Wer regelmäßig auf Youtube Deutschland vorbeischaut, der kennt Marvin Wildhage. Er ist inzwischen ein bekanntes Gesicht in der deutschen Youtube-Szene und hat sich in den letzten Jahren durch „Investigativ-Pranks“ zu einer Art „Influencer-Schreck“ entwickelt.
Ob falsche Kosmetikprodukte (Hydro Hype), ein Eso-Shop oder ein Fake-Film: Marvin testet regelmäßig, wie gründlich Influencer:innen und Agenturen arbeiten, bevor sie Kooperationen annehmen. Spätestens seit 2022, als er Influencer:innen bloßgestellt hat, indem er sie für einen Film werben ließ, den es nie gab, wird er von vielen gefürchtet.
Jetzt hat er erneut sein gutes Näschen für Lügen und fiese Marketing-Maschen im Internet bewiesen: In seinem aktuellen Video deckt er auf, dass auch die Welt der Medfluencer:innen nicht gegen Lügen und dreiste Fake-Kampagnen immun ist:
Wer wäre besser geeignet, ein Experiment in diesem Feld zu machen als „Dr.“ Marvin Wildhage? Warum der Doktortitel in Anführungszeichen steht? Nun, weil er sich den Titel in einer früheren Aktion über dubiose Titelmühlen im Internet gekauft hat – mit rechtlichen Konsequenzen.
Während er seinen falschen Titel wieder abgeben musste, um das Ansehen des Berufsstands der Mediziner:innen nicht zu beschädigen, kommen einige Medfluencer:innen mit ihren Health Claims und Versprechen oft unbehelligt davon, auch wenn sie sich als Mediziner:innen inszenieren.
Marvin hat also guten Grund für seine Aktion.
Das Experiment: Die erfundene „Pinocchio-Krankheit“
Für seinen neuen Investigativ-Prank erfand Marvin eine Krankheit: die „postvirale nasale Hypersensibilität“ (PVNH). Eine Krankheit, die sich angeblich darin äußert, dass die Nase auch nach dem Abklingen eines Infekts dauerhaft gereizt und hypersensibel zu sein scheint und selbst bei kleinsten Reizen anschwillt – eine Krankheit, die niemanden betrifft, weil es sie nicht gibt.
Trotzdem kommt die Fake-Krankheit nicht allein: Marvin agierte direkt als passendes, fiktives Pharmaunternehmen, geleitet von der ebenfalls frei erfundenen Ärztin „Dr. Beatrice Gepetto“ (wer die Referenz im Namen nicht kennt, sollte nicht nur Marvins Video, sondern vielleicht auch einen gewissen Disney-Film ansehen). Auf der Website des Unternehmens versteckten Marvin und sein Team absichtlich Easter Eggs, anhand derer man stutzig hätte werden müssen, wenn man seine Fake-Firma ordentlich geprüft hätte, bevor man eine Kooperation mit ihr eingeht.

Das Fake-Unternehmen schrieb verschiedene reichweitenstarke Medfluencer:innen an und bot ihnen eine Kooperation an, mindestens einer der Influencerinnen wurde sogar ein Briefing-Dokument zugeschickt. Dieses Dokument macht deutlich, um was es der Kampagne geht: Angst. Es wird explizit erwähnt, dass eine Zielgruppe angesprochen werden sollte, die leicht ängstlich gegenüber Krankheiten eingestellt ist – wie wir finden eine besonders perfide Masche.
Good Medfluencer, bad Medfluencer
Unter den kontaktierten Medfluencer:innen waren Medizinstudent Jonas „Jones“ Köller, aka Jonesrulez, und Alina Walbrun, angeblich frisch gebackene Ärztin, die sich aber bis auf weiteres entschieden hat, ihre Approbation nicht einzuholen. Warum? Das wird vielleicht im Verlauf klarer.
Jones hat sich mit 300k Follows eine große Community auf Instagram aufgebaut, die ihm wegen seiner Expertise und den Gesundheitstipps folgt, auch wenn er noch kein Arzt ist. Gefundenes Fressen für eine Kampagne wie die von Marvin! Das Management des Influencers hat aber ganze Arbeit geleistet: Statt zu unterzeichnen, wurde ein Video-Call mit einem Vertreter von Marvins Fake-Firma eingefordert.
Im Gespräch mit einem Mitarbeiter von Marvin wurde schnell klar, dass Jones‘ Team seine Hausaufgaben gemacht hat: Es ist aufgefallen, dass die Pharmafirma nicht im Handelsregister steht, und dass die mystische Krankheit PVNH gänzlich unbekannt ist. Auch die Website hat das Team schwer irritiert – die Zusammenarbeit für die Kampagne wurde also abgelehnt und Jones hat den Marvin-Test bestanden.
Anders sieht es bei Alina Walbrun aus: Die ist Marvin nicht nur auf den Leim gegangen, sondern hat auch bewiesen, wie schamlos man sich für Fake-Werbung in Szene setzen kann. Wie Marvin aufzeigt, scheint Selbstdarstellung mit Fake-Material keine Seltenheit auf ihrem Kanal zu sein.
Alina, die sich lange als Doktorandin der Medizin vorstellte, und die in ihrer Antwortmail an die Fake-Firma noch betont, dass sie jetzt Ärztin sei, willigt ein und veröffentlicht eine gesponsorte Instagram-Story, in der sie von der erfundenen Krankheit spricht. Aber nicht nur das: Sie geht über das Skript hinaus und verpackt die eigentlich offensichtliche Desinformation auch noch in eine nahbare, persönliche Geschichte und gibt sich als Betroffene aus.
Auch in ihrem Medizinstudium habe sie angeblich schon von der Krankheit gehört, selbstverständlich im HNO-Fachsemester, und um die ganze Geschichte abzurunden, erfindet sie auch prompt noch ein paar Auslöser für die nasalen Beschwerden hinzu, von denen vorher nie die Rede war: Etwa die kalte, trockene Luft von Klimaanlagen, oder starke Gerüche wie Parfüm. Alina ist in der Disease Awareness Campaign um eine Fake-Krankheit also wirklich aufgegangen.
Was sind Disease Awareness Campaigns?
Aber gibt es seriöse Disease Awareness Campaigns? Und was nutzt eine solche Kampagne überhaupt? Im Gegensatz zu Marvins Fake-Film von 2022 oder zu wirkungsloser Creme wird hier ja kein Produkt vermarktet; kein Produkt, keine Abzocke – also alles halb so schlimm?
Um zu verstehen, warum Unternehmen überhaupt Geld für Aufklärung ohne Werbung für ein konkretes Produkt ausgeben, hilft ein Blick auf die Rechtslage: In Deutschland ist – wie in anderen Ländern der EU – die Direktwerbung für verschreibungspflichtige Medikamente gegenüber Verbraucherinnen und Verbrauchern nach dem Heilmittelwerbegesetz (HWG) schlicht verboten.
Besonders Pharmafirmen nutzen daher oft eine vagere Form von Kampagnen, die sogenannten Patient oder Disease Awareness Campaigns (zu Deutsch „Krankheitsaufklärungskampagnen“), um diese Regeln so gut wie möglich zu umgehen. Solche Kampagnen sind aber nicht immer ein reines Marketing Tool: Auch Gesundheitsbehörden, Hochschulen oder NGOs nutzen sie, um die Empfänger:innen über Krankheiten zu informieren und um Gesundheitskompetenz zu steigern.
Gerade während der COVID-Pandemie waren sie also wichtig und legitim. Wenn solche Kampagnen aber zu einem reinen Marketing-Tool werden, was immer häufiger der Fall zu sein scheint, dienen sie nicht selten dazu, Sorgen schüren und die Zielgruppe zu verunsichern: Was tun, wenn ich bei mir selbst die Symptome erkenne, die mir in der Werbung oder im Medfluencer-Video begegnet sind? Ab zum Hausarzt oder zur Hausärztin!
Auch das ist grundsätzlich nicht verkehrt, erhöht aber auch den Umsatz von Pharmaunternehmen: Wer mit dem Verdacht auf eine bestimmte Krankheit in die Praxis geht und nach Behandlungsmöglichkeiten fragt, dem wird eventuell das verschreibungspflichtige Produkt der Pharmafirma angeboten – auch wenn die Person ohne die Kampagne vermutlich nie dort aufgetaucht wäre. Die direkte Werbung für das Mittel ist also nicht unbedingt notwendig.
Wenn solche Kampagnen gut umgesetzt und genutzt werden, um über echte Krankheiten und Beschwerden zu informieren, und wenn den Patient:innen, die sich in der Kampagne wiederfinden und medizinische Hilfe suchen, auch geholfen wird, lässt sich also darüber streiten, ob diese Art der Werbung unethisch sein muss.
Dass viel Schindluder damit getrieben wird, ist aber offensichtlich. Wenn eine vermeintliche „Aufklärungskampagne“ rein kommerziell gesteuert wird und sie nur Ängste schürt, um Märkte für Medikamente zu schaffen, ohne dass wirklich informiert oder gar geholfen wird, ist die Grenze von informativer Gesundheitsaufklärung zur getarnten Produktwerbung aber in jedem Fall überschritten. Und das ist hier ganz eindeutig gegeben, denn hier wird nicht aufgeklärt, sondern getäuscht und betrogen – besonders von Alina.
Welche Regeln gelten für echte Mediziner:innen?
Alina ist eigenen Angaben nach Ärztin, was die Situation noch brisanter macht. Ärztinnen und Ärzten wird für ihre Ausbildung und ihre Praxis großes Vertrauen entgegengebracht, weshalb für sie strengere rechtliche, insbesondere berufsrechtliche Auflagen gelten als für „gewöhnliche“ Influencer:innen sowie Medfluencer:innen, die nicht im Arztberuf arbeiten. Sie sind verpflichtet, ihren Beruf gewissenhaft auszuüben und dem Vertrauen der Bevölkerung gerecht zu werden.
Wer also gegen Bezahlung nachweislich medizinische Unwahrheiten verbreitet und Konsument:innen täuscht, riskiert den Entzug der Approbation, also den Verlust der Berufserlaubnis, sowie weitreichendere rechtliche Konsequenzen wie allfällige Schadenersatzforderungen.
Was bedeutet das für Alina, die mit einer erfundenen Anekdote auf Marvins Fake-Krankheit aufmerksam gemacht hat? Da sie einen falschen Erfahrungsbericht erfunden hat, um eine Schein-Authentizität zu erzeugen, und sogar behauptet hat, im Studium von der Krankheit gehört zu haben, wird wohl schwer zu argumentieren sein, dass sie ohne Täuschungsabsicht gehandelt hat.

Dennoch ist fraglich, ob sie – neben der Rufschädigung durch Marvins Video – mit deutlich mehr zu rechnen hat. Denn Alina hat, so hält es Jasper Iske fest, nach ihrem Studium ihre Approbation wohl nie angenommen – sie ist also keine approbierte Ärztin. Wer nicht approbiert ist, dem kann man schlecht die Approbation entziehen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
Das Näschen juckt noch ein wenig
Marvins Experiment zeigt einmal mehr, wie problematisch blindes Vertrauen in Medfluencer:innen sein kann. Denn wenn kommerzielle Interessen über wissenschaftlicher Sorgfalt stehen, erreichen Falschinformationen, die Menschen ängstigen und das Vertrauen in Wissenschaft und evidenzbasierte Medizin schwächen können, ein riesiges Publikum.
Während gewissenhafte Medfluencer:innen, wie etwa Jasper Iske und andere, die sich mit Herzblut für Wisskomm einsetzen, mit Evidenz arbeiten oder durch eigene Recherchen Fakes entlarven, reicht bei anderen ein Scheck aus, um zu vergessen, was gewissenhafte Recherche überhaupt ist. Wenn Alina also wirklich merkwürdige Gefühle an ihrer Nase spürt, hat sie vielleicht eine ganz andere Pinocchio-Krankheit und fühlt vielleicht die Folgen ihrer Lügen.
Das Positive? Marvins Aktion erreicht auf Social Media ein großes Publikum und wird von vielen Menschen, die dort evidenzbasierte Arbeit machen, aufgegriffen und geteilt. Hoffentlich werden also viele User:innen daran erinnert, die Geschichten und Versprechen, die über ihren Bildschirm flackern, skeptisch zu prüfen und im Zweifel Fragen an Expert:innen zu stellen.
Und Marvin wäre nicht Marvin, wenn er es mit der falschen Disease Awareness Campaign hätte gut sein lassen. In der kommenden Woche geht die Saga mit einem Fake-Produkt zur Besserung der Beschwerden weiter: dem Nasophon.
Schaut also auf Marvins Kanal vorbei!
Zum Weiterlesen:
- Harder, Bernd „Videos: Ärztliche Aufklärung über Medfluencer, Health Claims und Schwurbelmedizin“ skeptix (23. Juni 2026)
- Harder, Bernd „Ein Herzchirurg gegen haarsträubende Behauptungen von Medfluencern“skeptix (29. September 2025)
- Harder, Bernd „Chemtrails, Krebs, Impfungen: Medfluencer und ihre Risiken und Nebenwirkungen“skeptix (23. Januar 2025)
- „Unseriöse Medfluencer teilen fragwürdige Gesundheitstipps und Verschwörungsmythen“ SWR (21. Januar 2025)
- Westarp, Rabea „Medizin-Influencer: Gesundheitstipps mit Nebenwirkungen“ tagesschau (21. Januar 2026)
- Catil, Valérie „Medfluencer auf Instagram: Verbotene Gesundheitsmärchen“ taz (10. Juli 2024)
Titelfoto: Jonathan Hefner


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