„Geistlicher Missbrauch“ als Thema einer neuen Studie – und beim „Skeptival“ in Berlin

(Lesedauer ca. 4 Minuten)

Mechanismen des Missbrauchs in High-Control-Gruppen

ist ein Thema bei unserem Skeptival am 10. und 11. Oktober in Berlin. Referent ist der Theologe und Religionswissenschaftler Daniel Huthmacher:

Welche Mechanismen wirken, um Menschen in Systeme geistlichen Missbrauchs zu bringen, und warum ist das „einfach weggehen“ nicht so einfach?

Ist es Gehirnwäsche? Bewusstseinskontrolle? Muss man ein bestimmter Typ Mensch sein, um in solche Abhängigkeiten zu geraten, oder kann es jeden treffen? Passiert so etwas nur in religiösen Gruppen, oder kann einem Ähnliches auch in anderen Kontexten begegnen?

Der Vortrag soll ausgehend von den aktuellen Forschungen zu geistlichem Missbrauch in kirchlichen Gruppen Faktoren vorstellen, die auch in anderen High-Control-Gruppen wirken, um Menschen in ein missbräuchliches System einzubinden und ihnen das Verlassen desselben zu erschweren.

Was ist eigentlich „geistlicher Missbrauch“? Die katholische Theologin Judith Könemann erklärt dazu:

„Geistlicher Missbrauch kann Anbahnung zum sexuellen Missbrauch sein. Es ist aber auch ein eigenständiges, bisher nur in Ansätzen erforschtes Phänomen“ […]

„Geistlicher Missbrauch ist immer mit der Ausübung und dem Missbrauch von Macht verbunden sowie mit Manipulation und Willkür“, erläutert die Forscherin. Dabei verletze eine geistliche Autoritätsperson die persönliche Freiheit, die spirituelle Selbstbestimmung und die psychische, seelische und soziale Integrität ihres Gegenübers.

Das missbräuchliche Handeln werde dabei geistlich beziehungsweise sakral aufgeladen und auf diese Weise legitimiert und als richtig behauptet.

Zusammen mit dem Historiker Bernhard Frings hat Könemann gestern in Münster die Studie die „Macht durch Charisma – Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“ vorgelegt:

https://www.uni-muenster.de/FB2/gm_projekt/

Im Fokus der 600-seitigen Arbeit stehen die „Christusgemeinschaft“ im Bistum Osnabrück und „Totus tuus Neuevangelisierung“ im Bistum Münster. Die Forschenden definieren geistlichen beziehungsweise spirituellen Missbrauch als „unzulässigen und stets von machtförmigen Interessen gesteuerten Über- und Eingriff in das geistliche Leben, in die Spiritualität eines Gegenübers“:

In seinem innersten Kern besteht dieser Missbrauch darin, durch den Einsatz und im Horizont einer geistlichen Doktrin und Spiritualität Macht über das Gewissen und das Innerste eines Gegenübers zu erlangen und – häufig unter Verwendung des Vokabulars der „Öffnung“ – die völlige Selbstaufgabe, Selbstauslieferung und Unterwerfung des Anderen nicht nur zu fordern, sondern auch mit dafür geeigneten Mitteln durchzusetzen.

Kurz gesagt:

„Leitungspersonen – etwa in christlichen Gemeinschaften – setzen religiöse Gehalte wie Gehorsam, Hingabe oder Demut ein, um Macht über Menschen auszuüben. Gleichzeitig rechtfertigen sie damit übergriffiges Verhalten.“ Durchgesetzt werde geistlicher Missbrauch mittels Beschämung, Demütigen, Bloßstellen, Druck, Liebesentzug, Kontaktabbruch und anderen Verhaltensweisen.

Den früheren Bischöfen Felix Genn (Münster) und Franz-Josef Bode (Osnabrück) werfen die Autor:innen eine unkritische Haltung gegenüber bestimmten Geistlichen Gemeinschaften vor. Man habe sich von den „geistlichen Früchten“ sowie vielen Berufungen für das geistliche Leben blenden lassen, sagte Könemann. Als Präventionsmaßnahme werden in der Studie unter anderem institutionelle Schutzkonzepte gefordert. Dabei sei entscheidend, den spirituellen Missbrauch nicht ausschließlich als Vorbereitung auf den sexuellen Missbrauch zu verstehen, sondern als eigenständige Form des Machtmissbrauchs anzuerkennen. Außerdem sollte geistlich-spiritueller Missbrauch in seinen unterschiedlichen Ausprägungen als Straftatbestand im kirchlichen Recht verankert werden.

Beauftragt und finanziert wurde die Studie von den Bistümern Münster und Osnabrück, der Deutschen Bischofskonferenz und den Thuiner Franziskanerinnen. Sie steht hier zum Download zur Verfügung.

Tickets fürs Skeptival gibt es hier.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Pixabay/Himsan

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