In memoriam Anneliese Michel: Das letzte Exorzismus-Opfer in Deutschland?

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Geht doch:

Kann man mit einem Exorzismus überhaupt das erreichen, was man erreichen möchte? Oder hält man den Menschen durch einen Exorzismus vielmehr in einer bestimmten Vorstellungswelt fest, die er eigentlich verlassen sollte?

So wird der katholische Weltanschauungsbeauftragte Dr. Jürgen Lohmayer vom Bistum Würzburg zum 50. Todestag von Anneliese Michel zitiert:

Foto: Wikipedia

Genau diese kritische Betrachtungsweise fehlte der ZDF-Doku „Der Teufel in mir – Exorzismus heute“ vor vier Wochen praktisch komplett. Dafür hat web.de jetzt verschiedene Expert:innen befragt, etwa die Kriminalpsychologin Lydia Benecke und den Psychologen Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, der sagt:

In religiös-fundamentalistischen Kreisen besteht häufig eine Ablehnung von wissenschaftlichen Erklärungen. Der unsichtbaren Wirklichkeit des „Reiches Gottes“ wird eine höhere Bedeutung zugemessen als der vergänglichen irdischen Welt mit ihren medizinischen Diagnosen.

Zum gleichen Thema („Vor 50 Jahren starb Anneliese Michel, nach 67 großen Exorzismen“) gelingt es der Süddeutschen Zeitung immerhin, der unvermeidlichen Religionswissenschaftlerin Nicole Bauer von der Universität Graz mal eine halbwegs kritische Stellungnahme zu entlocken:

„Das größere Problem ist, dass Menschen, die psychiatrisch erkrankt sind, nicht die Hilfe bekommen, die sie benötigen.“ Mochten religiöse Rituale vor Hunderten Jahren die einzige Möglichkeit gewesen sein, psychischen Erkrankungen zu begegnen, „gibt ist in unserer heutigen Welt sehr effektive medizinische Möglichkeiten“.

In der besagten ZDF-Doku sprach Bauer noch von „positiven Effekten“ des Exorzismus – ohne jedoch die sehr engen Voraussetzungen dafür zu nennen, die die Psychologin Jasmina Eifert bei der EI-Tagung 2024 ausführte:

https://www.sektenwatch.de/sites/default/files/2024-09/Exorzismus_psychologisch_Eifert_Harder24.pdf

Natürlich darf in der Süddeutschen Zeitung auch der skurrile Pseudoexperte Pater Jörg Müller von der Freisinger Pallottiner-Gemeinschaft nicht fehlen, der mal wieder „eine spirituelle Leerstelle“ in der katholischen Kirche beklagt:

„Es hilft niemandem, schlicht zu sagen: Das gibt es nicht. Stattdessen muss man versuchen, den Menschen zu helfen.“ Ansonsten liefen die Menschen zu „unseriösen Predigern“.

Inwieweit Müllers Praktiken seriös sind, der trotz Psychotherapieausbildung zutiefst an den Teufel, an Dämonen und an Besessenheit glaubt, bleibt auch in diesem Artikel völlig offen – diesen Herrn und seine obskur-widersprüchlichen Ansichten mal kritisch zu hinterfragen, trauen sich offenbar weder ZDF noch Süddeutsche.

Was tatsächlich helfen könnte, skizziert dagegen Jürgen Lohmayer bei web.de:

„Eine Zusammenarbeit von medizinisch-psychiatrischer, psychologisch-therapeutischer und seelsorgerisch-theologischer Seite ist unabdingbar“, sagt er. Er selbst hält einen Exorzismus heute nicht mehr für das angemessene Mittel, um Menschen in solchen Situationen zu helfen […]

„Man darf solche Situationen niemals ausschließlich auf eine religiöse Sichtweise reduzieren“, sagt Lohmayer. „Vielmehr muss man den Horizont erweitern und ein multifaktorielles Geschehen in den Blick nehmen, um dem betroffenen Menschen in seiner Not gerecht zu werden oder ihm zumindest möglichst gerecht zu werden.“

Genau das haben wir vor einem Jahr schon geschrieben.

Damit Anneliese Michel auch wirklich das letzte Exorzismus-Opfer in Deutschland bleibt (zumindest eines offiziell genehmigten Exorzismus der Amtskirche. Freikirchen und machtgetriebene Einzeltäter sind nochmal ein anderes Problem).

Zum Weiterlesen:

Kommentare

3 Kommentare zu „In memoriam Anneliese Michel: Das letzte Exorzismus-Opfer in Deutschland?“

  1. Holm Hümmler

    Das letzte Exorzismus-Opfer in Deutschland war sie auf keinen Fall, höchstens das letzte deutsche Opfer eines offiziellen katholischen Exorzismus.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Exorzismus-Todesfall_in_Frankfurt_am_Main_2015

  2. Holm Hümmler

    Super spannend zu dem Thema fand ich den Vortrag von https://en.wikipedia.org/wiki/Konrad_Szo%C5%82ajski beim European Skeptics‘ Congress 2017 in Breslau über seinen Dokumentarfilm zu den heute noch verbreiteten katholischen Exorzismen in Polen. Die häufigsten und tragischsten Opfer waren queere Teenager.

    Er wurde in der Diskussion gefragt, ob bei seinen Dutzenden Opfern auch Menschen dabei waren, bei denen der Exorzismus in irgendeiner Form funktioniert hat. Er sagte, die Einzigen seien junge alkoholabhängige Männer gewesen, die nach Exorzismen tatsächlich aufgehört hätten zu trinken – aber dafür einen höchst bedenklichen religiösen Fanatismus entwickelt hätten.

  3. Sehr bedenklich finde ich auch, wie sehr offensichtlich kranke Menschen in esoterischen Foren angefeuert werden, wenn diese von einer „Dämonenbesetzung“ schreiben – und diesbezüglich nach Meinungen fragen.

    Rät jemand zum Arztbesuch, kann er sicher sein, dass es nicht lange dauert, bis ihm jemand sagt, es würde ihm offenbar an spirituellen Bewusstsein mangeln.

    Weitaus schlimmer finde ich jedoch, wenn wahnhafte Vorstellungen quasi geadelt werden – also der Ratsuchende mit Aufmerksamkeit bedacht wird.

    Nicht selten in Kombination mit Ärztebashing (Sinngemäß: „Erzähl das bloß keinem Arzt, der lässt dich sofort zwangseinweisen und du kannst dich künftig von Tabletten ernähren. Such dir einen Heiler, der sich mit Ritualen gegen Fremdbesetzung auskennt.“)

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