Ein Fall, der wie geschaffen ist für das Infoportal Rituelle Gewalt:

Was war geschehen?
Der Schauplatz des Verbrechens ist ein Zimmer in einem Terminbordell in Heusenstamm südlich von Offenbach. Am Nachmittag des 23. Februar 2026 sucht dort ein 63 Jahre alter Mann die heute 40-jährige Prostituierte Katinka O. auf. Gefesselt und mit verbundenen Augen sitzt der Mann auf dem Bett, als O. mit einem Fäustel auf ihn einschlägt. Die Hiebe mit dem fast zwei Kilogramm schweren Handhammer sind tödlich. „Dann machte sie sich daran, den Leichnam für ein Ritual zu präparieren. Dadurch wollte sie Dämonen herbeirufen, um durch das Ritual Schutz vor ihrer Krankheit zu erhalten“, zitiert Bild später aus der Antragsschrift der Staatsanwaltschaft.
Am 25. Februar entdeckt der Hausmeister Leichenteile des 63-jährigen Zufallsopfers in den Restmülltonnen vor dem Mehrfamilienhaus in der Ottostraße. Beim Versuch, im brandenburgischen Schwedt zu Fuß die polnische Grenze zu überqueren, wird Katinka O. am 28. Februar festgenommen. Derzeit befindet sie sich in einer Klinik für forensische Psychiatrie in Haina.
„War es Satanismus?“ fragten auch seriöse Medien wie der Tagesspiegel.
Als Indizien dafür gelten die Ars Goetia, ein Grimoire mit Dämonenbeschreibungen aus dem 17. Jahrhundert, das am Tatort gefunden wurde, ferner eine Reihe von losen Zetteln, auf denen Katinka O. anscheinend die Namen von „Feinden“ sowie diverse Wünsche notiert hatte, und nicht zuletzt „affektgeladene Texte an den Dämon Belial“, wie die psychiatrische Gutachterin Sara Haack am vergangenen Donnerstag vor Gericht ausführte.
Natürlich weiß die Bild-Zeitung noch mehr:
Früher soll sie bereits Hunde und Katzen geopfert und das Blut der Tiere getrunken haben.
Tatsächlich findet sich im Internet ein drei Jahre alter TV-Beitrag von RTL West, in dem Katinka O. unverblümt als Tierquälerin und Satanistin abgestempelt wird – begleitet von Hasskommentaren bei TikTok:

In Wahrheit war die gelernte Visagistin wohl völlig überfordert mit der Tierhaltung, was zu einer extremen Vernachlässigung führte. Was ansonsten von dem Bild-Artikel zu halten ist, erschließt sich schon beim dritten Satz des Vorspanns. Katinka O. steht mitnichten „wegen Mordes vor Gericht“, sondern es handelt sich um ein Sicherungsverfahren, bei dem die Richter nicht über eine Strafe, sondern über die Einweisung in eine Klinik zu entscheiden haben. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Frau zum Tatzeitpunkt unter einer paranoiden Schizophrenie litt.
Und was hat es nun damit auf sich, dass die 40-jährige Deutsche „einen wohlhabenden Geschäftsmann für einen Teufelskult geopfert haben soll“? Praktisch nichts. Auch hier ergibt sich beim zweiten Verhandlungstag vor dem Landgericht Darmstadt ein anderes Bild.
„Die erste Einschätzung war, dass es ein satanisch geartetes Ritual sein sollte“, erklärt der Staatsanwalt Marcel Becker bei Sat.1:
Was wir jetzt heute von der Sachverständigen [der Kriminalpsychologin Lydia Benecke] gehört haben, ist es aber wohl eher so, dass das pseudo-satanisch gewesen war, denn hier wurde sich aus verschiedenen Bereichen der Esoterik und auch aus satanistischen Elementen bedient.

Mit „satanistischen Elementen“ ist im Wesentlichen die „Satanische Bibel“ von Anton LaVey gemeint, mit der Katinka O. sich zeitweise beschäftigte. Darin gibt es zwar „Das Buch Belial“, allerdings wird Belial nicht als Entität gesehen, sondern als Symbol für eine Art von „applied psychology“.

Der Religionssoziologe Massimo Introvigne urteilt über die „Satanische Bibel“:
LaVey’s ritual magic is merely a form of psychodrama.
Der „Satanismus“ des „Church of Satan“-Gründers ist eine radikal atheistische und materialistische Philosophie, was ausschließt, dass Teufel oder Dämonen real existieren oder gar „beschwört“ werden können. Zum Thema Menschenopfer heißt es in der „Satanischen Bibel“:

Offenbar hat sich Katinka O. je nach psychischer Verfassung und momentaner Bedürfnislage aus einem esoterischen Supermarkt bedient, zu dem neben der „Satanischen Bibel“, der „Ars Goetia“ und dem Sachbuch „Lords of Chaos“ auch Verschwörungstheorien wie MKultra, die Pseudo-Doku „Höllenleben“, pseudomedizinische Verfahren sowie Mangas und Animes à la „Death Note“ gehörten. Letzteres handelt nach Wikipedia
… vom Schüler Light Yagami, der mit einem gefundenen Heft – dem Death Note – andere Menschen töten kann. Diese Fähigkeit setzt er ein, um sein Gerechtigkeitsideal umzusetzen.
„Gerechtigkeit“ ist auch ein Lebensthema von Katinka O., das sie vorwiegend in Hass- und Rachephantasien ausagierte, daneben versuchte sie sich zur „Egohochpolung“ (Sara Haack) auch an magischen Methoden, allerdings ohne ernsthaften religiösen oder spirituellen Hintergrund.
Zu ihren Wahnkomplexen gehörte unter anderem eine eingebildete Pilzinfektion. Als die 40-Jährige im Verfolgungswahn angenommen habe, Ärzte und die Polizei könnten ihr keine Hilfe bieten und ihre Gesundheit und Existenz seien bedroht, habe sie in „emotionaler Bedrängnis“ den Dämon Belial um Hilfe angerufen. Die psychiatrische Gutachterin empfiehlt die Einweisung der Beschuldigten in eine forensische Klinik. Der Vorsitzende Richter am Landgericht Darmstadt, Volker Wagner, lässt durchblicken, dass der Sachverhalt „relativ eindeutig“ sei.
Am Ende ergreift Katinka O. am zweiten Prozesstag selbst das Wort. Der Tod des 63-Jährigen tue ihr leid und sie wolle künftig „in Güte und Gewaltlosigkeit“ leben.
„Dann müssen Sie an sich arbeiten“, bescheidet Wagner sie:
Es liegt bei Ihnen.
Zum Weiterlesen:
- Schiefenhövel, Jan „Prozess um Ritualmord: Mutmaßliche Täterin als psychisch krank eingestuft“ faz (23. Oktober 2026)
- „Prozess um zerstückelte Leiche“ Sat1 (22. Oktober 2026)
- „Torso wog 52 Kilo: Rechtsmedizinerin schildert Fund im Ritualmordprozess“ op-online (22. Oktober 2026)
- Pifan, Thorsten „Was hinter dem Ritualmord einer Prostituierten steckt“ moz (20. Oktober 2026)
- „Mord mit Steinmetzhammer? Sicherungsverfahren in Darmstadt“ zeit (15. Oktober 2026)
- „Ritualmord an Freier? Sicherungsverfahren beginnt“ faz (15. Oktober 2026)
- Detsch, Claudia „Prostituierte soll Geschäftsmann für Satanskult getötet haben“ bild (15. Oktober 2026)
- Schiefenhövel, Jan „Strafprozess um Ritualmord gegen eine Prostituierte“ faz (15. Oktober 2026)
- Gelhausen, Silke „Prostituierte tötet Freier mit Fäustel – für Dämonen Belial und Marbus“ op-online (15. Oktober 2026)
- „Mutmaßlicher Ritualmord in Heusenstamm: Prostituierte vor Gericht – Ex-Partner sagen aus“ tagesschau (15. Oktober 2026)
- „Leichenteile im Müll: Ermittler gehen von satanistischem Ritual aus“ stern (10. August 2026)
- „Prostituierte soll Mann bei satanistischem Ritual getötet und zerstückelt haben“ welt (10. August 2026)
- „Prostituierte soll Freier in satanischem Ritual ermordet haben“ hessenschau (10. August 2026)
- „Toten zerstückelt, Leichenteile im Müll: War es Satanismus?“ tagesspiegel (10. August 2026)
- Stoffelen, Lena „Prostituierte soll Mann für Satansritual getötet haben“ bild (10. August 2026)
- Harder, Bernd „Der Satansmord von Witten und die vielen Pseudofälle beim Infoportal Rituelle Gewalt“ skeptix (17. September 2026)
- Harder, Bernd „Totaler Fehlschlag Mind Control: Neue Aktenveröffentlichungen zum MK-ULTRA-Projekt“ skeptix (9. Februar 2025)



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