Peter Thiel – der Tech-Milliardär, der Antichrist, der Katechon und der Weltuntergang

(Lesedauer ca. 7 Minuten)

Man mag von Greta Thunberg ja halten, was man will – aber dass die schwedische Aktivistin der leibhaftige Antichrist sein soll, kennt man bislang nur von Schwurblern wie Xavier Naidoo.

Allerdings glaubt das auch der Techmilliardär Peter Thiel, wie das 3sat-Magazin Kulturzeit berichtet:

Der 17-minütige Beitrag fokussiert auf die eigentümlichen religiös-apokalyptischen Überzeugungen des gebürtigen Frankfurters. Kurz zusammengefasst:

  • Zu lösen wären die globalen Probleme nur mit einer radikalen technologischen Beschleunigung ohne staatliche Regulierung.
  • Dieser Ansatz sei jedoch unrealistisch, da der Fortschritt insgesamt stagniere. Die Menschheit habe nach dem ersten Abwurf der Atombombe Angst vor ihrer eigenen Schöpfung bekommen, deshalb wolle sie Risiken vermeiden.
  • Aus diesem Grund seien wir anfällig für die Einflüsterungen des Antichrist geworden, der ununterbrochen über Armageddon spreche, die Menschen in Angst versetze – und ihnen dann anbiete, sie zu retten. „Friede und Sicherheit“ heißt es in der Bibel (1.Thessalonicher 5,3). Das ist in Thiels Augen die verführerische Parole des Antichrist, mit der er nach der Weltherrschaft strebe.
  • Konkret erblickt Thiel diesen falschen Messias in einem totalitären Welteinheitsstaat. Als dessen Agent:innen fungierten internationale Institutionen wie die EU mit ihren Tech-Regulierungen, aber auch Einzelpersonen wie Greta Thunberg mit ihren Warnungen vor Klimakatastrophen oder Papst Leo XIV (der laut SZ wider „die Vergöttlichung der KI“ streitet).
  • In der Bibel sei indes auch die Rede von einem „Aufhalter“ oder etwas „Aufhaltendem“ (2.Thessalonicher 2,6-7), das sich dem Antichristen in den Weg stellt – der Katechon.
  • Wer oder was sich dahinter verbirgt, bleibt nebulös bei Thiel. Diese mysteriöse Macht, die das vermeintliche Chaos zurückhält, könnten wohl die USA oder die Tech-Nerds sein.

In der Kulturzeit-Sendung tritt auch unser SkeptixTalk-Gesprächspartner Adrian Daub auf, der geleakte Vorträge von Peter Thiel ausgewertet hat.

https://www.youtube.com/watch?v=v8hZaS03BdI

Er sagt:

Thiel hat hier ausgeführt, dass im Denken über die Zukunft ganz klar auch der Antichrist mitgedacht werden muss und Amargeddon mitgedacht werden muss.

Wer genau da gemeint war, das änderte sich so ein bisschen von Minute zu Minute, aber generell schien es hinauszulaufen auf Menschen, die vor der Klimakatastrophe warnen. Also Greta Thunberg kommt mehrfach vor, der Papst kam vor, aber immer wieder Leute aus Silicon Valley oder Leute aus der Tech-Szene, die vor KI warnen.

Beinahe überflüssig zu erwähnen, dass Thiels Ausführungen zum Antichristen „theologisch nicht haltbar“ sind und vor allem dazu dienen, „libertäre Positionen ideologisch zu stützen“, wie der katholische Theologe Wolfgang Palaver von der Uni Innsbruck erklärt.

Der Historiker Volker Weiß hat gerade ein Buch über den „Katechon“ herausgebracht. In der Kulturzeit führt er aus:

Natürlich hat ein global operierender und strategisch auch global planender und handelnder Hightech-Oligarch kein Interesse daran, dass gesellschaftliche Kräfte, dass die Demokratien seine Produkte irgendwie kontrollieren können.

Weil das so formuliert doch etwas brutal wäre, muss dann eben auf die politische Theologie zurückgegriffen werden, die schon immer zur Legitimation einer nicht weltlich kontrollierten Macht herhalten darf.

https://www.youtube.com/watch?v=v8hZaS03BdI

Wenn ich eine Theologie verfechte, in der jedes Angebot für Sicherheit, für Gleichberechtigung, für Frieden als eine Verlockung eines falschen Messias gilt, jede Möglichkeit der Kontrolle einer entfesselten Technologie als ein Werk des Antichristen, dann habe ich ja ex negativo gewissermaßen schon sehr deutlich die Gesellschaft, die dabei rauskommt.

Nämlich eine Gesellschaft, die frei ist vom sozialen Gedanken, die frei ist vom Gleichheitsgedanken, von irgendwelchen emanzipatorischen Anprüchen.

Das fasste so auch der Journalist Fritz Espenlaub am Ende des sechsteiligen Podcasts Die Peter Thiel Story von 2025 zusammen:

Für Peter Thiel und seine Leute ist die alte internationale Ordnung nichts Gutes, sondern ein Schritt in Richtung einer diktatorischen Weltregierung. Und die USA sind in dieser Denke das einzige Land, das diese unterdrückerische Globalisierung aufhalten kann.

Aber dafür müssen sie härter werden. Gegen Migranten, gegen Europa und gegen sich selbst.

Und das heißt auch, wenn man sich als letzte Bastion gegen Amargeddon und den Antichrist sieht, dann sind alle Mittel erlaubt. Dann kann man sich nicht mehr mit so nervigem Kleinkram wie zum Beispiel Grundrechten aufhalten.

Ich glaube, dass solche Überlegungen hinter dem stecken, was wir gerade in den USA sehen.

Der Produzent der Peter Thiel Story, Klaus Uhrig, war kürzlich bei dem Videoformat DER STANDARD erklärt zu Gast, wo er in knapp 30 Minuten

Die düstere Welt des Peter Thiel

darlegte:

Der Kultur­beauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Johann Hinrich Claussen, hält den deutschstämmigen Milliardär Thiel mitnichten für ein Genie, sondern im Gegenteil für einen „sehr beschränkten Geist“.

In der Tat krankt Thiels faschistische Dystopie, in der eine kleine Elite von Tech-Oligarchen (die sich theologisch rechtfertigt) die technischen Werkzeuge in der Hand hält, um Massen global zu kontrollieren, an einem augenfälligen Widerspruch: nämlich dass die Überwachungssoftware des von ihm mitgegründeten Unternehmens Palantir das beste Werkzeug für den Antichristen sein könnte, den er so fürchtet.

Der US-Journalist Ross Douthat sprach Thiel direkt darauf an (Minute 56:18):

Wouldn’t that be the irony of history […] that the man publicly worrying about the Antichrist accidentally hastens his or her arrival?

https://www.youtube.com/watch?v=vV7YgnPUxcU

„I obviously don’t think that that’s what I’m doing“, antwortet Thiel – und wirkt dabei doch „sichtbar irritiert“, wie die Kulturzeit kommentiert (Minute 8:07).

Wolfgang Palaver meint dagegen in demselben Beitrag, dass Thiel diesen Widerspruch erkennt, dem libertären Unternehmer diese Diskrepanz aber „nicht sehr weh tut“ (Minute 16:44), „zumindest nicht finanziell, weil er mit Palantir sehr viel Geld verdient“.

Wie auch immer, kommentiert die FAZ:

Jedenfalls passt eine Denkfigur, in der man sich nicht sicher sein kann, ob der angebliche Verhinderer der Apokalypse nicht in Wirklichkeit deren Beschleuniger ist, perfekt zu der von Verschwörungsfiktionen aller Art besessenen Gegenwart.

Zum Weiterlesen:

Titelfoto: Unsplash/Robynne O

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