Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg bewirbt zwei neue Podcast-Folgen zum Thema Verschwörungstheorien:

Die beiden Gespräche in der Reihe Politisch Bildet mit Hannah Schulz vom Team meX dauern jeweils 30 Minuten und sind wohl als Basics-Auffrischung gedacht, dafür aber recht anstrengend und dem Fachjargon der Bildungs- und Beratungsbubble („epistemisch geschlossen“, „Sozialräume“, „Gesellschaftskompetenz“ etc.) verhaftet. Ob damit die Zielsetzung erreicht wird, einen „differenzierten und reflektierten Umgang“ mit Verschwörungstheorien zu unterstützen (bei wem?), scheint eher fraglich.
Konkreter und anschaulicher – wenn auch ebenfalls die x-te Wiederholung des Immergleichen – ist eine Stern-Geschichte über einen Verschwörungsaussteiger:

Wie gehabt: Reines Debunking bringt praktisch nichts:
Ich hatte etwa einen Freund, der war bei der Linken und der hat mir versucht, den Kopf zu waschen.
Der hat mir lange Textblöcke geschickt mit vielen Fakten, mir das Gefühl gegeben, dumm zu sein. Da habe ich abgeblockt. Das hat überhaupt nicht funktioniert, weil ich mich vor den Kopf gestoßen gefühlt habe. Wenn er die einzige Person gewesen wäre, die mir widersprochen hätte, wäre ich heute wahrscheinlich immer noch Schwurbler. Ich hätte zugemacht und mich isoliert.
Das funktioniert ähnlich wie bei einem Kult. Man wird darauf vorbereitet, dass die anderen, der Mainstream, dich nicht verstehen werden. Und dann hast du irgendwann nur noch die Leute aus der Verschwörungsszene.
Stattdessen:
Während dieser Zeit hat meine Partnerin aber nie den Kontakt abgebrochen. Wenn sie nicht so geduldig gewesen wäre, hätte ich mich heute wahrscheinlich geistig endgültig verirrt.
Wir haben jeden Tag geredet. Es gab nicht das eine Gespräch, wo ich erleuchtet wurde. Sie hat mir mit ihrer Expertise aus der Wissenschaft einfach wieder und wieder Rückfragen gestellt zu dem, was ich mir zusammengereimt habe. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir die Argumente gefehlt haben.
Ich habe diese Videos gesehen und die Artikel gelesen und gedacht, das stimme alles, und konnte dann aber nicht eine kluge Rückfrage beantworten. Dadurch, dass ich versucht habe, ihr dann die Inhalte zu zeigen, habe ich erst gemerkt, wie schlecht gemacht das meiste ist. Ich war gewillt, das zu schlucken. Aber wenn ich mit ihr draufgeschaut habe, musste sie nicht mal etwas sagen.
Trotzdem habe ich gemerkt, wie billig und unseriös das meiste aussah. Sie war meine Brücke in den Mainstream.
Anspruchsvoller ist der Artikel eines ehemaligen Verschwörungsinfluencers, der auf der unabhängigen französischen Medienplattform Mr Mondialisation erschienen ist:

Das Fazit eignet sich denn auch nicht für die „Lifestyle > Liebe und Sex“-Rubrik im Stern:
Die einzige Person, die dich da rausholen kann, bist du selbst.
Auch Filmfestivals berücksichtigen das Thema Verschwörungstheorien. Beim Snowdance Independent Film Festival in Essen war „Des Kaisers neue Krone“ am Start:
Ein weiterer Aufführungstermin ist derzeit nicht zu finden.
Beim Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken reüssierte „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ und heimste positive Kritiken ein (hier und hier und hier). Regisseur Michael Gülzow und Kameramann Arthur Summereder waren auch beim SR-Festivalfunk zu Gast (zirka 18 Minuten):

Aktuell läuft „Der tote Winkel der Wahrnehmung“ am 6. März in Zürich und am 15. März in Innsbruck:
Der Film zeigt mit entwaffnender Klarheit, wie schwache Indizien durch geschickte Montage zu scheinbar unwiderlegbaren Beweisen werden – und wie Gegenargumente im selben Atemzug als Teil einer großen Vertuschung umgedeutet werden können.
In diesem Sinn ist Der tote Winkel der Wahrnehmung ebenso ein medienkritischer wie ein politischer Film: eine Studie darüber, wie leicht sich Wahrnehmung steuern lässt, wenn Form und Kontext stimmen.
Zum Weiterlesen:
- Hegner, Cathrin „Freundliches Gelaber wirkt kurzfristig, ist aber nicht nachhaltig“ medientage (10. März 2026)
- Goddar, Jeanette „Die stete Kontrolle nervt“ das-parlament (25. Februar 2026)
- Kedves, Alexandra „Für Zweifel an der offiziellen Version von Epsteins Tod gibt es durchaus Gründe“ Tages-Anzeiger (25. Februar 2026)
- Müllender, Moritz „Ich war ein Schwurbler. Ohne meine Freundin wäre ich immer noch wahnsinnig“ stern (24. Februar 2026)
- Retzbach, Joachim „Stress macht nicht anfälliger für Verschwörungstheorien“ spektrum (29. Januar 2026)
- „Je me suis trompé: confessions d’un complotiste repenti“ Mr Mondialisation (22. Januar 2026)
- Harder, Bernd „RadiCast: Neuer True-Crime-Podcast über Reichsbürger und Verschwörungsideologen“ skeptix (27. Februar 2026)
- Harder, Bernd „Verschwörungsleugner – was soll das denn sein? Und was hat Jeffrey Epstein damit zu tun?“ skeptix (8. Februar 2026)
- Harder, Bernd „Verschwörungstheorien: Der Ausstieg dauerte Jahre“ skeptix (21. August 2025)
- Kessler, Tobias „Des Kaisers neue Krone: Wenn der eigene Vater plötzlich an Corona-Verschwörungstheorien glaubt“ Saarbrücker Zeitung (22. Mai 2025)
Titelfoto: Der tote Winkel der Wahrnehmung/sixpackfilm


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