Es ist die weltweit größte digitale Enzyklopädie1 … Wikipedia. Die Seite wird seit 2001 von Editor:innen geschrieben, die einfach Spaß daran haben Artikel zu schreiben. Sie erhalten kein Geld für ihre Tätigkeit. Da Wikipedia frei verfügbar ist und einen breiten Wissensschatz aufgebaut hat, werden die Daten von Konzernen wie Google oder Open AI zum Training der textbasierten KI-Systeme genutzt. Gerade dass jede Person ohne Einschränkungen mitwirken kann, macht Wikipedia bis heute so erfolgreich. Gleichzeitig führt dieses System der unbeschränkten Mitwirkung auch zu Kritik. Wir haben uns angeschaut, wie sehr man den Inhalten auf Wikipedia vertrauen kann.
Wie funktioniert Wikipedia?
Wikipedia ist ein kollaboratives Projekt, indem jede Person Artikel anlegen, korrigieren oder erweitern kann. Dadurch ist es leichter möglich, Inhalte in Wikipedia auf den aktuellen Stand zu bringen. Da die Mitwirkung so leicht gemacht wird, dass man sich noch nicht einmal anmelden muss, können die Artikel von vielen Personen gelesen und bei Bedarf korrigiert oder aktualisiert werden.
Wikipedia besteht zwar aus sehr vielen Regeln, drei Regeln bilden aber den Kern:
- Entspricht ein Artikel den Relevanzkriterien?
- Ist der Artikel aus einer neutralen Sichtweise geschrieben (“Neutral Point of View” oder kurz NPOV)?
- Sind die Aussagen innerhalb eines Artikels mit Belegen versehen?
Relevanzkriterien sind Kriterien die von der Wikipedia-Community aufgestellt wurden, um zu bestimmen, ob ein Artikel überhaupt für Wikipedia relevant ist.
Ein wichtiges Kriterium ist zum Beispiel, ob ein Thema schon einmal in einer bedeutsamen Tageszeitung wie der ARD-Tagesschau erschienen ist. Die Relevanzkriterien unterscheiden sich je nach Themenbereich. Es macht einen Unterschied, ob ein Artikel von einer Person, einem Sachthema oder Ort handelt. Trotzdem gilt für alle Bereiche, dass die Themen so bedeutsam sein müssen, dass sie über einen langen Zeitraum interessant bleiben und Bestand haben. Wikipedia ist kein Live-Ticker!
Erfüllt ein Artikel die Relevanzkriterien, muss ein Artikel ausreichend Belege enthalten und möglichst wertfrei formuliert sein. Das heißt, die Meinungen von Autor:innen zu einem Thema gehören nicht in die Artikel und gute Belege sind ebenfalls Teil des NPOV. Wikipedia sieht sich als ein Projekt zum Aufbau einer Enzyklopädie und hat das Ziel, den aktuellen Wissensstand abzubilden. Als gute Belege werden häufig Presseartikel aus seriösen Nachichtenquellen, Studien oder Online-Fachzeitschriften angesehen.
Es können aber auch Blogartikel als Referenz dienen, sofern diese die Anforderungen für gute Belege erfüllen. Blogartikel von Einzelpersonen erfüllen meistens nicht die Anforderungen, können aber manchmal verwendet werden, um die Meinung einer Person darzustellen.

Neben den Hauptseiten gibt es immer auch die Diskussionsseiten, die für die Qualitätssicherung eine wichtige Rolle spielen. In diesem Bereich können Fragen, Anmerkungen und auch Kritik besprochen werden. In der Forschung würde man so etwas einen “Peer-Review Prozess”2 nennen. Die Diskussionen laufen häufig friedlich ab.
Ausnahmen bilden aber vor allem die Diskussionsseiten zu kontroversen Themen wie Verschwörungstheorien oder Pseudowissenschaften. Also genau die Themen, die Skeptiker:innen besonders interessant finden. Artikel zu kontroversen Themen haben auch meistens das Potential, sich zu “edit wars” zu entwickeln. Das sind Schlachten, bei denen sich entweder zwei Einzelpersonen oder sogar zwei Lager gegenüberstehen. Auf der einen Seite haben wir diejenigen, die die Verschwörungstheorie oder Pseudowissenschaft vertreten. Auf der anderen Seite haben wir die “Gatekeeper”, die aufpassen, dass die Regeln in Wikipedia eingehalten werden.
Gatekeeper ist keine eigenständige Rolle in Wikipedia, so wie Admins. Es gibt aber Personen auf Wikipedia, die sich um einzelne Artikel besonders gut kümmern und nicht möchten, dass dort Falschinformationen erscheinen. Solche Personen nenne ich Gatekeeper. Eines der Prinzipien auf Wikipedia ist zwar, dass niemand einen Artikel besitzt, aber es gibt zumindest Artikel, für die sich manche Personen mehr verantwortlich fühlen, als für andere Artikel. Gatekeeper haben in der Regel überhaupt nichts dagegen, dass es Artikel zum “9/11 Truth Movement” oder “Homöopathie” gibt.
Die Inhalte dieser Seiten sollen aber genauso den Stand des Wissens darstellen, wie jede andere Seite auf Wikipedia. Das heißt, wenn jemand einfach behauptet, die Regierung hätte die Anschläge auf das “World Trade Center” geplant, hat aber keine Belege für den entsprechenden Inhalt, dann stellen sich die Gatekeeper dagegen.
Wikipedia hat sich mit den Regeln über die Jahrzehnte eine Struktur erarbeitet, um eine gewisse Qualität der Artikel gewährleisten zu können. Es sollte sich in einem “edit war” nämlich nicht die Person mit dem höheren Durchhaltevermögen durchsetzen können, sondern die Person, die die besseren Belege hat.
Ich höre oft, dass Wikipedia nichts taugt, weil da fast nur unqualifizierte Arbeitslose etwas schreiben. Stimmt das?
Okay, hier fangen wir mal langsam an. Wikipedia ist eine offene Plattform und verfolgt die Idee, dass jede Person uneingeschränkt an Wikipedia mit editieren kann. Das heißt, die Beiträge können von jeder Person bearbeitet werden, ohne dass die Person eine Qualifikation vorweisen muss. Das ist so weit richtig. Der dahinterliegende Vorwurf lautet, dass die Qualität der Artikel nicht gut sein kann. Wir erinnern uns daran, dass Wikipedia Regeln und Strukturen hat, die die Qualität sichern. Das heißt, dass Tante Gudrun, die am Artikel Ammoniten mitschreibt, trotzdem die Inhalte belegen muss und den gleichen Peer-Review Prozess durchläuft wie alle anderen.
Wie die Qualitätssicherung auf Wikipedia funktioniert, lässt sich auch an diesem Beispiel sehr gut zeigen. In einer F.A.S.-Studie 3 vom letzten Sommer wurden 1.000 zufällig ausgewählte Artikel auf Fehler untersucht. In der F.A.S-Studie wurde die Qualität von Wikipedia ebenfalls bemängelt. Jede dritte Seite soll Fehler enthalten haben und 20 Prozent der Artikel sollen nicht mehr aktuell gewesen sein. Für Kritiker:innen der Wikipedia natürlich ein Fest. Um die Studie ein wenig einzuordnen, sollte man bedenken, dass viele der Artikel von Wikipedia sehr lang sind und daher Fehler schon rein statistisch nicht zu vermeiden sind.
Was die Aktualität betrifft, wurden in der F.A.S.-Studie vor allen Kennzahlen genannt, die sich schnell verändern können. Dazu zählten zum Beispiel die Abonnentenzahlen des Influencers Twenty4Tim oder wie viele Läden der Konzern Levi Strauss hat. Die Wikipedia-Community reagierte auf die Kritik, indem Sie sich die genannten Artikel anschauten. Innerhalb kurzer Zeit wurden die Artikel ausgebessert.
Dadurch wurden die Mitarbeiter:innen der F.A.S. unfreiwillig zu Peer-Reviewern des Wikipedia-Projekts und haben eindeutig zu einer Verbesserung der Artikel beigetragen. Genau dieser Fall zeigt eindrücklich die Idee des Wikipedia Prozesses und welche Dynamik hineinspielt.

Ein letzter Punkt zur Qualität: In Wikipedia gibt es übrigens eine eigene Kategorie für besonders gute Artikel, so wie der Artikel über Ammoniten, welchen wir oben verlinkt haben. Diese Artikel werden als „Lesenswert“ gekennzeichnet. Darüber gibt es noch Artikel die als „exzellent“ gelten, welche von der Wikipedia-Community sogar nochmal besser „bewertet“ wurden. Das heißt, der Wikipedia-Community ist bewusst, dass viele Artikel noch verbessert gehören.
Kann ich Wikipedia als Quelle für meine Referate verwenden?
Der Vorteil an Wikipedia ist auf jeden Fall, dass die Artikel immer aktuell gehalten werden können. In den Young Skeptix Beiträgen verlinken wir euch auch häufig Wikipedia-Artikel. Wir raten euch aber, zumindest vorsichtig damit zu sein, aus Wikipedia direkt zu zitieren. Wie schon erwähnt sieht sich Wikipedia nicht als Enzyklopädie, sondern als Projekt, eine Enzyklopädie zu erstellen.
Eines der großen Probleme, weshalb wir vom direkten zitieren aus Wikipedia abraten ist, dass sich die Inhalte der Artikel jederzeit ändern können. Gleichzeitig ist es aber auch Wikipedias größte Stärke, dass die Artikel sehr schnell Aktualisiert werden können. Falls ihr mal einen Rechtschreibfehler auf Wikipedia findet, dann traut euch einfach mal und verbessert diesen. Natürlich gibt es Artikel, in denen sich weniger verändert als in anderen.
So als Daumenregel kann man sagen, dass sich Artikel zu naturwissenschaftlichen Themen weniger ändern, als Artikel zu gesellschaftlichen Themen. Aber auch die Naturwissenschaften sind kein starres Konstrukt. Ein Beispiel dafür ist Pluto, welcher bis 2006 noch als einer von neun Planeten unseres Sonnensystems galt und danach als Zwergplanet klassifiziert wurde.
Ein weiteres Problem ist, dass Leute immer wieder versuchen, Unwahrheiten in Wikipedia einzubauen, wie Pavel Richter in seinem Buch “Die Wikipedia-Story” beschreibt. Der Berliner Journalist Andreas Kopietz soll sich über Berolinismen geärgert haben. Berolinismen sind Begriffe, die angeblich von Berliner:innen im Alltag verwendet werden. Viele dieser Berolinismen werden allerdings von Reiseführern oder Medien erfunden und sind daher gar nicht Alltag der Berliner Mundart.
Kopietz hat daher nach zu viel Rotwein als ein Unbekannter Nutzer behauptet, die Menschen in Berlin würden die Karl-Marx-Allee auch “Stalins Badezimmer” nennen. Die Lüge verselbstständigte sich und wurde von Reiseagenturen und Medien übernommen. Sogar in eine Seminararbeit fand die Bezeichnung ihren Weg. Kopietz versuchte seinen Eintrag über “Stalins Badezimmer” einen Monat später wieder zu löschen. Das Problem war aber, dass es bereits medial übernommen wurde, weshalb ein Wikipedianer kurze Zeit später den Satz wieder einfügte. Wir erinnern uns, dass man für die Inhalte von Wikipedia Belege benötigt.
Wenn aber bekannte Medien ihre Recherchearbeit vernachlässigen und unbedacht aus Wikipedia abschreiben, dann entsteht ein Zirkel. Es werden dann genau die Belege für Aussagen auf Wikipedia produziert, die irgendjemand auf Wikipedia fälschlicherweise behauptet hat. Der Schwindel von Kopietz konnte nur noch behoben werden, indem dieser in einem Zeitungsartikel seinen Betrug beschrieb.
Das heißt aber nicht, dass ihr Wikipedia überhaupt nicht nutzen sollt. Wenn es bei einem Schulreferat oder einem Blogbeitrag darum geht, einen ersten Überblick zu einem Thema oder einer Person zu vermitteln, dann könnt ihr Wikipedia als Quelle verwenden. Was an Wikipedia bei Recherchen aber eigentlich viel interessanter ist, ist die Vielzahl an Referenzen zu weiterer Literatur, die ihr finden könnt. Viele der Einzelnachweise sind sogar direkt verfügbar und verlinkt.
Wikipedia ist an sich weder gut noch schlecht, sondern einfach eine Plattform, die von Menschen geschrieben wird, die sich genauso irren können, wie wir alle. Dementsprechend sollten natürlich auch die Artikel kritisch betrachtet werden. Trotzdem ist Wikipedia eine praktische Plattform, die häufig von Menschen geschrieben wird, die sich in ein Thema „einnerden“ und ihre Artikel mit den entsprechenden Referenzen belegen.
Habt ihr schon Erfahrungen mit Wikipedia gemacht? Wenn ja, dann schreibt uns eure Erfahrungen dazu in die Kommentare.
Bleibt neugierig und stellt Fragen, denn die Welt hat noch viele Geheimnisse versteckt!
Weiterführende Beiträge
Die Wikipedia-Story: Biografie eines Weltwunders (2020)
- Eine Enzyklopädie ist eine Sammlung von Wissen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um besondere Ereignisse, berühmte Personen oder Sachthemen. ↩︎
- Ein Peer-Review Prozess ist immer dann gegeben, wenn mindestens eine Fachperson sich den Inhalt (Text oder Video) einer anderen Person anschaut und dieser Person Feedback gibt. ↩︎
- Hinweis: Da der Originalartikel zur Studie hinter einer Bezahlschranke ist, wird auf den frei verfügbaren Artikel von Netzpolitik verlinkt, die einige der Ergebnisse zitiert haben. ↩︎
Bilder: Liv Deister


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