„Lifestyle-Accounts mit absolutem Wahrheitsanspruch“: Die Aussteigerin Daniela-Marlin Jakobi über Christfluencer:innen

(Lesedauer ca. 2 Minuten)

In dem ZDF-Beitrag „Christliche Influencer mit rechter Agenda?“ war als kritische Expertin die Freikirchen-Aussteigerin Daniela-Marlin Jakobi mit dabei (wir berichteten), die 2024 mit diesem Persiflage-Video Aufsehen erregte:

https://www.instagram.com/reels/DAi92sPtpDi/

Jakobi ist auf Instagram, TikTok und Youtube aktiv:

Beim Schweizer Nachrichtenportal watson ist jetzt ein ausführliches Interview mit ihr erschienen:

Christfluencer:innen wirken wie Lifestyle-Accounts, transportieren aber oft absolute Wahrheitsansprüche. Ihre Inhalte sind emotional, ästhetisch und scheinbar unpolitisch, dabei vermitteln sie klare Ideologien.

Gefährlich wird es, wenn besonders junge Menschen dadurch verlernen, selbst zu denken.

Passend dazu gibt’s bei Relinfo eine Typologie religiöser Influencer:innen.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Freepik/Wirestock

Kommentare

8 Kommentare zu „„Lifestyle-Accounts mit absolutem Wahrheitsanspruch“: Die Aussteigerin Daniela-Marlin Jakobi über Christfluencer:innen“

  1. „Gefährlich wird es, wenn besonders junge Menschen dadurch verlernen, selbst zu denken.“

    Das ist in der Tat ein großes Problem unserer Zeit.

    Vieles ist in Bewegung, im Umbruch, uneindeutig und komplex – da gibt’s mit VUCA (und neu: BANI) sogar eine Beschreibung dieses Phänomens.

    Und angesichts dieser Komplexität sehnen sich viele Menschen nach einfachen Antworten und nach jemandem, der ihnen das Denken abnimmt.

    Das erklärt in Teilen den Zustrom zu Populisten und Autoritären, aber auch zu Gurus, Sekten, bestimmten Influencern und ähnlichen Menschen und Institutionen, die einem vermeintlich einfache Antworten geben oder einem das Denken abnehmen.

    KI im Sinne von großen Sprachmodellen und „hilfreichen Agenten“ kommt von der anderen Seite und offeriert ebenfalls das attraktive Angebot, die Denkanstrengungen outzusourcen.

    Diese Aussicht bedrückt manchmal.

  2. Carsten Ramsel

    @sinister

    Die Beschreibung der derzeitigen Situation der Jugend (VUCA/BANI) und die sich daran anschließenden Analysen kommen mir seit den 1970er Jahren bekannt vor. Selbstverständlich sind Menschen jeden Alters empfänglich für einfache Erklärungen komplexer Zusammenhänge. Und sicherlich sind in den letzten 50 Jahren Menschen bei Hare Krishna, Scientology oder christlichen Fundamentalisten hängen geblieben oder haben ihr Geld bei Gurus und Coachings gelassen. Da wird jeder im Bekannten- und Familienkreis Beispiele finden.

    Demografisch zeigt sich allerdings ein anderes Bild.

    Sowohl die Zugehörigkeit als auch die persönliche Religiosität nimmt im Generationenvergleich seit den 1970er Jahren ab (z. B. Stolz, Die Zukunft der Reformierten (eine Schweizer Analyse, die aber Vergleiche mit Deutschland enthält)). Ein Zuwachs gerade zu fundamentalistischen, christlichen Gruppierungen lässt sich demografisch nicht feststellen. Das heißt nicht, dass es nicht lokal erfolgreiche Gruppen gibt.

    Klick- und Abonnentenzahlen sagen erst einmal nichts über den Erfolg der Missionierung aus. In Deutschland sind allein junge Muslime religiöser als ihre Elterngeneration. Dafür wird die sinkende religiöse Erziehung verantwortlich gemacht. Dabei bleiben jugendliche Überzeugungen, religiöse wie nicht-religiöse, auch als Erwachsene häufig stabil.

    z. B. https://link.springer.com/rwe/10.1007/978-981-99-8606-4_132, https://doi.org/10.1111/cdev.14151

    Umgekehrt bedeutet eine sinkende Religiosität nicht, wie es sich Humanisten und Religionskritiker wünschen, dass das kritische Denken zunimmt. Die Gefahr, Abkürzungen im Denken zu wählen, ist vermutlich allzu menschlich.

    Ich danke Bernd Harder herzlich für seine stetige aufklärerische Arbeit und jedem, der ein Auge auf die Entwicklung der Jugendlichen hat.

  3. Chusa More

    „Gefährlich wird es, wenn besonders junge Menschen dadurch verlernen, selbst zu denken.“

    Ich halte diese Aussage in ihrer Grundannahme für völlig falsch, fast schon als diffamierend jungen Menschen gegenüber.

    Diese Aussage ist an sich schon. ein „Narrativ“, das eine einfache Erklärung liefert, aber in der Vereinfachung platt und plakativ ist und an der Sache, an den grundlegenden Problemlagen, vorbeigeht.

    Das macht gerade die im Interview beschriebene Lebensgeschichte deutlich.

    Es geht in dieser Lebensgeschichte doch durchgängig um Themen wie „wo finde ich Halt?“, es geht um soziale Unterstützung, um soziale Zugehörigkeit, um Angenommen sein von anderen Menschen, das sind doch die Motive, Themen, um die es geht, und die diese Frau in diese Freikirche hinein geführt haben und auch wieder heraus.

    Als ihr jetztiger Ehemann in ihr Leben tritt mit einem noch höheren „Bindungs- und Zugehörigkeitsangebot“ als die Freikirche, und er „anders glaubt“ als diese Freikirche, schloss sie sich dem Glaubens- und Weltbild ihres Mannes an und es kam zum Bruch mit dieser Freikirche. Eine eigene selbständige Reflektion ihres Glaubens- und Weltbildes findet offensichtlich nicht oder kaum statt und das ist, mit Verlaub gesagt, wohl in erster Linie ein Problem dieser jungen Frau.

    Und ja, es geht um Manipulierbarkeit aufgrund „menschlicher Grundbedürfnisse“.

    Aber daraus die getroffenen Verallgemeinerungen zu treffen, halte ich für absolut unzulässig.

  4. Carsten Ramsel

    @Bernd Harder

    Schaffen es Berichte über „normale“ Religiöse eigentlich noch in die Medien oder sind kirchliche Veranstaltungen wie Firmung/Konfirmation nur etwas für die Lokalzeitung?

    Ich bin kein Journalist, kommt es dadurch zu einer verzerrten Wahrnehmung der tatsächlichen religiösen Landschaft in Deutschland?

  5. […] „Lifestyle-Accounts mit absolutem Wahrheitsanspruch“: Die Aussteigerin Daniela-Marlin Ja… Christfluencer:innen wirken wie Lifestyle-Accounts, transportieren aber Wahrheitsansprüche, sagt die Aussteigerin Daniela-Marlin Jakobi. […]

  6. Chusa More

    Nun, das große Problem bei Daniela-Marlin Jakobi (ich hatte in meinem vorherigen Kommentar ihren Ausstieg etwas näher betrachtet) sehe ich darin, dass sie aus ihrem persönlichen Erleben mit einer einzigen christlich fundamentalistischen Gemeinde darauf schließt, fundierte Kenntnisse zu haben über die ganze „christlich-freikirchliche bzw. „fundamentalistische“ Szenerie“ und insbesondere über sog. „ChristfluencerInnen“.

    (Und ja, es gibt „geistlichen Mißbrauch“ in vielen „christlichen“ Kontexten, ohne Frage, und ohne Frage hat Jacobi das erlebt im Kontext dieser Gemeinde, in der sie war, und das war sicher schlimm, und ja, ich finde es wichtig, auf speziell diese Problematiken aufmerksam zu machen.)

    Aber die Schlussfolgerungen, die Jacobi zieht bzw. die „Expertise“, die sie sich quasi als „Kennerin“ der ganzen „christlich-freikirchlichen Szenerie“ zuschreibt, halte ich für unzutreffend. Insbesondere ihre Schlussfolgerungen aus ihrem Erleben und ihre postulierte „Expertise“ zum Thema „ChristfluencerInnen“ halte ich für absolut fatal.

    Ich möchte das an einem Beispiel deutlich machen, an Leonard Jäger alias „Ketzer der Neuzeit“, einem der bekanntesten und m.E. auch einem der extremsten Akteure aus diesem Spektrum. Ich habe ziemlich gesucht, um herauszufinden, wo er denn herkommt, aus welchen christlichen Kontexten er kommt, wo er da verortet ist. Gefunden habe ich dazu: Nichts. Das halte ich für ziemlich ungewöhnlich für jemanden, der sich als „christlicher Fundamentalist“ ausgibt. Was ich dagegen gefunden habe. ist eine Recherche von Correctiv aus dem Jahr 2024:

    https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/08/19/rechte-influencer-auf-youtube-welche-werbung-ideologische-botschaften-finanziert/

    Darin heißt es: „„Blitzwissen“ ist eine Art Blinkist für Rechtsextreme. Das heißt: Nutzer können dort kurze Zusammenfassungen von rechten Sachbüchern lesen oder anhören. Wie unsere Recherchen zeigen, wird bei mindestens sieben der untersuchten Youtubern für „Blitzwissen“ geworben. Man findet dort unter anderem Bücher des vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften Antaios Verlags. Autoren dort sind etwa Martin Sellner, oder Maximilian Krah, aus dessen Buch sogar im Bericht des Verfassungsschutzes beispielhaft für rechtsextremes Gedankengut zitiert wird. “

    Zu diesen sieben untersuchten Youtubern gehört, wie aus einer Grafik ersichtlich und etwas weiter unten im Text kurz beschrieben ist, eben auch Leonard Jäger alias Ketzer der Neuzeit.

    Ich will es kurz machen: Offensichtlich kommt Jäger originär aus dem rechten/ rechtsextremen „Spektrum“ und hat sich ein christlich-fundamentalistisches Mäntelchen umgehängt. Das machen auch Aussagen in seinen Videos deutlich, z.B. die, dass er „Jesus auf dem Kirchentag kennengelernt habe“ und zwei Sätze weiter sagt er, der „Kirchentag sei ein Parteitag der Grünen“ gewesen. Zwar schlägt er mit irgendwelchen Bibelstellen um sich, aber wirklich „christlich“ oder christlich-fundamentalistisch“ ist an seinem „Sprech“ tatsächlich nichts.

    M.E. ist Jäger ein weiterer Versuch aus dem rechten/ rechtsextremen Lager, um endlich, endlich mal die „christliche Szenerie“ in ihrer Breite anzuschließen an die rechtsideologischen Reihen. Im „dritten Reich“ ist das den Ideologen geglückt, ich hoffe sehr, dass dies in der Gegenwart den „einschlägigen Akteuren“ mißlingt.

    Jana Highholder z.B. ist da eher eine ganz andere „Kategorie“, sie kommt originär aus dem christlichen Spektrum, hat dort schlechte Erfahrungen gemacht, bezeichnet sich jetzt selber als „gemeindelos“ und hat sich in den letzten Jahren „rechtsideologisch geöffnet“ und nutzt ihre Reichweite.

    Und ja, „rechte ChristfluencerInnen“ sind neben etlichem anderen ein riesiges Problem für unsere Gesellschaft, für Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ja. Aber wenn Journalisten etablierter Medien, die definitiv eine große Rolle spielen für Demokratieerhalt, durch „Irreführung“ jetzt christlich-freikirchliche „Kontexte“ abklappern auf der Suche nach dem „ultimativen rechten Kick“ sprich „unentdecktem Rechtsextremismus im christlichen Kontext“ und dabei v.a. auf unspektakuläre, „treudoofe Jesusanhänger“ (Verzeihung) stoßen, dann führt das halt auch nicht weiter, sondern bindet nur Kräfte und Ressourcen.

    Und hier noch ein Beispiel für „nicht-rechtes christliches Influencertum“ mit dennoch hoher Reichweite:

    https://www.youtube.com/watch?v=Ojaq0_z3oXU

    Sieht im ersten Moment nicht so „extrem attraktiv“ aus wie eine Jana Highholder, hat aber sehr viel zu sagen und wird vom Publikum ganz offensichtlch auch so wahrgenommen.

  7. Carsten Ramsel

    Einen ziemlich nüchternen Blick auf die Christfluencer-Scene der Sozialen Medien wirft Detlef Pollack in einem Interview mit den Sternstunden Philosophie des SRF.

    Dabei stützt er sich auf seine inzwischen in der dritten Auflage erschienene Betrachtung der weltweiten religiösen Entwicklung, d. h. Säkularisierung, Religion in der Moderne: Ein internationaler Vergleich, Beck 2025.

  8. Carsten Ramsel

    Christfluencer gibt es auch in Russland/Osteuropa.

    ARTE: Russlands neuer Religions-Hype
    https://www.youtube.com/watch?v=cwY3E5yU-CE

    Die Beobachtung, dass Gen Z religiöser sei als ihre Elterngeneration, lässt sich demographisch nur in wenigen Ländern und beispielsweise unter deutschen Muslimen feststellen.

    Eine Erklärung für diese wiederkehrende Behauptung ist, dass Christfluencer ihre Reichweite damit erzielen, dass sie einen Trend kreieren. Wenn sich in Hamburg 200 junge Menschen bei den Worship Gottesdiensten des ICFs treffen, entsteht der Eindruck, dass sie Viele sind, zumindest mehr als die 2 Jugendlichen in ihrer Landeskirche um die Ecke. Statistisch sind diese 200 jungen Menschen beim ICF allerdings nicht relevant.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

RSS Feed

Hier könnt ihr den Blog als Feed abonnieren.


Neuste Beiträge


Schlagwörter

Aliens Alternativmedizin Anthroposophie Außerirdische Berlin Coaching Corona Esoterik Fake News Falscherinnerungen False Memory Geister Geschichte Hellseher Homöopathie Jasmina Eifert Königreich Deutschland Künstliche Intelligenz Mariana M. Martin Moder Mind Control Parapsychologie Peter Fitzek Pseudomedizin Recht Reichsbürger Religion RG-MC Rituelle Gewalt Rituelle Gewalt-Mind Control Ritueller Missbrauch Satanic Panic Satanismus Science Cops Sebastian Bartoschek Sekten SkepTeam Berlin Skeptics in the Pub Skeptics in the Pub Berlin Skeptics in the Pub Köln stammtisch Ufos Verschwörungstheorien Waldorfschule Übersinnliches


Neuste Kommentare