Pseudowissenschaftlich und spekulativ: Mind Control durch „satanisch-rituelle Pädophilie“

(Lesedauer ca. 7 Minuten)

Sein „Tätigkeitsschwerpunkt“ sei nach wie vor die „satanisch-rituelle Pädophilie“.

Das hat die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum bei einem Besuchstermin in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt am Main I erfahren, und zwar von Maximilian Eder. Der Rechtsextremist und Verschwörungsideologe habe ihr „Dinge“ erzählt – die kann sie gar nicht wiedergeben, berichtet Baum bei Bittel TV:

https://www.youtube.com/watch?v=6HteCbUc30M

Selbiges postete die Politikerin in ihrem Telegram-Kanal:

https://t.me/KlartextBaum/4759

Auch diese beiden Damen haben von Maximilian Eder bei einem Haftbesuch erfahren, dass sein größtes Anliegen die „satanisch-rituelle Pädophilie“ ist:

https://www.youtube.com/watch?v=6-t1srgA5o0

Alle Wahrheiten, die er schon ausgesprochen hat, kommen jetzt offiziell. Wofür er diffamiert worden ist, auch gerade die satanisch-rituelle Pädophilie, die unbedingt ans Tageslicht kommen muss. Wir sollen weitermachen, hat er gesagt.

Aber womit weitermachen? Mit der Verbreitung von Verschwörungstheorien?

Wie etwa die von der „satanischen Blutsekte“, ein Lieblingsthema der OCG-Aktivistin und Sasek-Tochter Lois. Über die Recherchekünste der kla.TV-Moderatorin berichtet Relinfo:

Kla.TV blendet viele verschiedene Menschen ein, die von systematischer, ritueller Gewalt betroffen sein sollen. Die Quellen bestehen vor allem aus YouTube-Videos, hochgeladen von ominösen Channels. Die Videos wurden vollständig aus dem Kontext gerissen.

Darunter sind beispielsweise Aufnahmen von alten Fernsehsendungen, die wegen Falschinformationen längst aus der Öffentlichkeit zurückgezogen worden sind. Auch die verlinkten Webseiten lassen zu wünschen übrig: Teils wird auf eigene kla.TV-Produktionen verwiesen, und auch die Webseite des Verschwörungstheoretikers Guido Grandt wird mehrmals verlinkt […]

Skandale, Verbrechen und Gewalttaten werden neu aufgebrüht und mit Mutmassungen, Andeutungen, Verdrehungen und Lügen angereichert.

Ein Übersichtsartikel zur Kontroverse um „Rituelle Gewalt“ ist heute bei spektrum.de erschienen:

https://www.spektrum.de/news/streit-um-rituelle-gewalt/2277737

Die Psychologin Amelie Möhring-Geisler streift darin auch die Themen „Mind Control“ und „Dissoziative Identitätsstörung“, was wir gerade erst hier im Blog kontrovers diskutiert haben, und erklärt (u.a. nach Mokros et al.):

Wer sich mit der Fachliteratur zu Bewusstseinsmanipulation und sogenannter „mind control“ befasse, erkenne schnell:

Die dahinterstehenden Theorien seien pseudowissenschaftlich und spekulativ. Tatsächlich existiere weder ein schlüssiges theoretisches Modell noch ein belastbarer Beleg dafür, dass Täter gezielt eine dissoziative Identitätsstörung – eine anerkannte Diagnose, die früher „multiple Persönlichkeitsstörung“ hieß – hervorrufen und ihre Opfer damit kontrollieren könnten.

Unklar bleibt auch, welche konkreten Mittel Täter dafür einsetzen müssten und wie das psychologisch funktionieren soll.

Häufig wird auf den Lernprozess der Konditionierung verwiesen – mit der Vorstellung, dass sich komplexe Verhaltensmuster durch externe Reize präzise auslösen und genau steuern ließen – auch gegen den Willen des Betroffenen. Doch so weitreichende Annahmen unterstützt die moderne Lerntheorie gar nicht.

Die Psychologin Maggie Schauer von der Universität Konstanz befasst sich wissenschaftlich und therapeutisch schon lange mit Schwersttraumatisierten. Sie ist gegenüber der Vorstellung einer derartigen Gehirnwäsche äußerst skeptisch:

„Ich wüsste bei aller geballten Wissenschaft nicht, wie man einen Menschen vollkommen abrichten und für die eigenen Zwecke instrumentalisieren sollte. Man kann jemanden durch Deprivation oder Folter zwar psychisch brechen, aber damit erzeugt man eine schwere Traumafolgestörung. Und eine solche Pathologie lässt sich nicht nutzen, um jemanden zuverlässig zu kontrollieren.“

Mokros selbst (Fachpsychologe für Rechtspsychologie) wird von Möhring-Geisler so zitiert:

„Aus erkenntnistheoretischer Sicht müssen wir festhalten: Man kann die Nichtexistenz einer Sache nicht beweisen. Es kann ja immer sein, dass man irgendwo etwas übersehen hat.“

Doch bei der Vorstellung, jemand sei durch rituelle Gewalt bewusst gespalten und abgerichtet worden, hätte all das lange Zeit vergessen und erinnere sich plötzlich wieder, sei zu bedenken:

„Das ist wie ein Kochrezept mit den allerseltensten Zutaten. Man hat einen Baustein, der superunwahrscheinlich ist, einen zweiten, der mindestens ebenso fernliegt, und noch einen dritten und vierten dieser Art. Dass die alle gemeinsam auftreten, ist noch viel unwahrscheinlicher.“

Parallel dazu befasst sich ein weiterer Artikel speziell mit der DIS (die Langfassung gibt es hier):

https://www.spektrum.de/news/die-wichtigsten-fakten-zur-dissoziativen-identitaetsstoerung/2281145

Darin wird auch die Frage unseres Kommentators beantwortet, „was denn bitte sonst die DIS verursacht haben soll“ – außer eben schwerer/ritueller Gewalt?

Dazu nur kurz:

Die Ursachen der DIS werden äußerst kontrovers diskutiert.

Einige Theorien sehen die Symptomatik als Schutzsystem der Psyche, das nur unter extremen traumatischen Erlebnissen aktiv wird, während andere Modelle den Einfluss von Kultur, Medien und suggestiven Therapietechniken betonen […]

Kritiker der Traumatheorie gehen hingegen davon aus, dass viele der typischen DIS-Symptome auch bei Menschen ohne nachgewiesenes Trauma auftreten können. Sie warnen davor, Selbstaussagen Betroffener automatisch als Beweis für vergangene Missbrauchserfahrungen zu werten.

Auch für die behauptete „Amnesie der Persönlichkeitsanteile untereinander“ (Interidentitätsamnesie) gibt es den Autoren und Psychologen Philipp Herzog, Tim Kaiser und Rafaële Huntjens zufolge keinen wirklichen Beleg:

Ältere Untersuchungen bestätigen zwar, dass Betroffene subjektiv Erinnerungslücken haben. Ob das tatsächlich auch objektiv der Fall war, wurde in früheren Studien dabei selten getestet. In neueren, sorgfältig kontrollierten Experimenten, die das taten, zeigte sich jedoch:

Alle Informationen, auch solche über schlimme autobiografische Erlebnisse, sind im Prinzip zugänglich – auch wenn Betroffene das anders empfinden.

Doch solche Fehlannahmen zu Traumagedächtnis, Suggestion und Aussagequalität sind weit verbreitet, konstatiert die Rechtspsychologin Michaela Sonnicksen in ihrer Dissertation:

https://bonndoc.ulb.uni-bonn.de/xmlui/handle/20.500.11811/13257

Zugleich gibt die Arbeit einen Abriss über den aktuellen Kenntnisstand zum Thema „Scheinerinnerungen“. Auch die „Memory Wars“ der 1990er-Jahre werden angesprochen (Seite 19 f.)

Der gleichnamige Film „Memory Wars – Elizabeth Loftus und die Macht der Erinnerung“ läuft derzeit in verschiedenen Städten. Zu unserem Interview mit Regisseur Hendrik Löbbert geht es hier.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Freepik

Kommentare

13 Antworten zu „Pseudowissenschaftlich und spekulativ: Mind Control durch „satanisch-rituelle Pädophilie““

  1. „Auch für die behauptete „Amnesie der Persönlichkeitsanteile untereinander“ (Interidentitätsamnesie) gibt es den Autoren und Psychologen Philipp Herzog, Tim Kaiser und Rafaële Huntjens zufolge keinen wirklichen Beleg“

    Liest man die Conclusion der Studie, worauf sich hier bezogen wird, hört sich das doch deutlich differenzierter an.

    „In summary, DID participants demonstrated a pattern of amnesia across identities that claimed no knowledge of events that occur in the other identity on tests of free recall and forced choice recognition; a pattern similar to those with true amnesia (partial information group) as well as simulators.“

    Also grundsätzlich durchaus Amnesien. Nur mit einer gewissen Relativierung:

    „However, on tests of forced choice recognition the DID sample recognized more stimuli learned in the other (reportedly amnesic) identity (identity B) than either simulators and comparisons who had not encoded the information. As such, DID participants appear to have a somewhat different profile of retrieval to those who had not encoded the information and those presenting with feigned amnesia, and seem to have access to some information that they believe they have amnesia for. Clinicians may seek to use these findings to further understand the extent of DID patients’ memory abilities by conceptualising amnesia as a failure to initiate the search process for memories encoded in other identities.“

    Unter bestimmten Umständen, können sie mehr Informationen abrufen als ihnen zunächst bewusst ist. Das heißt aber NICHT, dass sie das jederzeit unter allen Umständen für jegliche Informationen könnten – im Gegenteil. Es reicht auch im Grunde einfach mal die Betroffenen selbst zu befragen oder Freunde und Familie. Es gibt wirklich unzählige glaubwürdige Berichte über Interidentitätsamnesie.

    Marsh RJ et al. (2021) Inter-identity amnesia for neutral episodic self-referential and autobiographical memory in Dissociative Identity Disorder: An assessment of recall and recognition.

  2. Und das CIA hängt auch mit drin!!!!111

    The secret CIA program linked to occult experiments and mind control fears, 30.08.2025

    https://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-15047981/CIA-program-occult-experiments-mind-control.html

  3. Bernd Harder

    @“Sven“:

    Unter bestimmten Umständen,

    Von „bestimmten Umständen“ lese ich da eigentlich nichts, nicht mal von einer echten Amnesie, sondern von einem „anderen Profil des Abrufs“ (von Erinnerungen).

    Die Zusammenfassung im Spektrum-Artikel:

    Das spricht für die Annahme, dass die Erinnerungen im Prinzip zugänglich sind – auch wenn sich Betroffene dessen nicht bewusst sind. Die Forschenden folgern daraus, dass die oft berichteten Erinnerungslücken bei DIS eher ein subjektives Erleben als eine echte Gedächtnisstörung darstellen. Führende Experten vermuten, dass hier keine tatsächliche Amnesie, sondern eine Art innere Vermeidung vorliegt.

    Wichtiger Punkt:

    Dissoziative Reaktionen gelten dabei nicht als Zeichen einer unüberwindbaren Spaltung, sondern als Formen innerer Vermeidung: Sie lassen sich verändern, wenn es gelingt, die zugrunde liegenden ungünstigen Überzeugungen über Dissoziation und Gedächtnis zu hinterfragen.

    Ich lese das als Appell, sich mit Fakten und Wissenschaft zu beschäftigen, anstatt mit dem, was „Freunde und Familie“ so erzählen.

    Es reicht auch im Grunde einfach mal die Betroffenen selbst zu befragen oder Freunde und Familie. Es gibt wirklich unzählige glaubwürdige Berichte über Interidentitätsamnesie.

    Nein, das reicht durchaus nicht, und auch „glaubwürdige“ Berichte besitzen lediglich eine anekdotische Evidenz.

    Aber ich fange schon wieder an, mich zum dritten oder vierten Mal zu wiederholen, vielleicht lassen wir das besser.

  4. Bernd Harder

    Aber ich fange schon wieder an, mich zum dritten oder vierten Mal zu wiederholen, vielleicht lassen wir das besser.

    Auch schon oft erwähnt – steht eigentlich alles auch hier:

    https://psychotherapeutenjournal.de/2025/1/ptj202501.005

    Das Traumamodell, insbesondere das strukturelle Dissoziationsmodell, geht davon aus, dass es sogenannte abgespaltene Identitäten gibt, die durch eine Amnesie zwischen den Identitäten (Interidentitätsamnesie) gekennzeichnet sind. Empirische Forschung zu Gedächtnisfunktionen hat jedoch wiederholt gezeigt, dass diese Annahme nicht korrekt ist: Frühe Studien zur Untersuchung von dissoziativer Amnesie untersuchten Korrelate mit selbstberichteter Amnesie, schlossen allerdings keine tatsächlichen Gedächtnisaufgaben ein. In gedächtnispsychologischen Studien, die objektive Aufgaben zur Messung der Interidentitätsamnesie verwendet haben, konnte keine überzeugende Evidenz dafür gefunden werden, dass die subjektiv berichtete Amnesie mit einer objektivierbaren Beeinträchtigung der Gedächtnisleistung einher ging.

  5. Anneke Lucas interviewed Alison Miller:

    https://www.youtube.com/watch?v=e7O3RRW6G7o

    Sie erkennt psychische Erkrankungen nach dem Klassifikationssystem nicht als solche an, sondern sieht sie alle als Antwort auf Trauma.

  6. Bernd Harder

    @Nicole:

    Ist das nicht die Dame, die mal bei einer Patientin 700 Innenpersönlichkeiten „diagnostiziert“ hat?

  7. @Bernd

    700? Das ist ja gar nichts. Frau Haynes hat angeblich 2.500 (!) Innenpersönlichkeiten.

    https://www.youtube.com/watch?v=4bxYRwJZvXc

  8. Ist die RG-MC-Szene eigentlich nur in Nordamerika und Europa angesiedelt? Wie sieht es diesbezüglich in anderen Teilen der Welt aus? Kann mir dazu jemand Auskunft geben?

  9. Das mit den 700 Innenpersönlichkeiten weiß ich nicht. Sie ist jedenfalls sehr bekannt in der Szene um „ritual abuse und mind control“ und hat einige Bücher geschrieben, die auch ins deutsche übersetzt wurden.

    Anneke Lucas ist mit Chantal Frei vernetzt.

    Die bösen Eliten, die Truthermovement usw.

  10. Kleines Fundstück aus meinen Unterlagen …

    Dazu zitiert aus Differentialdiagnostik der Dissoziativen Identitätsstörung, Seite 51, von Bettina Overkamp (Ludwig-Maximilians-Universität München, 2005).

    „Als Minimumbedingung für die Diagnose von DIS müssen zwei unterschiedliche Persönlichkeitszustände vorhanden sein, bisher sind in einem Fall bis zu insgesamt 300 Teilpersönlichkeiten und Persönlichkeitsfragmente gefunden worden (Ross, 1989), die bisher genannte Maximumzahl lag bei 4500 (Kluft, 1991). Ross et al. (1989a) fanden in 236 MPS-PatientInnen durchschnittlich 15,7 (Median bei 8) alternierende Identitäten, Putnam et al. (1986) 13,3“

    @Sandra

    Mir ist es auch nur aus Europa, USA und Israel bekannt. Vereinzelt soll es auch in Afrika vorkommen, fernab von der Problematik der Hexenverfolgung, wobei mir dazu aussagekräftige Quellen fehlen.

  11. […] Skeptix: Pseudowissenschaftlich und spekulativ: Mind Control durch „satanisch-rituelle Pädophilie“ […]

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