Verschwörungstheorien: Der tote Winkel der Wahrnehmung

(Lesedauer ca. 5 Minuten)

Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg bewirbt zwei neue Podcast-Folgen zum Thema Verschwörungstheorien:

https://www.team-mex.de/themen/podcast

Die beiden Gespräche in der Reihe Politisch Bildet mit Hannah Schulz vom Team meX dauern jeweils 30 Minuten und sind wohl als Basics-Auffrischung gedacht, dafür aber recht anstrengend und dem Fachjargon der Bildungs- und Beratungsbubble („epistemisch geschlossen“, „Sozialräume“, „Gesellschaftskompetenz“ etc.) verhaftet. Ob damit die Zielsetzung erreicht wird, einen „differenzierten und reflektierten Umgang“ mit Verschwörungstheorien zu unterstützen (bei wem?), scheint eher fraglich.

Konkreter und anschaulicher – wenn auch ebenfalls die x-te Wiederholung des Immergleichen – ist eine Stern-Geschichte über einen Verschwörungsaussteiger:

https://www.stern.de/lifestyle/liebe-sex/verschwoerungstheorien–wie-ich-hineingeriet—und-wieder-herausfand-37148828.html

Wie gehabt: Reines Debunking bringt praktisch nichts:

Ich hatte etwa einen Freund, der war bei der Linken und der hat mir versucht, den Kopf zu waschen.

Der hat mir lange Textblöcke geschickt mit vielen Fakten, mir das Gefühl gegeben, dumm zu sein. Da habe ich abgeblockt. Das hat überhaupt nicht funktioniert, weil ich mich vor den Kopf gestoßen gefühlt habe. Wenn er die einzige Person gewesen wäre, die mir widersprochen hätte, wäre ich heute wahrscheinlich immer noch Schwurbler. Ich hätte zugemacht und mich isoliert.

Das funktioniert ähnlich wie bei einem Kult. Man wird darauf vorbereitet, dass die anderen, der Mainstream, dich nicht verstehen werden. Und dann hast du irgendwann nur noch die Leute aus der Verschwörungsszene.

Stattdessen:

Während dieser Zeit hat meine Partnerin aber nie den Kontakt abgebrochen. Wenn sie nicht so geduldig gewesen wäre, hätte ich mich heute wahrscheinlich geistig endgültig verirrt.

Wir haben jeden Tag geredet. Es gab nicht das eine Gespräch, wo ich erleuchtet wurde. Sie hat mir mit ihrer Expertise aus der Wissenschaft einfach wieder und wieder Rückfragen gestellt zu dem, was ich mir zusammengereimt habe. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir die Argumente gefehlt haben.

Ich habe diese Videos gesehen und die Artikel gelesen und gedacht, das stimme alles, und konnte dann aber nicht eine kluge Rückfrage beantworten. Dadurch, dass ich versucht habe, ihr dann die Inhalte zu zeigen, habe ich erst gemerkt, wie schlecht gemacht das meiste ist. Ich war gewillt, das zu schlucken. Aber wenn ich mit ihr draufgeschaut habe, musste sie nicht mal etwas sagen.

Trotzdem habe ich gemerkt, wie billig und unseriös das meiste aussah. Sie war meine Brücke in den Mainstream.

Anspruchsvoller ist der Artikel eines ehemaligen Verschwörungsinfluencers, der auf der unabhängigen französischen Medienplattform Mr Mondialisation erschienen ist:

https://mrmondialisation.org/confession-influenceur-complotiste-repenti/

Das Fazit eignet sich denn auch nicht für die „Lifestyle > Liebe und Sex“-Rubrik im Stern:

Die einzige Person, die dich da rausholen kann, bist du selbst.

Auch Filmfestivals berücksichtigen das Thema Verschwörungstheorien. Beim Snowdance Independent Film Festival in Essen war „Des Kaisers neue Krone“ am Start:

Ein weiterer Aufführungstermin ist derzeit nicht zu finden.

Beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken reüssierte „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ und heimste positive Kritiken ein (hier und hier und hier). Regisseur Michael Gülzow und Kameramann Arthur Summereder waren auch beim SR-Festivalfunk zu Gast (zirka 18 Minuten):

https://kurzlinks.de/epg5

Aktuell läuft „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ am 6. März in Zürich und am 15. März in Innsbruck:

Der Film zeigt mit entwaffnender Klarheit, wie schwache Indizien durch geschickte Montage zu scheinbar unwiderlegbaren Beweisen werden – und wie Gegenargumente im selben Atemzug als Teil einer großen Vertuschung umgedeutet werden können.

In diesem Sinn ist Der tote Winkel der Wahrnehmung ebenso ein medienkritischer wie ein politischer Film: eine Studie darüber, wie leicht sich Wahrnehmung steuern lässt, wenn Form und Kontext stimmen.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Der tote Winkel der Wahrnehmung/sixpackfilm

Kommentare

15 Kommentare zu „Verschwörungstheorien: Der tote Winkel der Wahrnehmung“

  1. Sebastian

    „Der hat mir lange Textblöcke geschickt mit vielen Fakten, mir das Gefühl gegeben, dumm zu sein. Da habe ich abgeblockt. Das hat überhaupt nicht funktioniert, weil ich mich vor den Kopf gestoßen gefühlt habe.“

    Ähnlich kenne ich das von einem GWUP-Mitglied, mit dem ich vor Jahren mal aneinandergeraten bin. Faktisch lag er richtig, aber menschlich hat es mich eher abgestoßen.

    Diskussionen verlaufen ja gerne immer wieder mal in eine emotionale Richtung, welche nichts mit Fakten zu tun hat. Vielleicht würde Aufklärung besser funktionieren, wenn man den Menschen emotional das geben könnte, was sie in der „anderen“ Bubble finden!?

    Eigentlich ein spannender Gedanke, den man bis zu gesellschaftlichen Strukturen weiterspinnen kann. Kritik nicht persönlich nehmen, fehlende Zugehörigkeit, Zustand der aktuellen Debattenkultur, und und und.

  2. Ulrich Margull

    Moin moin, schöner Artikel. Aber seit wann liegt Zürich in Österreich?

  3. Bernd Harder

    @Ulrich Margull:

    Danke, korrigiert.

  4. @Sebastian, ein guter Punkt.

    Ich bin überzeugt, dass es auch auf rhetorischer Ebene eine Art „Reaktanz“ gibt, und dass Diskussionsbeiträge, die als Angriff auf die eigene Person wahrgenommen werden, sich meist kontraproduktiv auswirken.

    Gleichzeitig neigen wir, wenn wir die besseren Argumente haben, dazu, dies als eigene intellektuelle Überlegenheit darzustellen.
    Auch suchen wir oft eher Bestätigung von ohnehin schon Überzeugten, als dass wir wirklich die Auseinandersetzung mit schwer Überzeugbaren suchen.

    Ich sehe auch den Skeptix-Blog als eine Art Bubble ohne große Außenwirkung. Man kann sich hier mit Fakten und Argumenten bewaffnen, aber es braucht mehr als das, um die Menschen „da draußen“ zu überzeugen.

  5. Sebastian

    @Thomas

    Der Blog ist keine Bubble, hier lesen einige mit, die das genaue Gegenteil denken.

    Überzeugen lassen die sich aber nicht 😀

  6. Carsten Ramsel

    @Sebastian

    An was denken Sie, diesen Menschen emotional geben zu können, damit sie ihre Überzeugungen ändern? Geht die Veränderung der Überzeugungen nicht mit einem enormen Ansehens- und Machtverlust einher?

  7. Sebastian

    @Carsten Ramsel

    So wie ich den Diskurs z.B. bei Ritueller Gewalt erlebe, wäre es vielleicht wichtiger, den Menschen etwas nicht zu geben: das Gefühl von Abwertung und sozialem Ausschluss.

    Viele beschweren sich, nicht gehört oder ernst genommen zu werden. Auch bei anderen Verschwörungstheorien sind die Menschen zutiefst davon überzeugt eine exklusive Wahrheit gefunden zu haben.

    Ich denke nicht, dass es DIE eine Emotion gibt, die man geben kann oder sollte. Unabdingbar finde ich eine intrinsische Motivation … egal durch was diese ausgelöst wird.

    Das wird ein individuelles Thema sein.

    Wie man dem Stern-Artikel entnehmen kann, konnte eine Veränderung durch Geduld und Offenheit erreicht werden, in welcher sich der Mensch selbst hinterfragt hat. Die Partnerin hat die Stabilität und Sicherheit gegeben, sich selbst in eine Richtung zu entwickeln, ohne sich abgewertet zu fühlen.

    Haken ist allerdings, dass man nicht Verantwortung für die Emotionen anderer übernehmen kann und sollte … deswegen ist Selbsterkenntnis in meinen Augen extrem wichtig. Wenn die Veränderung mit Ansehens- und Machtverlust einhergeht, müssen diese Menschen in meinen Augen etwas haben, was ihnen noch wichtiger ist. Manchmal ist das erst der Fall, wenn sie selbst oder Nahestehende Opfer von Verschwörungstheorien geworden sind.

  8. Bernd Harder

    @Sebastian:

    So wie ich den Diskurs z.B. bei Ritueller Gewalt erlebe, wäre es vielleicht wichtiger, den Menschen etwas nicht zu geben: das Gefühl von Abwertung und sozialem Ausschluss.

    Was gerade bei diesem Thema nicht ganz leicht ist, da die Szene hochaggressiv ist und vor keiner Diffamierung (oder „Abwertung) von Kritikern zurückschreckt.

    Was z.B. die Veranstaltung am Dienstag Abend angeht: Hier geht es munter weiter:

    https://www.instagram.com/p/DU0xZvdAuGU/

  9. Sebastian

    @Bernd Harder

    In der Hinsicht mache ich mir keine Illusion, dass man nicht jeden erreichen kann. Das sollte schon aus Gründen des Selbstschutzes auch gar nicht angestrebt werden.

    Bei einer der Kommentierenden denke ich mir sogar, dass das Thema inzwischen ihre ganze (finanzielle) Existenz bedeutet. Da hätte ich auch Angst, „das Thema unter den Füßen zu verlieren“.

  10. Bernd Harder

    @Sebastian:

    Es ist zumindest sehr bezeichnend, wie sie versucht, die ganz spezielle Definition von „Mind Control“ innerhalb der RG-MC-Szene durch bekannte Tatbegehungsstrategien von Missbrauchstäter:innen („klassische, operante, inverse, instrumentelle und evaluative Konditionierungsmethoden“) zu ersetzen, um dem ganzen Konstrukt einen Hauch von Glaubwürdigkeit zu verleihen.

  11. Carsten Ramsel

    @Sebastian

    Vielen Dank. Ich werde mich bemühen, Ihre Anregungen auf meinem Gebiet der Religion zu übertragen. Dort beobachte ich von unterschiedlichen Personen nämlich ähnliche Motive und Prozesse.

  12. Sebastian

    @Carsten Ramsel

    Was meinen Sie? Was beobachten Sie im Bereich Religion?

    Ich habe nur meinen Eindruck geschildert, welcher weder ein Optimum sein wird, noch allgemein anwendbar. Meine eigenen Hirngespinste sozusagen.

  13. Carsten Ramsel

    Ich bin Religionswissenschaftler und ich beobachte, dass Verschwörungstheorien dieselben psycho-sozialen Funktionen erfüllen wie die Religion und dass sich Gespräche mit Religiösen im Privaten und Politischen manchmal schwierig gestalten.

    In meiner Beobachtung sind sachliche Auseinandersetzung dann schwierig, wenn sie Emotionen berühren oder damit die Bedeutung der Überzeugungen des Individuums in Frage gestellt wird. Dazu braucht es auch kein Mitglied der Zeugen Jehovas oder einer Freikirche. Das geschieht auch mit Katholiken oder ev. Landeskirchlern.

    Ihre Ausgangsfrage: Vielleicht würde Aufklärung besser funktionieren, wenn man den Menschen emotional das geben könnte, was sie in der „anderen“ Bubble finden!? war für mich eine gute Anregung.

    Ich werde von Religiösen häufig als Erstes gefragt, ob ich an Gott glaube und zwar nicht aus Interesse, sondern um mir damit einen abwertenden Status zuzuweisen. Z. B. Wenn Du nicht religiös bist, kannst Du auch nicht moralisch sein. Argumente haben dann weniger Gewicht. Aussagen wird weniger Glauben geschenkt.

    In politischen Diskussionen wird es oft schwierig, wenn man auf die Einhaltung von Arbeits- und Strafrecht pocht oder einfordert, dass in Deutschland alle Menschen über dieselben fundamentalen Grundrechte verfügen. So hatten wir in Hamburg während der Pandemie eine Diskussion darüber, ob Gottesdienste erlaubt sein sollen. Leider nahm das Virus auf religiöse Freiheitsrechte keine Rücksicht, besonders nicht, wenn im Gottesdienst gesungen wurde.

    In meinem sozialen Umfeld bin ich es gewöhnt, dass sachliche und faire Kritik auch an persönlichen Überzeugungen etwas völlig Normales ist und zumindest von mir auch gewünscht wird. Bei Verschwörungstheoretikern wie Religiösen erlebe ich eine gewisse Kritikimmunisierung.

    Ich hoffe, Sie bekommen einen Eindruck.

    Wenn die Kommunikation nun schwierig ist, egal ob in der Familie oder in der Partei, dann braucht es Strategien, wie sie trotz aller Differenzen gelingen kann. Beiderseitiges Wohlwollen würde ich allerdings voraussetzen.

  14. Sebastian

    @Carsten Ramsel

    Vielen Dank für die Rückmeldung! Ja, einen gewissen Eindruck kann ich mir bilden. Den Eindruck zu politischen Diskussionen habe ich auch.

    Irgendwer hatte in einem anderen Kommentar mal geschrieben, dass er im religiösen Umfeld zunehmend eine Radikalisierung wahrnehmen würde, was vermutlich auch gut zur Kritikimmunisierung passt.

    Ich bin gespannt, was Sie an anderer Stelle vielleicht wieder dazu schreiben werden.

  15. Sebastian

    @Bernd Harder

    Sehe gerade, dass beim Zeit-Artikel fast die gleichen Personen kommentiert haben.

    https://www.instagram.com/p/DRz5I2VDMiC/?img_index=1

    Auf meine Anfrage, aus welchen Gründen der Artikel depubliziert wurde, hat man mir leider nicht geantwortet.

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