Initiative gegen Fluorid-Zahnpasta: Bürgerbewegung oder Marketingkampagne?

(Lesedauer ca. 5 Minuten)

Die toxikologische und epidemiologische Forschung der vergangenen Jahrzehnte belegt in der Gesamtschau die Unbedenklichkeit von Mengen, wie sie in Zahnpasta oder Speisesalz üblich sind.

Warum wird der Stoff also immer wieder kontrovers diskutiert, wenn es eigentlich einen weitgehenden wissenschaftlichen Konsens gibt?

Recherchen des Spiegel legen nahe, dass zumindest ein Teil der Verunsicherung zu Fluorid mit hohem finanziellem Aufwand inszeniert wird – mutmaßlich, um Zahncremes mit alternativen Wirkstoffen salonfähig zu machen.

Spiegel-Redakteur Julian Aé macht dafür eine dubiose Initiative namens „Beyond Fluorid“ verantwortlich:

https://www.spiegel.de/gesundheit/fluorid-in-zahnpasta-wie-die-initiative-beyond-fluorid-aengste-schuert-a-e8b904f5-37b8-495c-8fb7-4f9010f6582a

Aber wer steckt hinter dieser Vereinigung? Nach Eigendarstellung eine „Kooperation von Ärzten, Wissenschaftlern, Eltern und engagierten Verbrauchern“ unter dem Dach einer Münchner Werbeagentur. Aé selbst sowie einige Expert:innen halten das für wenig glaubwürdig und verweisen auf Kontakte zwischen „Beyond Fluorid“ und der Dr. Wolff-Gruppe, die fluoridfreie Zahncremes wie „Karex“ und „Bioniq“ vertreibt:

Beide Akteure verwenden ein spezifisches Vokabular, identische semantische Felder, eine deckungsgleiche Erzählstruktur und dieselben rhetorischen Strategien.

Die Kernbotschaften, mit denen Dr. Wolff seine Marken bewirbt, sind sprachlich und inhaltlich praktisch kaum von den „Forderungen“ und „Aufklärungsbotschaften“ der Initiative zu unterscheiden […]

Die Aktivitäten der Initiative passen in nahezu allen Details zu einer professionellen, gut finanzierten Marketing-Kampagne statt zu einer organisch gewachsenen Bürgerbewegung.

Bereits 2018 war Dr. Wolff mit einer „umstrittenen“ und „unredlichen“ Kampagne aufgefallen. Das Unternehmen betreibe „eine aggressive Werbung für Karex“ und streue gezielt „Verunsicherung zu Fluoriden“. Die Online-Ausgabe der Zahnärztlichen Mitteilungen befasste sich 2021 damit, wie „Dr. Wolff die Angst vor Fluorid schürt“.

Auch gestern reagierte zeitgleich mit dem Spiegel-Artikel der Kölner Zahnmediziner Prof. Michael Noack auf die Behauptungen von „Beyond Fluorid“:

Ich verurteile es moralisch, Ängste von Müttern und Vätern für kommerzielle Zwecke auszunutzen. Wissenschaftliche Debatten müssen sachlich, transparent und evidenzbasiert geführt werden; neue Produkte sind an strengen, unabhängigen Prüfständen zu messen.

Dazu gehört auch die Offenlegung persönlicher Interessen und Finanzierungsquellen.

In einem aktuellen Video hebt „Beyond Fluorid“ vor allem auf eine angebliche Überdosierung von Fluorid ab:

https://www.instagram.com/p/DVaxs62AleA/

Damit wiederum hatte sich Julian Aé schon 2022 in der Welt beschäftigt. Bezüglich der Giftigkeit sei es wichtig, zwischen dem Halogen Fluor (schädlich) und dem Spurenelement Fluorid (nicht schädlich bei sachgemäßer Verwendung) zu unterscheiden:

Optimal ist eine Fluoridversorgung, die möglichst wenige Zahnfluorosen verursacht, aber trotzdem möglichst viele Fälle von Karies verhindert. Es ist wissenschaftlicher Konsens, dass fluoridhaltige Zahnpasta die effektivste Methode ist, um dieses Ziel zu erreichen.

Laut Christoph Benz von der Bundeszahnärztekammer gibt es in der Zahnmedizin keine Substanz, die länger und intensiver auf ihre Wirksamkeit und mögliche Nebenwirkungen untersucht worden ist. Bei vernünftiger Dosierung seien „eventuelle Schäden quasi ausgeschlossen“.

Akut lebensgefährlich wird es laut Benz erst, wenn Kleinkinder die Zahnpasta tubenweise essen würden. „Ich denke, das ist eine ziemlich hypothetische Sorge.“

Skurrile Beispiele von Fluorid-Überdosierungen beschreiben medizin-transparent und das New England Journal of Medicine.

Mit den diversen Studien zur Neurotoxizität von Fluoriden hat sich der Toxikologe Prof. Jan Hengstler intensiv beschäftigt:

https://link.springer.com/article/10.1007/s00204-020-02725-2

Sein Fazit:

Auf Basis der untersuchten Studien besteht bei der aktuellen Fluoridexposition in Europa kein Anlass zur Besorgnis.

Videos zu diesem Thema gibt es von MAITHINK X:

Und bei Galileo:

Und bei den Science Cops:

Fluorid schützt vor Karies und steckt deswegen in den meisten Zahnpasten. Doch viele Menschen haben Angst vor vermeintlichen Nebenwirkungen von Fluorid. Angeblich soll es die Knochen brüchiger machen, den IQ von Kindern verschlechtern und das Gehirn verkalken.

Im heutigen klassischen Podcast untersuchen die Quarks Science Cops daher: Ist zu viel Fluorid schädlich? Oder ist das Zeug sogar schlichtweg giftig?

Update vom 18. März

In einer Presseerklärung räumt „Beyond Fluorid“ ein, dass die Dr. Wolff Group zu ihren „Unterstützern“ gehört. Der Spiegel kommentiert diese Aussage mit dem Bonmot: „Dr. Wolff im Schafspelz“.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Unsplash/Diana Polekhina

Kommentare

6 Kommentare zu „Initiative gegen Fluorid-Zahnpasta: Bürgerbewegung oder Marketingkampagne?“

  1. Hey, hallo Skeptiker.

    Ich bleibe auch weiterhin skeptisch. Andererseits muss ich aber auch eingestehen, dass ich seit Jahren meine eigene Zahnprophylaxe bzw. Reinigung vorziehe und das mit Erfolg.

    Aber, die eine Frage schien mir jetzt hier nicht unmittelbar geklärt: Nämlich eine wohl lange schon verbreitete Argumentation, dass sich die Verwendung von fluoridhaltigen Zahnpasten auf die Amygdala auswirken soll. Und damit auf verschiedene wichtige Funktionen, jedoch insbesondere zum Bsp. die Begabung, Sachverhalte korrekt vom Empfinden her einzuschätzen, die sog. Intuition aka. Bauchgefühl, so meine Auslegung. Doch das ist auch wieder zu halbseiden, als dass so ein Argument überhaupt belegbar wäre, vermutlich und ganz offensichtlich.

    Und jetzt die ganzen Quellenangaben zuvor auf diesen einen Sachverhalt, also Einfluss von Fluorid auf die Amygdala zu sichten, erscheint mir jetzt etwas zu zeitintensiv.

    Was ich anmerken wollte, ist nun geschehen und somit schließe ich diesen Kommentar.

    Beste Grüße und wir bleiben auch weiterhin alle skeptisch

    Gregor

    PS: Sollte sich ein ergänzender Hinweis ergeben, wäre ich darüber sehr erfreut.

  2. Hallo Gregor(y),

    ich habe mal eine PubMed-Recherche zum Thema Fluorid und Amygdala gestartet. Da bekomme ich genau gar keine relevante Veröffentlichung angezeigt. Mag sein, dass ich da was übersehen habe, aber wenn das wirklich ein Thema wäre, zu dem es relevante Forschung gäbe, hätte da mehr auftauchen müssen.

  3. Jetzt mit Update.

  4. Julius Senegal

    Ja, sind leider Impfgegner und den Zahnmedizinern sozusagen.

    @Gregory:

    Für einen spezifischen Einfluss von Fluorid auf die Amygdala gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen/seriösen Belege. Ist halt wie vieles einfach eine Behauptung.

  5. „Ja, sind leider Impfgegner unter den Zahnmedizinern sozusagen.“

    Ich vermute allerdings nicht, dass die treibende Kraft hinter Impfskepsis der Vertrieb von Nosoden ist.

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