In der deutschen Erstausgabe von „Die Wissenschaftslüge“ (2010) findet sich ein Kapitel, das im englischen Original (2009) nicht vorhanden war. Der Abschnitt „Und jetzt wird Sie der Arzt verklagen“ erzählt von dem deutschen Vitamin-Guerillero Matthias Rath. Der in Stuttgart geborene Alternativmediziner und Verschwörungsideologe führte zu dieser Zeit einen Prozess gegen den „Wissenschaftslüge“-Autor Ben Goldacre, der in seiner Guardian-Kolumne mehrfach kritisch über Rath berichtet hatte:
- No way to treat an Aids hero (20. Januar 2007)
- Gambia’s president may be weird, but Aids superstitions strike closer to home (28. Januar 2007)
- How money is not the only barrier to Aids patients getting hold of drugs (17. Februar 2007)
Der „selbsternannte Vitaminguru“ (Spiegel) propagierte seine Pillen als Therapie für Aids-Kranke in Südafrika, unterstützt von dem südafrikanischen Staatspräsidenten und Aids-Leugner Thabo Mbeki – was zum Tod von mehr als 300.000 Menschen führte.
Solange die Klage anhängig war, konnte das Buchkapitel nicht veröffentlicht werden:

Nachdem Rath im September 2008 die Klage fallen ließ, publizierte Goldacre den Text online (hier und hier). Als „kleinen Trost“ verbuchte Goldacre für sich, dass
… ich jetzt mehr weiß über Matthias Rath als jeder andere. Meine Notizen, Quellen und Zeugenaussagen ergeben einen Stapel, der fast das Körpermaß von Rath selbst erreicht.
Die südafrikanische Anti-Aids-Organisation „Treatment Action Campaign“ (TAC) nannte Rath unverhohlen einen „Scharlatan“, seine Ansichten „gelten in der Wissenschaft als vollkommen abwegig“, schrieb der Tagesspiegel. Schon zu Beginn der 2000er warnte das arznei-telegramm vor den Phantastereien des studierten Mediziners und fragte: „Wer stoppt Dr. Rath?“:
Rath beutet nach dem Gut-Böse-Prinzip gezielt Vorurteile beim Verbraucher über angebliche Nebenwirkungsfreiheit von Naturstoffen und die Gefährlichkeit synthetischer Pharmapräparate aus. Mit einem Verschwörungsszenario auf Plakaten und in Anzeigenserien in der Tagespresse schürt er Ängste beim Verbraucher.
Ein so genanntes „Pharmakartell“ fördere den Verkauf teurer und schädlicher synthetischer Arzneimittel und unterbinde, dass mit Hilfe der Rath’schen Zellular-Medizin „Herz-Kreislauf-Erkrankungen und viele andere Volkskrankheiten auf natürliche Weise verhindert“ würden.
„Natürliche Vitamine verhindern den Herzinfarkt! Und die einzige Nebenwirkung – sie zerstören unser Pharma-Kartell. Also: weltweit verbieten“ – so lautet die Verschwörungstheorie.
Schließlich verstieg sich der Schwabe zu der Parole „Make Health – Not War“, ohne Vitamine gebe es keinen Frieden in der Welt. Dass „Tiere keinen Herzinfarkt kennen“, wie Rath schrieb, hat übrigens genetische Gründe und nichts mit „natürlicher Vorbeugung“ beziehungsweise damit zu tun, „dass Tiere ihr körpereigenes Vitamin C produzieren“ (Seite 40).
Rath is an example of the worst excesses of the alternative therapy industry,
schrieb Edzard Ernst noch 2020.
Am 17. Januar 2026 ist Matthias Rath gestorben, mit gerade mal 71 Jahren. Die Dr. Rath Health Foundation erklärt dazu: „Die Welt hat einen visionären Wissenschaftler verloren.“
Zum Weiterlesen:
- Dieterich, Johannes „Der streitbare Vitamin-Doktor“ Frankfurter Rundschau (30. Januar 2019)
- Koch, Klaus „Vitaminpulver und andere fragwürdige Mischungen“ Süddeutsche (17. Mai 2010)
- Knemeyer, Thomas „Tod einer Star-Patientin“ welt (18. Oktober 2005)
- „Guter Rat(h) ist teuer“ Österreichische Krebshilfe (4. Februar 2004)
- „Kein guter Rat von Dr. Rath“ verbraucherrecht (1. Oktober 2003)
- Podcast „Die AIDS-Leugner – Der fatale Irrweg der Christine Maggiore“ Deutschlandfunk (11. Januar 2024)
Titelfoto: Unsplash/Volodymyr Hryshchenko


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