„Nur eine Grippe?“ Husten, Schnupfen, Heiserkeit in der Winterzeit im Adventsspecial

(Lesedauer ca. 6 Minuten)

von Stefan Siegl, Skeptix-Mitglied

https://www.youtube.com/shorts/2jc-YUCWnbo

Die Grippe, auch bekannt als Influenza, hat man in den letzten Jahren fast schon vergessen, denn die Vogelgrippe in Rohmilch und das immer noch wütende Coronavirus waren prominenter in den Schlagzeilen. Es ist zugleich fast schon ein populistischer Kniff zu schreiben “Es ist ja nur eine Grippe”, aber immer noch beendet dieses hartnäckige Virus jedes Jahr eine halbe Millionen Menschenleben weltweit. 

Zunächst hier eine wichtige Unterscheidung, denn dem Alltagsverständnis gemäß sind die Begriffe nicht scharf voneinander abgegrenzt: Der “grippale Infekt” ist keine echte Grippe. Die offizielle Bezeichnung für einen meist sehr viel weniger gravierenden Infekt im ICD-10 lautet: “Akute Infektion der oberen Atemwege”.

Die Ursachen dafür sind verschiedene Gruppen von Erregern, u.a. auch Coronaviren (wohlgemerkt nicht aus der SARS-Gruppe!). Diese Infektion dauert je nach Behandlung entweder sieben Tage oder eine Woche. Eine halb ironische, halb ernste Erkenntnis, die sich so auch wörtlich in medizinischer Fachliteratur findet (so gesehen in: “Pflege Heute”, 4. Auflage, Thieme Verlag). 

Das Influenzavirus unter dem Elektronenmikroskop, Membran eingefärbt (Gemeinfreies Bild)

Die “echte Grippe” ist eine Infektion mit einem Virus aus der “Influenza”-Familie. Und auch davon gibt es natürlich ganz verschiedene Gruppen und Untergruppen, wir nennen diese “Stämme” oder “Stränge”. Interessant ist hier z.B. der Influenza-A-Virus H1N1, der sowohl die verheerende Spanische Grippe als auch die Schweinegrippe 2009/2010 auslöste. 

Die “Spanischen Grippe” wütete von 1918-1920. Sie kostete zwischen 20 und 50 Mio. Menschenleben, zzgl. einer unbekannten Dunkelziffer, manche Historiker:innen gehen gar von 100 Mio. Todesfällen aus. Sie wirkte damit katastrophaler und tödlicher als der Erste Weltkrieg.

Versorgung von Grippeerkrankten im Walter Reed Hospital, Washington, D.C., 1918/1919. Gemeinfreies Bild 

Seit 1953 wird gegen die Grippe geimpft. Die Kunst dabei: In jeder Saison sind unterschiedliche Stränge und Stämme unterwegs, die Impfung ist eine Art “Worst of”-Kompilation der letzten Jahre. Verschiedene A- und B-Typen sowie relevante Stränge vergangener Wellen sind in ihr enthalten. Die Impfung liegt als Lebend- oder Totimpfstoff vor. Seit 2020 kommen auch Impfungen per Nasenspray zum Einsatz, die das Virus dort aufhalten sollen, wo es den menschlichen Körper typischerweise betritt, nämlich über die Nasenschleimhäute. 

Impfquoten Influenza. Quelle: “Impfquoten in Deutschland: Begleitfolien aus dem RKI-Impfquotenmonitoring, Robert Koch-Institut, Fachgebiet Impfprävention/STIKO, Stand: 28.04.25

Das klingt vielleicht etwas wagemutig, funktioniert aber tatsächlich sehr gut. Die Impfquoten sind leider im deutschsprachigen Raum sehr niedrig, die offizielle Statistik zeigt seit Jahrzehnten zwischen 30 und 50 Prozent der besonders gefährdeten Gruppe der über 60jährigen – da ist definitiv noch viel Luft nach oben.

Umso bemerkenswerter, dass in Metastudien festgestellt wurde, dass die Impfung 40 bis 60 Prozent der Infektionen ganz verhindert, trotz dieser niedrigen Impfquoten und ohne echte Herdenimmunität. Es ist jedoch möglich, durch zielführendes Impfen z.B. die Durchseuchung eines kompletten Pflegeheims zu verhindern. 

Influenzafälle in absoluten Zahlen. Quelle: Robert Koch-Institut: SurvStat@RKI 2.0, https://survstat.rki.de, Abfragedatum: 17.11.2025

Leider ist auch die Mutation der Influenzastämme evolutionärem Druck unterworfen, immer neue Stämme werden dominant und seit 2017/18 steigen auch die Fallzahlen. Wichtig sind hier weiterhin Erfassung und Forschung, damit die Impfstoffe auch in Zukunft effektiv “vorhergesagt” werden können. Die Quelle für die Statistiken dieses Beitrags ist aus gutem Grunde das Robert Koch-Institut (RKI), in anderen Industrienationen wird leider sogar die korrekte Erfassung zum regelrechten Politikum. “Einfach nicht mehr Testen und Zählen” hat schon während der Corona-Pandemie offensichtlich nicht funktioniert und schützt weder Mitarbeitende im Gesundheitswesen noch Betroffene. 

Jedoch: 2021 – das ist kein Fehler! – hat die Grippewelle wegen der Corona-Schutzmaßnahmen praktisch gar nicht stattgefunden.

Was hilft nun also, abgesehen von der Medizin, wirklich gegen die Ausbreitungen von Epidemien wie der alljährlichen Influenzawelle? 

Wundermittel definitiv nicht. Gegen den Schnupfen ist bekanntlich kein Kraut gewachsen, gegen die Influenza erst recht nicht. Ein bekanntes und viel beworbenes “Medikament” mit M im Namen ist einfach nur Homöopathie, bringt also nichts über den erwartbaren Placebo-Effekt hinaus. Diverse Nahrungsergänzungsmittel und Vitamin-Booster klingen seriöser, sind aber nur etwas bei einem nachgewiesenen Mangel sinnvoll. 

Quelle: pixabay 

Richtiges Händewaschen (mindestens so lang wie einmal Happy Birthday-Singen!) und der Verzicht aufs Händeschütteln helfen. Händedesinfektion hilft noch mehr, jedoch muss diese unbedingt fachgerecht durchgeführt werden, da sonst Hautschäden entstehen können, die mehrfach kontraproduktiv sind. Daher empfehle ich Laien das ordentliche Händewaschen für 30 Sekunden inklusive aller Finger.

Masken sind Gegenstand hitziger und populistischer Debatten. Durch die sogenannten RKI-Leaks könnte der Eindruck entstehen, dass diese nicht effektiv helfen würden. Mitnichten! Sie schützen seit Jahrzehnten konsequent Health Worker:innen und deren Patient:innen, wenn sie korrekt und konsequent getragen werden.

Zurecht wird auch immer wieder auf das dicht besiedelte Japan verwiesen, in dem es zum gesunden Miteinander gehört, an öffentlichen Plätzen Stoff- oder OP-Masken (also Fremdschutz) zu tragen, wenn man sich selbst nicht gut fühlt. Ganz ohne Bestimmungen, ohne Zwang, ohne Gesetze. 

In diesem Sinne: Bleibt gesund und ein frohes Fest allen Lesenden <3 

Stefan Siegl ist Gesundheits- und Krankenpfleger. Er arbeitet auf einer HNO-Station bei einem Maximalversorger.

Weiterführende Informationen

Infoseite des Bundesministeriums für Gesundheit:

https://gesund.bund.de/grippe-influenza

Impfquoten in Deutschland: Begleitfolien aus dem RKI-Impfquotenmonitoring (PDF) https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Impfen/Impfquoten/KV-Impfsurveillance/Impfquoten_2024_Begleitfolien.pdf?__blob=publicationFile&v=2

Bildnachweis Titelbild: Von I. Columbina, ad vivum delineavit. Paulus Fürst Excud〈i〉t. – 1. Johannes Ebert and others, Europas Sprung in die Neuzeit, Die große Chronik-Weltgeschichte, 10 (Gütersloh: Wissen Media, 2008), p. 197. https://books.google.co.uk/books?id=3DVH8dVGkX0C&pg=PA1972. Superstock: Dr. Schnabel of Rome, a Plague Doctor in 1656 Paul Fuerst Copper engraving (Stock Photo 1443-1112), Gemeinfrei,https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15695681

Kommentare

Eine Antwort zu „„Nur eine Grippe?“ Husten, Schnupfen, Heiserkeit in der Winterzeit im Adventsspecial“

  1. Peter Köhler

    Danke für die ausführliche Darstellung. In unserer Arztpraxis bieten wir jedes Jahr kostenlose Grippeimpfungen für die Mitarbeitenden an (Akzeptanz ca 50%). Kostet nicht viel, senkt den Krankenstand und schützt auch die Patienten, denke ich. Und seit kurzem kann man sich ohne Termin in manchen Apotheken impfen lassen, das ist eine echte Angebotsverbesserung, vielleicht steigt die Teilnahmequote?

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