Die Schnecke und der Buckelwal
wird der Wal gerettet, nachdem er an der Küste im Sand gestrandet ist:
Doch das Leben ist kein Kinderbuch. Am Dienstagvormittag soll der „finale Rettungsversuch“ starten. Allerdings kann die Tierschutzorganisation Sea Shepherd sich „kein Szenario vorstellen, in dem der Wal das überlebt“.
Das Ausland blickt derweil „mit Befremden auf den deutschen Wal-Wahnsinn“. Und extra 3 amüsiert sich über die kursierenden Verschwörungstheorien:
Welche gibt es überhaupt?
- Der Wal sei absichtlich in die Bucht getrieben worden.
- Er solle sterben, „weil sie ihn für ein Museum wollen. Bringt wieder Geld für die Ukraine ein“.
- Man wolle „Experimente mit dem machen“.
- Die Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern wolle sein Skelett für viel Geld verkaufen.
Wenig spektakulär eigentlich, denn natürlich gibt es bereits Pläne, was mit dem Körper des Wals geschehen soll – und natürlich spielt das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund eine Rolle dabei.
Wie ist es also zu erklären, dass dieser Fall eine solche Dimension annimmt?
Nach Sebastian Bartoschek und Holm Hümmler (wir berichteten) melden sich nun weitere Expert:innen für Verschwörungstheorien zu Wort, etwa Katharina Nocun im Deutschlandfunk:
Die Erzählung, selbst mehr zu wissen als Expertinnen und Experten, gibt vielen Beteiligten das Gefühl von Kontrolle und Bedeutung. Nocun erklärt, dass solche Dynamiken typisch für verschwörungsideologische Milieus sind: Einzelne Fakten werden herausgegriffen, umgedeutet und in ein größeres Misstrauensnarrativ eingebaut.
Misstrauen – das ist auch das Stichwort für Michael Butter im Interview mit The Pioneer:
Wir leben in einer Zeit, in der es ein generelles Misstrauen und eine Skepsis gegenüber Expertenwissen, der etablierten Politik und irgendwelchen – wie auch immer gearteten – Eliten gibt. Das artikuliert sich dann oft genau in solchen Fällen, wo man die Expertenmeinung lieber nicht hören möchte, weil sie nicht ins eigene Weltbild passt.
Aus dieser Perspektive ist es erstmal das Wichtigste, dass dieser Wal gerettet wird. Und da man das der Politik und den Experten nicht zutraut, soll das Volk das Problem eben selbst in die Hand nehmen
Anders als all die großen Krisen, die wir weltweit erleben und bei denen wir nichts ausrichten können, ist die Sache mit dem Wal doch etwas sehr Konkretes. Da liegt dieses Tier auf dieser Sandbank und ich kann hinfahren und irgendwie versuchen, ihm zu helfen – auch wenn ich davon vielleicht gar keine Ahnung habe.
Das bietet mir die Chance, wieder etwas mehr Selbstwirksamkeit zu erfahren.
Ähnlich äußert sich die Neurowissenschaftlerin Maren Urner bei Perspective Daily:
Für sie weckt der Wal die Ressentiments gegen Autoritäten und Wissenschaft, die bereits während der Coronapandemie entstanden und genährt wurden. Aus dem Gefühl von medial befeuerter Anspannung und Kontrollverlust entständen dann „emotionale Überreaktionen“.
Und genau in diesem Moment sind Menschen sehr anfällig für Populismus und Ideolog:innen.
Und auch für esoterischen Nonsens, wie man hier sehen kann:
„Statt über die Geisternetze und die Verwüstung der Meere zu reden, konsumieren wir die Timmy-Story wie Trash-TV. Das ist das Dschungel-Camp in der Ostsee-Ausgabe“, kommentiert Lorenz Meyer das Spektakel:
Das funktioniert, weil uns die Geschichte aufwühlt, ohne aufzuwecken. Wir dürfen alle etwas fühlen, ohne etwas zu ändern.
Treffender kann man Esoterik und Verschwörungskonstruktionen kaum beschreiben.
Zum Weiterlesen:
- Zellinger, Peter „Wal Timmy zieht Spinner, Esoteriker und rassistische Tiktoker an“ derStandard (29. April 2026)
- Bockholt, Anaïs-Sophie „Über Wal Timmy: Jedes Schwanken öffnet den Raum für Projektionen“ The Pioneer (27. April 2026)
- „Die Wal-Verschwörung in der Ostsee“ Deutschlandfunk Nova (24. April 2026, mit Podcast)
- Kroll, Tom/Heinemann, Christoph „Die absurde Timmy-Verschwörung“ zeit (22. April 2026)
- Walbrühl, Dirk „Deutschland und der Problemwal“ Perspective Daily (22. April 2026)
- Harder, Bernd „Der Walkampf der Esoterikszene und Verschwörungsgläubigen“ skeptix (18. April 2026)
- Radford, Benjamin „When Real Conspiracies Are Revealed, Conspiracists Shrug“ Center for Inquiry (10. November 2023)
Titelfoto: Unsplash/Thomas Lipke


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