von Karoline Paschos
Dieser Beitrag erschien im Rahmen unserer „Advents-Special“ auch als Kurzvideo :

„Alle Jahre wieder…“ stellen wir zur Weihnachtszeit in den tierärztlichen Praxen und Kliniken einen deutlichen Anstieg an Vergiftungen bei Hund und Katze fest. Wer oder was ist dafür verantwortlich? Schauen wir uns an dieser Stelle einmal die vier saisonal schlimmsten Substanzen an:
Auf Platz 1 liegt die Schokolade

Der Übeltäter, der Schokolade so gefährlich für Tiere macht, heißt Theobromin. Der wäre eigentlich auch für uns Menschen gefährlich, aber wir verstoffwechseln ihn schnell genug. Bei Hund und Katze wird er aber viel langsamer abgebaut, also kann er seine – eigentlich ganz normale – Wirkung im Körper entfalten. Es kommt zu Zittern, Krämpfen, Unruhe, Herzrasen und kann bis zum Tod führen. Auch Dehydrierung durch Wasserverlust über verstärkte Diurese (Ausscheidung von Flüssigkeit über die Niere) kann auftreten. Würden wir Menschen Theobromin nicht so schnell verstoffwechseln, hätten wir mit ähnlichen Symptomen zu kämpfen.
Die toxische Wirkung ist dosisabhängig, und man kann sagen, dass es bei 100mg/kg Theobrominaufnahme zu lebensbedrohlichen Symptomen kommt. Aber auch schon bei einer Dosis von 20mg/kg können erste Anzeichen einer Vergiftung wie zum Beispiel Erbrechen und Durchfall auftreten.
Die Symptome treten zwei bis vier Stunden nach der Aufnahme auf und können bis zu zwölf Stunden andauern. In einer solchen Situation ist es das Beste, das Tier unter tierärztlicher Kontrolle möglichst rasch erbrechen zu lassen, damit die Schokolade wieder draußen ist, bevor das Theobromin vom Körper aufgenommen werden konnte.
Weil der Theobromingehalt von dem Kakaoanteil der Schokolade abhängig ist, kann man Milchschokolade mit ihren 30 bis 40 Prozent Kakaoanteil als relativ ungefährlich betrachten. Kritisch wird es bei einem Kakaoanteil von 70 Prozent und mehr im Produkt, weil da schon kleinere Mengen zu Vergiftungserscheinungen führen können.
Daher ist die Information, welche Art Schokolade und wie viel ungefähr aufgenommen wurde, wichtig, wenn ihr euch tierärztlichen Rat holt.
Auf Platz 2 folgt Xylit

Xylit, auch bekannt als Birkenzucker, ist ein Zuckeralkohol, der häufig als kalorienarme Zuckeralternative in Kaugummis, Zahnpasta, Backwaren und Diabetikerprodukten verwendet wird.
Während er für Menschen ungefährlich ist, kann er bei Tieren – vor allem Hunden – hochgiftig wirken. Xylit wird schnell über die Dünndarmschleimhaut aufgenommen. Im Blut angekommen, gaukelt er dem Körper des Hundes vor, Zucker zu sein und bewirkt in den Zellen der Bauchspeicheldrüse eine massive Freisetzung von Insulin. Schon nach 30 Minuten, manchmal aber auch erst nach zwei Stunden, kommt es bei einer Aufnahme ab 100 mg/kg Körpergewicht zu extremem lebensbedrohlichem Unterzucker: Glucose ist dann nicht in der benötigten Menge da und die Zellen „hungern“.
In der Leber wird das Xylit dann verstoffwechselt, was in hohen Mengen von über 500mg/kg zum Leberversagen führen kann.
Bei Xylit ist es deswegen wichtig, so schnell wie möglich eine Tierarztpraxis oder Tierklinik aufzusuchen. Der Blutzucker muss dringend stabilisiert und die Leberwerte müssen kontrolliert werden. Meist ist eine stationärer Aufenthalt für Infusionen und zur klinischen Überwachung notwendig.
Für Katzen ist eine toxische Wirkung theoretisch möglich, aber sie reagieren anders als Hunde. Sie haben keine glucose-getriebene Insulinfreisetzung, könnten aber bei der Verstoffwechslung auch Probleme mit der Leberfunktion bekommen.
Den 3. Platz belegen Weintrauben/Rosinen

Weintrauben und Rosinen können bei Hunden lebensbedrohliche Nierenschäden hervorrufen. Der verantwortliche Bestandteil war lange Zeit unbekannt, aber neueste Studien deuten darauf hin, dass es die Weinsäure (Tartarinsäure) ist, die die Zellen der Nieren schädigt.
Da die Empfindlichkeit stark variiert, gibt es auch keine genauen Angaben einer sicheren Menge. Als Richtwert kann man sagen, dass bei 10 g/kg Körpergewicht an Rosinen mit Nierenschäden zu rechnen ist. Es gibt aber auch Berichte von akutem Nierenversagen nach weniger Rosinen. Auch frische Weintrauben sind da nicht unbedingt besser: Bei manchen reichen wenige Beeren, andere können jede Menge davon fressen und bekommen höchstens etwas Durchfall.
Das Beste ist daher: Tiere grundsätzlich von den Früchten fernhalten, egal ob in frischer oder getrockneter Form.
Kommt es dann doch einmal zur Aufnahme, empfehle ich dringend, so bald wie möglich eine tierärztliche Praxis oder Tierklinik aufzusuchen. Nach sechs bis zwölf Stunden treten Symptome auf, aber da ist es dann oft schon zu spät. Die Symptome äußern sich anfangs in Erbrechen, Durchfall, Appetitlosigkeit. Versagen die Nieren vollständig, ist auch die Harnmenge reduziert, bzw. sie kommt komplett zum Erliegen.
Es gibt zwar kein spezielles Gegenmittel, aber Sofortmaßnahmen wie das kontrollierte Erbrechen sollten unter tierärztlicher Betreuung stattfinden.
Bleibt die Vergiftung unbehandelt, können die Nieren versagen und der Hund vergiftet sich quasi selbst, da harnpflichtige Substanzen nicht ausgeschieden werden. Es kann in Folge auch zu neurologischen Symptomen wie Zittern, Krämpfen und Wahrnehmungsstörungen kommen. In solchen schweren Fällen kann oft nur mehr eine Hämodialyse lebensrettend sein.
Auf dem 4. Platz liegt der Weihnachtsstern

Zum Abschluss noch eine kleine Entwarnung: Gerade zur Weihnachtszeit ist Euphorbia pulcherrima, besser bekannt unter ihrem deutschen Namen „Weihnachtsstern“, besonders beliebt. Die in der Pflanze enthaltenen Triterpene sind stark schleimhautreizend. Sie führen zu einer Entzündung der Magen- und Darmschleimhäute und dadurch zu Erbrechen. Außerdem können Zittern und Untertemperatur auftreten. Bekannt sind jeweils ein Todesfall einer Katze und eines Hundes. Diese liegen allerdings schon einige Jahre zurück, in heutigen Züchtungen der Pflanzen ist der Gehalt der toxischen Substanzen zum Glück stark reduziert.
Zusammenfassend kann man sagen: giftig ja, zwingend tödlich nein.
Trotzdem rate ich natürlich dringend dazu, Weihnachtssterne außerhalb der Reichweite von Haustieren zu stellen. Was bei Katzen meist bedeutet, keinen Weihnachtsstern im Haus zu haben.
Karoline Paschos setzt als Kleintierärztin in Wien auf evidenzbasierte Tiermedizin, wenn es darum geht, die richtige Diagnose und Therapie für ihre tierischen Patienten zu finden
Bildnachweise
Trauben: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Vitis_vinifera_a1.jpg
Titelbild: 12 Strays of Christmas-Cards, https://shop.dogshome.com/collections/christmas-cards/products/12-strays-of-christmas-cards-cheer


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