Retracted: Die Frass-Studie „Homöopathie bei Lungenkrebs“ ist zurückgezogen worden

(Lesedauer ca. 3 Minuten)

Vor zwei Wochen haben wir schon darauf hingewiesen – jetzt ist es soweit:

Das renommierte Fachjournal The Oncologist hat die Skandal-Studie zum „Überleben von Lungenkrebspatienten mit homöopathischer Komplementärbehandlung“ (Frass et al. 2020) zurückgezogen:

https://academic.oup.com/oncolo/article/30/11/oyaf364/8340391

Mit dieser Arbeit, die 2020 im Oncologist publiziert wurde, wollte der österreichische Mediziner und Homöopathie-Anhänger Michael Frass als Hauptautor belegen, dass eine homöopathische Therapie, ergänzend zur normalen Behandlung, nicht nur die Lebensqualität der Studienpatienten mit Lungenkrebs steigerte, sondern sie auch länger überlebten.

Frass sprach von „außerordentlich deutlichen Effekten“ auf die Überlebensdauer und die Lebensqualität von Lungenkrebspatienten. Kritiker – wie das Informationsnetzwerk Homöopathie und die österreichische Initiative für wissenschaftliche Medizinsahen dagegen „Datenfälschung, Datenerfindung, Datenmanipulation“:

Wie gehabt, eine neue Mogelei

kommentierte Christian Kreil bei Stiftung Gurutest.

Im Dezember 2022 versah der Oncologist die Onlineversion mit einer „Besorgnisäußerung“ (Expression of concern), da die Studie unter Verdacht stehe, nicht zuverlässig zu sein. Eine ausführliche Untersuchung des Vorwurfs laufe.

Im September 2024 zierte dann ein „Korrekturvermerk“ die Publikation, offenbar von Frass selbst verfasst. Parallel dazu verstieg sich die Chefredakteurin Susan E. Bates in einem Editorial zu einer peinlichen Huldigung der homöopathischen Phantasievorstellungen – und erklärte die Angelegenheit praktisch für beendet.

War sie aber nicht.

Im April 2025 befasste sich das Laborjournal ausführlich mit dieser Farce und stellte „die entscheidende Frage“:

Warum scheuen sich seriöse Fachjournale, Fehler im Peer-Review-Verfahren einzugestehen und riskieren damit nicht nur ihre eigene Reputation, sondern die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft insgesamt?

Was muss noch geschehen, damit eine fehlerhafte Publikation zurückgezogen wird?

Frass‘ Fehlverhalten verbleibt somit trotz Correction unkommentiert in der Literatur. Einmal mehr versagt ein Fachjournal in seiner Funktion als Hüter wissenschaftlicher Integrität.

Doch am Ende haben „Beharrlichkeit und konsequente Integritätsarbeit“ obsiegt, schreibt das INH heute:

Eine zentrale Pseudoevidenz für die Homöopathie existiert nicht mehr.

Und der Oncologist:

https://academic.oup.com/oncolo/article/30/11/oyaf364/8340391

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Pixabay/Bru-nO

Kommentare

10 Kommentare zu „Retracted: Die Frass-Studie „Homöopathie bei Lungenkrebs“ ist zurückgezogen worden“

  1. Dr. Stephanie Dreyfürst

    Auch, sagen wir einmal erstaunlich, liest sich der letzte Satz aus der Ankündigung des Oncologist, dass einige Autor:innen gegen das Zurückziehen ihres Artikels protestiert hätten, eine Person das gutgeheißen und andere sich weder positiv noch negativ dazu geäußert hätten.

    Wen interessiert, was die Autor:innen zu dem Vorgang sagen? Meiner Ansicht nach deutet das Hereinholen dieser thematisch irrelevanten Perspektive darauf hin, dass dieses Journal nicht wirklich verstanden hat, was das Problem ist.

    Unfassbar.

  2. Julius Senegal

    Endlich ist der Mist vom Tisch, hatte ja nur Jahre gedauert.

    Finde es auch interessant, dass zwar manche der Autoren dagegen waren (logisch), aber ein Autor sogar völlig d’accord war – immerhin.

    Walachs Schrottpaper wurde letztens auch zurückgezogen:
    https://retractionwatch.com/2025/11/07/placebo-effect-harald-walach-journal-clinical-epidemiology-retraction/

    Anscheined vermögen Hömopathen keine ernsthafte Wissenschaft betreiben zu können, was nicht wundert – Placebo gegen Placebo ist auch irgendwie sinnlos.

  3. Carsten Ramsel

    @Dr. Stephanie Dreyfürst

    Seltsam, ich hätte jetzt gedacht, dass es zu einer guten, gerade wissenschaftlichen Fehlerkultur dazu gehört, die Autoren um ein Statement zu bitten. Immerhin hat Sabine Zöchbauer-Müller ihre Fehler eingesehen; zumindest stimmt sie der Retraction zu. Egal ob das 24-Stunden-Antarktis-Flacherdler-Experiment oder eine Homöopathie-Studie, es macht doch einen Unterschied, ob jemand danach zugibt, sich geirrt oder weiter behauptet recht zu haben.

  4. Bernd Harder

    @Carsten Ramsel:

    Trotzdem erstaunlich, dass es am Ende nur eine/r war.

    Laut diesem Bericht hätten im Laufe des langjährigen Verfahrens „mehrere Co-Autoren der Studie das Journal [gebeten], ihre Autorenschaft zurückzuziehen“.

    https://www.spiegel.de/gesundheit/globuli-gegen-krebs-umstrittene-homoeopathie-studie-zurueckgezogen-a-5811f297-c6a4-4b4c-adb4-16b6bc123102

    Oder hier:

    „Auch reagierten fünf der 16 Mitautoren der Publikation und baten die Fachzeitschrift um eine Rücknahme ihrer Ko-Autorenschaft. Das Editorial Board von The Oncologist ignoriert diese Aufforderungen seit Anfang 2024.“

    https://www.laborjournal.de/rubric/hintergrund/hg/hg_25_04_02.php

  5. @Julius
    „Anscheined vermögen Hömopathen keine ernsthafte Wissenschaft betreiben zu können“

    Doch, wenn sie denn wollen. Da gibt es den besagten Harald Walach, der ein für alle Mal die Wirksamkeit der H. mit einer absolut sauberen Studie nachweisen wollte. Die sog. Münchner Kopfschmerzstudie ist in der Tat sauber, scheiterte aber erwartbar an ihrem Ziel. Walach ließ sich davon indes nicht überzeugen und glaubt wohl bis heute, einen Fehler übersehen zu haben.

    https://www.homöopedia.eu/Artikel_M%C3%BCnchner-Kopfschmerzstudie.html

    Und es gibt den Australier Robert Mathie, der im Auftrag des britischen Homeopathy Research Institute in den 2010ern vier(!) Systematische Reviews zu verschiedenen Aspekten der Homöopathie durchgeführt hat, also zusammenfassende Auswertungen mehrerer/vieler einschlägiger Einzelstudien, wobei er (ich habe mir sagen lassen: weitestgehend) integer gearbeitet hat. Das zusammengefasste Ergebnis in meinen Worten: Es gibt Hinweise auf eine spezifische Wirksamkeit, aber die vielfach lausige Qualität der Studien lässt keine weitergehenden Schlussfolgerungen zu.

    https://www.homöopedia.eu/Artikel_Systematische-Reviews-zur-Hom%c3%b6opathie_%c3%9cbersicht.html

    Es geht also, wenn man nur will.

  6. Auf der Homepage des Zentralvereins homöopathischer Ärzte steht noch die Ankündigung eines Webinars am 18.11. mit dieser Meldung:

    “Univ-Prof. Dr. Michael Frass und seine Mitarbeiter nahmen schriftlich und in aller Ausführlichkeit zu allen Anschuldigungspunkten Stellung, durch die ihrerseits dargelegten Fakten konnten alle Vorwürfe entkräftet werden – mit dem erfreulichen Ergebnis, dass die Fachzeitschrift “The Oncologist” im September 2024 bestätigte, dass sie den 2020 erschienen Artikel nicht zurückziehen würde. Sie rehabilitierte Prof. Frass und sein Team durch einen Leitartikel, der den Wert der Studie bestätigte.”

    Ob das Webinar stattfand?

  7. Julius Senegal

    Frass hat jetzt auch mal geantwortet, Realsatire:

    https://www.dzvhae.de/stellungnahme-von-prof-frass-zur-oncologist-ruecknahme-seiner-studie/

    Aber gut zu wissen, dass der Grund für die Rücknahme eine „Überqualifikation“ der Homöopathen sei.

  8. @Julius Senegal:

    Die heben in letzter Zeit massiv auf den Punkt der „ärztlich angebotenen“ Homöopathie als „Qualitätsmerkmal“ ab, weil Ärzte doch „auf dem Boden evidenzbasierter Medizin“ stünden.

    Jemand, der auf dem Boden evidenzbasierter Medizin steht, kann niemals ernsthaft Homöopathie anbieten.

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