrichtendienstler sprachen sich in ihrer Empfehlung für einen Vertrag über mehrere Millionen Dollar aus.
Alarmierte Skeptiker des Büros ließen eine Gruppe von vier Zauberkünstlern einfliegen: den Entfesslungskünstler James Randi, den Mathematiker Persi Diaconis, den Psychologen Ray Hyman und Marcello Truzzi, einen Soziologen.
Diaconis erinnert sich, dass man sie alles andere als freundlich empfangen hat: „Man stellte uns die Frage, warum wir wichtige Untersuchungen boykottieren wollten.“
Der Commander wollten von den Vieren wissen, wie Gellers Fähigkeit, Gedanken zu lesen, nach ihrer Meinung zu erklären sei. Die Befragten sträubten sich aus zwei Gründen vor einer Antwort. Erstens ist die Technik ein Branchengeheimnis. Zweitens, sagte Truzzi, stoßen Erklärungen gewöhnlich auf Misstrauen.
Man bestehe für gewöhnlich darauf, dass keine Drähte im Spiel sein könnten, selbst wenn jeder wisse, dass es so ist.
Doch dieser Offizier des Nachrichtendienstes war eine Ausnahme. Er dachte nach und erinnerte sich, dass Geller ihn nach dem Namen des Gegenstandes gefragt hatte, bevor er den Schreibblock aushändigte – und nicht nachher, wie ursprünglich angenommen. Der Unterschied ist entscheidend. Geller schrieb zunächst nichts auf, er tat nur so.
Erst nachdem der Commander den Gegenstand benannt hatte, schmierte Geller mit einem Daumenstift Schale mit Weintrauben aufs Papier. Jeder Zauberkünstler und Gedankenleser kennt die Möglichkeit, einen Stift unter dem Daumennagel zu verstecken.
Gegen Abend hatte sich die Einstellung der Funktionäre um 180 Grad gedreht. Ein Vertrag wurde nicht unterzeichnet, statt dessen, so berichtet Diaconis, wollten alle wissen, „wem die dumme Idee eigentlich eingefallen war“.
Im Weiteren beschrieb Ronald M. McRae in seinem Buch den „Psi-Waffenrüstungswettlauf“ zwischen den USA und der Sowjetunion und zitierte dazu auch Skeptiker:
„Eines der Dinge, die man im Pentagon momentan untersucht“, sagt James Randi, „ist geheimkräftige Zauberei. Man macht den Versuch, hochaufgelöste Fotografien von russischen Anlagen zu entwickeln – mit der Vorstellung, dass die darauf sichtbaren Satelliten und Raketen vernichtet werden, wenn man die Aufnahmen verbrennt.
Ich weiß, dass man sowas nur schwer schlucken kann, aber so sind die Hirnis im Pentagon nun mal.“
„Hirnis im Pentagon“ trifft es wohl ganz gut. Aerri spricht in ihrem Video in puncto „Remote Viewing“ von einem „wachkomatösen Schwurbelloch“.
Zum Weiterlesen:
- Harder, Bernd „Der Templerorden – zwischen Wissenschaftsposse und Verschwörungstheorien“ skeptix (22. Februar 2026)
- Harder, Bernd „Esoterik-Kram auf Kosten einer Vermissten: Die Scharlatanen-Bubble um Rebecca Reusch“ skeptix (20. Dezember 2025)
- Harder, Bernd „Laurel und Hardy und der viele übersinnliche Nonsens im neuen Roman von Dan Brown“ skeptix (14. September 2025)
- Harder, Bernd „Mordaufklärung für 1500 Euro: Wie Vermisstenhellseher falsche Hoffnungen wecken“ skeptix (15. Februar 2025)
- „Vermisstensuche durch Hellsehen? Das gewissenlose Geschäft mit verzweifelten Angehörigen“ Lydia Benecke (31. Oktober 2020)
- Best, Michael „Wie die CIA untersuchte, ob Uri Geller wirklich magische Kräfte besitzt“ vice (12. Mai 2017)
- Sander, Daniel „Filmsatire Männer, die auf Ziegen starren – Ein Fall zum Meckern“ spiegel (4. März 2010)
- „Remote Viewing“ im Skeptic’s Dictionary
Titelfoto: Unsplash/Mich


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