„Strader-Apparate“: Wenn anthroposophisches Theater zur Technologie werden soll

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

von Jacob König-Otto

In der Anthroposophie verschwimmen Realität und Fantasie gern zu einem harmonischen Nebel. 

Ausgangspunkt dieses Beitrags ist Rudolf Steiners drittes Mysteriendrama „Der Hüter der Schwelle“, in dem ein „Dr. Strader“ Apparate entwickelt, die eine neue Technologie nutzbar machen sollen. Steiner beschrieb diese Geräte in seinem Stück detailliert und ließ Modelle für Theateraufführungen konstruieren – zunächst also reine Fiktion. Doch er baute die Idee in seine Lehre ein und prognostizierte um 1916–1920, dass eine solche Technologie binnen 20 Jahren weltweit verfügbar sein könnte. Spoiler: Über hundert Jahre später warten wir immer noch. Aber worauf genau warten wir?

Technologien, die ätherische Kräfte nutzen

Die anthroposophische Szene hält unbeirrt an Steiners Visionen fest und setzt viel daran, sie wahr werden zu lassen. So gründeten der Kinderarzt Jan-Gabriel Niedermeier und die Heilpraktikerin Esther Carolin die Firma strader.tech, um die Apparate nachzubauen und ihre Funktion zu erforschen. 

Ich besuchte unlängst einen Vortrag von strader:tech und erfuhr etwas über deren vier Jahre andauernden Arbeiten an diesen Apparaten und einen angeblich ersten Erfolg: Die Geräte sind Teil einer „moralischen Technologie“ – Technologie, die nicht auf profan Stofflichem aufbaut, also auf Elektrizität oder Verbrennung beruht, sondern ätherische Kräfte nutzt, „in denen Christus wirkt statt Ahriman“.

Untersinnliche Kräfte

Kern der Apparatur: drei orthogonal angeordnete Stäbe mit Halbschalen aus Antimon, Kupfer, Nickel und Pechblende. Ihr Zweck: Führungsinstrumente zum Erlernen von Bewegungen des Ätherleibes, welche zur Erzeugung von Wärme, Licht und anderen Effekten führen. Niedermeier ordnet Stoffe und Kräfte einem anthroposophischen Modell zu: Aggregatzustände – fest, flüssig, luftig, Wärme (ihm ist selbst bewusst, dass das eigentlich kein Aggregatzustand ist) – verbindet er mit übersinnlichen Entsprechungen (Lebensäther, Klangäther, Lichtäther, Wärmeäther) sowie untersinnlichen Kräften (Radioaktivität, Magnetismus, Elektrizität, Verbrennung).

Logik? Fragwürdig. Belege bleiben die strader:tech-Gründer schuldig, einen nachvollziehbaren Funktionsmechanismus sucht man vergebens.

„Moralische Technologie“

Technologie definiert Niedermeier als eine Transformation von Bewegung/Energie in Effekt/Nutzen. Die „moralische Technologie“ der Strader-Apparate soll Bewegung im Ätherischen nutzbar machen und so z. B. Erwärmung ohne Heizung ermöglichen. Wie genau das funktionieren soll, bleibt ein Rätsel.

Niedermeier fordert aber ein, seine Ideen ernst zu nehmen: Es sei wichtig, die Prämissen der Technologie zu akzeptieren, sonst könne sie nicht wirken. Beim Diesel-Auto, so sein fragwürdiger Vergleich, müsse man schließlich auch akzeptieren, dass es nur mit Diesel fährt und sonst nicht funktionieren würde. Im Gegensatz zum Diesel-Auto ist die Funktionsweise der Strader-Apparte wirr: Die Geräte dienen angeblich als „Führungsinstrumente“, die innere Nachbildungen der Bewegungen anleiten sollen – wie, bleibt unklar.

Intersubjektive Überprüfung

Als Beleg für Wirksamkeit wird „intersubjektive Überprüfung“ angeführt. Wenn man sagen würde, man sähe im Raum einen Elefanten, dann könnte man durch den Tastsinn für sich prüfen, ob dies wahr sei. Man könnte aber auch intersubjektiv prüfen, indem man die anderen fragt, ob sie auch den Elefanten im Raum sehen. So ginge dies auch mit dem Strader-Apparat.

Wenn jemand dessen Effekte bemerkt und man selbst ebenfalls, dann sei dies eine völlig ausreichende, intersubjektive Überprüfung. Hier wird geflissentlich übersehen, dass das Beispiel hinkt. Immerhin ginge es beim Elefanten um eine Wahrnehmung des gleichen Objektes von verschiedenen Personen, nicht wie beim Strader-Apparat um die jeweilige Beschreibung der eigenen Wahrnehmung, die sich nicht an einem konkreten Objekt festmachen lässt.

Ich habe an diesem Abend jedenfalls einen Elefanten im Raum gesehen, aber anscheinend war ich der Einzige.

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