„So funktioniert das nicht“: Jan Böhmermann über den vielen Unsinn zu den Epstein-Akten

(Lesedauer ca. 6 Minuten)

Noch keine neuerliche Programmbeschwerde gegen Jan Böhmermann – wie nach der Heilpraktiker– oder der RG-MC-Sendung? Anscheinend nicht.

Am Freitag warf der Satiriker im ZDF Magazin Royale einen Blick in die Epstein-Akten und watschte dabei auch den Unsinn von Podcastern, Youtubern und TikTokern ab, einschließlich Xavier Naidoo:

Nein, Xavier Naidoo, so funktioniert das nicht. So funktioniert vielleicht das Konzept „Glauben“, aber nicht das Konzept „Wissen“.

Ist es wirklich eine gute Idee, dass wir die Epstein Files, einen echten, komplexen, undurchsichtigen, widerlichen Kriminalfall, im Internet so behandeln wie die Frage, ob im Inneren der Erde Reptilienmenschen leben?

TV-Kritiker merken an, dass Böhmermann sich dabei „verzettelt“. Die Berliner Morgenpost schreibt:

Die meisten Verschwörungstheorien sind zwar genau das: Geschwurbel.

Aber die reflexartige Gleichsetzung von „Verschwörungsbehauptung“ mit „Irrationalität“ hat viele blind gemacht für reale Machtmissbräuche, die im Verborgenen stattfinden.

Epstein ist der Beweis, dass Mächtige sich tatsächlich miteinander „verschwören“ können.

Aber wer hat das je bestritten? Und wer konkret ist „blind für reale Machtmissbräuche“?

Der Tagesspiegel interviewte dazu Prof. Stephan Lewandowski, Kognitionspsychologe und Koautor von „Das Handbuch über Verschwörungsmythen“ und „The Debunking Handbook“ (auch auf Deutsch verfügbar):

https://www.tagesspiegel.de/wissen/die-machtigen-um-epstein-hatten-verschworungstheoretiker-doch-ein-bisschen-recht-15315020.html

Lewandowski stellt klar, dass sich „noch nie eine klassische Verschwörungstheorie als wahr erwiesen“ habe.

Lewandowski: Echte Verschwörungen wie der VW-Dieselskandal

Tagesspiegel: Volkswagen hatte in seinen Dieselmotoren eine Software eingebaut, die beim Abgastest die Abgaswerte verfälschte. Im normalen Fahrbetrieb stieß das Auto ein Vielfaches der erlaubten Stickoxidmenge aus. Das flog 2015 auf.

Lewandowski: Das war nie eine Verschwörungstheorie. Die wurden von Ingenieuren aufgedeckt, die etwas Merkwürdiges bemerkten und nachbohrten. Dasselbe gilt auch für den Watergate-Skandal

Tagesspiegel: Watergate war ein Einbruch im Auftrag von Ex-US-Präsident Nixon in die Zentrale der Demokratischen Partei, um seine politischen Gegner auszuspionieren. Die Washington Post deckte den Skandal auf, Nixon versuchte, die Ermittlungen zu vertuschen.

Lewandowski: Es waren immer rational denkende Journalisten, Whistleblower, Politiker. Ingenieure, die diese Geschichten öffentlich machten.

Und keine Verschwörungstheoretiker, die nächtens am heimischen PC auf alles Jagd machen, was ihnen verwerflich, schlecht oder auch nur unmoralisch erscheint.

Tagesspiegel: Ist Epstein überhaupt eine Verschwörung oder ist es schlicht dokumentierter Machtmissbrauch durch Eliten, die sich gegenseitig schützen?

Lewandowski: Sein Netzwerk hat sich wirklich wenig Mühe gegeben, ihre Taten zu verstecken. Bei Watergate, VW – da ging es immer um Vertuschung. Die Beteiligten wussten, dass sie etwas Verbotenes taten, und wollten nicht erwischt werden. Das ist für mich ein wesentliches Merkmal einer Verschwörung.

Bei Epstein ist das Verblüffende: Alle wussten ungefähr, was dort vor sich ging. Er saß 2008 im Gefängnis und sein Netzwerk, das junge Frauen und Mädchen rekrutierte und missbrauchte, lief danach offenbar weiter.

Lewandowski räumt ein, dass der Epstein-Fall „eine Katastrophe“ sei:

Viele Menschen, die vorher schon bizarre Dinge geglaubt haben, fühlen sich bestätigt. Und Epsteins Netzwerk in Politik, Wissenschaft und Finanzwelt war real. Das ist langfristig auch ein Problem für das Vertrauen in Institutionen.

Es wird die generelle Bereitschaft erhöhen, Verschwörungstheorien zu glauben. Es wird sehr schwer werden, diese Überzeugung aufzubrechen.

Ich glaube, der einzige Weg aus dieser Krise führt darüber, konsequent durchzugreifen und zu sagen: Ihr kommt damit nicht davon.

Tagesspiegel: Was sagt man jemandem, der sagt: „Ich hatte recht, dem Mainstream zu misstrauen.“ Wie reagiert man darauf?

Lewandowski: Man muss anerkennen, dass es immer wieder vorkommt – denken Sie nur an die Lüge von „Massenvernichtungswaffen“ im Irak. Da wurde die Öffentlichkeit belogen, richtig. Und ja, es gibt schlechte Menschen, die schlechte Dinge tun.

Aber man kann daraus nicht schlussfolgern: Also darf ich jetzt glauben, was ich will. Nein, egal was mit Epstein war, der Klimawandel ist kein Schwindel und Impfstoffe vergiften nicht.

Die Realität unterliegt weiterhin Beweisen und Tatsachen.

https://www.youtube.com/watch?v=0v92CbDeWq8

Oder wie Böhmermann es formuliert:

Man muss sich nicht unter die Mütze von Xavier Naidoo begeben, um zu den Epstein Files wirklich einen ganzen Haufen berechtigter Fragen zu haben.

Aber die richtigen. Zum Beispiel:

Wie konnte ein verurteilter Sexualstraftäter so lange in unmittelbarer Nähe politischer und wirtschaftlicher Entscheidungsträger agieren und von dieser Nähe auch geschäftlich profitieren?

Der Fall Epstein zeigt keine allmächtige Verschwörung, sondern das Zusammentreffen von Zugang, Geld und institutioneller Nachsicht.

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